„Opfer der Demokratie“: Polizeimassaker in Brasilien?

18 Tote. So liest sich die traurige Bilanz einer blutigen Nacht in der brasilianischen Millionenstadt São Paulo. An mehreren Orten in der westlichen Metropolregion kam es in der Nacht von Donnerstag zu Freitag zu den tödlichen Schüssen, die von maskierten Unbekannten abgefeuert wurden.

Laut Zeugenaussagen sollen die Täter ihre Opfer nach Vorstrafen befragt haben und bei Bejahung den Abzug gedrückt haben. Eine Videoaufnahme zeigt die Hinrichtung in einer Bar: Die Vermummten betreten das Lokal und fordern die Anwesenden auf die Hände zu heben. Dann eröffnen sie das Feuer. Acht Menschen sterben.

Der Sekretär für öffentliche Sicherheit Alexandre de Moraes erklärte, dass die Morde möglicherweise eine Verbindung zu dem Tod eines Polizisten aufweisen, der in der vergangenen Woche in der Region getötet wurde. Auch der Bürgermeister von Osasco, Jorge Lapas, sagte, dass die Videoaufnahme die Theorie eines Rachemordes durch Polizisten stützen würde. Laut Presseberichten könnten die verwendeten Kugeln aus Polizei- oder Armeebeständen stammen. Der Gouverneur des Bundesstaates Geraldo Alckmin äußerte sich nicht zu den Vorwürfen, forderte jedoch eine schnelle Aufklärung der Ereignisse und kündigte die Einrichtung eines 50-köpfigen Ermittlerteams an.

Immer wieder kommt es in Brasilien zu Rachemorden durch Polizeikräfte. Im vergangenen November starben neun junge Männer in der nordbrasilianischen Stadt Belém, die Rache von Polizisten für den Tod eines Kollegen. Im Februar erschossen Polizisten in der Küstenmetropole Salvador da Bahia zwölf junge Männer nach einem vermeintlichen Banküberfall. Laut Zeugenaussagen waren die Opfer unbewaffnet und hatten sich ergeben, als die Schüsse fielen. Mehrere der Leichen wiesen Folterspuren auf. Laut einer Erhebung der unabhängigen Mediengruppe Ponte stirbt in São Paulo alle 9,8 Stunden ein Mensch durch Polizeikugeln. Erst im April waren acht Mitglieder einer Ultra-Gruppe des Traditionsvereins Corinthians FC erschossen aufgefunden worden. Kurze Zeit später wurden die mutmaßlichen Täter, zwei Polizeibeamte, verhaftet.

„Präsidentin Rousseff widmet den Opfern der Militärdiktatur viel Aufmerksamkeit, aber sie muss auch die Opfer der Demokratie betrachten“, forderte Débora Maria da Silva im vergangenen Jahr im Interview mit latin@rama. Da Silva gründete die Opfergruppe Mães da Maio (Mai-Mütter), nachdem ihr Sohn am 15. Mai 2006 zusammen mit 28 weiteren Bewohnern eines armen Vorstadtviertels ermordet worden war. In der sogenannten „Blutwoche“ starben nach Konfrontationen zwischen dem kriminellen Gefängniskartell PCC und der Polizei über 40 Sicherheitskräfte und mehr als 100 Menschen bei den darauffolgenden Vergeltungsaktionen der Polizei.

Da die meisten Opfer schwarz sind und aus den sozialbenachteiligten Randgebieten der Großstädte stammen, sprechen Opfergruppen und sozialen Bewegungen von einem „Genozid an der schwarzen Jugend“. Auch da Silva betont die alltägliche Gewalt in den Randgebieten der brasilianischen Städte: „Die Diktatur ist nicht vorbei, jedenfalls nicht in der Peripherie“.

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