Goma 2012 – Bangui 2013?

Der Krieg im Osten der Demokratischen Republik Kongo macht Pause, und in dieser Pause ist im nördlichen Nachbarland Zentralafrikanische Republik ein Krieg ausgebrochen, der dem der M23 in Nord-Kivu sehr ähnlich ist. Die Rebellenallianz “Séléka” (was in der örtlichen Sango-Sprache “Allianz” heißen soll) ist in weniger als drei Wochen aus dem Osten des Landes bis an die Tore der Hauptstadt Bangui vorgerückt und das Regime von Präsident Francois Bozizé steht möglicherweise kurz vor dem Fall.

“Séléka” ist eine Allianz dreier Rebellenbewegungen bzw. Teile ehemaliger Rebellengruppen, die zwar alle separat schon einmal Frieden mit der Regierung geschlossen hatten, aber die mangelnde Umsetzung der Friedensabkommen beklagen. Inzwischen ist eine vierte Gruppe dazugestoßen. Über die genaue Zusammensetzung und Struktur der Allianz ist wenig bekannt. Aber ihr Krieg ist extrem erfolgreich: seit der Einnahme der nordöstlichen Diamantenstadt Ndélé am 10. Dezember fällt alle paar Tage eine neue Stadt. Bambari, die drittgrößte Stadt des Landes 300 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt Bangui, fiel am 23. Dezember. Heute eroberten die Rebellen Sibut, das von Bambari aus auf halbem Weg nach Bangui liegt.

Der Krieg der Séléka erinnert in militärischer Hinsicht an den der AFDL in Kongo/Zaire 1996/97, als das Mobutu-Regime gestürzt wurde: rapide Vorstöße quer durch den Busch, zuweilen Hunderte Kilometer am Tag, und die kampflose Einnahme von Städten, aus denen die Regierungsarmee zuvor geflohen ist. Augenzeugen und Beobachter beschreiben Séléka als relativ disziplinierte, professionell auftretende und sehr gut ausgerüstete Truppe, die der zentralafrikanischen Armee FACA in jeder Hinsicht überlegen ist. Manche ihrer Führer sollen erst vor kurzem aus dem Tschad zurückgekehrt sein, wo sie entweder im Exil oder gar im Gefängnis saßen. Tschad ist seit einiger Zeit der Strippenzieher in der Zentralafrikanischen Republik – diese ist das einzige Land, in Vergleich zu dem Tschad als Großmacht auftreten kann. Tschads Unterstützung verhalf 2003 Bozizé an die Macht und schützte ihn mehrfach gegen Rebellen danach. Tschad schickte jetzt auch Truppen gegen Séléka. Aber diese haben offenbar nichts gemacht, anders als früher. Die Rebellen sagen immer, sie würden an den tschadischen Kontingenten vorbei vorstoßen. Jetzt stehen die tschadischen Eingreiftruppen in Damara, auf halbem Weg zwischen Sibut und Bangui. Es gibt nach den Erfahrungen der letzten Wochen keinen Grund zur Annahme, daß sie sich dort den Rebellen aktiv entgegenzustellen entgegen.

In politischer Hinsicht sind die Parallelen zum Krieg der M23 in Nord-Kivu frappierend, und nicht nur weil auch die M23 zu Beginn schnell vorrückte und weil das kleine Nord-Kivu rund so viele Einwohner zählt wie die große Zentralafrikanische Republik. Bangui 2013 könnte die Nachfolge von Goma 2012 antreten.

– Die M23 nannte als Motiv ihrer Gründung und ihres Krieges die Nichtumsetzung des Friedensabkommens vom 23. März 2009 im Kongo. Séléka nennt als Motiv ihrer Gründung und ihres Krieges die Nichtumsetzung der Friedensabkommen mit den diversen Gruppen, aus denen sie besteht.
– Der Krieg der M23 mobilisierte die umliegenden Staaten, die in Form der Regionalorganisation ICGLR schließlich politische eingriffen: nachdem die M23 Goma eroberte, gab es ein Ultimatum der ICGLR, sich innerhalb von 48 Stunden zurückzuziehen, damit es Friedensgespräche geben kann. Aus den 48 Stunden wurden zwar 7 Tage, aber die M23 zog sich aus Goma zurück und die Friedensgespräche fanden statt, in Ugandas Hauptstadt Kampala. Kleiner Schönheitsfehler: es ist nichts dabei herausgekommen, und die M23 fühlt sich, vorsichtig ausgedrückt, hinters Licht geführt. Der Krieg der Séléka mobilisierte nun auch die umliegenden Staaten, die in Form der Regionalorganisation CEEAC (Wirtschaftsgemeinschaft der Staaten Zentralafrikas) politisch eingriffen: die Rebellen müssten sich innerhalb von 7 Tagen zurückziehen, dann könnte es Friedensgespräche geben. Séléka hat dieser Bitte nicht Folge geleistet, sondern ist weiter vormarschiert. Friedensgespräche soll es trotzdem geben, vermutlich in Gabun und vermutlich Mitte Januar. Andererseits haben die zentralafrikanischen Rebellen noch nicht Bangui erobert, ihr Pendant zu Goma. Vielleicht verzichten sie ja darauf noch, um einen Friedensprozess möglich zu machen.
– Wie das ausgeht, wird davon abhängen, ob die Staaten der Region ein Interesse am Machterhalt des Bozizé-Regimes haben. Auch hier die Parallele zum Kongo: Dort war allen Staaten, letztendlich auch Ruanda und Uganda, der rasante Vormarsch der M23 nicht ganz geheuer, nachdem sie entgegen allen Prognosen Goma handstreichmäßig einnehmen konnten; eine Volksrevolution im Kongo wollten und wollen die Nachbarländer alle nicht, sondern sie wollen lieber einen schwachen Präsident Kabila an der Macht halten und durch endlose Friedensprozesse endlos den eigenen Einfluß wahren. In der Zentralafrikanischen Republik ist die Lage etwas fluider. Bozizé ist zwar bei seinen Amtskollegen genauso unbeliebt wie Kabila, aber er ist wohl verzichtbarer. Tschad, das ihn an die Macht gebracht, kann ihn auch wieder entfernen. Es ist nicht auszuschließen, dass Tschad durch sein Doppelspiel mit der Séléka eine ähnliche Rolle in der Zentralafrikanischen Republik spielt wie Ruanda mit der M23 im Kongo, also als Geburtshelfer der Rebellen einerseits und Züchtiger andererseits im Hinblick auf Wahrung des eigenen Einflusses beim Nachbarn.

Die tschadische Rolle in Bangui wird über den Ausgang des zentralafrikanischen Bürgerkrieges entscheiden. Tschad ist “Lead Nation” einer Friedenstruppe aus allen Ländern der Region (unter Mitwirkung der DR Kongo), die mit 400 Soldaten und 150 Polizisten die zentralafrikanische Armee FACA reformieren und anleiten soll. Diese Truppe, die offiziell “Micopax” heißt, blieb untätig gegen die Séléka-Rebellen, obwohl sie beispielsweise in Ndélé stationiert war, als die Rebellen dort ihren Krieg begannen. Man habe keinen Befehl zum Eingreifen erhalten, erklärte später der tschadische Kommandeur in Ndélé. Nun stellt sich die Frage, was das Hauptkontingent der “Micopax” in Bangui anstellen wird, sollten die Rebellen einmarschieren. Sie kann aktiv werden oder auch passiv bleiben, aber beide Varianten bedeuten eine Art von Parteinahme. Auch hier die Parallele zu Goma: was dort als “neutrale internationale Truppe” stationiert werden soll, unter tansanischer Führung, ist in Bangui mit “Micopax” bereits Realität, und das Vorbild ist nicht ermutigend für jene, die in einer neuen internationalen Truppe in Goma einen Fortschritt sehen.

Und Frankreich? Die Zentralafrikanische Republik ist das Land der alten, kriminellen französischen Afrikapolitik par excellence. Früher war das Land Drehscheibe der französischen Interventionspolitik in der Region, von Tschad bis in den Kongo und Ruanda. Bis heute stehen 250 französische Soldaten am Flughafen von Bangui und ein Franzose kommandiert Bozizés Präsidialgarde. Aber Frankreichs Präsident Hollande hat eine Bitte Bozizés um Intervention gegen die Rebellen abgelehnt. Lässt Frankreich also Bozizé fallen? Heute wurde bekannt, dass die französischen Truppen in Bangui auf 400 Mann aufgestockt worden sind. Mit welchem Ziel?

Es geht allerdings nicht nur um Geopolitik. Die Zentralafrikanische Republik ist strukturell eine ähnliche Katastrophe wie die Demokratische Republik Kongo: ein gigantisches, in weiten Regionen kaum besiedeltes Land voller natürlicher Reichtümer, deren Ausbeutung und Handel von Eliten zusammen mit ihren ausländischen Geschäftspartnern weitgehend unter Ausschluß der einheimischen Bevölkerung betrieben wird. Das ist der Hauptgrund dafür, warum keines der beiden Länder zur Ruhe findet. Erst wenn in der Zentralafrikanischen Republik und in der Demokratischen Republik Kongo eine einheimische und lokal verankerte Unternehmer- und Mittelschicht stark genug wird, um ihr Interesse an Rechtsstaatlichkeit und Stabilität politisch auszudrücken und durchzusetzen, kann der Zustand des Dauerkrieges überwunden werden. Im Kongo kommt die Tendenz zur Zersplitterung und zur wechselseitigen Verteufelung hinzu. Die Zentralafrikanische Republik kennt das nicht, insofern stehen ihre Chancen besser. Aber dafür müßte auch sie endlich einmal eine politische Führung bekommen, die diesen Namen verdient.

Kommentare (5)

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  1. Danke. Ist schon richtig, 150 zum Flugplatz von Bangui (und nun noch 180, das sollte fuer die Evakuierung der Expats reichen, die nicht in Weihnachtsferien in Europa sind) macht “600 militaires français qui sont présents en Centrafrique” – Bon, mais pas necessairement a Bangui, n’est pas? Ich wollte nicht Erbesn zaehlen, Dein Blog ist zu gut fuer sowas, sondern nur verhindern dass man den Eindruck bekommt da sei jetzt eine einzige kohaerente franzoesische Streitmacht unter einem Kommando und mit einem Auftrag. Die 250 Micopax support sind weit von Bangui und haben erstmal nichts mit der Evakuierung zu tun. Guten Rutsch.

  2. Exzellente Übersicht über die Ereignisse! Dankeschön!

  3. @Olaf:

    Dass Frankreich seine Truppen in Bangui (bzw am Flughafen) gestern von 250 auf 400 Mann aufstockte, entnehme ich den Angaben des französischen Verteidigungsministeriums. Hier die offizielle Pressemitteilung vom 29.12 (www.defense.gouv.fr) dazu::

    “Dans la nuit du 27 au 28 décembre 2012, environ 150 militaires français en provenance des Forces Françaises au Gabon (FFG) ont été déployé en République Centrafricaine (RCA) à Bangui, en mesure d’assurer si nécessaire la sécurité des ressortissants et des emprises diplomatiques françaises.
    Depuis le 26 décembre, ce sont les militaires français de l’opération Boali, dont une compagnie du 8e régiment parachutiste d’infanterie de marine (8e RPIMa) stationnée sur l’aéroport de Bangui, qui ont assuré la sécurité des ressortissants et des emprises françaises de la capitale. Cette compagnie a été renforcée le 28 décembre au matin par une compagnie de légionnaires du 2e régiment étranger de parachutistes (2e REP) en mission de courte durée au Gabon (FFG). Ils ont été mis en place depuis Libreville par C160 Transall et par CASA.”

    Dazu noch eine weitere Verstärkung um 180 Mann heute:

    “Tôt le 30 décembre 2012, près de 180 militaires français en provenance des Forces Françaises au Gabon (FFG) et deux hélicoptères de manœuvre des Eléments Français au Tchad (EFT) ont été déployés en République Centrafricaine (RCA) à Bangui. Ils renforcent le dispositif temporaire mis en place les jours précédents afin de d’assurer si nécessaire la sécurité des ressortissants et des emprises diplomatiques françaises… Avec ce déploiement, ce sont désormais près de 600 militaires français qui sont présents en Centrafrique. “

  4. ach noch was…

    …die 400 Franzosen in CAR sind mehrheitlich nicht in Bangui. Die meisten der 250 Mann die bisher vor Ort waren gehoerten zur Micopax Unterstuetzung (Transport Logistics Advice). Die zusaetzlichen 150 von der 6ieme BIMA (Batallion d’infanterie marine) aus Gabon schuetzen ausschliesslich europaeische Zivilisten. Von einer Verstaerkung der Krafte auf 400 kann keine Rede sein. Anderes Kommando, anderes Mandat, andere Aufgabe.

  5. Leider, auch nach Bozize wird man wohl mit der politischen Fuehrung verbleiben muessen, die man Verdient. Der leiter der CEEAC Delegation aus Libreville ist der Kongo Brazza General Garcia. Er hat die Aufstellung einer brauchbaren FOMAC mit zivilen und polizeilichen Elementen solange sabotiert, dass die Micopax, die jetzt vor Ort ist ein vollkommen nutzloses Haeuflein Soldaten ist, die in keiner Weise eine anspruchsvolle Peacebuilding Operation ausfuehren koennen. Da Bozize alles tut um eine Verbesserung (Aenderung) der Situation in CAR zu verhindern haben die troop contributing countries zu Micopax auch einfach keine Lust mehr (fatigue) sich zu investieren.
    Bevor es eine einheimische Unternehmerschicht in CAR gibt muss man erstmal an der Uni von Bangui einen Lehrer haben, der eine hoehere akademische Qualifikation als einen BA hat…bislang ist das nicht so.