Mehr als die Abwesenheit von Krieg: Friedenspalaver in Rosario

Von Jürgen Vogt, Rosario

León Giecos Stimme weht über das Monumento a la Bandera, das riesige Denkmal für die argentinische Flagge in Rosario: “Todo está guardado en la memoria, sueño de la vida y de la historia”. ‚Memoria‘ (Erinnerung) ist die inoffizielle Hymne der argentinischen Menschenrechtsbewegung.

Der Kontrast könnte größer kaum sein, hier das monumentale Bauwerk, darüber Leóns Stimme, begleitet von den 20.000 Mitsingenden vor der Bühne. Der Anlass: Vom 8. bis 10. Juni kamen fünf Friedensnobelpreisträger, um unter über Frieden und Gerechtigkeit zu debattieren. Unter dem Motto ‚VoyXLaPaz‘ hatte die Fundación para la Democracia Internacional das Treffen organisiert.

Auf der Bühne ist Shirin Ebadi, die erste Richterin im Iran, die vom Mullah-Regime vertrieben wurde. 2003 erhielt sie für ihren Kampf für die Rechte der Frauen und Kinder den Friedensnobelpreis. Óscar Arias, Costa Ricas ehemaliger Präsident, wurde 1987 für den nach ihm benannten Friedensplan für das vom Krieg zerrüttete Zentralamerika ausgezeichnet. Rigoberta Menchú aus Guatemala erhielt 1992 den Friedensnobelpreis für ihren Kampf für die Rechte der indigenen Völker. Lech Wałęsa, der frühere polnische Gewerkschaftsführer und Präsident, der 1983 für seinen Einsatz für freie Gewerkschaften und gegen Unterdrückung gewürdigt wurde. Und Adolfo Pérez Esquivel, der die Auszeichnung 1980 als Vertreter der argentinischen Menschenrechtsbewegung und seinen Kampf gegen die blutige Militärdiktatur erhielt.

Tags zuvor hatten die Fünf ihre Visionen von Frieden und Gerechtigkeit zur Debatte gestellt. Vor dem zumeist jugendlichen Publikum wirkten sie mitunter wie die fünf Weisen, die ihre Erfahrungen an ein aufmerksam zuhörendes Publikum weitergeben. „Wir sind Überlebende des Grauens, aber wir haben uns das Lachen nicht wegnehmen lassen,“ so Pérez Esquivel. Gerade heute, wo die Mauern wieder hochgezogen werden sollen, wie zwischen den USA und Mexiko, müsse wieder gelernt werden miteinander zu teilen, sonst werde es keine gerechte Gesellschaft geben.

Einig waren sich die Fünf, dass Friede mehr ist als nur die Abwesenheit von Krieg. Hunger, Armut, rassistische und sexuelle Unterdrückung, Unterernährung bei Kindern, Abwesenheit politischer Freiheit, Unterdrückung und Manipulation von Meinungen, mangelnde Gesundheitsversorgung sind nur einige Punkte auf ihrer Liste von Faktoren, die ein friedliches und gerechtes Zusammenleben verhindern.

Viel Aufmerksamkeit erhielt Shirin Ebadi, als sie die Formen der patriarchalen Unterdrückung von Frauen in den verschiedenen Regionen der Welt schilderte. Die Genitalverstümmelung bei afrikanischen Mädchen werde vor allem von den eigenen Müttern vorgenommen und so werde die patriarchale Unterdrückung fast verinnerlicht, so Ebadi. Ein Raunen ging durchs Publikum, als sie die Verstümmelung mit dem freiwilligen Einsetzen von Brustimplantaten gleichsetzte, einer Praxis, der gerade unter Argentiniens Frauen weit verbreitet ist.

So sehr Einigkeit bei den generellen Fragen herrschte, so uneins waren sich zwei der Nobelpreisträger bei der Einschätzung des aktuellen Konflikts in Venezuela. „Der Chavismus hat enorme Fortschritte bei der Überwindung von Armut, Hunger und Ungleichheit gebracht. Das hat den USA nie behagt, die immer Druck gegen die bolivarianische Politik gemacht haben,“ prangerte Adolfo Pérez Esquivel die mal offene, mal verdeckte immerwährende US-Einmischung an. Für Óscar Arias hingegen hat „der Chavismo viel Schaden unter der Bevölkerung angerichtet.“ Gegenwärtig gebe es kaum eine Regierung, die so „schädlich“ sei, wie die von Nicolás Maduro, „die Venezolaner werden einen hohen Preis bezahlen, wenn sie das Kapitel des Chavismo einmal beenden. Schon jetzt sind sie mit einer tiefen wirtschaftlichen und humanitären Krise konfrontiert.“

“Wenn es keinen Respekt vor der Würde der Völker gibt, ihrer Kulturen, ihrer Souveränität, wie soll es dann Demokratie geben?“ fragt Rigoberta Menchú. Als León Gieco und die 20.000 “Cinco siglos igual” singen, das Lied von der 500 Jahre anhaltenden Unterdrückung der indigenen Völker Lateinamerikas, fließen bei Rigoberta Menchú die Tränen. „Wir alle sind Teil der Völker,“ sagt Adolfo Pérez Esquivel, „der Friede wird uns nicht geschenkt, den Frieden müssen wir aufbauen.“

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