Unter kultur- und sozialwissenschaftlichen Gesichtspunkten erscheint das Konzert Paul McCartneys am Sonntag, dem 7. November 2010, im südbrasilianischen Porto Alegre auf den ersten Blick unergiebig. Allerdings bat der 68-jährige Ex-Beatle gegen Ende seines fast dreistündigen, gewohnt professionellen, aber dennoch rundum begeisternden Auftritts im fast ausverkauften Beira-Rio-Stadion zwei seiner jungen weiblichen Fans auf die Bühne. Auf einem großen Plakat hatten sie ihn um ein Autogramm auf den Arm gebeten, das sie sich anschließend eintätowieren lassen wollten.
Wie sich in der kurzen Unterhaltung mit McCartney herausstellte, kamen die beiden Mädchen aus Porto Alegre und Florianópolis. Letzteres löste in dem mit einem ausgeprägten Regionalstolz ausgestatteten Publikum, das der Rockmusiker zuvor mit fast akzentfrei vorgetragenen Redewendungen wie “ah, eu sou gaúcho (“Ah, ich bin Gaúcho” – also Einwohner des Bundesstaates Rio Grande do Sul) umschmeichelt hatte, Pfiffe aus, worauf McCartney erstaunt fragte: “What’s wrong with Florianópolis?”, um sogleich hinzuzufügen: “I’m from Liverpool.”
Chiles Rockfans sind ganz aus dem Häuschen: Faith No More, zurzeit auf Reunion-Tournee, haben angekündigt, Ende Oktober in Santiago aufzutreten. Das letzte Mal im Jahr 1995 ist mit einer kaum zu überbietenden Skurrilität in die chilenische Konzert-Geschichte eingegangen: Damals kamen die völlig euphorisierten Fans in den ersten Reihen auf die schräge Idee, Sänger Mike Patton, wenn sie ihn denn schon nicht anfassen konnten, wenigstens anzuspucken. Pattons souveräne Reaktion: Er spuckte zurück und forderte das Publikum zudem auf, in seinen geöffneten Mund zu zielen. Eine krasse Geschmacklosigkeit, an die man sich in Chile noch heute gerne erinnert.
Am Freitag sollte Zé Ramalho in Porto Alegre sein neues Album vorstellen.
Tatsächlich verbindet den 59-jährigen Kultbarden aus dem nordöstlichen Bundesstaat Paraíba schon lange einiges mit Mr. Zimmerman aus Minnesota – vor allem die kreative Überführung der jeweiligen “Volks”musiktraditionen in die Moderne.
Im Konzert ging Ramalho leider voll und ganz auf die Erwartungen der meisten Fans ein. Er geizte mit Dylansongs und spielte lieber seine eigenen Klassiker – und die auch noch in gediegenen, aber nur allzu bekannten Arrangements.
P. S. Zé Ramalho ist schon lange Dylanfan, wie diese Aufnahme aus den Siebzigerjahren zeigt:
*Tá tudo mudando heißt wörtlich “Alles ändert sich”. Der gleichnamige Titelsong ist allerdings nicht eine Version von The times they are a-changin’ (1963),… weiter lesen
Frank Zappa and the Mothers Were at the best place around But some stupid with a flare gun Burned the place to the ground
Hätte ich auch nicht gedacht, dass ich eine Band, deren bis heute populärster Song erschien, als ich drei war, noch live zu Gesicht bekomme – sechsunddreißig Jahre später und immerhin in Drei-Fünftel-Originalbesetzung. Deep-Purple-Sänger Ian Gillan war aber auch ziemlich hinfällig und musste ständig nebens Mikro husten. Zudem verschwand er alle paar Minuten hinter die Bühne, um sich dort irgendwelche illegalen Substanzen, vielleicht aber auch nur einen Stoß Asthmaspray zu verpassen. Die restlichen Musiker rissen’s raus, mit richtig gut abgerocktem Rock, ebenso kreischenden wie virtuosen Soli und extrem routiniertem Timing. Aber das darf man nach vierzig Jahren Bandgeschichte ja auch erwarten.
Natürlich hätte ich in den vergangenen 20 Jahren in beliebig viele Deep-Purple-Konzerte gehen können, wenn ich gewollt hätte… weiter lesen
“Dieser Tage erleben wir eine große Aufregung, Schwestern und Brüder, weil diese Frau zu Besuch kommt, die mit unglaublicher Dreistigkeit eine verrückte Begeisterung entfacht und unzüchtige, unreine Gedanken weckt. Aber die Unreinheit ist eine Kränkung Gottes und ein Schandfleck auf unserem Herzen.” So weit der bereits im vorangegangenen Post zitierte Kardinal Jorge Medina. Mit “dieser Frau” meint er natürlich Madonna, und seine Analyse stimmt insofern, als die Begeisterung für die reina del pop in Chile tatsächlich keine Grenzen kennt.
Aus den entferntesten Winkeln des langen Landes sind ihre Verehrer angereist, manche haben laut Presseberichten ihren Job dafür geschmissen, andere kampierten schon vor dem Eingang des Nationalstadions, als die Sängerin sich noch in Buenos Aires von ihren dortigen vier Sticky-&-Sweet-Auftritten erholte. Hier eine hübsche Bildergalerie der eingefleischten Fans.
In allen möglichen Internetforen wird nun über das gestrige erste von zwei
Wie man liest, kamen Madonnas Fans beim “Sticky&Sweet”-Konzert im Berliner Olympiastadion nicht recht in die Gänge, mehr noch, ein Viertel der 75.000 Plätze soll leer geblieben sein. Mit einem derart kühlen Empfang für die 50-jährige Entertainerin ist in Santiago nicht zu rechnen. Ganz im Gegenteil, alle wollen am 10. Dezember ins Estadio Nacional, alle sind aufgekratzt und durch den Wind, denn es ist das erste und vermutlich letzte Mal, dass la reina del pop ein Konzert in Chile gibt.
Natürlich können nicht alle ins Stadion. Und über die Frage, wie die Veranstalter das Publikum aussieben, ist ein erbitterter Streit ausgebrochen. Sicher, allein die Ticketpreise zwischen 35 und 250 Euro garantieren, dass nur ein Bruchteil der Interessenten reelle Chancen hat, in Sichtweite der der Pop-Göttin zu gelangen. Andererseits geben eingefleischte Fans, wenn’s denn sein muss, auch ein Monatsgehalt für die Eintrittskarte aus. Am demokratischsten wäre in… weiter lesen