Dollars auf Kuba: Die deprimierende Dimension

Weltweit ist das Verhältnis zwischen Lohn und Lebenshaltenskosten unterschiedlich. Doch hat es sich  wohl nirgendwo so ungünstig entwickelt wie in Kuba. Siebzig bis neunzig Prozent des Lohnes müssen für Lebensmittel aufgewendet werden. Das war nicht immer so.

Ivancito Muñoz rollt verwundert mit den Augen. Der 25-jährige schaut etwas verdattert seinen Vater Iván an. Der erzählt gerade, wie er Ende 1988 seine Frau zum Italiener ausführte. Zwei Pizzen, zwei Nudelgerichte und zwei Bier genehmigte sich das Ehepaar und Vater Muñoz musste gerade sechs Pesos cubanos entrichten. Für junge Kubaner ein Ding der Unmöglichkeit, denn sie sind mit ganz anderen Währungsverhältnissen aufgewachsen. “Das klingt, als hätte mein Vater in einem anderen Land gelebt. Heute muss ich rund 90 Pesos cubanos für ein derartiges Gericht zahlen”. Vor 25 Jahren belief sich der Durchschnittslohn in Kuba auf rund 187 Pesos, heute sind es 466 Pesos – doch seit Juli 1993 gibt es noch eine zweite, eine harte Währung.

Junger Kubaner vor einem leeren Lokal, dass er eventuell anmieten will.....

Erst war es der US-Dollar, der in Kuba bis 2004 zirkulierte und fortan als harte Währung fungierte. Nur mit der Währung des Klassenfeindes aus dem Norden konnten die Kubaner in den neuen bunten Supermärkten und Einkaufszentren, die selbst an der Uferpromenade Havannas entstanden waren, Zahnpasta, Milchpulver, Nudeln, Kleidung oder  Deodorants kaufen. Auf dem nationalen Markt, wo der Peso cubano galt, gab es diese Produkte nicht oder nur sporadisch. Daran hat sich bis heute nichts geändert – nur heißt die harte Währung nun Peso convertible und die bunten Scheine schmücken kubanische Gebäude und Symbole. Doch gekoppelt ist die kubanischen Devisenwährung nach wie vor an den US-Dollar, damit – so könnte man meinen – das Währungsgefüge nicht durcheinanderkommt.

Das ist schon einmal passiert. 1993 war das, als es für den kubanischen Peso kaum etwas zu kaufen gab und es  pro US-Dollar auf dem Schwarzmarkt mehr als 140 Pesos cubanos geboten wurden. Ein Drama für Kubas Familien, die fünf Jahre zuvor noch sieben Pesos cubanos auf dem Schwarzmarkt für jeden US-Dollar bezahlt hatten, um einmal in einen dieser ominösen Devisen-Supermärkte zu gelangen – in Begleitung eines Verwandten aus Miami, eines Studenten aus dem Ausland oder eines der ersten Touristen.

Mit US-Dollar hatte man damals im Frühjahr 1993 noch die Chance, Lebensmittel auf dem Schwarzmarkt oder hintenrum aus einem der Devisen-Supermärkte der Regierung zu bekommen. An dem Missverhältnis zwischen den beiden Währungen hat sich bis heute nichts Wesentliches getan. Heute ist der Wechselkurs zwischen dem Peso cubano, in dem die Kubaner ihre Löhne erhalten, und dem Peso convertible festgelegt.

24:1 lautet das Verhältnis, und unter diesem Missverhältnis zwischen Lohn und Lebenshaltenskosten leben wir Kubaner nunmehr 20 Jahre, erklärt Omar Everleny Pérez Villanueva. Der Ökonom hat selbst fast erwachsende Kinder, die mit der doppelten Währung aufgewachsen sind und kennt die Nöte der kubanischen Durchschnittsfamilien, die immer mehr Geld benötigen als sie zur Verfügung haben.

Die Lebensbedingungen in Kuba sind alles andere als einfach - die doppelte Währung hat die Gesellschaft auf den Kopf gestellt....

Die Lebensbedingungen in Kuba sind alles andere als einfach – die doppelte Währung hat die Gesellschaft auf den Kopf gestellt….

 

Rund zwanzig Jahre ist das so und deshalb sind Momente, wo sich die Älteren an längst vergangene Zeiten erinnern, wo man in Kuba mit dem eigenen Gehalt auskommen und ausgehen konnte, etwas Besonderes für die Jüngeren wie Ivancito. Der ist mit den Widersprüchen der doppelten Währung aufgewachsen und denkt nicht ernsthaft daran, dass sich daran etwas ändern könnte. Doch das soll in ein oder zwei Jahren wirklich eintreten. Dann steht laut dem kubanischen Reformprogramm die Währungsreform an, und es könnte dann nur noch einen Peso cubano geben. “Bis dahin muss die Wirtschaft allerdings noch deutlich produktiver werden, sonst kann es nicht funktionieren”, mahnt Ökonom Pérez Villanueva.

 

 

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