Ruanda setzt auf seine Mineralien – keine „Konfliktmineralien“

In Berlin am vergangenen Donnerstag, 6. Juni: ein hochkarätiges Treffen über Bergbau in Ruanda, gemeinsam organisiert von der ruandischen Botschaft und dem Afrika-Verein der Deutschen Wirtschaft in den Räöumen der Deutschen Industrie- und Handelskammer. Es ging darum, deutschen Unternehmern den ruandischen Bergbausektor interessant zu machen – auch als „saubere“ Alternative zur benachbarten Demokratischen Republik Kongo.

Es bleibt unausgesprochen, aber es wird deutlich: dass Kongos sogenannte „Konfliktmineralien“ international derzeit besonders kritisch gesehen werden, ist ein gigantischer Vorteil für Ruanda. Aber nicht auf Dauer.

Ein verbreitetes Missverständnis räumt Michel Biryabarema, Generaldirektor der ruandischen Gelogie- und Minenbehörde im Ministerium für natürliche Ressourcen, gleich zu Beginn auf: Ruanda hat sehr wohl eigene Bodenschätze und es stimmt nicht, wie vielfach behauptet, dass Ruandas Mineralienexporte kongolesische Schmuggelware sind. Der „Kibaran Belt“, der vom Norden Tansanias quer durch Afrika bis Angola reiche, umfasst eben auch Ruanda, obwohl die Vorkommen an Zinnerz (Kassiterit), Tungstenerz (Wolframit) und Tantalerz (Coltan) am reichsten im Grenzgebiet zwischen Nord- und Südkivu im Ostkongo sowie weiter westlich in der Provinz Maniema sind, wie er anhand von Landkarten aus den 1980er Jahren demonstriert.

Die ruandischen Bodenschätze wurden in der belgischen Kolonialzeit kartographiert und erschlossen, und im Jahr 1969 war der Anteil von Bergbauprodukten an Ruandas Exporten höher als heute, nämlich 42,5 Prozent. Heute zählt Ruanda 547 Bergwerke, deren Produkte vom internationalen Zinnindustrieverband ITRI geprüft werden – Ruanda exportiert ausschließlich ITRI-überwachte Produkte, sagt Biryabarema; damit wird sichergestellt, dass sie nicht aus kongolesischen Konfliktgebieten kommen.

Das war wohl nicht immer so, wie aus Biryabaremas Zahlen hervorgeht. Ruandas Bergbauexporte entwickelten sich wie folgt:

1999: $6,9 Mio.
2000: $12,6 Mio.
2001: $42,6 Mio.
2002: $15,9 Mio.
2003: $11,1 Mio.
2004: $29,3 Mio.
2005: $37,3 Mio.
2006: $37,0 Mio.
2007: $70,6 Mio.
2008: $94,0 Mio.
2009: $54,6 Mio.
2010: $71,0 Mio.
2011: $158,0 Mio.
2012: $136,3 Mio.

Die frühe Spitze im Jahr 2001 korrespondiert mit dem kurzlebigen Coltan-Boom aus Ostkongo. Die zweite Spitze in den Jahren 2007-08 korrespondiert mit dem globalen Rohstoffboom und den besonders hohen Preisen damals, der Rückgang danach mit der globalen Finanzkrise und der Anstieg seit 2011 mit den verschärften Bemühungen der ruandischen Regierung, Investoren im Bergbau anzulocken und ein neues Exportstandbein aufzubauen.

Das ITRI-Programm, Zinnerz in jeder Mine mit Herkunftsnachweisen zu versehen, ohne die es nicht legal gehandelt werden darf, begann im März 2011. Der von der Regionalorganisation ICGLR (Internationale Konferenz der Region der Großen Seen) mit Hilfe der deutschen GIZ entwickelte regionale Zertifizierungsmechanismus, wonach Minen je nach Einhaltung sozialer und ökologischer Bedingungen sowie nach Abwesenheit von Konflikten als „grün“, „gelb“ oder „rot“ klassifiziert werden und nur aus „grünen“ Minen bedenkenlos gehandelt werden darf, ist seit März 2012 in ruandisches Recht übertragen. Derzeit läuft, so Biryabarema weiter, eine umfassende nationale Evaluierung.

Das Ziel der ruandischen Regierung ist ehrgeizig: Bergbauexporte im Wert von $400 Mio. jährlich, dazu mehr Verarbeitung vor Ort. Dafür sind Investitionen nötig, und die deutsche Firma BEAK Consulting führt seit 2012 Untersuchungen in vier prioritären Gebieten durch. Ruandas Bergbau ist zumeist artisanal und beschäftigt derzeit 20.000 Menschen. Es könnten noch viel mehr werden.

Gudrun Franken von der deutschen Bundesanstalt für Geowissenschaft und Rohstoffe (BGR) zeichnet in ihrem Vortrag ein differenzierteres Bild. Die BGR führte zwischen 2008 und 2011 in Ruanda ein Pilotprojekt für die Einrichtung einer „zertifizierten Handelskette“ durch, wonach Minen nach 20 Kriterien bewertet werden, von Arbeitsbedingungen über Umweltfragen und Teilhabe der Anwohnergemeinschaften bis hin zur Sicherheitslage.

In dieser sogenannten CTC (Certified Trading Chain) fielen zwei von fünf Pilotgebieten am Ende durch. Hauptgrund: ungenaue Dokumentation, so Franken; mangelnde Einhaltung von Umweltstandards, fügt der Ruander Biryabarema hinzu. Diese Bereiche sind aber nicht relevant für das ICGLR-Exportzertifikat. Das Pilotprojekt habe aber geholfen, Unternehmen in Ruanda globale „best practice“-Standards nahezubringen.

Was sind die Herausforderungen für die Zukunft?
– Ökologie: die Minen befinden sich meist in bereits dichtbesiedelten und intensiv landwirtschaftlich genutzten Gebieten, das ist in Ruanda auch kaum anders möglich.
– Effizienz: bisher werden die in den Erzen enthaltenen Mineralien nicht einmal zu 50 Prozent extrahiert, teilweise noch viel weniger. Man exportiere Zinnerz mit viel zu hohem Zinngehalt. Und es befänden sich noch weitere wertvolle Mineralien in den Exportprodukten, so Biryabarema: „Unser Coltan hat mit den höchsten radioaktiven Gehalt“, sagt der Ruander. Was nicht unbedingt beruhigend ist, unter Umweltgesichtspunkten.
– Expertise: es gibt zuwenig ruandische Bergbauingenieure, Geologen und andere Fachleute, denn Ruandas Bildungswesen und Unternehmensstruktur hat keine eigene Tradition in diesem Sektor, anders eben als Kongo. Eine erste Geologiefakultät soll dieses Jahr erst eröffnet werden.

Und: Die Auswirkungen der neuen US-Gesetzgebung, des Dodd-Frank-Gesetzes, das Verarbeiter von Zinn, Tungsten und Tantal dazu zwingt, die Herkunft ihrer Mineralien offenzulegen und im Falle einer Herkunft aus Kongo oder seinen Nachbarländer den „konfliktfreien“ Ursprung dieser Rohstoffe zu belegen. Das Gesetz ist bislang immer noch vor US-Gerichten anhängig. Aber es wird erhebliche Kosten verursachen und Ankäufer abschrecken.

Die Gesamtkosten von Dodd-Frank für die globale Bergbauindustrie schätzen Fachleute auf 7 bis 9 Milliarden US-Dollar im Jahr – etwa so hoch wie Ruandas Bruttosozialprodukt. Und jetzt ist ein ähnliches Regelwerk auf EU-Ebene in Arbeit.

Für Ruanda ist es also in jeder Hinsicht von Nachteil, dass Kongo weiterhin instabil bleibt und damit die Region in Mitleidenschaft zieht. Auch wenn es jetzt erstmal einen Wettbewerbsvorteil darstellt, dass Ruanda sich in Kontrast zum Kongo als „konfliktfreier“ Exporteur auf dem Markt etablieren kann.

Die E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.