Vor 20 Jahren: Rebellen marschieren in Kinshasa ein

Am 17. Mai 1997 rückte die Rebellenarmee AFDL (Allianz Demokratischer Kräfte zur Befreiung des Kongo/Ex-Zaire) triumphal und kampflos in der Hauptstadt Kinshasa ein. Die bisherige Mobutu-Staatsmacht zerbröselte in alle Winde. Die Bevölkerung jubelte. AFDL-Führer Laurent-Désiré Kabila war nicht dabei, er residierte noch in seiner bisherigen Hauptstadt Lubumbashi und erklärte sich von dort aus zum neuen Präsidenten des Landes, das ab jetzt wieder wie früher „Demokratische Republik Kongo“ heiße.

In der taz stand am 17. Mai 1997

  • eine Titelgeschichte auf Seite 1 „Mobutu geht, Zaire atmet auf“ mit den Ereignissen des Vortages, also die Flucht Mobutus: TAZ_1997-05-17_001.pdf
  • eine Reportage von Andrea König aus Kinshasa „Wäre Kabila bloß schon gekommen“ über die Stimmung am Vortag und das Warten der Hauptstadt auf die Rebellen: „Die Straßen in Kinshasa sind wieder so geschäftig wie immer. (…) ‚Kabila wird uns Sicherheit und Stabilität bringen. Ich wünschte mir, er wäre schon gestern gekommen‘, sagt eine Marktfrau. Die Hoffnungen, daß sich mit der Ankunft von Kabilas Truppen alles verändern wird, ist riesengroß. Der von der Opposition ausgerufene Generalstreik ist zu Ende, das Leben hat sich weitgehend normalisiert. Und auch viele der Straßensperren der Armee, wo Wegzoll bezahlt werden mußte, sind verschwunden. Auf einigen Straßenkreuzungen stehen noch Verkehrspolizisten und halten die Autos an. Die Soldaten aber, so scheint es, sind heute in den Kasernen geblieben. ‚Aber das werden sie bestimmt nicht lange tun‘, sagt ein Mann. ‚Sie haben in den Kasernen nichts zu essen. Sie werden schon wieder herauskommen.‘ Auch der Hafen von Kinshasa ist so geschäftig wie immer, nachdem am Donnerstag die kongolesische Seite den Fährbetrieb eingestellt hat. Damen mit Krokodillederköfferchen entsteigen Mercedes-Limousinen und winken ihren Begleitern ein letztes Adieu zu. Sie haben Glück, eine Fähre zu erwischen, denn kaum hatte die kongolesische Seite ihre Grenze wieder geöffnet, haben die Beamten auf der zairischen Seite ihre Läden dichtgemacht. An einigen Straßenecken bilden sich Menschentrauben, die den sogenannten ‚Straßenparlamentariern‘ von Oppositionsgruppen ihr Ohr schenken. Zwei Männer streiten sich, ob diese zur festen Einrichtung Kinshasas gewordenen Männer noch ‚Straßenparlamentarier‘ oder Vorkämpfer der Allianz seien: Sie können sich nicht einigen und laufen grollend in entgegengesetzte Richtungen davon.“

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Die Nachrichtenagenturen vermeldeten im Laufe des Tages:

17.05.97 02:01:00

Rebellen fordern Mobutus Soldaten zur Kapitulation auf

Kinshasa (AP) Nach der Flucht von Staatschef Mobutu Sese Seko aus der zairischen Hauptstadt Kinshasa hat die Führung der Rebellenallianz AFDL die Streitkräfte zur bedingungslosen Kapitulation aufgerufen. Damit es bei der Einnahme der Stadt nicht zu Blutvergießen komme, müßten die Soldaten auf alle Kampfhandlungen und Plünderungen verzichten, erklärte AFDL-Außenminister Bizima Karaha am Freitag abend in der südostzairischen Stadt Lubumbashi.“Wir kommen nach Kinshasa. Packt eure Sachen!“ rief AFDL-Justizminister Mwenze Kongolo den Anhängern Mobutus zu. Die Bevölkerung von Kinshasa habe die Befreiung verdient, sagte Karaha. Die Einwohner der Hauptstadt sollten in ihren Häusern bleiben und Ruhe bewahren. Für (den heutigen) Samstag kündigte er eine Erklärung Kabilas „an unsere Nation und an unsere Armee“ an.

 

17.05.97 07:51:29

Kabila – Rebellen marschieren in Kinshasa ein

Nairobi (Reuter) – Die Rebellen in Zaire haben nach Angaben des Rebellenführers Laurent Kabila am Samstag mit dem Einmarsch in die Hauptstadt Kinshasa begonnen. Seine Truppen bewegten sich vom 25 Kilometer entfernten Flughafen aus auf die Stadt zu, sagte Kabila der Nachrichtenagentur Reuters telefonisch aus Zaire. Eine unabhängige Bestätigung des Einmarsches lag zunächst nicht vor.

 

17.05.97 14:54:16

Kabila erklärt sich zum Präsidenten von Zaire

Kinshasa (AP) Einen Tag nach der Flucht des langjährigen Staatschefs Mobutu Sese Seko hat sich der zairische Rebellenführer Laurent Kabila am Samstag zum Präsidenten des Landes erklärt. Ganz Zaire sei in seinen Händen, sagte er in Lubumbashi, dem Hauptquartier der Rebellenallianz AFDL, und kündigte die Bildung einer Übergangsregierung innerhalb von 72 Stunden an. Unter dem Jubel der Einwohner Kinshasas marschierten Kabilas Truppen am Samstag in die Hauptstadt ein. Der 56jährige Rebellenchef, der seine Siegeserklärung in französischer Sprache verlas, sagte: „Präsident Laurent Kabila wird ab sofort alle Funktionen eines Staatsoberhauptes übernehmen.“ Er forderte alle amtierenden Regierungsvertreter auf, auf ihren Posten zu bleiben und Anordnungen der AFDL abzuwarten. Die Generäle der zairischen Streitkräfte in Kinshasa hätten ihm mitgeteilt, „daß sie bereit sind, Befehle von mir zu empfangen“. Ferner kündigte Kabila die Ausarbeitung einer neuen Verfassung innerhalb von 60 Tagen an. Wahlen, wie sie die westliche Staatengemeinschaft einfordert, erwähnte er hingegen mit keinem Wort. Nach Angaben Kabilas sind 10.000 seiner Kämpfer auf dem Weg nach Kinshasa. Laut Augenzeugenberichten und nach Angaben aus westlichen Militärkreisen marschierte eine große Anzahl Rebellen in Richtung Innenstadt. Überall war Gewehrfeuer zu hören. Ein Rebellensprecher hatte zuvor von einem Angriff auf den Flughafen berichtet, der rund 30 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt liegt. Unabhängige Bestätigungen für diese Angaben lagen zunächst nicht vor. An der Strecke zwischen Innenstadt und Flughafen versammelten sich immer mehr Menschen, um die Rebellen bei ihrem Einmarsch zu begrüßen. Darunter war auch eine zwölf Musiker starke Blechbläsergruppe. Einwohner Kinshasas sagten der Nachrichtenagentur AP telefonisch, die Rebellen rückten in kleinen Gruppen auf das Zentrum vor. Zunächst gab es nur wenige Hinweise auf Widerstand des zairischen Militärs. Eine Gruppe von rund 300 Jugendlichen stieß mit Soldaten zusammen, die versuchten, sie vom Marsch in die Innenstadt abzuhalten. Die Soldaten eröffneten das Feuer; es gab zwei Tote. Ob es sich bei den Opfern um Soldaten oder Zivilisten handelte, war nicht bekannt. Mobutus Ministerpräsident Likulia Bolongo kündigte in einer ersten Reaktion an, „bis zum Schluß“ standzuhalten, forderte jedoch die eigenen Soldaten auf, in ihren Lagern zu bleiben. Er appellierte im Rundfunk an die Bevölkerung, den Straßen fern zu bleiben. „Die Lage ist ernst“, sagte Bolongo. Unterdessen wurden Berichte verbreitet, nach denen auch Mobutus Sohn, Mobutu Kongolu, sich ins Ausland abgesetzt hat. Die Furcht vor einem Blutvergießen bei der Machtübernahme der Rebellen war noch nicht vollständig gebannt. Mobutus Armeechef General Marc Mahele Lieko Bokungu, der sich gegen eine Verteidigung Kinshasas ausgesprochen hatte, wurde offenbar von eigenen Soldaten erschossen. Der Mord soll am Freitag gegen Mitternacht verübt worden sein. „Jemand hielt ihn wohl für einen Verräter und erschoß ihn“, verlautete aus westlichen Militärkreisen.

 

17.05.97 16:11:43

Rebellen in Zaire erobern Parlamentsgebäude und Rundfunkstation

Kinshasa, 17. Mai (AFP) – Die Rebellen in Zaire haben am Samstag nachmittag das Parlamentsgebäude in der Hauptstadt Kinshasa besetzt. Zugleich eroberten sie nach Angaben eines AFP-Korrespondenten die wichtigste Rundfunkstation. Die Rebellen stellten sofort eigene Leute als Wachen vor den Gebäuden auf.

 

17.05.97 18:50:33

Rebellen rücken ohne Widerstand in Kinshasa ein

Kinshasa (Reuter) – Ohne nennenswerten Widerstand sind die zairischen Rebellen sieben Monate nach Beginn ihrer Offensive am Samstag in die Hauptstadt Kinshasa eingezogen. Viele Bewohner der Fünf-Millionen-Metropole empfingen die anrückenden Aufständischen mit Jubel. Rebellen besetzten den staatlichen Rundfunksender. Rebellenchef Laurent Kabila erklärte sich in Lubumbashi zum Nachfolger des abgetretenen Präsidenten Mobutu Sese Seko zum Staatschef. Er kündigte die Bildung einer Übergangsregierung binnen drei Tagen an. Im Vorort Lemba, rund zwölf Kilometer außerhalb des Stadtzentrums von Kinshasa, gaben Offiziere und Soldaten der Regierungsarmee kampflos ihre Waffen ab. Auch im Vorort Limete wurden die Aufständischen jubelnd begrüßt, wie der Vize-Gouverneur der Stadt berichtete. In Kinshasa war am Samstag morgen nur sporadisches Gewehrfeuer zu hören gewesen, das gegen Mittag nachließ. Vor dem Einmarsch der Rebellen hatte die Bevölkerung schwere Gefechte und Plünderungen durch abziehende zairische Regierungssoldaten befürchtet. Augenzeugenberichten zufolge besetzten die Rebellen neben dem Funkhaus auch das Informationsministerium. Ein Mitarbeiter des Senders „Stimme Zaires“ berichtete, die Aufständischen hätten das 19stöckige Rundfunkgebäude eingenommen, ohne auf Widerstand zu stoßen. Die Bevölkerung wurde im Rundfunk anschließend auf eine bevorstehende Rede Kabilas hingewiesen.

 

17.05.97 20:34:55

Erste Rebellen im Zentrum Kinshasas eingetroffen

Kinshasa, 17. Mai (AFP) – Unter dem Jubel der Bevölkerung haben am Samstag abend die ersten Einheiten von Rebellenchef Laurent-Desire Kabila das Zentrum der zairischen Hauptstadt Kinshasa erreicht. Nach Angaben von AFP-Korrespondenten zog eine Kolonne von etwa 200 Mann in das Wohnviertel Gombe ein, machte jedoch wenig später wieder kehrt. Die Einwohner Kinshasas begrüßten die Kämpfer mit Palmzweigen und weißen Tüchern. AFP-Korrespondenten zufolge befanden sich unter den Kämpfern Kabilas zahlreiche Soldaten der ruandischen Regierungsarmee sowie sehr junge Männer. Zaire hatte Ruanda immer wieder vorgeworfen, auf seiten Kabilas in den Bürgerkrieg einzugreifen. Die Rebellen hatten zuvor bereits die Kontrolle über den Flughafen, das Parlament und die wichtigste Radiostation erlangt und waren auf keinen nennenswerten Widerstand gestoßen. Augenzeugen berichteten, Mitglieder der Präsidentengarde des bisherigen Diktators Mobutu Sese Seko hätten am Nachmittag in einem westlich gelegenen Wohnviertel geplündert, in dem zahlreiche führende Funktionäre der bisherigen Regierung lebten.

 

17.05.97 21:41:13

Rebellen: Zairische Regierungssoldaten sollen Waffen niederlegen

Kinshasa, 17. Mai (AFP) – Die Rebellenallianz von Laurent-Desire Kabila hat alle bisherigen zairischen Regierungssoldaten ultimativ aufgefordert, bis Sonntag morgen die Waffen niederzulegen. In der ersten öffentlichen Erklärung der neuen Machthaber, die am Samstag abend im zairischen Rundfunk verlesen wurde, wurde die Bevölkerung aufgerufen, all jene zu melden, die sich nicht freiwillig zu den von Kabilas Kämpfern kontrollierten Militärstützpunkten begeben. Vandaliusmus, Diebstahl und Plünderungen seien streng verboten und würden hart bestraft. Die Botschaft der neuen Machthaber begann mit dem Satz: „Am heutigen Tag, dem 17. Mai 1997, wurde das diktatorische Regime von Mobutu, der die kongolesische Bevölkerung mehr als 30 Jahre lang unterdrückt hat, in der Stadt Kinshasa von den Einheiten der Allianz besiegt.“ Die Diktatur werde allerdings nur dann ein Ende nehmen, wenn das Volk sein Schicksal in die Hand nehme. Zum Abschluß hieß es: „Es lebe die kongolesische Revolution, es leben die Streitkräfte, es lebe das kongolesische Volk!“

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