vonPeter Strack 15.12.2015

Latin@rama

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Ein Gespraech mit Roxana Castellón*

Bolivien ist kein Inselstaat, der wegen dem drohenden Anstieg des Meeresspiegels um sein Verschwinden zu fuerchten braeuchte. Trotzdem gehoert es zu den Laendern, die am staerksten vom Klimawandel bedroht sind.

Castellón: Der Klimawandel fuehrt im Andenbergland zu staerkeren sporadischen Regenfaellen in immer kuerzeren Perioden. Umgekehrt verlaengern sich Trockenperioden. Das Wetter ist schwer vorhersehbar geworden. Ernten gehen wegen Ueberschwemmungen verloren oder weil die Saat vertrocknet. Das jahrhundertelange Wissen der Bauernfamilien ueber den richtigen Zeitpunkt der Aussaat oder der Ernte, laesst sich haeufig nicht mehr anwenden. Viele kehren der oekologischen Agrarkultur den Ruecken zu und hoffen, dass gentechnisch veraendertes Saatgut oder Chemieeinsatz ihnen die Produktion sichern.

Die Erwaermung laesst auch die Gletscher abschmelzen. Die sind fuer die Wasserversorgung in der Landwirtschaft, aber auch der Staedte im Hochland wichtig. Schon jetzt trocknen die Teiche, die La Paz versorgen, in der Trockenzeit fast aus. Der Chacaltaya-Gletscher ist bereits verschwunden. Wie soll das erst mit weiteren 1,5 Grad Erderwaermung werden, auf die sich die Vertragsstaaten in Paris als Zielvorgabe geeinigt haben!

Kann man mit dem Klimaabkommen von Paris also nicht zufrieden sein?

Das Abkommen ist ein starkes Signal. Fast alle Staaten haben versprochen, die CO2-Emissionen zu reduzieren, die Energieproduktion von Kohlenstoffen auf alternative Energien umzustellen. Es gibt vereinbarte Monitoringmechanismen. Der Klimafonds ist auch ein wichtiges Ergebnis. Leider wurden aber keine genauen Zielvorgaben fuer Verringerung der Emmissionen, Entwaldung oder finanziellen Beitraegen definiert. Gestaffelt nach jeweiliger Verantwortung und den Moeglichkeiten. Geschweige den die von Bolivien geforderte Einrichtung eines internationalen Umweltgerichtshofs. Doch anders als das Kyoto-Protokoll nimmt das Paris-Abkommen jetzt immerhin alle Staaten in die Pflicht.

Was bedeutet das fuer Bolivien?
Roxana CastellónFrueher wurde in Bolivien fast nur von Anpassung an den Klimawandel geredet, nicht von Minderung der Faktoren, die ihn verursachen. So, als gaebe es da keine eigene Verantwortung. Als muesse der Konsum immer Vorrang haben. Das betrifft nicht nur die Ober- und Mittelschichten. Selbst in Doerfern an Ueberlandstrassen, in denen es frueher nur Fahrraeder gab, haben manche Familien jetzt ein Auto. Und der Praesident sieht das als wichtigen Schritt aus der Armut.

Es hiess juengst in der Presse, Bolivien gehoere weltweit zu den 20 Staaten mit dem hoechsten CO2- Ausstoss pro Kopf, vor allem wegen der Waldbraende.

Ich habe dazu keine serioesen Daten gesehen. Nur die Staedte La Paz und Santa Cruz verfuegen ueber gesicherte Information. Aber wir wissen natuerlich, dass die bolivianische Wirtschaft vollkommen abhaengig ist von fossiler Energie, und dass die derzeitige Regierungspolitik auf Ausweitung der Ackerflaechen und die Ausbeutung von Rohstoffen ausgerichtet ist. Vor allem Erdoel- und Erdgas, selbst in Naturschutzgebieten. In der Erklaerung genueber der Paris-Konferenz hat sich die Regierung aber nur darauf verpflichtet, bis zum Jahr 2020 die illegale Entwaldung zu stoppen.

Mit einem einfachen Dekret wurden juengst illegale Abholzungen fuer grossflaechige Exportmonokulturen nachtraeglich legalisiert.

Genau, das Wort “illegal” oeffnet die Tueren zur Beliebigkeit. Bei seinem Besuch des des diesjaehrigen Alternativgipfels zu Klimawandel in Tiquipaya musste UN-Generalsekretaer Ban Ki-Moon die bolivianische Regierung draengen, eigene Verpflichtungen vorzulegen. Die wurden dann innerhalb weniger Tage erarbeitet. Das Abschlussdokument von Tiquipaya sprach auch nicht von gemeinsamer Verantwortung. Die bolivianische Regierung hat kein grosses Interesse daran, China oder Indien zu kritisieren oder in die Pflicht zu nehmen, auch wenn die heute fuer den Grossteil der CO2 Emissionen verantwortlich sind. Die Regierung verfolgt ja ein aehnliches Entwicklungsmodell.

Der Schutz der Mutter Erde hat es – vor allem auf Initiative von Bolivien – in die Praeambel des Pariser Abkommens geschafft. Eher ein symbolischer Erfolg. Die Rechte indigener Voelker, die vor allem vom Klimawandel betroffen sind, bleiben im Haupttext ungewoehnlich schwach. Hatten sie keine Fuersprecher?
Paris Sideevent

Genausowenig wie die Umweltfluechtlinge. Fuer beide fehlt es im Abkommen an operativen Umsetzungsvorschlaegen. Diese Gruppen finden vielleicht ausserhalb der Konferenz Gehoer, und moegen auch auf die Sympathien der Delegationsmitglieder stossen. Aber die Verhandlungen sind eine andere Sache. Die Delegation aus den USA mag 180 Mitglieder haben, die von Brasilien 48. Die teilen sich auf die unterschiedlichen Arbeitsgruppen auf. Sie sind fliessend mehrsprachig und koennen sich ganz auf ihr Spezialthema konzentrieren. Aber wenn aus Bolivien 18 Personen kommen, dann ist das schon viel. Sie muessen von einer zur naechsten Arbeitsgruppe wechseln und haeufig gibt es auch sprachliche Probleme. Da muesste die Uno ihre Regeln aendern.

Aber auch die bolivianische Regierung wird eher geschubst, als das sie proaktiv im Klimaschutz waere. Wo liegen reale Moeglichkeiten?

:Bei der Windenergie gibt es erste Ansaetze bei der Regierung. Mit den in den Tropen geplanten Grossstauseen zur Energiegewinnung aus Wasserkraft wird dagegen mehr Schaden angerichtet. Auf lokaler Ebene gibt es einige interessante Initiativen. Sowohl von NRO als auch den Gemeindeverwaltungen selbst. Sie warten nicht mehr darauf, dass die Grossversorger eine Stromleitung ins Dorf legen. Sie bewaessern mit Hilfe von Sonnenenergie ihre Felder, sorgen dafuer, dass Kinder abends bei Licht ihre Aufgaben machen oder sogar warm duschen koennen. Die Regierung sollte viel staerker einheimische Unternehmen im Solar- und Windenergiesektor foerdern.

Und die Konsumenten sollten sich organisieren und fuer mehr lokale Produktion und Verteilung von Guetern einsetzen. Auch das waere ein wichtiger Schritt. In Peru und Ecuador gibt es sehr aktive Gruppen in dieser Richtung. Dafuer, dass den Beschluessen von Paris Handlungen folgen, ist es noetig, moralischen Druck aufzubauen.

* Die Juristin Roxana Castellon ist Aktivistin von TierrActiva (Motto: “System- statt Klimawandel”), dem Netzwerk “Klimawandel und Gerechtigkeit” und war bis zum Jahresende Mitarbeiterin der agrooekologischen NRO AGRECOL

Titelfoto: Wassermangel am Poopo See (aus: La Razón)

Foto Paris: Draussen finden auch die Indigenen Gehoer –  Sidevent des Andenparlaments sowie der NRO terre des hommes-Deutschland, Biosfera, Foundation for the Rights of Future Generations und World Future Council zu traditioneller andiner Agarkultur als Antwort auf den Klimawandel und den Rechten kuenftiger Generationen.

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