Aufregung um Vital Kamerhe

Vital Kamerhe ist in den Kivu-Provinzen kein Unbekannter, im Gegenteil. Der Führer der Oppositionspartei UNC (Union pour la Nation Congolaise) kommt aus Bukavu, er ist dort populär, und obwohl ihm zuweilen teilruandische Abstammung nachgesagt wird, tut er sich seit Jahren als Chefkritiker der Politik von Kongos Präsident Joseph Kabila im Ostkongo hervor. Kabila tendiert dazu, ostkongolesische Probleme in Zusammenarbeit mit dem Nachbarn Ruanda zu lösen – Kamerhe sieht Ruanda als Teil des Problems, nicht als Teil der Lösung, und lehnt die kabilistische Realpolitik deswegen als Machtspiel zwischen Kinshasa und Kigali auf dem Rücken der „Kivutiens“ ab. Deswegen trat er 2009 aus Protest gegen die Nichteinbeziehung des kongolesischen Parlaments in die kongolesisch-ruandische Armeeoperation Umoja Wetu als Parlamentspräsident zurück – einen Tag nach dem berühmt gewordenen Friedensvertrag zwischen Kongos Regierung und CNDP vom 23. März 2009 – und deswegen gründete er 2011 die UNC, mit der er versuchte, im November 2011 Kabila zu schlagen.
.
Kamerhe scheiterte bei den Wahlen; er kam in den beiden Kivu-Provinzen nicht einmal auf den ersten Platz, obwohl er beispielsweise in Bukavu 58,5% erzielte. Landesweit kam er auf 7,7%, weit abgeschlagen auf dem dritten Platz. Er hat das als Fälschung abgelehnt, und sicherlich nicht zu Unrecht. Kabila wollte unter allen Umständen vermeiden, nicht als Sieger in Kivu dazustehen.
.
Danach gab es die M23-Rebellion – ein Zwischenspiel in der kongolesischen Politik, wie inzwischen festgestellt werden darf. Und nun, nach dem Ende der M23, regt sich die zivile Opposition in Kivu wieder, und sie trägt einen Namen: Kamerhe.
.
Die Ereignisse in Bukavu: Der UNC-Präsident ist seit einigen Tagen im Ostkongo unterwegs und führt eine „Friedenskarawane“, die ihn erst nach Goma und heute schließlich nach Bukavu gebracht hat. Hier kam es zum Eklat. Unzählige Menschen in der verelendeten Millionenstadt – bis zu 400.000, behauptet die UNC – erwarteten Kamerhe auf dem zentralen Platz der Unabhängigkeit. Kamerhe sollte dort wie ein Sultan eintreffen, auf einer Sänfte getragen. Der Bürgermeister von Bukavu, Philémon Yogolelo, hatte die Versammlung aber nicht an diesem Ort genehmigt, sondern in das Stadion der Vorstadt Kadutu verlegt, einige Kilometer weit weg. Grund: „Bauarbeiten“ auf dem Platz. Es finden zwar keine Bauarbeiten auf dem Platz statt. Aber solche Details sind nicht so wichtig. Dennoch, so berichtete feinsinnig Radio Okapi, „schien der Vorschlag den UNC-Mitgliedern nicht zu gefallen“. Deutlicher ausgedrückt: Sie kamen trotz Verbots. Massenweise.
.
Gegen 16h30, so berichten Augenzeugen, kam Kamerhe an, vom Flughafen. Auf seiner Sänfte wurde er zum Platz getragen. Die Polizei hielt den Konvoi auf und schoß mit Tränengas. Die Menge geriet in Panik. Die Polizei schoß scharf. Einer von Kamerhes Trägern wurde getroffen – ob von einer Kugel oder von einer Tränengasgranate, ist unklar. Die Sänfte fiel um, Kamerhe fiel herunter. Er konnte von seinen Anhängern in Sicherheit gebracht werden und setzte seine tour durch die Stadt fort, um Gerüchten entgegenzutreten, ihm sei etwas passiert. Einige behaupten, er sei verletzt. Seine Ehefrau soll dabei sein, aus Kinshasa anzureisen.
.
Gerüchte, es habe Tote gegeben, bleiben bislang unbestätigt. Es gab aber Verletzte, hauptsächlich im Zuge der Massenpanik, als die Demonstranten vor dem Tränengas die Flucht in die engen Straßen um den Platz herum ergriffen.
.
„Unverantwortlich“ nannte Kamerhe hinterher das Vorgehen der Polizei und lobte die „Disziplin“ seiner Anhänger, der es zu verdanken sei, dass das Ganze nicht schlimmer ausging. Er sagte, 40 als Polizisten verkleidete Angehörige der Präsidialgarde hätten das Feuer auf dem Platz eröffnet. Ein Augenzeuge berichtet auf Facebook: „Was ich heute mit Tausenden anderen in Bukavu erlebt habe, erinnert mich an das Treiben der RCD unter einem gewissen Ruberwa (Azarias Ruberwa, RCD-Führer während des Kongokrieges) und Katintima (Norbert Katintima, RCD-Provinzgouverneur von Süd-Kivu während des Krieges). Damals begrüßte die Stadt ihren Erzbischof, der lange Zeit von der erschlafften und verhassten Rebellion inhaftiert worden war. Heute ist es die Regierung, die die Rolle des Totengräbers des Volkes spielt! Aber diesmal werden nicht wir es sein, die im Grab landen.“
.
Kamerhe gegen die Staatsmacht: Vital Kamerhe hatte sich zuletzt hervorgetan als Bewunderer von Oberst Mamadou Ndala, dem FARDC-Kriegshelden von Goma, der am 2. Januar in einem vermutlich von der eigenen Armee gelegten Hinterhalt nahe Beni ums Leben gekommen war. Es hatte in Goma, Bukavu und anderswo große Trauerkundgebungen für Mamadou gegeben, an denen sich die UNC aktiv beteiligte. Daraufhin hatte die Regierung Kamerhe ins Visier genommen.
.
Am 6. Februar warfen die Behörden in Kinshasa Kamerhe aus seiner Villa – mit einer 12-Stunden-Frist. Grund: die Villa gehöre dem Informationsministerium und Kamerhe lebe dort illegal. Kamerhe sagte, er habe einen gültigen Mietvertrag und zahle Miete. Am 7. Februar wollte er schließlich nach Goma aufbrechen, in einem gemieteten Flugzeug. Die Behörden verweigerten die Starterlaubnis. Grund: Unbezahlte Rechnungen. Kamerhe stellte seine seine Zahlungsquittungen ins Internet. Eine ähnliche Szene wiederholte sich zwei Tage später. Kamerhe behauptete, es gebe gegen ihn ein Reiseverbot, ausgestellt von der Migrationsbehörde DGM. Die DGM sagte, der angebliche Verbotserlass sei gefälscht. Nach einigen Wendungen und Windungen schließlich gab es am 13. Februar eine Einigung zwischen Kamerhe und dem Innenministerium, dass er doch reisen durfte. Am 18. Februaqr landete der UNC-Präsident mit der Fluglinie CAA in Goma und hielt eine Großersammlung im Stadion ab, die allerdings bei weiterm nicht so viele Menschen anzug wie heute in Bukavu.
.
Das scharfe Vorgehen gegen Vital Kamerhe liegt nicht nur an den Kräfteverhältnissen in den Kivu-Provinzen. Er hat auch persönlich einige Hühnchen zu rupfen mit seinen ehemaligen Kollegen aus der Zeit, als er zur Entourage des Präsidenten Kabila gehörte – man darf nicht vergessen, dass Kamerhe 2006 Kabilas Wahlkampf leitete und zusammen mit der First Lady Olive Lembe auftrat. Die präsidiale Entourage wertet seinen Gang in die Opposition als persönlichen Verrat, nicht nur aus politischen. 2011 warf Kamerhe im Rahmen seines Wahlbetrugsvorwurfs auch der ehemaligen PPRD-Generalsekretärin Wivine Moleka vor, bei ihrer Wahl zur Abgeordneten in Kinshasa gefälscht zu haben. Sie sei mit einem Haufen bereits ausgefüllter Wahlzettel zum Wahllokal gekommen. Moleka, die 2006 noch eng mit Kamerhe im Wahlkampf zusammenarbeitete, verklagte Kamerhe noch im Dezember 2011 wegen Verleumdung.
.
Das Verfahren läuft offenbar noch, in zweiter Instanz. Kamerhes Anwälte behaupten, im Rahmen einer gütlichen Einigung 7000 Dollar Schmerzensgeld gezahlt zu haben. Molekas Anwälte sagen, das sei gar nicht wahr. Die vorerst letzte Konfrontation vor Gericht in dieser Angelegenheit gab es am 4. Februar. Das Kamerhe-Lager sage, das Verfahren laufe nur aus dem Grund noch weiter, um den UNC-Führer in Sachen Mamadou Ndala zum Schweigen zu bringen. Und nur wegen dieses Verfahrens werde Kamerhe in seiner politischen Arbeit blockiert.
.
Ein typisch kongolesischer Politkrimi, mit der zusätzlichen, ebenfalls typisch kongolesischen kuriosen Familiendimension. Wenn die Berichte aus dem Kongo stimmen, ist Wivine Moleka die Tochter von Ignace Moleka Liboke, einer der reichsten und mächtigsten Unternehmer des Mobutu-Umfelds im früheren Zaire, ebenso wie Mobutu aus der Provinz Equateur. Einer ihrer Brüder, Timothée, kandidierte demnach zur Präsidentschaftswahl 2006 und kam von 33 Kandidaten auf den allerletzten Platz. Ein anderer, Albert, wird als Sprecher und enger Vertrauter von Oppositionsführer Etienne Tshisekedi (UDPS) genannt. Nicht von ungefähr trauen sich Tshisekedi und Kamerhe gegenseitig nicht über den Weg, und auch heute regen sich UNC-Anhänger darüber auf, dass die UDPS zu den Vorgängen in Bukavu schweigt. Kongos Politik ist und bleibt ein Dorf.

Kommentare (6)

Die E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.

*

  1. Warum leben so viele congolesische Intelektuelle in der Diaspora, wo sie ausländische Pässe besitzen, aber über jeden herfallen, der Kritik übt an der Führung ihres heißgeliebten Vaterlandes? Warum gehen die ach so gut ausgebildeten Kongolesen-Zairer nicht nach Hause und helfen einfach mit, ihr Vaterland aufzubauen?

  2. Pierre Mpana, eine bescheidene Frage sei erlaubt: Diese Kongolesen-Zairer, die an Schulen, Universitäten und in den wichtigsten Entwicklungsprojekten Ugandas od. Burundis tätig sind, warum sind die im Ausland tätig, und nicht in ihrer Heimat, wo sie dringend gebraucht werden?

  3. Das ist typisch Dominique Johnson über Kongo-Zaire, der Stellvertretter der Kriminellenführer der großen See Afrikas in Deutschland. Seine Aufgabe: Die deutsche Öffentlichkeit zu manupilieren. Aber wie lange noch? Im vergleich mit seinen Arbeitsgeber in Ruanda und Uganda, Kongo-Zaire hat die bessere Köpfe Afrikas. Im Ruanda so wie in Ungada und Burundi, findt man immer noch Kongolesen-Zairern, die an der Schulen, Universitäten tätig sind und die in wichtigen Entwicklungsprojekte dieser Länder erfolgreich Leistungen bringen.

  4. Lieber wleinen, ich glaube wenn „Johnson“ sagt, dass die kongolesische Politik „ein Dorf“ ist, dann meint er damit auch, dass es immer wieder um die gleichen Leute geht, die irgenwie schon lange miteinander verbandelt sind und „Neue“ haben da keine Chance – sehen Sie das anders?

  5. Danke für diese informative Zusammenfassung über „den Fall“ Kamerhe! (Auch wenn es ein paar Rechtschreibfehler gibt, die bei nicht gut informierten Lesern zu Irritationen führen können)

  6. „Kongos Politik ist und bleibt ein Dorf.“ Mensch Johnson…