Buchmesse-Highlight: Abstauben in Brasilien. Deutsche Konzerne im Zwielicht

abstaubenDer Journalist und Autor Christian Russau (o. l.) hat am Samstag auf der Frankfurter Buchmesse sein neues Werk Abstauben in Brasilien. Deutsche Konzerne im Zwielicht vorgestellt. Das Buch wird gemeinsam von der Rosa-Luxemburg-Stiftung und medico international herausgegeben und ist im Hamburger VSA-Verlag erschienen.

Im Gespräch mit Stefan Thimmel von der Rosa-Luxemburg-Stiftung legte Russau, u. a. Redakteur der Lateinamerika-Nachrichten, Mitglied des Latin@rama-Kollektivs und Vorstandsmitglied des Dachverbands Kritischen Aktionäre, die zentralen Aussagen der zehn Kapitel sein Buches dar. Dabei ging er den Fragen nach der Doppelmoral deutscher Konzerne nach, wenn beispielsweise BASF und Bayer in Brasilien Pestizide mit Wirkstoffen verkaufen, die in der EU verboten sind. „Nur weil diese Wirkstoffe in Brasilien noch nicht verboten sind, heißt das nicht, dass der Verkauf hochtoxischer Produkte legitim wäre, vor allem dann nicht, wenn diese Konzerne immer so gerne mit ihren weltweiten Standards werben“, kritisierte Russau.

1982 beispielsweise sei diese Doppelmoral klar zutage getreten, als Bayer werbewirksam in Deutschland zur Pressekonferenz rief, um großspurig das Ende der Dünnsäureverklappung zu vermelden – und es dem langjährigen Streiter und Aktivisten Axel Köhler-Schnura von der Coordination gegen Bayer-Gefahren auf eben dieser Pressekonferenz gelang, den Bayer-Vorstandsvorsitzenden bis aufs Hemd zu blamieren. Denn das vermeintliche Ende der Dünnsäureverklappung, das Bayer dort propagierte, war ja in Wirklichkeit gar nicht zu Ende – im Bayer-Werk von Belford Roxo bei Rio wurde munter weiterverklappt….

VW und die AHK-São Paulo stehen in der Pflicht

Christian Russau legt auch eine Analyse des aktuellen Stands der bundesstaatsanwaltlichen Ermittlungen in der Causa VW do Brasil und Kollaboration mit der brasilianischen Militärdiktatur (1964-1985) vor. Und verwies im Gespräch auf die nach wie vor dubiose Rolle des langjährigen Mitglieds des Prüfungsrats von Volkswagen do Brasil S.A., João Baptista Leopoldo Figueiredo. Dieser war – selbst nach Erkenntnissen der konservativen Tageszeitung O Globo  – an den Geldsammelaktionen zur Finanzierung der Repression der Militärdiktatur beteiligt gewesen.

Doch nicht nur VW muss die Rolle von  João Baptista Leopoldo Figueiredo aufklären, auch andere sieht Russau nun in der Verantwortung: Die Deutsch-Brasilianische Industrie- und Handelskammer São Paulo. Denn João Baptista Leopoldo Figueiredo war 19 Jahre lang Präsident der AHK São Paulo gewesen und wurde – so berichtet stolz die AHK São Paulo in ihren 100-Jahre-Publikationen noch heute – 1967 Ehrenmitglied der AHK São Paulo. „Es wäre also durchaus dringend an der Zeit, dass auch die AHK São Paulo endlich ihre eigne düstere Geschichte aufarbeitet,  sich zu dieser Verantwortung verhält und bei den Opfern der Militärdiktatur entschuldigt“, lautet Russaus Forderung.

Schließlich verwies er auch auf die Mitverantwortung der KonsumentInnen: „Mit jedem Schnitzel, über dessen billigen Preis wir Konsumenten uns freuen, tragen wir Mitverantwortung für verheerende soziale und Umweltkonsequenzen in Südamerika, wo dort das transgene Soja mit Pestiziden bespüht wird, damit das Sojamehl dann als Proteinersatz auch in deutschen Schweinemastanstalten verwendet werden kann.“

Auch die KäuferInnen von Autos sollten sich darüber im Klaren sein – und wenn sie es nicht sind, sollte sie bei den Händlern nachfragen, woher denn der Stahl für die Karrosserie herkäme und woher das Erz stamme, aus dem dieser Stahl hergestellt wurde. Denn in Ländern wie Brasilien gebe es noch immer viel zu viele Fälle von sklavenarbeitsähnlichen Zwangsverhältnissen, nicht selten in der Holzköhlerei, deren Kohle dann in Stahlwerken zur Erzverhüttung verwendet werde.

„Das Soft Law ist am Ende“

Nur selten zwar gelänge es, Konzerne in ihrem Handeln aufzuhalten, aber kleine, schrittweise Änderungen bei den Konzernen könne die stete Kritik auf den Aktionärsversammlungen, die Russau und seine KollegInnen von den Kritischen Aktionären und deren an die 30 Mitgliedsorganisationen jedes Jahr besuchen und dort Kritik in Rede und Gegenantrag üben, ab und an in die Wege leiten. So habe die Allianz auf die jahrelange Kritik reagiert und nun ihre sogenannten ESG-Kriterien (environmental, social and governance-Richtlinien) einer Überprüfung und Überarbeitung unterzogen, nachdem der 2015 aus dem Amt geschiedene Vorstandsvorsitzende Diekmann öffentlich in der Süddeutschen Zeitung Fehler bei der Selbstsicht auf ihr eigenes „nachhaltiges“ Unternehmen eingeräumt hatte: „Es ist wie so oft im Leben: Wenn man mit sich selbst zufrieden ist, kommt die Überraschung, dass alle anderen das nicht genauso sehen.“

Laut Diekmann sei die Allianz lange Zeit stolz gewesen auf ihre Haltung zur Klimapolitik, aber durch die Kritik von kritischen AktionärInnen und NGOs sei das Unternehmen dazu gebracht worden, seine Positionen zu überdenken. „Die erste spontane Reaktion auf unserer Seite war defensiv. Aber dann wurde uns schnell klar, dass wir trotz allen ehrlichen Bemühens vielleicht etwas zu opportunistisch unterwegs waren“ (Süddeutsche Zeitung, 22.4.2015). Das Ergebnis: Seit 2012 erfolge eine grundlegende Überarbeitung dieser ESG-Kriterien. Deren Veröffentlichung ist für dieses Jahr angekündigt.

Russau & friends sind gespannt. Denn sie werden diese neu überarbeiteten Kriterien genau analysieren, ob sie wirklich einen Durchbruch in sozialen und Umweltfragen mitsichbringen. „Der Weg ist land und steinig“, meinte  der Autor, aber es gebe keine Alternative zur Kritik. Und zum Drängen der NGOs auf die Politik, damit diese endlich in Deutschland ein Unternehmsstrafrecht und auf EU-  sowie auf UN-Ebene endlich verbindliche Gesetze zur Haftbarmachung von transnational agierenden Konzernen einführe. Denn, so Russau, „das Soft Law ist am Ende“.

Christian Russau, Abstauben in Brasilien. Deutsche Konzerne im Zwielicht, eine Veröffentlichung der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Kooperation mit medico international,  Hamburg 2016, 240 Seiten, € 16.80

Foto: Moritz Krawinkel

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