13. August, Massakertag

Es ist eines der schlimmsten Massaker der letzten Jahre in der Demokratischen Republik Kongo: 36 Menschen, möglicherweise weit mehr, wurden in der Nacht vom Samstag 13. zum Sonntag 14. August am Rand der Stadt Beni in Nord-Kivu getötet. Die Angreifer zogen ab Sonnenuntergang durch mehrere Gemeinden bis nach Rwangoma, Teil des Stadtteils Beu von Beni. Sie zündeten Häuser an, entführten Menschen, fesselten sie und schlugen ihnen die Köpfe ab: 22 Männer und 14 Frauen wurden auf diese Weise getötet, bestätigt die Regierung. Zivilgesellschaftler sprechen von bis zu 50 Toten. Die UN-Mission MONUSCO sagt, es seien 31 Leichen in der städtischen Leichenhalle gesammelt worden und fünf weitere Tote befänden sich am Angriffsort.

Die Angreifer trugen Uniformen der kongolesischen Armeen FARDC. Aber es seien keine Soldaten gewesen, sondern Kämpfer der seit Jahren aus den Wäldern oberhalb von Beni heraus operierenden ugandischen islamischen Rebellenarmee ADF (Allied Democratic Forces), waren sich am Sonntag Zivilgesellschaft und Militär einig. „ADF“ ist in Beni keine identifizierbare Organisation mit Führern, Strukturen und Forderungen, sondern ein Phantom, eine Chiffre, unter der man alle Verbrecher abheftet. Die wenigsten angeblichen ADF-Angreifer sind Ugander. Viele lokale Milizen sind mal ADF und mal nicht. Manche ADF-Angriffe entpuppen sich hinterher als Machtkämpfe innerhalb der kongolesischen Armee, aber so etwas vor Ort zu sagen ist lebensgefährlich.

Nord-Kivus Provinzgouverneur Julien Paluku, selbst ehemaliger Bürgermeister von Beni, ruft die Bevölkerung zur „Wachsamkeit“ und zur „Unterstützung unserer Streitkräfte“ gegen die „islamistischen Terroristen“ auf. Er führt das Massaker darauf zurück, dass die Armee jüngst wichtige ADF-Basen ausgehoben habe. Diese Version verbreiten auch Militärsprecher, die sagen, die fliehenden ADF-Kämpfer hätten sich auf der Flucht an der Zivilbevölkerung gerächt. Das mag sein – aber zu Recht fragen sich die Menschen, wieso sie nicht vor einem solchen Racheangriff geschützt werden. So etwas ist schließlich eine gängige Taktik in Ostkongos Kriegen.

Dieser Angriff hatte eine andere Dimension als sonst. Er forderte mehr Opfer. Er fand in einem städtischen Gebiet statt. Er schlug Tausende von Menschen in die Flucht. Er ereignete sich nur drei Tage nach einem Besuch von Präsident Joseph Kabila in Beni. Er führte dazu, dass die Fliehenden am Sonntag wütend in Beni demonstrierten und „Kabila raus“ schrieen, bis die Polizei mit Tränengas auf sie schoss, angeblich sogar auf einem Krankenhausgelände. Die Menschen sind wütend über die Unsicherheit, über den mangelnden Schutz seitens der Sicherheitskräfte, über den staatlichen Umgang mit den Toten – sie werden auf Lastwagen gehäuft und weggekarrt, Angehörige zunächst von der Polizei mit Gewalt ferngehalten.

Kongos Staat ist nun in der Defensive. Die Regierung hat drei Tage Staatstrauer angekündigt, ab Montag. Der exilierte Oppositionsführer Moise Katumbi spricht von „Mitschuld durch Unterlassen“ der Staatsführung und erklärt: „Genug geweint. Zeit zum Handeln!“ Aber wie genau, weiß auch er nicht.

Zwölf Jahre ist es her, dass am 13. August 2004 im burundischen Flüchtlingslager Gatumba nahe der kongolesischen Grenze mindestens 166 Menschen massakriert wurden – kongolesische Tutsi, die nach Burundi geflohen haben. Eine burundische Hutu-Rebellengruppe übernahm die Verantwortung, doch wer genau alles beteiligt war, wurde nie geklärt. Das Gatumba-Massaker war ein Fanal für Ostkongos Tutsi, die ihr Vertrauen in Kongos damals noch jungen Friedensprozess verloren und erneut begannen, sich militärisch selbst zu organisieren – das Ergebnis war erst die CNDP und dann die M23. Der 13. August 2016 könnte nun unter den Nande von Beni in einen ähnlichen Bruch des Vertrauens in Kongos Staat hervorrufen, wenn dieser nicht schon längst eingetreten ist.

1 Kommentar

Die E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.

*

  1. Pingback: Fluchtgrund | Grausames Blutbad in der demokratischen Republik Kongo