Nummer R342: Unterwegs im Preußen des Südens.

“Vortreten Nummer R342. Guten Tag. Was wollen Sie?” fragt der Mann im blau gestreiften Hemd hinter dem Schalter. Der Ton ist launig, die Augen auf ein Smartphone gerichtet. Whatsapp statt Blickkontakt.

“Ich will eigentlich gar nichts, aber Sie,“ entgegne ich. „Geld nämlich, damit ich morgen ausreisen kann.” Jetzt treffen sich unsere Blick doch noch. “Wie meinen Sie das?,” sagt der Polizist von der chilenischen Ausländerbehörde sichtlich irritiert, während er meinen Pass befingert. “Ach so, Strafzahlung für das abgelaufene Touristenvisum. Sagen Sie das doch gleich.” Ein Drucker beginnt zu schnurren, langsam, ganz langsam würgt er sich die passende Rechnung für „mein Fehlverhalten“ heraus.

“Mister, Mister. Nicht auf den Boden setzten, Aufstehen.“ Hinter mir bringt eine Frau mit Zopf und Seguridad-Aufnäher einem Mann aus Haiti lautstark die Hausordnung näher. Hunderte Augenpaare verfolgen die Szene, ein paar sitzend, die meisten dagegen seit Stunden stehend in der weiß gefliesten Schalterhalle. „Nein, auf den Mülleimer setzt man sich hier auch nicht,“ geht der Integrationskurs weiter. Niemand lacht, einige Anwesende schauen erschrocken, andere schnell zu Boden. Dann kehrt allmählich das Grundrauschen im Saal zurück. Neue Nummern werden aufgerufen. R343. R344.

Die meisten hier wollen nicht wie ich, schnellstens weg, sondern bleiben. „Chile hat sich klammheimlich zu einem attraktiven Einwanderungsland am Ende der Welt entwickelt,“ hat es neulich Don Pato auf den Punkt gebracht. Er, ein selfmade man vom Stadtrand Santiagos, mit kleinem Fuhrpark und Baumschule, beschäftige „inzwischen nur noch Haitianer. Die sind arbeitsamer und ehrlicher als Chilenen, wenn man sie wie ich gut behandelt.“ Und allen, denen es „in Santiago langsam zu schwarz oder zu bunt wird“, empfiehlt der selbsternannte unternehmerische Sozialarbeiter: „Die beste Art sie zu verstehen, ist mit ihnen Mittag zu essen.“

Die Ausländerbehörde hat diesen Vorschlag bisher nicht aufgegriffen. Viel dringender wäre es, zunächst statt drei wirklich alle zehn vorhandenen Schalter zu besetzen. Dann hätten heute mehr als 574 Rechnungen ausgestellt werden können. Dann hätte hier niemand Zeit, aus Langeweile einen Streit anzufangen. Es würden weniger Kinder angebrüllt – oder sich gegenseitig auf die Hände treten. Und auch die Polizeibeamten müssten sich wohl weniger Schimpftiraden anhören: „Was soll das heißen, morgen wiederkommen? Wisst ihr nicht, was mich die Fahrt hierher kostet? Ihr kapiert absolut gar nichts. Soviel Unfähigkeit. Nur Regeln und Verbote. Der reinste Polizeistaat“ – schreit eine Kubanerin um 15 Uhr die Beamten zusammen.

Polizeistaat. Vor zehn Jahren kam ich hier in Santiago genau zu dem selben Schluss. Damals war die Ausländerbehörde allerdings noch direkt auf einer Wache organisiert und nicht in einem rußgeschwärzten Bürohaus versteckt. Auch der Dresscode war ein anderer. Statt Poloshirt und Lederhalftern für Handys und Autoschlüssel trugen die Beamten Uniform und am Gürtel Pistolen. Auch der Altar für die „im Dienst gestorbenen Märtyrer“ aus der Pinochet-Ära ist verschwunden (oder zumindest nicht mehr öffentlich ausgestellt). Die Regeln sind dagegen die gleichen und sogar die Rechnungssumme (100 US$) ist identisch! Kurzum: im „Preußen des Südens“ wird heute ohne Pickelhaube gestempelt.

Am Ende schaffe ich den Visa-Parcours tatsächlich an einem Tag, bekomme – nachdem ich auf der Bank erneut eine Stunde Schlange gestanden habe, um mein Bußgeld zu begleichen – eine der begehrten F-Nummern. Diese berechtigen zum Anstehen für den finalen Stempel.

Aber noch ist es nicht so weit. In der Schalterhalle wird es langsam leer. Zeit für ein bisschen Lektüre. Revolution als dynamisches System. Der gesellschaftliche Sandhaufen müsse „reif sein, in einem kritischen Zustand, damit umfassende Umwälzungen entstehen können,“ sich kleine oder große Lawinen lösen. Nur blöd, wenn die Bilder nicht passen. Denn das hier ist kein Haufen, sondern eine riesige Sanduhr.

Durch diese rieselt gerade das vorletzte Körnchen. Ein adrett gekleideter Peruaner. Nützt ihm alles nichts, ihm fehlt ein Stempel. „Aber das ist doch nicht mein Fehler, den muss ihre Kollegin vergessen haben,“ echauffiert er sich. Inzwischen haben sich alle noch anwesenden Beamten an unserem Schalter eingefunden und hören zu. Ihre Gesichter, auf denen gerade noch „Feierabend“ geschrieben stand, verfallen in eine ernstere Kreuzverhörmimik. „Eine Kollegin? Wie hieß die denn? War die groß oder klein? Beschreiben Sie mal! Sollen wir eine Gegenüberstellung organisieren?“, bestürmen sie den Mann von allen Seiten. Der kommt dann doch lieber morgen wieder…

„Würden Sie sagen, dass das heute ein ganz normaler Arbeitstag war?,“ frage ich, als ich nach sieben Stunden die aufwendigste Quittung meines Lebens entgegennehme. „Ja, aber ich bin überrascht, wie schnell wir heute waren. Kam mir fast vor wie ein Donnerstag,“ antwortet eine Beamtin und schaut mich fest an: „Warum wollen Sie das wissen?“ Im Treppenhaus trennen sich unsere Wege.

1 Kommentar

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  1. Wenn man sich in Chile nicht an die gesellschaftlichen Misstände anpasst, kann das Leben hier teilweise doch auch sehr unterträglich sein. Lebe hier seit 1,5 Jahren und der Klassismus in der Gesellschaft, die Korruption, die Vetternwirtschaft, der Chauvinismus und der Rücksichtslose Umgang mit der Umwelt können einem schnell den Schaum vor den Mund treiben.
    Hier ist ein interessanter Beitrag einer in Ihr Land zurück gekehrten Chilenin. Ist leider nur auf Spanisch
    http://m.elmostrador.cl/noticias/opinion/2017/03/30/me-canse-de-chile/