Tu, was du sagst, Evo!

„Bolivien hat in den größten Herausforderungen unserer Zeit Führungsstärke gezeigt“, schreibt Pablo Solón, der bis Ende Juni Boliviens UN-Botschafter war, in einem offenen Brief an Evo Morales.

Morales und Solón auf dem Alternativen Klimagipfel von Cochabamba

„Wir dürfen nicht die Rezepte des gescheiterten Entwicklungsdenkens wiederholen, das das Verhältnis der Menschheit zur Mutter Erde bis an eine Bruchstelle gebracht hat“, so Solón weiter. Um die derzeitige Krise zu überwinden, wünscht er sich, dass Morales die Fernstraße um das TIPNIS-Schutzgebiet herum bauen lässt. Die Verantwortlichen für den Polizeieinsatz am letzten Sonntag sollten bestraft werden.

Der Brief schließt mit dem Appell:  „Wir müssen einen breiten partizipativen Prozess einleiten, eine landesweite Debatte  um eine neue Agenda im Rahmen des Guten Lebens“.

Hier die englische Übersetzung:

President and Brother Evo Morales,

Since 2006, Bolivia has shown leadership to the world on how to tackle the most profound challenges of our time.  We have achieved the approval of the Human Right to Water and Sanitation in the United Nations and promoted a vision for society based on Vivir Bien (Living Well) rather than consuming more.

However, there must be coherence between what we do and what we say.  One cannot speak of defending Mother Earth and at the same time promote the construction of a road that will harm Mother Earth, doesn’t respect indigenous rights, and violates human rights in an „unforgiveable“ way.

As the country that initiated the International Day of Mother Earth, we have a profound responsibility to be an example on the global stage.  We cannot repeat the same recipes of failed „developmentalism“ that has already brought the relationship between humanity and Mother Earth to a breaking point.

It is incomprehensible that we promote a World Conference on Indigenous Peoples at the United Nations in 2014 if we don’t lead the way in applying the principle of „informed, free, and prior consent“ for indigenous peoples in our own country.

The Eighth Indigenous March has some incoherent and incorrect demands such as those related to hydrocarbons and the sale of forest carbon credits that look to commodify Mother Earth (known as REDD).  However, their concern about the impacts of the construction of this road is just.

Thousands of the delegates of five continents who participated in the first World People’s Conference on Climate Change and the Rights of Mother Earth are deeply upset by the Bolivian government’s actions.

The conflict in TIPNIS should never have happened.  Greater physical integration of the country is necessary, but it does not need to go through the „Isiboro Sécure National Park and Indigenous Territory“ (TIPNIS).  Obviously, building a road that doesn’t go trough the park would be more expensive, but trying to save $200 million or $300 million without taking social and environmental costs into account goes against the very principles of the „Living Well.“

In order to stop the manipulation of the Right who wish to use this protest to return to the past, we must be even more consistent in defending human rights, indigenous peoples‘ rights, and the rights of Mother Earth.

It’s not too late to resolve this crisis if we suspend permanently the construction of the road trough the TIPNIS, bring to justice those responsible for the repression of the indigenous march, and open up a broad and participatory national and regional debate to define a new agenda of actions in the framework of the Living Well.

Pablo Solón, 28 September 2011

Kommentare (3)

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  1. Pingback: TIPNIS-Bolivien: Wofür all die Opfer? | Latin@rama

  2. Pingback: RECOMENDABLE: KO par a el Yasuní-ITT, ¿porqué?, por Gerard Dilger (en inglés) | Red SOS Amazonas

  3. Das Problem mit “Evo” ist nicht nur, dass er tun soll, was er sagt, sondern dass er endlich denken soll, bevor er ueberhaupt was sagt.

    Wenn er sieht, dass er wieder einmal Unsinn verzapft hat, zum Beispiel, dass der Verzehr von Huehnern, die mit gen-manipuliertem Futter gemaestet werden, aus heterosexuellen Maennern Schwule mache, und das in der Bevoelkerung schlecht ankommt, entschuldigt er sich fuer den verbalen “Ausrutscher”, oder Mitglieder seines Kabinetts muessen oeffentlich erklaeren, was denn der Praesident damit “eigentlich” gemeint habe.

    Leider ist dieser Praesident, der sich als durchaus charismatischer Anfuehrer der maechtigen Gewerkschaft der Kokabauern ausgewiesen hat, und deren Vorsitzender er trotz seines Praesidentenamtes immer noch ist (wo auf der Welt gibt es eine solchen Doppelfunktion???…), absolut nicht in der Lage, ein tief gespaltenes und kompliziertes Land erfolgreich zu regieren.

    Die skandaloese Behandlung des TIPNIS-Problems hat jetzt auch im eher wohlwollenden Ausland gezeigt, dass Morales ruecksichtslos und brutal in der Durchsetzung seiner Vorstellungen ist.

    Hier fragt man sich jetzt, was Oppositionelle von ihm zu erwarten haben, wenn er sogar auf seine indianische Anhaenger, die ihm im Wege stehen, schlagwuetige Polizisten hetzt.

    Dass er auf die Demokratie, die ihn an die Macht gebracht hat, pfeift, das wissen wir in Bolivien schon lange.

    Was aber auch seine hiesigen Kritiker, und nicht nur sie, voellig ueberrascht hat, war, wie er die berechtigten Sorgen seiner indianischen “Brueder” des Tieflands, durch das die Fernstrasse gebaut werden soll, aus nicht ganz transparenten Gruenden voellig ignoriert hat.

    Damit hat Morales sein wahres Gesicht als machttrunkener, despotischer Caudillo, der meint, das Land wie eine private Hacienda verwalten zu koennen, gezeigt.

    In der Praxis kann Morales das, denn er hat, dem Beispiel seines karibischen Mentors Chavez folgend, die demokratischen Institutionen zielbewusst und systematisch demontiert; das Parlament wird mit einer Mehrheit seiner Partei von ueber 2/3 beherrscht. Die Opposition, auch sie besteht aus kleinmuetigen, opportunistischen Politikern, ist hoffnungslos zersplittert und voellig uneffektiv.

    Vor wenigen Wochen toente Morales noch zuversichtlich und verblendet: “Ich kann gern mit den Anfuehrern der Protestmaersche gegen den Bau der Urwaldstrasse durch das Naturschutz-Gebiet TIPNIS in einen Dialog treten, die Strasse wird aber so oder so gebaut.” Jetzt muesste er dem wachsenden Druck der Indignation grosser Bevoelkerungsteile weichen und kleinlaut erklaeren, das Projekt vorerst zu stoppen.

    Der Praesident, der sich noch vor einem Jahr auf die Mehrheit der Bevoelkerung uneingeschraenkt stuetzen konnte, wuerde nach juengsten Umfragen bei einer Wahl jetzt nicht mehr als 37% aller Stimmen auf sich vereinen koennen.

    Im uebrigen, was Morales so schoen als das Ideal vom “Gutes Leben” propagiert hat, haben viele, die sich in den letzten Jahren zur neuen Bourgeoisie durch den eintraeglichen Handel mit dem Kokain mausern konnten, woertlicher genommen als Morales es gemeint hat: In den Grosstaedten La Paz, Santa Cruz und Cochabamba schiessen Luxus-Hochhaeuser wie Pilze aus dem Boden; nie zuvor gab es derartige viele Luxus-Limousinen (BMW, Mercedes, Hummers) auf den bolivianischen Strassen zu sehen, wie derzeit. Jedermann weiss, aus welchen Quellen der ploetzliche Wohlstand gespeist wird…

    Langsam daemmert es auch im Lager seiner Anhaenger, dass der grosspurige Diskurs von Morales doppelzuengig ist, und dass er sein Ansinnen, noch “viele, viele” Jahre Bolivien zu regieren, vielleicht revidieren werden muss.

    Selbst die Moeglichkeit, eines Tages gestuerzt zu werden, von seinen eigenen Leuten, duerfte ihm aus heutiger Sicht nicht mehr so abwegig erscheinen.

    Politisch ist Bolivien das mit Abstand am wenigsten stabile Land Lateinamerikas. Das zeigt ein fluechtiger Blick in jedes gewoehnlich Schulbuch ueber die Geschichte Boliviens. Da aber der Praesident erst kuerzlich kund tat, oeffentlich und nicht ohne Stolz, er lese keine Buecher, wird es schwer fuer ihn sein, aus der Geschichte zu lernen.