vonGerhard Dilger 03.02.2018

Latin@rama

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Von Jürgen Vogt

Am 4. Februar soll Ecuadors Bevölkerung bei einem Referendum, das sieben Fragen umfasst, auch über die Erdölförderung im Yasuní-Nationalpark abstimmen. Soll die unberührbare Zone im Nationalpark um „mindestens 50.000 Hektar“ erweitert und die Fläche, auf der eine Ölförderung im Nationalpark gegenwärtig erlaubt ist, auf 300 Hektar reduziert werden? Ecuadors neuer Präsident Lenín Moreno hatte im Wahlkampf versprochen, den Yasuní besser zu schützen und den dort lebenden indigenen Gemeinschaften mehr Mitsprache einzuräumen.

„Morenos Fragestellung ist nicht eindeutig,“ kritisiert Eduardo Pichilingue von der Umweltschutzgruppe YASunidos, die sich vor fünf Jahren für ein Referendum einsetzte. Damals lautete die Frage, ob die gesamten Ölvorkommen im Yasuní unter der Erde bleiben sollten. Damals wurde ein Referendum nach einem fadenscheinigen offiziellen Prüfungsverfahren abgelehnt. „Wir wissen nicht, wie viele Hektar letztlich gemeint sind und wo die genau sein sollen,“ sagt Pichilingue. Zudem werde bei einer Reduzierung der Förderfläche verschleiert, dass schon jetzt weit mehr als 300 Hektar Parkfläche von den Aktivitäten der Ölfirmen betroffen seien. Der Ausgang des Referendums werde an den Fördervorhaben von Petroamazonas im Nationalpark nichts ändern, so seine düstere Prognose.

Die Stimmberechtigten stehen denn auch vor vollendeten Tatsachen. Schon jetzt wird im Yasuní-Nationalpark nach Öl gebohrt. Im Januar wurde mit der Bohrung der ersten Förderquelle begonnen, teilte Ecuadors staatliche Ölgesellschaft Petroamazonas mit. Mit der neuerrichteten Plattform Tambococha-2 will Petroamazonas die in 1.800 Meter Tiefe vermutete Lagerstätte mit einer Menge von 287 Millionen Fass Öl anzapfen. Im Februar soll mit der Förderung der ersten Barrel begonnen werden.

Der Yasuní ist eines der artenreichsten Gebiete der Erde. Knapp über 1 Million Hektar davon sind seit 1979 Nationalpark und wurde 1989 von der Unesco zum Biosphärenreservat erklärt. Von denen sind 700.000 Hektar als unberührbare Zone ausgewiesen. Unzählige Pflanzen- und Baumarten sowie vor allem Amphibien, Frösche, Kröten und Schlangen machen den biologischen Reichtum aus. Auch indigene Gemeinschaften leben hier, die kaum Kontakt zur Außenwelt haben.

Nach den neuesten Schätzungen werden die Ölvorkommen im ecuadorianischen Teil der Yasuní auf eine Menge von 1,67 Milliarden Fass Öl veranschlagt. Die Region ist in Blöcke unterteilt, für die nationale und internationale Ölfirmen die Förderkonzessionen besitzen. Tambococha-2 liegt im Block ITT. Die Abkürzung steht für die Ölfelder Ishpingo, Tambococha und Tiputini.

2007 hatte der damalige Präsident Rafael Correa die sogenannte Yasuní-ITT-Initiative ausgerufen. Sie sah vor, die damals vermuteten Ölreserven von 846 Millionen Fass unangetastet im Boden zu lassen. Damit sollten die Gefahren für die Umwelt durch die Förderung ausgeschlossen und gleichzeitig künftige CO2-Emissionen vermieden werden. Dafür war vorgesehen, dass die internationale Gemeinschaft 3,6 Milliarden US-Dollar in einen Kompensationsfonds der Vereinten Nationen einzahlt. 2008 unterstützte der Bundestag das Projekt fraktionsübergreifend, doch der spätere Entwicklungsminister Dirk Niebel (FDP) torpedierte es mit allen Kräften.

Im August 2013 erklärte Correa die ITT-Initiative für beendet. Nur ein Bruchteil des Geldes sei zusammengekommen. Wenig später stimmte das Parlament einer Ausbeutung auf einer Fläche von 1.030 Hektar zu und machte damit den Weg für die Bohrungen im Park frei. 2016 begann Petroamazonas mit der Förderung im Ölfeld Tiputini und förderte im vergangenen Jahr täglich 43.000 Fass. Zwar liegt die Plattform Tiputini ebenfalls im Block ITT, aber 1.500 Meter außerhalb des Nationalparks.

Tambococha-2 liegt dagegen im Yasuní Nationalpark. In den kommenden Monaten will Petroamazonas vier weitere Plattformen aufbauen, die ebenfalls auf dem Gebiet des Nationalparks liegen. Zwar versichert der Staatskonzern für die Förderanlagen so wenig wie möglich Terrain zu roden, umweltgerechte Zufahrtswege zu bauen, sowie Brücken für eine ungehinderte Wanderung der Fauna einzurichten.

Die Erfahrungen der Vergangenheit zeigen jedoch, dass allein der Bau der Zufahrtsstraßen und das stetige Pendeln der dort arbeitenden Personen, sowie der Bau der 12 kilometerlangen Pipeline zum Abtransport Öl, das Ökosystem Yasuní erheblich belasten werden. Illegales Abholzen und Jagen sowie das Siedeln entlang der Straßen sind die Folge.

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