Brasilien auf der Buchmesse (4): Jorge Amado

jorge amado livros

Von Horst Nitschak (BrasilienNachrichten 147)

 

bn_147Jorge Amado (1912-2001) ist immer noch der meistübersetzte brasilianische Autor, wenn auch die aktuelle internationale Leserschaft seiner Romane sicher bei weitem nicht die Zahlen seines Landsmanns Paulo Coelho erreicht. Mehr als die Romane jedes anderen brasilianischen Schriftstellers haben sie jedoch dazu beigetragen, für den Leser der nördlichen Hemisphäre ein Bild von diesem tropischen Halbkontinent Brasilien entstehen zu lassen.

 

Von nicht wenigen, vor allem von kritischeren Lesern, wurde ihm allerdings vorgeworfen, er habe mit seinen Figuren und seinen Geschichten ein Brasilienbild der Klischees geschaffen: tropische Landschaften und Strände, sinnliche Mulatas, eine brasilianische Bevölkerung mit dem Geschick, Tragödien zu vermeiden und letztlich alles als Komödie zu nehmen, kurz: in seiner Fiktion die Brasilianerinnen und Brasilianer mit der bewundernswerten Fähigkeit auszustatten, noch in den bescheidensten Umständen und unter den größten Widrigkeiten zu einem letztlich glücklichen Zusammenleben zu finden.

 

Dieses Brasilienbild wurde bis Ende des 20. Jahrhunderts gerne geglaubt und ist auch heute noch nicht vollständig außer Mode gekommen. Für zigtausende Touristen ist es eines der Hauptmotive, einen Urlaub an einem der weiten Strände des Landes zu buchen oder die Festkultur zu genießen, die in den Wochen des Karnevals ihren Höhepunkt findet.

 

Allerdings ist die Glaubwürdigkeit dieses Bildes in den letzten Jahrzehnten massiv in Frage gestellt worden. Je mehr Brasilien seit dem Beginn des 21. Jahrhunderts als einer der fünf BRICS-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika), von denen die Experten annehmen, dass sie im Laufe des 21. Jahrhunderts die G-7-Staaten (US-Amerika, Großbritannien, Kanada, Frankreich, Italien, Japan, Deutschland) in ihrer wirtschaftlichen Führungsrolle ablösen, zu einem der “global players” geworden ist, um so mehr haben auch die „dunklen“ Seiten dieses beschleunigten Modernisierungsprozesses, den Brasilien seit dem Ende der Militärdiktatur erlebt, das neue Brasilienbild mit geprägt. Brasilien ist nicht nur der führende Telenovela-Produzent, der wichtigste Autohersteller Lateinamerikas, besitzt mit Embraer die viertgrößte Flugzeugindustrie der Welt, Brasilien ist auch das Land der sozialen Ungleichheit, der alltäglichen Gewalt, der Favelas.

 

Zu diesem Wandel oder zumindest dieser Komplimentierung des Brasilienbildes haben die brasilianische Literatur und das brasilianische Kino selbst beigetragen – Autoren wie Rubem Fonseca, Paulo Lins oder Patrícia Melo und Filme wie Cidade de Deus (City of God) oder Tropa de Elite konfrontieren den Leser und den Zuschauer mit einem Brasilien des Drogenhandels, der Gewalt und der sozialen und psychischen Misere. Dieser Wandel, der Abschied von dem Brasilien der Volkskultur, einer alltäglichen Herzlichkeit – die Gewalt sicher auch kennt, aber nur gegen diejenigen, die vorher zu „Feinden” deklariert werden – wurde bereits in dem berühmten Film Bye Bye Brazil (1979) angekündigt.

 

Was also bleibt von den Romanen eines Jorge Amado, von den bekannten Romanen wie Gabriela wie Zimt und Nelken (1958), Dona Flor und ihre zwei Ehemänner (1966), Viva Tereza (1972) und Werkstatt der Wunder (in der ersten Übersetzung: Die Geheimnisse des Mulatten Pedro, 1972) und den etwas weniger bekannten wie Kakao (1933), Jubiabá (1935) und Die Herren des Standes (1937)? Jorge Amados Romane sind nicht nur die Erinnerung an ein vergangenes Brasilien, ein Brasilien, das auf diese Weise sicher nie existiert hat.

 

Das ist es ja, was bedeutende Fiktion ausmacht: Sie erzählt Geschichten, die es in ‘der Wirklichkeit’ nicht gibt, Geschichten aus einer fernen Vergangenheit, aus anderen Ländern, von Leben und Erlebnissen, die nicht die unseren sind. Geschichten, die möglich sein könnten oder von denen wir zumindest wünschen, manchmal auch fürchten, dass sie möglich sein könnten. Wer diese Geschichten liest, als wären sie Wahrheit, ist ein schlechter Leser und weiß nicht recht mit „Literatur” umzugehen. Das gilt bereits für zwei der wohl berühmtesten Werke der Weltliteratur: für Don Quijote, der seine Ritterromane für bare Münze nimmt und darüber verrückt wird, und Madame Bovary, die ihr reales Leben mit dem ihrer literarischen Heldinnen verwechselt und darüber verzweifelt.

 

Bahia und seine Menschen

 

Im literarischen Schaffen Jorge Amados gibt es zwei große und voneinander sehr verschiedene Phasen, in denen er aber jedes Mal ein Brasilien entworfen hat, das – so unterschiedlich es auch ist – doch ein Wunschbrasilien war – ein Brasilien der Möglichkeiten und nicht der Wirklichkeiten. Was natürlich nicht ausschließt – ja im Gegenteil, was es gerade unumgänglich macht – auch Realitäten zu beschreiben und diese vor allem so zu interpretieren, damit sie die Bedingungen für die gewünschten Möglichkeiten abgeben. Diese beiden Phasen unterscheiden sich darin, dass es in Amados Erzählen der ersten Phase um eine politisierte Darstellung der Lebens- und Arbeitsbedingungen der einfachen Bevölkerung, des „Volkes” in Bahia geht („o povo“, das im Brasilianischen nicht so problematisch besetzt ist wie im Deutschen) und in der zweiten Phase, die mit Gabriela, wie Zimt und Nelken (1956) beginnt, um eine Popularisierung der sozialen und politischen Vorstellungen und Überzeugungen eines Autors, der sich von seinen sozialistischen Erwartungen distanziert hat. Seinen beiden großen Themen bleibt Jorge Amado dennoch sein gesamtes literarisches Schaffen hindurch treu: Bahia und seine Menschen.
Dieses Bahia war im 17. und 18. Jahrhundert eine Region des Reichtums und des Wohlstandes – vor Rio de Janeiro war bis 1763 Salvador die Hauptstadt der portugiesischen Kolonie. Daran erinnert noch heute die Barockarchitektur in Salvador. Erst im Laufe des 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wird es zuerst in die nationale Peripherie abgedrängt, um dann zu einem der armen Bundesländer des Nordostens zu werden. Mit dem Aufstieg São Paulos, zuerst durch den Kaffee-Export und dann ab den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts durch die Industrialisierung, verschiebt sich das Machtzentrum Brasiliens endgültig in den Süden. Das belegt auch 1922 – zur Jahrhundertfeier der Unabhängigkeit – die „Kunstwoche” von São Paulo, in der sich die Avantgarde versammelte, junge Künstler und Intellektuelle, deren Schaffen für das Brasilien des 20. Jahrhunderts richtungweisend werden soll.
Gegen die kulturelle Vorherrschaft des modernisierten Südens schreiben ab dem Ende der 20er Jahre junge Schriftsteller aus dem Nordosten an und kreieren einen neuen Regionalismus des Nordostens, der vor allem durch zwei Landschaften geprägt ist: im Inneren die Trockengebiete des Sertão (in den Romanen von Graciliano Ramos, vor allem Trockene Leben, und bei Guimarães Rosa, Grande Sertão) und an der Küste die Zuckerrohrplantagen, der Küstenurwald, die Strände, das Meer und die Kolonialstädte Salvador und Ilheus mit ihren Häfen. Das ist die Welt der Romane Jorge Amados, und das ist die Welt, der in seinen Romanen ein Monument gesetzt wurde und die durch seine Romane erst zu Landschaften Brasiliens wurden. Das gleiche gilt für die Bewohner dieser Landschaften, und hier ist der literarische Beitrag Jorge Amados kaum zu überschätzen.

 

Der vergangene Reichtum des Nordostens verdankte sich dem Export von Zucker und dem Import der in Afrika gefangenen und nach Amerika – in diesem Fall Brasilien – verkauften Sklaven. Sklavenwirtschaft in seiner doppelten Bedeutung: der Handel mit Sklaven und die Zuckerrohrplantagen, die mit der Arbeitskraft der Sklaven betrieben wurde. Das wird der Reichtum Brasiliens. Diese Sklaven kommen dort völlig mittellos an – aber sie haben ihre Kultur in ihren Köpfen und in ihren Körpern: ihre Sprachen, ihre Lieder, ihre Erzählungen, ihre Götter, die sich im Candomblé mit den christlichen Heiligen vermischen, ihre Tänze und ihre Essgewohnheiten.

 

Bahia wird mit dieser afrikanischen Kultur aufgeladen, mehr als jede andere Region in Brasilien. Zwar sehen die Historiker und Soziologen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Brasilien sehr klar als eine Nation der „drei Rassen”, der indianischen Ureinwohner, der portugiesischen Kolonisten und der afrikanischen Sklaven, aber das Ideal ist die „Aufhellung der Rasse”, das heißt, das afrikanische Element, sowohl ethnisch wie auch kulturell, verschwinden zu lassen.

 

So wundert es nicht, wenn noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Brasilien der Anteil der Bevölkerung afrikanischer Abstammung über die Hälfte beträgt, während ihr und ihrer Kultur in der Literatur und in den anderen Künsten praktisch keine Beachtung geschenkt wird. Präsent ist auf vielfache Weise die indianische Vergangenheit – auch dies ein offener Widerspruch zur realen Praxis, mit der die indianischen Minoritäten im Land behandelt wurden (und noch werden!) – die Bedeutung afrikanischer Kultur wird aber schlichtweg übersehen oder auch verdrängt.

 

Hier bedeuten die Romane Jorge Amados - Suor (Schweiß), Kakao und Jubiabá – eine entscheidende Veränderung. Erstmals wird die Bevölkerung afrikanischer Abstammung als historisches Subjekt wahrgenommen, erstmals begegnet der Leser schwarzen Protagonisten, erstmals ihrer Kultur, ihren Lebensgewohnheiten und ihren religiösen Praktiken (Candomblé). Das aber bedeutet notwendigerweise, dass die Schauplätze dieser Romane die Mietskasernen, die Hütten, die Bars, die Arbeitsplätze vor allem die Plantagen und der Hafen sind, in denen diese Bevölkerung lebt und ihr Aus- und Einkommen finden muss.
 

Die Entdeckung der afrikanischen Kultur

 

Diese Entdeckung der afrikanischen Kultur und ihrer Bedeutung für die brasilianische Kultur insgesamt durch Jorge Amado geschieht zeitgleich mit der Veröffentlichung der bedeutendsten soziologischen Arbeit zu diesem Thema: Gilberto Freyres Herrenhaus und Sklavenhütte (1933). Auch der aus Recife stammende Soziologe insistiert in seinem Buch auf dem entscheidenden Anteil, den die afrikanischen Traditionen für den brasilianischen Alltag haben. Für ihn ist der Entstehungsort dieser Kultursymbiose oder dieses kulturellen Hybridismus die Konstellation von Herrenhaus und Sklavenhütte, die die Zuckermühle, das „engenho”, als produktives Zentrum hatte. Dort lebten – so die Darstellungen von Gilberto Freyre – über Jahrhunderte die portugiesischen Herren und ihre afrikanischen Sklaven in einer im Großen und Ganzen geglückten kulturellen Symbiose, eine Symbiose, von der letztlich die portugiesische Kultur auf eine tiefgreifende Weise verändert wurde, die sie dann zur brasilianischen Kultur werden ließ.
Der portugiesische Kolonisator und später dann der weiße Herr und Arbeitgeber bleibt das historische Subjekt, auch wenn er tief greifend vom afrikanischen kulturellen Erbe verändert wurde. Jorge Amados Sicht steht dazu in krassem Gegensatz. Jorge Amado gehört zu der Schicht lateinamerikanischer Intellektueller, deren Weltsicht und deren politische Überzeugungen durch zwei historische Ereignisse grundlegend verändert wurden: Die Barbarei des Ersten Weltkrieges, in der sich die zivilisierten europäischen Nationen, die immer als Vorbilder gegolten hatten, mit den modernsten technischen Mitteln auf eine historisch noch nie da gewesene Weise zerfleischten. Diesem Ende der Geschichte, steht ein Ereignis gegenüber, das für viele als der Anfang einer neuen, einer humaneren Geschichte interpretiert wurde: die russische Revolution von 1917 und die Gründung der Sowjetunion. Für Intellektuelle in Lateinamerika stellte sich damit die Frage, inwieweit dies auch ein Weg für ihren Kontinent sein könnte. Allerdings steht man vor dem theoretischen Problem, dass nach den sozialistischen Klassikern das Subjekt dieser neuen Gesellschaft das Proletariat und seine Voraussetzung die industrialisierte Gesellschaft ist. Beides gab es in Brasilien nur in Ansätzen in São Paulo. Im Nordosten, einer oligarchischen Gesellschaft, die vor allem auf Plantagenwirtschaft beruht, scheint es deshalb keine Aussichten auf eine solche revolutionäre Veränderung zu geben.
Hier setzt nun die ideologische und erzählerische Arbeit Jorge Amados an. In seinen „proletarischen” Romanen Suor (Schweiß), Kakao und Jubiabá wird die schwarze Bevölkerung zum historischen Subjekt. Jorge Amado erzählt Geschichten, wie in dieser schwarzen Bevölkerung, die nach der klassischen kommunistischen Theorie zum Lumpenproletariat gehört, ein politischen Klassenbewusstsein entstehen kann. So z. B. im Fall von Balduino, dem Protagonisten des Romans Jubiabá, der sich vom Gauner und Gelegenheitsdieb (malandro) zum klassenbewussten Streikführer wandelt. Bei einer seiner Begegnungen mit den Streikenden erfährt der Leser von seinem Gesinnungswechsel:

 

Diese Männer, die Antonio Balduino immer als Sklaven und wegen ihrer Unfähigkeit sich zu wehren verachtet hatte, brachten nun das gesamte Leben der Stadt zum Stillstand. Antonio Balduino hatte immer gedacht, er und seine Gaunerfreunde, Draufgänger, die immer ein Messer zur Hand hatten, sie wären frei, stark und die Herren der frommen Stadt Bahia. Und diese Überzeugung war es, die ihn traurig machte und fast in den Selbstmord trieb, als er in den Hafenanlagen arbeiten musste. Aber jetzt weiß er, dass dem nicht so ist. Die Arbeiter sind Sklaven, aber sie kämpfen für ihre Freiheit.

 

Mitte der 50er Jahre, nach einem mehrjährigen Exil-Aufenthalt in der CSSR, im real existierenden Sozialismus, aber auch unter dem Eindruck des Moskauer Parteitags von 1956, in dem die Stalinschen Terrormethoden aufgedeckt werden, wird sich Jorge Amado vom Sozialismus als politischem Lösungsweg für Brasilien verabschieden. Damit wird er aber nicht seine Überzeugung aufgeben, das Volk selbst müsse zum Subjekt der Geschichte werden. Die Stärke des Volkes sieht Jorge Amado jetzt aber nicht mehr in seinem Klassenbewusstsein, sondern in den vielfältigen Manifestationen seiner Kultur, seinem Wissen, seinen Lebenserfahrungen, seiner Sinnlichkeit und Vitalität, aber auch die ganz unterschiedlichen Formen seiner Religiosität.

 

In Bahia bedeutet das aber dann ganz selbstverständlich eine Aufwertung der afrikanischen Kulturtraditionen, vom Candomblé über Capoeira zu den unzähligen Festen, vor allem aber auch die unterschiedlichen Praktiken alltäglicher Solidarität, der Bereitschaft zur gegenseitigen Hilfe, nachbarschaftlicher Herzlichkeit, die nicht auf die traditionellen Familienbeziehungen beschränkt sind, Entschlossenheit und List, gegen die Ungerechtigkeiten und die Willkür einer Gesetzgebung Widerstand zu leisten, von der die Bevölkerung afrikanischer Herkunft in jenen Jahren weder eine ethnische noch überhaupt eine bürgerliche Anerkennung erfährt.
Zentrale Figuren sind dabei für Jorge Amado die Frauen, als Geliebte, als Prostituierte, als Mütter und Großmütter. Den Frauen kommt in diesen Romanen jetzt eine entscheidende Rolle zu. Fast könnte man sagen, sie treten an Stelle des klassenbewussten, zur Revolution bereiten Helden der ersten Phase seiner Romane. Sie sind es, die in ihrer permanenten Sorge für Wohnung und Essen das alltägliche Überleben garantieren, sie gewähren den oftmals labilen Männern Halt, sie geben ihnen ihre körperliche Liebe und ihre psychische Bestätigung. Dass die Erzählung dabei oftmals sehr in die Nähe bekannter Klischees des Weiblichen geraten, kann nicht übersehen werden. Aber diese Frauen sind in keinem Fall die Mütter bürgerlicher Kleinfamilien, sondern Frauen, die ihre Stärke aus den afrikanischen Traditionen nehmen oder – auch das wird erzählt – gerade aufgrund dieser Herkunft vom „weißen” Bahia verachtet und letztendlich zerstört werden.

 

Bahia und Salvador haben sich seit diesen Romanen Jorge Amados nochmals tief greifend gewandelt wie auch Brasilien insgesamt. Die afrikanische Vergangenheit des Landes gehört heute geradezu zu seinem „Markenzeichen”. Die Bevölkerung afrikanischer Herkunft besteht selbstbewusst auf ihren bürgerlichen Rechten. Zumbi, der König von Palmares, wohin sich im 17. Jahrhundert Tausende von Sklaven geflüchtet hatten, und an den die Romane Jorge Amados an verschiedenen Stellen erinnerten, ist heute der Name von unzähligen Internet-Seiten geworden. Unter dem Namen ‘Quilombo’ – Niederlassungen entflohener Sklaven – gibt es heute zahllose Stätten im brasilianischen Nordosten, die an die Geschichte der Sklaverei und den Widerstand dagegen erinnern.

 

Diesen Perspektivenwechsel Brasiliens auf seine eigene Geschichte vorbereitet zu haben ist sicher – bei aller Kritik an seinen Romanen – ein Verdienst, das ihm bleiben wird. Und eine gewisse Verantwortung, wie wir Romane lesen, kommt uns als Lesern auch zu. Jorge Amado jedenfalls leistete seinen Beitrag beim brasilianischen wie auch beim internationalen Lesepublikum für afrikanische Kulturtraditionen, die vergessen oder verachtet waren, Neugierde, Verständnis und Anerkennung zu wecken.

 

 

Horst Nitschack ist Professor für brasilianische Literatur an der Universidad de Chile in Santiago. Er leitet das Projekt Fondecyt 1120116 „Rebellen, Gauner, Verbrecher und Verrückte: Widerstand, Übertretung und utopische Erwartung in der brasilianischen Literatur des XX. Jahrhunderts.”

1 Kommentar

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  1. Mit Interesse gelesen.

    Ich vermisse einen Hinweis auf mein Lieblingsbuch, den Roman Tocaia Grande, Der große Hinterhalt; nicht nur weil es ein fesselnd geschriebenes Buch ist, sondern weil es dem hier herausgestellten Klischee gerade nicht entspricht, sondern die Brutalität einer Zeit Brasiliens schildert, in der die Großgrundbesitzer mittels ihrer Privatarmeen erbittert um die letzten “herrenlosen” Urwaldgebiete kämpften.Dadurch und aufgrund von Romanen wie Canaima von Gallegos ist mir diese hier insinuierte Idyllensicht ohnehin fremd (mein Vater war in den 20ern bei der “Kautschukfirma” Blohm beschäftigt).

    Ferner. Zu den zwei Phasen im Werk Jorge Amados hat Pablo Neruda, der eine innere Abkehr ja nicht vorgenommen hat, angemerkt, auf ihn habe Amado anschließend gewirkt, als sei eine innere Feder zerbrochen gewesen.

    Schließlich ist nützlich zu wissen,daß im deutschsprachigen Raum die Rezeption Amados vor allem mittels die Übersetzungen Meyer-Clason erfolgte; der ziemlich deutlich in dem Verdacht der Spionage für den NS-Geheimdienst stand; vor allem aber dem Vorwurf ausgesetzt war, in nicht geringem Maße statt werkgetreu zu übersetzen, eigene Elaborate freihändig eingebaut zu haben.