vonGerhard Dilger 27.08.2018

Latin@rama

Politik & Kultur, Cumbia & Macumba, Evo & Evita: Das Latin@rama-Kollektiv bringt Aktuelles, Abseitiges, Amüsantes und Alarmierendes aus Amerika.

Mehr über diesen Blog

Latin@rama: Sandra, neulich warst Du auf Recherche in Nicaragua und wurdest angegriffen. Was genau ist da passiert?

Sandra Weiss: Ich habe zur Besetzung einer Maracujaplantage eines schweizer-nicaraguanischen Joint Venture recherchiert und wollte erfahren, wer und was genau dahinter steckt. Nach Interviews mit dem Bauernverband und mit einem Vertreter der Firma Chimaco bin ich mit einem Taxi auf die Plantage nach Chinandega gefahren und wollte dort die Besetzer interviewen.

Noch bevor ich auf dem Gelände war, wurde unser Taxi von bewaffneten Vermummten angehalten. Sie schossen in die Luft, zielten dann auf uns, und befahlen uns auszusteigen. Ich habe versucht zu erklären, dass ich für eine Schweizer Publikation arbeite, Journalistin bin und gerne erfahren würde, warum sie die Plantage besetzt hatten. Sie brüllten mich nieder, hier würde niemand was sagen, und das hier sei verbotenes Gelände, wo niemand Zutritt habe. Daraufhin kam eine ebenfalls vermummte Frau, die offenbar die Anführerin war und die ganze Zeit über mit jemand per Handy telefonierte und besprach, wie sie weiter mit uns vorgehen solle. Sie, haben uns und das Auto durchsucht, besonders intensiv nach Waffen und Kameras. Sie haben alles beschlagnahmt, was wir dabei hatten, Papiere, Kamera, mein Notizbuch, Aufnahmegerät, Handy, Bargeld, Kreditkarte, Journalistenausweis.

Sie müssten das jetzt prüfen, sagte die Frau, und wir würden es anschließend wieder bekommen. Das dauerte ungefähr eine Stunde. Die Vermummten eskortierten uns dann mit vorgehaltenen Waffen zurück zur Hauptstraße, und drohten, beim kleinsten Verdacht auf uns zu schießen. Am Schluss schossen sie nochmal in die Luft. Nach einer Stunde warten am Straßenrand kamen zwei Vermummte auf einem Motorrad und gaben dem Taxifahrer seine Papiere zurück. Ich bekam nichts, weil ich „Putschistin“ sei, sagten sie mir.

Wer, meinst Du, steckte wohl dahinter?

Ich habe den Verdacht, dass die Paramilitärs von staatlichen Stellen koordiniert wurden. Es ist ja bekannt, dass Präsident Daniel Ortega Paramilitärs und Polizei auf seine Kritiker hetzt und dabei auch nicht vor Journalisten oder der Kirche halt macht. Drei Anhaltspunkte habe ich für meine Theorie: Kurz bevor wir auf die Einfahrt auf die Plantage einbogen, fuhr dort eine Polizeistreife vorbei. Die Polizisten müssen die Schüsse gehört haben und wissen, was auf der Plantage vor sich geht, sind aber nie aufgetaucht.

Zum zweiten war das Verhalten der Chefin sehr professionell, weshalb ich glaube, dass sie eine Polizistin war. Sie hat mir zum Beispiel erklärt, dass sie mich abtasten dürfe, weil sie eine Frau sei. Normale Banditen würden sich wohl kaum um solche Details scheren. Und zum dritten haben sie meine Kreditkarte geplündert, noch bevor ich wieder in Managua war und sie canceln konnte. Sie haben für 2000 US-Dollar einen ganzen Tanklastzug oder eine Autoflotte aufgetankt, und zwar beim staatlichen Erdölunternehmen Petronic, das die Ölimporte aus Venezuela verwaltet und Strohmännern der Familie Ortega gehört.

Hast Du, nachdem Dein Fall international bekannt geworden ist, Solidarität erfahren?

Ja, eine ganze Menge, von Organisationen wie Reporter ohne Grenzen, CPJ, Freischreiber, Fundamedios oder auch vom Berichterstatter für Pressefreiheit der Interamerikanischen Menschenrechtskommission, Edison Lanza, der meinen Fall sogar getwittert hat. Und in Nicaragua war die Solidarität immens, von Menschenrechtsorganisationen oder ganz normalen Bürgern, die mir in der Notlage geholfen haben und die entsetzt sind über die Repression des Ortega-Regimes.

Was wäre Deiner Meinung nach noch notwendig?

Unerfreulich ist die Auseinandersetzung mit der Bürokratie, also mit Versicherungen und der Bank, um den Schaden erstattet zu bekommen. Da habe ich erfahren, was revictimización bedeutet, also, wenn man Opfer ist, aber für das erlittene Leid verantwortlich gemacht wird. Das ist eine sehr schmerzvolle Erfahrung, und ich denke, dafür müssen Funktionäre mehr sensibilisiert werden.

Zum zweiten zeigt mein Fall, wie wenig abgesichert wir freie Journalisten sind, obwohl wir heutzutage einen Großteil der Informationen liefern, zum Teil auch unter sehr gefährlichen Bedingungen. Das ist ein klarer Appell an das Gremium der Zeitungsverleger, die sich nicht so einfach aus der Verantwortung stehlen dürfen mit einem „Wir hoffen, dass Sie sich bald vom Schock erholen“, wie etwa ein Kunde in einer Mail an mich schrieb.

Zum dritten würde ich mir auch eine klare Stellungnahme der Bundesregierung wünschen, so etwa wie sie das US-Außenministerium sofort im Fall des Kollegen der Washington Post abgegeben hat. Die Zeiten für Reporter werden weltweit schwieriger, und zu unserem Schutz ist es wichtig, die volle Unterstützung der Regierung zu haben. Damit meine ich nicht die Botschaft, die ich informiert habe, und die mir mit Rat und Bescheinigungen zur Seite stand. Sondern ich meine eine Protestnote oder eine klare politische Stellungnahme der deutschen Regierung in diesem Fall an die Adresse der nicaraguanischen Regierung.

Es gab ja seit dem Beginn der Protestwelle gegen die Regierung Ortega im April eine ganze Reihe von Attacken auf die Pressefreiheit in Nicaragua …

Schon ganz zu Anfang wurde in Bluefields der Kollege Angel Gahona bei einer Live-Übertragung erschossen. Polizei und Regierung behaupteten, das seien „Putschisten“ gewesen. Augenzeugen, Kollegen und die Familie widersprachen und machten die Polizei und sandinistische Schlägertruppen verantwortlich. Seither werden sie von der Polizei verfolgt und belästigt. Eine Kollegin musste daraufhin ins Exil.

Kollegen von BBC und Washington Post coverten im Juli die Offensive der Regierung gegen die Studenten, die sich in der UNAN-Universität verbarrikadiert hatten und die vor dem Kugelhagel in eine nahgelegene Kirche flüchteten. Die Journalisten waren mit dabei, als die Paramilitärs einen ganzen Nachmittag und eine Nacht lang die Kirche beschossen und versuchten, sie anzuzünden. Die Regierung hat nie eingegriffen, und erst am nächsten Tag erreichte die Kirche, dass die Kirche evakuiert werden konnte.

Angriffe auf Journalisten sind an der Tagesordnung, sie werden eingeschüchtert, verprügelt, ihre Kameras gestohlen. Der Geschäftsführer von Kanal 10 musste sich vorige Woche in die honduranische Botschaft flüchten, weil die Regierung ihn der Geldwäsche verdächtigt. Hauptsächlich geht es aber darum, die kritische Berichterstattung zu unterbinden. Die Regierung hat vorige Woche einen Emissär in den Sender entsandt und versucht, das Kommando über die Nachrichtenredaktion zu übernehmen.

Du wohnst in Mexiko. Laut Reporter ohne Grenzen ist das Land das Schlusslicht im Pressefreiheits-Ranking Lateinamerika, allein 2017 wurden elf Journalist*innen ermordet. Woran liegt das?

Am fehlenden Rechtsstaat und der Korruption staatlicher Stellen. In Mexiko enden nicht einmal fünf von 100 Straftaten in einer Verurteilung. Das gilt für alle Einwohner, aber besonders exponiert sind Berufsgruppen, die sich um Transparenz und Gerechtigkeit bemühen oder politisch engagieren wie Menschenrechtler, Umweltaktivisten oder auch Journalisten.

Hast Du selbst dort auch kritische Situationen erlebt? Wie unterscheidet sich die Situation in Mexiko von der in Honduras, Nicaragua oder Venezuela?

Nicaragua war bis vor der Krise ein sicheres Land. Dort eskaliert die Situation, weil die Regierung sich trotz ihres Legitimitätsverlustes mit aller Gewalt an die Macht klammert und dafür die Bevölkerung brutal unterdrückt. In Venezuela ist es so ähnlich, wobei Venezuela auch schon früher ein Land mit einer recht hohen Kriminalitätsrate war, dort ist der Bruch also nicht ganz so krass.

Honduras, Mexiko oder Guatemala sind Staaten, in denen Politik und Mafia miteinander verflochten sind und eine Menge finstere Geschäfte in einer Grauzone stattfinden. Dort wird es gefährlich, sobald man sich in diese Grauzone vorwagt. Mir wurde in Mexiko bei einer Recherche in Michoacán über einen Boten mitgeteilt, man könne für meine Sicherheit nicht länger garantieren. Das war ein klarer Warnschuss, worauf ich meine Sachen gepackt habe und gegangen bin. Andere Kollegen, zum Beispiel ein deutscher Fotograf, wurden aber auch schon von Drogenkartellen bedroht und ausgeraubt.

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/latinorama/2018/08/27/zeitungsverleger-stehlen-sich-aus-der-verantwortung/

aktuell auf taz.de

kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.