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vonDominic Johnson 04.02.2013

Kongo-Echo

Überraschendes und Unterschwelliges aus dem Herzen Afrikas – von taz-Afrikaredakteur Dominic Johnson.

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Aus Bukavu, Hauptstadt von Süd-Kivu, meldet sich eine angebliche neue Rebellenbewegung zur Wort. Die UFRC (Union des Forces Révolutionnaires du Congo – Union der Revolutionären Kräfte des Kongo) verkündet in ihrem „Kommuniqué Nummer 0001“ vom 20. Januar 2013 in schönstem Bürokratenfranzösisch kongolesischer Art ihre Gründung als „konsensueller Rahmen zur konkreten Umsetzung umfassender Entwicklungsstrategien für unser ganzes Land auf der Grundlage der vom Lebensstil der Bevölkerung verkörperten positiven Werte“ (im Original klingt es auch nicht besser). Etwas genauer, bläst sie zur „Volksrevolution, ausgehend von der Provonz Süd-Kivu“, die „Wiederaneignung der Macht durch den Souverän“ (also das Volk) „mit dem Ziel, eine neue politische Ordnung einzusetzen, die in der DR Kongo eine würdige Nation und einen würden Staat schaffen wird“.

„Wir erklären zu diesem Tag den Rücktritt von Joseph Kabila und seines gesamten Räubersystems“, so die UFRC weiter und ruft alle „Soldaten“ und die „wahre kongolesische Jugend“ auf: „Die Stunde der nationalen Pflicht hat geschlagen! Wo auch immer du dich befindest, in der Diaspora oder im Land, in welcher Gruppe auch immer du kämpfst, schließe dich jetzt General Kahasha Albert an, für einen endgültigen Angriff gegen den Feind des geeinten und unteilbaren Kongo!“

Unterzeichnet ist dies von Gustave Bagayamukwe Tadji, Präsident und Sprecher der UFRC. Es sei ein Ergebnis eines Treffens „aller bewaffneten Gruppen in der Provinz Süd-Kivu, jede mit ihrer Agenda“ in Bukavu zwischen dem 8. und 11. Januar, um „ihre Truppen, ihre Territorien und ihre Strategien zu vereinen“.

Wer ist Gustave Bagayamukwe?
– Gustave Bagayamukwe ist in Bukavu kein Unbekannter. Mitglied der in Bukavu dominanten Shi-Ethnie, leitete der 58jährige zuletzt eine Gruppe namens ADIB (Association pur la Défense des Intérêts de la Ville de Bukavu – Verband zum Schutz der Interessen der Stadt Bukavu), eine 1995 gegründete Vereinigung der sehr aktiven Zivilgesellschaft von Süd-Kivu.
– In früheren Zeiten war Bagayamukwe ein Freund des engsten Machtapparats von Präsident Joseph Kabila. Als im August 2007 Samba Kaputo, der aus Katanga stammende und die meiste Zeit seines Lebens in Bukavu ansässige enge Sicherheitsberater Kabilas, in einem südafrikanischen Krankenhaus starb, hielt Bagayamukwe beim Staatsakt im Volkspalast von Kinshasa eine bewegende und sehr persönliche Trauerrede. Samba Kaputo war auch Ehrenmitglied der ADIB.
– Später gehörte Bagayamukwe zu jenen Politikern im Umfeld des zurückgetretenen Parlamentspräsidenten Vital Kamerhe, die mit Kabila brachen – als dieser 2009 ein Bündnis mit Ruanda schloss. 2011 trat Bagayamukwe als Unabhängiger zu Kongos Parlamentswahl an, als Nummer 154 von 154 Kandidaten im Wahlkreis Bukavu, und scheiterte mit 1209 Stimmen (0,6%). Er beschwerte sich damals in einem Brief an die Wahlkommission, dass seine Wähler ihn nicht hätten finden können, da er zwar als Kandidat Nummer 154 geführt war, aber zwischen den Nummern 34 und 35 auf dem Wahlzettel gestanden habe, der ansonsten mit Kandidat Nummer 153 endete. „Dies hat dazu geführt, dass der Großteil unserer Wähler ihre Stimme nicht abgegeben haben“, schrieb er.
– Inwieweit dies ihn nun in die Rebellion führt, ist nicht klar. Aber zahlreiche ehemalige Kabilisten gerade in Süd-Kivu haben sich bewaffneten Gruppen zugewandt, oder besser wieder zu ihnen hingewandt, nachdem sie schon während des Kongo-Krieges bis 2003 Mai-Mai-Milizen in Kivu unterstützten. Wie real die daraus entstehenden politischen Bewegungen wirklich sind, ist immer eine offene Frage.
Die Besonderheit ist nun aber, dass Bagayamukwe als Militärchef seiner UFRC eine Figur nennt, die zuletzt eher im M23-Umfeld zu verorten war: Albert Kahasha.

Wer ist Albert Kahasha?
– Albert Kahasha hat eine schillernde Militärkarriere in Kivu hinter sich. Er begann in der Shi-Miliz „Mudundu 40“, eine lokale Mai-Mai-Gruppe, die während des 2003 beendeten Kongo-Krieges im Distrikt Walungu in Süd-Kivu aktiv war und sich in der Schlußphase Ruanda annäherte, als lokale Alternative bzw. lokaler Bündnispartner zur offiziell herrschenden RCD-Rebellion. Er ging danach in Kongos neue geeinte Armee FARDC und spielte eine wichtige Rolle, als 2004 Tutsi-Rebellen unter Laurent Nkunda und Jules Mutebutsi Bukavu besetzten – Kahashas Mai-Mai-Kämpfer vertrieben gemeinsam mit dem Rest der Regierungsarmee die Rebellen. Damals wurde er unter seinem Kriegsnamen „Foka Mike“ bekannt.
– Später wurde Kahasha FARDC-Kommandeur in Walungu. Dann wurde er nach Nord-Kivu versetzt, als Kommandeur der 808. Brigade in Eringeti/Oicha im äußerten Norden der Provinz, mit einem ehemaligen CNDP-Rebellenführer als Vize. Die beiden verstanden sich schlecht. Daran krankte auch die eigentlich von dieser Brigade zu führende Bekämpfung der ugandischen ADF-Rebellion in den Rwenzori-Bergen.
– Kahasha war nach Kongos umstrittenen Wahlen vom November 2011 der erste FARDC-Kommandeur, der aus Protest gegen die Wahlfälschung die Armee verließ und in den Busch ging. In der Nacht zum 24. Januar 2012 verschwand er aus dem Militärlager seiner Brigade in Eringeti mit Auto, Leibgarde, weiteren Soldaten und zahlreichen Waffen. Man hörte wenig von ihm, bis er einige Monate später als Chef einer Rebellenbewegung FPC (Force de la Population Congolaise – Streitkraft der kongolesischen Bevölkerung) im Virunga-Nationalpark auftauchte, 5000 Kämpfer zu haben behauptete und erklärte, er wolle Kabila stürzen.
– Danach soll Kahasha sich mit der frisch gegründeten Tutsi-geführten Rebellenbewegung M23 zusammengetan haben und in Absprache mit dieser in seine Heimat in Süd-Kivu zurückgekehrt sein, um da eine „zweite Front“ im Krieg der in Nord-Kivu basierten M23 aufzubauen. Diese „zweite Front“ kam nie zustande. Stattdessen ergab sich Kahasha am 13. November 2012 in Bukavu der Regierung – nur um zehn Tage später erneut zu desertieren, in jener Zeit, als die M23 gerade Goma erobert hatte und den Vormarsch auf Bukavu angekündigt hatte. Daraus wurde nichts, und Kahasha blieb unsichtbar – bis jetzt.

Was bedeutet das?
Ist die UFRC nun eine Neuauflage der M23-Strategie, in Süd-Kivu eine „zweite Front“ zu eröffnen? Ist sie eine autonome Radikalisierung der mit Kabila enttäuschten Kräfte in Süd-Kivu, die dem Präsidenten vorwerfen, die M23-Rebellion mit ermutigt und nicht entschlossen bekämpft zu haben? Oder ist sie gar ein auch in anderen Gegenden zu beobachtendes Phänomen, wonach mit stillschweigender Billigung der Staatsmacht neue selbsternannte bewaffnete Gruppen gegründet werden, zu deren Bekämpfung dann die korrupten FARDC-Generäle Geld und Waffen anfordern und auch mal den einen oder anderen Sieg verkünden können?

Es gehört zur komplexen, immer undurchsichtigeren Lage im Kongo, daß alle drei Hypothesen stimmen könnten – und zwar zum Teil sogar gleichzeitig. Wie immer gilt die Parole: Wait and see.

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kommentare

  • Als Bagayamukwe verhaftet wurde war er auf Durchreise von Bujumbura Burundi. Wieso wurde er Problemlos vom Geheimdienst der RDC in der FNL Zone Uvira verhaftet. Ist das Zufall? Wo suchte der Verbuendete?

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