vonHildegard Willer 19.01.2014

Latin@rama

Politik & Kultur, Cumbia & Macumba, Evo & Evita: Das Latin@rama-Kollektiv bringt Aktuelles, Abseitiges, Amüsantes und Alarmierendes aus Amerika.

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Eine der am meist unterschätzten Städte Lateinamerikas ist die peruanische Hauptstadt.

Die  Millionenstadt am Pazifik begeistert die wenigsten auf den ersten Blick. Die Liebe zu Lima muss man sich erarbeiten. Aber wie oft im richtigen Leben hält die Liebe auf den dritten oder vierten Blick  dann auch laenger. Ich spreche aus Erfahrung. Nur die Engelszungen eines Kollegen vermochten, dass ich 1999 fuer drei Jahre in die neblige, feuchte und graue Stadt zog. 15 Jahre spaeter lebe ich immer noch dort. Und zwar gern. Warum?

1.  Lima ist eine sichere Stadt

Entgegen allen Unkenrufen: Lima ist eine sichere Stadt. Obwohl die Limeños am meisten dazutun, ein Horrorbild von Lima zu entwerfen, so als ob an jeder Strassenecke ein Räuber lauern und jeder Taxifahrer einer Entführerbanden angehören würde. Die Wirklichkeit entspricht nicht der öffentlichen Hysterie: In kaum einer lateinamerikanischen Grossstadt sehe ich  bis spät nachts unbekümmert so viele Menschen flanieren. Eine wirklich gefährliche Grossstadt sieht anders aus. Fragen Sie mal einen Bewohner von Caracas.

2. Lima ist eine Stadt fuer Fussgaenger (und koennte eine Stadt fuer Fahrradfahrer werden)

Man kann in Lima stundenlang zu Fuss gehen, an der Küste entlang, oder in die Altstadt, durch die engen Gassen der Altstadt hindurch bis über den Rimac nach San Juan de Lurigancho. Die Stadt ist weitestgehend flach, es regnet nie, hat wenig Wind und es hat keine extremen Temperaturen. Lima hat das Potential DIE Fahrradfahrer-Stadt Südamerikas zu werden. Wenn da nicht die Autos wären und der Wahn der nun zu Geld gekommenen Limeños, dass ein Auto unbedingt dazugehöre. Von einem Auto in Lima überfahren zu werden ist übrigens gefühlt wahrscheinlicher als, von einem Räuber ermordet zu werden.

3. Limas Essen ist spitze

Nur in Lima fragt einen der Taxifahrer als erstes, nicht woher man kommt, sondern ob man lieber Ceviche oder Aji de la gallina mag.  An jeder Ecke Limas findet man hervorragende Restaurants mit einer grossen Auswahl von Gerichten zu überaus erschwinglichen Preisen.  Jeden September findet das Gastro-Festival „Mistura“ statt, das auf dem besten Weg ist, für Lima das zu werden, was das Oktoberfest für München ist: authentisches Volksfest und Touristenattraktion in einem.

4. Die Inkas waren auch in Lima

Die Inkas waren nicht nur in Cusco, sondern auch in Lima. Und nicht nur die Inkas, sondern viele andere vor-inkaische Kulturen haben hier ihre Zelte aufgeschlagen, lange bevor Francisco Pizarro hier seine Lanze in den Boden rammte. Allenthalben stoesst man in Lima auf archaeologische Ausgrabungsstaetten. Lima hat ueber 500 vor-inkaische Kultstätten aufzuweisen. Einige wenige sind ausgegraben und konserviert; um viele streiten sich Archäologen mit Immobilienspekulanten.

5. Die historische Altstadt ist eine Wundertüte

Ein Gang durch die historische Altstadt ist ein Eintauchen in die  Vergangenheit: die verblichene  Pracht der alten Klöster und Kirchen, an jeder Strassenecke mindestens eine. Die Conquista wurde nicht nur mit dem Schwert, sondern vor allem mit dem Kreuz geführt .  In der Altstadt finden sich noch Läden wie anno dazumal, jedes Produkt hat seine eigene Strasse: Buchdrucker findet man in Azángaro, Bücher in Quillca, Taschen und Koffer in Huánuco usw. Da viele Händler keine Steuern zahlen wollen, sind sie allerdings unter harter Bedrängnis. Die Stadt Lima organisiert in der historischen Altstadt viele Kulturevents, so dass auch die Altstadt langsam wieder attraktiv wird als Ausgehviertel.

6. In Lima braucht man keinen Regenschirm

……. denn es regnet so gut wie nie

7.  In Lima hat man kein Heimweh nach November

Wen die Sehnsucht packt nach einem nebligen deutschen Novembertag voller Melancholie, der muss nicht in den Flieger steigen, sondern kann an einem Augustabend an der Steilküste von Miraflores in den Garúa-Nebel eintauchen, bis er nur mehr die Pazifik-Brandung hört und ansonsten glaubt, alleine auf der Welt zu sein.

Wenn man in Peru jemandem am Tag danach zum Geburtstag gratuliert, feiert man die „joroba“, den Buckel. Gestern hat die Stadt Lima ihren 479. Geburtstag gefeiert. Feliz joroba, Lima!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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https://blogs.taz.de/latinorama/2014/01/19/ein-buckel-fur-lima/

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kommentare

  • Immer wieder schön die Berichte von Hildegard Willer zu lesen. Ihre Artikel sind immer wieder erfrischend und vor allem authentisch. Jeder der einmal, oder mehrmals Peru und Lima -zumindest als Individualtourist- erlebt hat, kann dies nur bestätigen.

  • „wundere mich dass so viele Leute ab September/Oktober Urlaub in den Süden planen.“ vs „Der Mensch ist anpassungsfähig …!“

    Da steckt aber ein klitzekleiner Widerspruch drin, oder? ;o)

    Grau nervt auch hierzulande, aber Lima ist für mich ohnehin viel zu sehr urbaner Moloch.

  • Matt,
    das gleiche frage ich mich über die Kälte in Deutschland. Ich wohne in Berlin und wundere mich nicht, dass so viele Leute ab September/Oktober Urlaub in den Süden planen.
    Der Mensch ist anpassungsfähig… außerdem während der Winter in Lima (und an der Küste) ist die Trockenzeit in den Anden. In etwa 2 Stunden mit dem Bus/Auto hat man blaue Himmel und wärmere Temperaturen

  • Erm, schön. Aber wie mensch sich unter einer derartig grauen, monatelang wabernden Himmelssuppe wohl fühlen kann, wird mir ewig ein Rätsel beleiben.

  • Applaus! Diese Beschreibung erinnert mich sehr an meine Zeit in Lima (1978-1989), die ähnlich begonnen hat – der lange Aufenthalt war nicht geplant. Es war ein grösstenteils ein schöner Teil meines Lebens, den ich nicht missen möchte. Nicht zuletzt wegen Land und Leuten!

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