“Das ist normal”: Staatswillkür in Goma

Die Unsicherheit in Goma ist nur vorläufig eingedämmt; ein Anfang der Woche verfügtes Verbot von Motorradtaxis nach 18h30, also nach Einbruch der Dunkelheit, hat eher mehr Ärger hervorgerufen als alles andere. Es erfolgte nach einem Granatenanschlag, der einen Toten forderte.
Im Windschatten der Unsicherheit in der Stadt und der Kriegssituation außerhalb geht das ganz normale Leiden der Bevölkerung angesichts der Willkür und Brutalität der Vertreter des Staates weiter. Kongo-Echo erreicht folgender Bericht eines Bewohners von Goma, der seine Erfahrungen mit Armee und Justiz schildert. Er schreibt von sich in der dritten Person. In der Übersetzung sind alle Details weggelassen worden, die auf die Identität der Person schließen lassen könnten.

“Es war Samstag, und der junge Kongolese war auf dem Weg zu einer Dienstreise. Er sollte aus Goma in den Westen des Kongo und fuhr daher nach Ruanda, zum Flughafen Kigali. Mit seinem Dienstwagen fuhr er an die Grenze, um dann mit dem öffentlichen Verkehr weiterzureisen; sein Bruder sollte das Auto von der Grenze zurückbringen. Es hatte geregnet, die Straßen von Goma mit ihren unzähligen Löchern waren voller Pfützen. Im Stadtzentrum hielt er für eine letzte Erledigung an einem Kulturzentrum an.
Als er wieder auf dem Weg auf die Straße war, hörte er draußen Stimmen. Jemand stritt sich mit dem Wachmann. Er ging hinaus und fand zwei Männer mit einem Motorrad. Einer war wütend und ließ seine Wut am Fahrer des geparkten Autos aus, denn der habe ihn angespritzt. Der Beschuldigte sagte, es tue ihm sehr leid, aber er habe nichts gemerkt, und man könne doch drinnen weiterreden statt auf der Straße und sich beruhigen. Die beiden Männer, die mit dem Motorrad gekommen waren, stimmten zu, nach drinnen zu gehen, aber sie beruhigten sich nicht.
“Wann werdet ihr Ruander uns endlich in Ruhe lassen!” hörte der junge Kongolese. Er atmete tief durch, um ruhig zu bleiben. Wie oft war er schon als “Ruander” beschimpft worden, bloß weil er bißchen größer war, ein schmaleres Gesicht hatte als die meisten anderen? Man findet sich nie mit solchen Vorurteilen ab und mit dem Hass, der daraus erfolgt.
Er antwortete: “Monsieur, das hat nichts mit Ruanda zu tun. Wir sind erwachsene Männer. Reden wir miteinander.”
“Wissen Sie, wer ich bin?” bekam er zur Antwort. “Ich bin ein Kapitän! Sie werden es noch bereuen, mir keinen Respekt zu erweisen!”
Der junge Kongolese war sich nicht bewusst, dass es ihm an Respekt gefehlt hätte, aber es fehlte ihm auf jeden Fall an Zeit. “Entschuldigen Sie, aber ich muss schnell zur Grenze, weil ich einen Flug kriegen muss. Was kann ich Ihnen geben, um die Sache zu klären?”
Der “Kapitän” in Zivilkleidung war um eine Antwort nicht verlegen: “Das kostet dich eine Ziege”. Eine Ziege sind rund 65 US-Dollar. Der junge Kongolese sagte, das habe er nicht parat. Der Kapitän regte sich wieder auf und schimpfte. Also ging der junge Kongolese auf den Motorradfahrer zu, der alles mitangesehen hatte, und nahm ihn beiseite. “Hören Sie, ich kann mit diesem Mann nicht ernsthaft reden, er ist so wütend. Ich möchte ihm gerne fünf Dollar geben, damit er seine Hose reinigen lassen kann. Bitte bieten Sie ihm das an.”
Der Motorradfahrer ging zum Kapitän und redete mit ihm. Der Kapitän nahm an. Der Reisende sah sich endlich frei zu gehen.
Wenige Tage später tauchte der Kapitän am Arbeitsplatz der Ehefrau des reisenden jungen Kongolesen auf – eine Nichtregierungsorganisation. Er war diesmal uniformiert. Er verlangte, den Chef zu sprechen. Die Wachleute holten den Logistikchef, da der für Autos zuständig ist. Der Logistikchef stimmte zu, den Kapitän zu empfangen, aber das sollte er bereuen.
Voller Aggressivität erklärte der Kapitän, ein Fahrer eines Wagens mit dem Logo der Organisation habe ihn naßgespritzt und dann Fahrerflucht begangen. Der Logistikchef war erstaunt: es hatte keinen Unfall gegeben, keine Verletzten und sonst auch nichts. Er erklärte dem Kapitän, dass das nicht sein Problem sei, wenn ein Auto jemanden naßspritzt. Schließlich werden auf Kongos Straßen oft Leute naßgespritzt, denn die Straßen sind schlecht und es gibt keine Gehwege, aber normalerweise regelt sich das mit einer Entschuldigung oder einer Spende für Seife. Hier aber war offenbar nichts normal. Warum? Weil das “Opfer” ein Mitglied der Armee FARDC war? Und der “Täter” einer verteufelten Ethnie ähnlich sah?
Wir werden es nie wissen, aber wir wissen, dass am nächsten Tag der Kapitän in Goma Klage einreichte. Zwei Briefe erreichten die Nichtregierungsorganisation des jungen Kongolesen, einer für seinen Fahrer und einer für seine Frau. Warum seine Frau? Als sie mit einem Anwalt erschien, hatte man ihr nichts vorzuwerfen. Also wartete man, bis ihr Mann von seiner Dienstreise in den Westen des Kongo zurückgekehrt war, eine Woche später.
Zwischendurch erfuhr die Frau etwas von einer Kollegin, Nachbarin des zuständigen Inspektors. Der habe Fragen über sie und ihren Mann gestellt, noch vor Einreichung der Klage, und schlecht über das Ehepaar geredet: sie seien nicht wirklich verheiratet, der Mann sei nachts mit dem Auto unterwegs und sicherlich ein Übeltäter. Die arme Kollegin wusste nicht, wie ihr geschah, sie antwortete einfach, dass sie Gast bei der Hochzeit gewesen sei und sich das alles nicht vorstellen könne.
Besteht die Arbeit eines Inspektors darin, Lügen zu verbreiten? Ist das eine Strategie zur Informationsgewinnung? Oder eine Strategie zur Einschüchterung? Wir wissen es nicht.
Es kam zur Anhörung vor dem Staatsanwalt. Der junge Kongolese sagte bereitwillig aus, so gut er konnte. Die einzige substantielle Frage an ihn war am Ende, ob er die 250 Dollar Schadenersatz zahlen werde, die der Kapitän inzwischen forderte.
Der Beschuldigte war kategorisch. Er wollte nicht klein beigeben oder auch nur verhandeln. “Nein, das zahle ich nicht, und außerdem habe ich das nicht. Es ist ungerecht.” Seltsamerweise fing daraufhin der Kapitän an, zu verhandeln. Er ging auf 100 Dollar herunter. Aber die Antwort des Beschuldigten blieb gleich, und seine Begründung auch: “Es ist ungerecht”.
Wieviel er denn zahlen würde, lautete schließlich die Frage an den jungen Kongolesen. Er überlegte. Er kannte schließlich sein Land. Irgendwas würde er einem Militär bieten müssen, er war ja nicht verrückt. Also bot er 20 Dollar.
Nach Beratung mit dem Inspektor weigerte sich der Kapitän, diese Summe zu akzeptieren. Nun müsste der Staatsanwalt das Dossier in die Hand nehmen, um ein Verfahren einzuleiten. Man war soeben im Begriff, den Anwalt und seinen Klienten zum Staatsanwalt zu bringen, als Polizisten auftauchten und sagten: “Es ist schon spät und Sie haben ein schweres Vergehen begangen. Man wird Ihren Fall morgen behandeln, bleiben Sie heute nacht hier.”
Und unverzüglich fingen sie an, den jungen Kongolesen zu misshandeln. Er wusste gar nicht, wie ihm geschah. Die einen versuchten, ihn zu fesseln, die anderen, ihm die Schuhe auszuziehen. Mit seinen und seines Anwalts vereinten Kräften schafften sie es, ihn zu befreien und ihn dem Staatsanwalt vorzuführen, kurz bevor dieser sein Büro verließ. Hätte man es geschafft, ihn einzusperren, dann hätte man ihn 48 Stunden festhalten können, sicherlich unter Misshandlung, und wahrscheinlich wäre er dann bereit gewesen, jede gewünschte Summe zu zahlen, um wieder herauszukommen. Das, sagt der Anwalt, ist eine geläufige Strategie, um Beschuldigte zu erpressen.
Die Anhörung beim Staatsanwalt war kurz. Er las die Anschuldigung und reagierte sofort: das sei offensichtlich eine ausgedachte Geschichte und er wolle einen solchen Fall nicht weiterverfolgen. Das Verfahren werde eingestellt. Aber da konnte sich keiner vorstellen, welche Wendungen die Geschichte noch nehmen würde.
In der folgenden Woche ging das Gerücht um, es seien Ermittler unterwegs, die den jungen Kongolesen suchten. Er schickte seinen Anwalt los, um in Erfahrung zu bringen, ob etwas vorlag, aber der fand nichts Offizielles. Also entschied man sich, die Sache zu ignorieren.
An einem schönen Dienstag arbeitete die Ehefrau zuhause, und der Mann fuhr zur Arbeit, mit seinem Dienstwagen. Auf der Hauptstraße hielt die Verkehrspolizei ihn auf. Zufällig war der Kapitän mit dabei. Und der war diesmal entschlossen, sein Opfer nicht entkommen zu lassen. Er stieg ins Auto und wies den Fahrer an, zur Staatsanwaltschaft zu fahren.
Der junge Kongolese wurde sofort eingesperrt. Er schaffte es noch, seine Frau zu benachrichtigen, die ihm seinen Bruder schickte, damit wenigstens die persönlichen Sachen des Häftlings nicht gestohlen werden und damit auch der Anwalt alarmiert wird. Dank dieser und anderer Interventionen kam der Häftling wieder auf freien Fuß – buchstäblich in letzer Minute: er war schon komplett ausgezogen worden, und man wollte gerade einen Kübel Urin über ihm ausschütten. Als er die Polizisten fragte, wieso sie ihn so behandelten, antworteten sie einfach: “tunafanya kazi yenu” (wir machen nur unseren Job).
Knapp entkommen, fand sich der junge Kongolese vor demselben Staatsanwalt wieder, der ihn eine Woche zuvor freigelassen hatte. Der Staatsanwalt fragte ihn, warum er die Vorladungen ignoriert habe. Er antwortete, dass er nie eine einzige Vorladung gesehen habe. Tatsächlich waren die Briefe alle als “unbekannt verzogen” zurückgekommen. Es hatte sie also jemand bekommen. So funktioniert das: man schickt Briefe irgendwo hin, man lässt irgendjemanden unterschreiben, und dann wirft man dem Beschuldigten vor, die Sache zu ignorieren.
Der Staatsanwalt erwiderte, er habe die Briefe tatsächlich geschickt, um den Beschuldigten zu schützen. Denn der Kapitän habe nicht lockergelassen. Er sei mehrmals täglich aufgetaucht. Er habe dem Staatsanwalt vorgeworfen, ihn nicht ernstzunehmen und sich schmieren haben zu lassen. Er übte Druck aus, den Beschuldigten zwangsweise vorzuführen, denn sonst werde er, der Kapitän, sich selbst kümmern. Er drohte, die Militärpolizei einzuschalten, die den jungen Kongolesen verhaften und nach Belieben foltern werde.
Der Staatsanwalt entschuldigte sich bei dem jungen Mann und in Anwesenheit seines Anwalts sagte er: “Sie wissen, dass ich diesen Fall nicht weiterverfolgen wollte. Es tut mir leid. Aber wir sind hier in einem roten Bereich und meine Macht ist begrenzt. Ich kann Sie nicht schützen. Ich rate Ihnen, einfach zu zahlen.”
Allen war jetzt klar: Da war nichts mehr zu machen. Man einigte sich auf 100 Dollar Schadenersatz und 100 Dollar “Gerichtskosten”. 200 Dollar sind eine Menge Geld für eine kleine Familie.
Leider ging es dem FARDC-Kapitän nicht nur um Geld. Für ihn war es persönlich geworden. Also riet der Staatsanwalt dem Beschuldigten außerdem, sich persönlich zu entschuldigen. Was für eine Schande, sich erst ausrauben zu lassen und dann den Kopf senken zu müssen, um sich für eine fiktive Schuld zu entschuldigen! Aber der junge Kongolese tat es.
“Wie ich Ihnen schon gleich sagte: es tut mir sehr leid und ich entschuldige mich”, sagte er. “Ich wollte mich nie um eine kleine Sache streiten, und ich hoffe, dass Sie diesmal einwilligen, die Sache im gegenseitigen Einvernehmen er regeln.” Der Kapitän akzeptierte, fügte aber hinzu, man hätte ihm halt nicht den Respekt versagen dürfen.
Wir können nur hoffen, dass der Militär nicht hörte, wie die Anwälte und anderen Mitarbeiter der Staatsanwaltschaft sich über ihn lustig machten. Es ist außergewöhnlich, jemanden wegen ein paar Wassertropfen auf der Hose vor Gericht zu zerren. Aber es ist leider sehr gewöhnlich, dass irgendwelche Glücklosen für imaginäre Vergehen in die Hände von Armee und Polizei geraten. Man holt aus ihnen so viel Geld heraus wie möglich, man zieht Profit aus ihrer Angst, man zählt auf ihr Schweigen. “So ist das”, antwortet jeder, dem man diese Geschichte erzählt. “Das ist normal.”

Kommentare (4)

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  1. Hab ähnliches in Bukavu auch schon mal erlebt. Einer wollte inner Kneipe unbeding Musikvideos gucken, der Rest (10 Leute) Fussball. Der Typ geht einfach zum Fernseher und schaltet um, jemand andres geht hin schaltet zurück. Stellt sich raus der Musikvideomann ist Soldat, der Fussballumschalter wird super unterwürfig, stellt wieder auf Musik, entschuldigt sich fünf mal und kauft dem Soldaten drei Bier. Irre!

    ansonsten kann ich mich T nur achliessen

  2. Wollte mich nur mal bedanken für die Artikel hier, habe das Blog erst heute entdeckt. Gibt es in der deutschsprachigen Presse also doch noch Journalisten, die nicht das Mantra “Regierung gut – Rebellen böse” nachplappern und sonst nicht mehr wissen über das Land, als in einem besseren Wikipedia-Artikel nachzulesen ist.

    Die Realität ist eben immer komplexer, als uns das lieb ist. Erst recht im Kongo.

  3. Das ist normal: Staatswillkür in Goma

    Staatliche Willkür ist dort normal nicht nur in Goma, betrifft ganz Kongo. Es trifft eher zu sagen erheblich (staatliche) Gewalt ist normal geworden. Da muss es ja jemanden geben, der diese unglaubliche Gewalt anordnet.
    Man will sich ja nach oben dienen, man will den Job behalten, wem soll es was bedeuten, was er da anrichtet mit den Menschen, auf die man brutal drauf schlägt, die man in Gefängnissen foltert, oft ohne einen Beweis für irgendwas zu haben. Je höher man im Rang steigt desto geschützter sind solche Gewalttäter. Man sieht es ja wo es um die Ermordung Floribert Chebeyas geht, ausgeführt so die Berichte durch den Rang höchsten der Polizeichef, dem nichts passiert. Warum nicht, weil er von ganz oben geschützt wird ????
    Wenn man den beschriebenen Fall nimmt, zeigt sich wieder mal, das die Leute überschnappen, wenn sie ein Pöstchen haben (oder mal hatten) um ihre Macht zu demonstrieren. Wäre es nicht so traurig für den jungen Mann, könnte man den Fall belächeln, weil es lächerlich ist sich so zu verhalten.
    Weil ein Kapitän von was auch immer im Rang höher steht als ein Staatsanwalt oder Richter können und werden die immer für so einen Kapitän entscheiden. Erklärt auch, warum Vergewaltigungen an Frauen, sind die noch so grausam nicht angeklagt und verhandelt werden und somit immer Freiwild bleiben für die Armeen, Milizen, Rebellen, was sonst noch über Frauen ungestraft herfallen darf.

  4. Es wäre wahrhaftig zu wünschen, dass Geschichten wie diese auf dem Frankophonie-Gipfel in Kinshasa vorgetragen werden, um auf die wirkliche Lage im Land aufmerksam zu machen.
    Leider ist nicht damit zu rechnen, das so etwas zur Sprache kommt, denn würde es wahrgenommen werden, dann dürfte auch dieser Gipfel nicht stattfinden. Oder sollte ein Wunder geschehen und die Augen der mächtigen Staatslenker werden geöffnet für das ganz alltägliche Leiden des “kleinen Mannes”?