vonPeter Strack 23.12.2018

Latin@rama

Politik & Kultur, Cumbia & Macumba, Evo & Evita: Das Latin@rama-Kollektiv bringt Aktuelles, Abseitiges, Amüsantes und Alarmierendes aus Amerika.

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„Das Schlimmste an den Wünschen…“, ist der Titel eines neuen bolivianischen Spielfilms. Und in dem tummeln sich mafiöse Lobbyisten und Schmuggler, intrigante Gewerkschafter, Opportunisten und Nutznießer schmutziger Geschäfte. Definitiv kein Weihnachtsfilm: Reihenweise werden Taxifahrer ermordet, die sich eher ahnungslos als aufrichtig den Machenschaften in ihrer Interessenorganisation entgegenstellen. Ihre Witwen werden von den Drahtziehern, die sich eigentlich nur für die Nachfolge in der Gewerkschaftsführung interessieren, mit Särgen und warmen Worten abgespeist. Die Frauen rächen sich am Ende mit brutaler Lynchjustiz unter Führung der Händlerin Margot. Diese städtische Aymara, überzeugend gespielt von der populären sonst fröhlichen Fernsehmoderation der „Tribuna Libre del Pueblo“ Inés Quispe, erreicht am Ende ihr Ziel, für das so viele Menschen im Film sterben mussten oder gefoltert wurden: Eine Steueramnestie für ihre geschmuggelte Ware.

Auch wenn hier mal eine Frau als Drahtzieherin und Siegerin da steht: Ihr Mann endet zwischen Fleischkeulen erhängt im Schlachthaus, und ihr größter Wunsch, ein Kind zu bekommen, für den sie nicht nur auf andine Heiler, sondern auch auf Entführung zurückgreift, bleibt unerfüllt. Auch für sie alles andere als ein Happy End. Und neben dem Abgesang auf das moralische Potential der indigenen Kulturen, eine der “großen Erzählungen“, die den politischen Aufstieg von Evo Morales begleitet haben, soll anscheinend auch gleich die Hoffnung darauf zerstört werden, dass die Verhältnisse sich ändern, wenn Frauen das Zepter übernehmen. Was der Autor beim Schreiben des Drehbuchs nicht wissen konnte: Die einzige Frau, die derzeit für die Nachfolge von Evo Morales in der Präsidentschaft kandidiert, hat ihren politischen Aufstieg im Milieu der Händlerinnen und Transportgewerkschaften erlebt.

Ungewöhnlich für bolivianische Produktionen, wird der Film, der auf jegliche positive Botschaft verzichtet, seit Wochen in kommerziellen Kinos gezeigt. Und wahrscheinlich nicht so sehr wegen der hervorragenden Kameraführung. Zahlreiche Detaillaufnahmen und Perspektivwechsel, aber auch Panoramaeinstellungen des nächtlichen El Alto und La Paz beeindrucken. Vielleicht eher, wie ein Freund mir erklärte, der sich auch bei Netflix bewegt, weil solche brutalen und hoffnungsfreien, an die Tradition des film noir anknüpfenden Streifen derzeit international wieder in Mode seien. Aber am wahrscheinlichsten ist, dass der Film bei aller Übertreibung den bolivianischen Zeitgeist zu treffen scheint: Menschen, die desillusioniert sind, weil zumindest das „Lüge nicht!“ und „Stehle nicht!“ des andinen Ama Suya, Ama Llulla, Ama Quella keine Bedeutung mehr zu haben scheint. Denn emsig und fleißig zumindest sind sie fast alle, nicht nur im Film.

Präsident Evo Morales Wunsch ist es derzeit, entgegen seinen eigenen wiederholten Versprechen in der Vergangenheit, seine Präsidentschaft bis wenigstens zum Jahr 2025 zu verlängern. Das Volk wolle das so, sagt er, obwohl dies eine Verfassungsänderung für eine erneute Kandidatur an einem 21. Februar mit knapper Mehrheit abgelehnt hatte. In jüngsten Umfragen sprechen sich inzwischen zwei Drittel der Bevölkerung gegen eine erneute Kandidatur aus. Damals hatte er angekündigt, das Ergebnis des Referendum zu respektieren. Er werde schließlich keinen Putsch organisieren. Anstelle werden jedoch massiv öffentliche Mittel für Wahlpropaganda missbraucht. Dissidente Verfassungsrichter wurden vom Parlament des Amtes enthoben. Es wurde ein Menschenrecht auf unbegrenzte Kandidatur erfunden. Verfassungstreue Mitglieder des Wahlgerichtshofs wurden aus dem Amt gedrängt und die Nachfolger mit Verfahren bedroht, sollten sie eine erneute Kandidatur von Morales untersagen. Schließlich wurde ein neues Parteiengesetz verabschiedet. Es schafft eine widersprüchliche Rechtslage und bremst die entstehenden neuen politischen Bewegungen außerhalb der herkömmlichen Parteien, die von einer Mehrheit der Bevölkerung abgelehnt werden. Alvaro García Linera gab freimütig zu, dass es Ziel gewesen sei, den Wahlkampf vorzuziehen. Die möglichen Kandidaten der Opposition sollten aus der
Deckung kommen, um sie dann besser attackieren zu können. Die offizielle Begründung, man wolle die innerparteiliche Demokratie fördern, wurde schon dadurch ad absurdum geführt, dass die Regierungspartei schnell klar machte, bei ihr gebe es nur eine einzige Kandidatur: Morales und Garcia Linera. Und ein früherer Sprecher des Dachverbandes der indigenen Hochlandgemeinden, der „versehentlich“ in der Mitgliedsliste der MAS registriert war und die Gelegenheit nutzte, um die Kandidatur von Morales als verfassungswidrig anzufechten und stattdessen seine eigene Kandidatur für die Regierungspartei anzumelden, wurde umgehend ausgeschlossen.

Er kandidiere eigentlich gegen seinen Willen, hatte Alvaro García Linera verlauten lassen. Denn er müsse verhindern, dass ungeeignete Personen die Regierung übernehmen. Viel lieber wolle er wieder forschen und lehren. Unklar blieb, warum unter den fast eine Million zählenden Mitgliedern der MAS nicht irgendjemand zu finden sei, der oder die für die Lenkung der Staatsgeschäfte in Frage kommt. Doch das Schlimmste an den Wünschen, heißt es gleich zu Beginn im erwähnten Spielfilm des Regisseurs Claudio Araya aus dem Off, sei die Möglichkeit, dass sie sich erfüllen könnten.

Wenn der derzeit aussichtsreichste Kandidat der Opposition gewählt würde und dann seine Versprechen einhalten würde, dann käme das der Evo Morales und seiner MAS durchaus zu gute: Eine Rückkehr zu rechtsstaatlichen Verhältnissen mit Gewaltenteilung. Von der Regierung unabhängige Richter könnten bei zu erwartenden Korruptionsanklagen hilfreich sein. Und die Verwirklichung der in der Verfassung vereinbarten Dezentralisierung würde es den lokalen oder Regionalregierungen, die bei den Lokal- und Regionalwahlen unter Führung der MAS bleiben oder kommen würden, erlauben, ihrer Rolle als Autoritäten gerechter zu werden und nicht vom guten Willen des Präsidenten abhängig zu sein.

Wie ernst es den Oppositionsparteien mit der Rückkehr zu rechtsstaatlichen Verhältnissen, mit der Dezentralisierung, der Stärkung der Bürgerbeteiligung und der Abkehr von einem auf der Ausbeutung der Natur basierenden staatszentrierten, extraktiven Wirtschaftsmodell ist, wird sich zeigen müssen. Ebenso, wie soziale Errungenschaften, insbesondere die populären Transferzahlungen aufrecht erhalten werden können, wenn die Regierung schon jetzt und ohne Rücksicht auf die Natur, ein steigendes Haushalsdefizit verzeichnet und auf immer höhere Staatsverschuldung zurückgreift.

Neoliberal und gegen die indigene Bevölkerung gerichtet, wie die MAS-Regierung behauptet, sind die durch das Parteiengesetz notgedrungen schnell zusammengezimmerten Wahlprogramme der Oppositionsparteien dadurch aber noch nicht. Der Aymara-Intelektuelle und ehemalige Bildungsminister unter Evo Morales Felix Patzi verspricht vielmehr Kommunitarismus und: Dass er mit Morales´ ursprünglichem Programm des sozialen, kulturellen und politischen Wandels endlich ernst machen werde. Und die eher konservativ-sozialdemokratische Unidad Demócrata unterscheidet sich in ihrer praktischen Politik in Santa Cruz, wo sie an der Regierung ist, wenig von den Regionalregierungen unter Führung der MAS. Ihr Vizepräsidentschaftskandidat ist auch kein Neoliberaler oder Aristokrat, sondern ein Quechua aus dem Norden von Potosí. Er war als Dorfautorität nicht nur am Aufbau des Rats der indigenen Markas und Ayllus des Qollasuyu, sondern auch an der Gründung der bolivianischen Landlosenbewegung und einer Regionalpartei beteiligt. Die war schon in früheren Jahren von der Landbevölkerung in vielen Gemeinden den Kandidaten der MAS vorgezogen worden.

Sicher, es ist höchst bedenklich, wenn jüngst in der wohlhabenderen Zone von Obrajes in La Paz wieder ein Graffiti „Indio raus“ auftaucht. Aber Schwarz-Weiss-Malerei mag zwar wahlstrategisch zur Polarisierung und dazu beitragen, dass enttäuschte frühere Wähler zurückkehren. Und Schwarzmalerei mag den Verkauf von Kinokarten steigern, wenn gerade Zorn und Wut statt Hoffnung Konjunktur hat. Sie entsprechen aber nicht dem aktuellen breitgefächerten politischen Spektrum von Parteien und Akionsgruppen. Ganz zu schweigen von den vielen Menschen, die sich unabhängig vom Parteienstreit an vielen Orten für die praktische Lösung sozialer, wirtschaftlicher und Umweltprobleme engagieren und auf die Chance hoffen, bei den Regierenden wieder mehr Gehör zu finden.

Und damit das Ganze dann doch noch etwas weihnachtlicher wird: Es wäre nicht das Schlimmste, wenn es ihre und die guten Wünsche sind, die in Erfüllung gehen mögen.

 

Fotos: Caracollo (Symbolfoto Titel), Ines Quispe im Film (Foto: La Razón), Filmszene (Homepage Lo peor de lo deseos), Demonstrationsgruppe des FRI: Nach der Verabschiedung des Parteiengesetzes hat die kleine Partei sich Carlos Mesa sowie Bürgerinitiativen als Wahlplattform angeboten,  Gruppe des autonomen CONAMAQ bei einer Demonstration gegen die erneute Kandidatur von Evo Morales. 

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