vonChristian Russau 13.04.2013

Latin@rama

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Wem gelang es, zunächst drei Abwehrspieler auszudribbeln und den herauseilenden Torwart aussteigen zu lassen, um vor dem verwaisten Tor zu zögern, den wieder heraneilenden ersten ausgedribbelten Verteidiger durch eine Körpertäuschung nicht ins Leere, sondern gegen den Pfosten laufen lassen, um dann gemütlich, mit dem Ball am Fuß, ins Tor zu schlendern, den Ball hochzuspitzeln und gemächlich, diesmal mit dem Ball unterm Arm, zum Mittelpunkt zurückzukehren?

 

Dem zweimaligen Weltmeister (1958 und 1962), dem begnadeten Dribbler auf der rechten Flanke, dem ballverliebten und ewig noch einen Haken mehr schlagenden, dem „Estrela Solitária“ („einsamer Stern“), dem „Engel mit den krummen Beinen“, der „Alegria do Povo“ („Freude des Volkes“) – Mané Garrincha, eigentlich Manoel Francisco dos Santos.

Das Nationalstadion in der brasilianischen Bundeshauptstadt trägt seinen Namen, Mané Garrincha: Estádio Nacional de Brasília Mané Garrincha. Von den Fans wird es auch einfach nur das „Mané Garrincha“ genannt. Beinahe zärtlich, mit Gefühl und saudade, mit Wehmut, nach der 1983 verstorbenen „Alegria do Povo“.

Dies soll aber zur 2014 in Brasilien anstehenden Fußball-Weltmeisterschaft nicht der Fall sein. Weil die FIFA das nicht will. Die in der Schweiz ansässige Organisation argumentiert, so ein Bericht der brasilianischen Tageszeitung Folha de São Paulo, die Fußballweltmeisterschaft sei „von internationalem Interesse“ und es solle darauf geachtet werden, dass „eine Schlüssigkeit bei den Namen der Stadien beibehalten“ werde. Daher sei der Name „Mané Garrincha“ während des mehrwöchigen Spektakels nicht zu verwenden. Weder bei Werbung, noch in der Berichterstattung.

„Internationales Interesse“ am Fußball wäre demnach nicht vereinbar mit dem Namen eines der mit Abstand größten Idole der Geschichte der Fußballwelt? Nach dem Skandal um das von der FIFA gewünschte Verkaufsverbot für das traditionelle Acarajé-Gericht – kleine, scharf gewürzte, gefüllte und frittierte Bohnenbällchen – in Stadionnähe in Salvador da Bahia nun ein weiterer Schlag ins Gesicht der Brasilianerinnen und Brasilianer – oder sollte man es feinfühlig sagen wie Jérôme Valcke, seines Zeichens Generalsekretär des Internationalen Weltfußballverbandes FIFA: ein weiterer „Tritt in den Hintern“?

Fußball-Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien, ohne Mané Garrincha, ohne Acarajé – und ohne die Anwohner? Die lokalen Basiskomitees zur WM in Brasilien schätzen die bereits erfolgten und in Kürze anstehenden Räumungen infolge der Baumaßnahmen und Stadtumstrukturierungen für WM 2014 in Brasilien (und Olympische Spiele 2016 in Rio) auf 170.000 Personen. Thiago Hoshino vom lokalen Basiskomitee in Curitiba sieht als Folge der kommenden WM in Brasilien den Versuch von Politik und Kommerz, eine grundlegende Umstrukturierung der Städte zu erreichen: „D‪ie Ausrichtung eines solchen Großevents wie WM bewirkt Brüche in der Gesellschaft, politische, soziale und territoriale“, so Hoshino. Und für die Wirtschaft, für die Immobilienbesitzer, diejenigen, die die Möglichkeiten haben, sich Rechts- und Landtitel zu besorgen und schon immer das Recht auf ihrer Seite wußten, für diese bahnt sich der große Reibach an. So treffen in den Ausrichter-Städten der WM Immobilienspekulation auf Gentrifizierung – und die Armen werden vertrieben. „Allein zwischen 2011 und 2012 sind die durchschnittlichen Wohnhaltungskosten im Lande um 14 Prozent angestiegen“, beschreibt Hoshino die Situation in Brasiliens Städten.

Mané Garrincha verstarb vor 30 Jahren, am 20. Januar 1983, verarmt, – aber nicht vergessen. Und brasilianische Fußballkommentatoren aus Presse und Funk kündigten an, sich an die FIFA-Sprachregelung nicht halten zu wollen. Das Mané Garrincha wird das Mané Garrincha bleiben – und basta!

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