28.09.2011 von Gerhard Dilger
Ausriss aus dem heutigen Estado de São Paulo, der brasilianischen FAZ:

“Papa Lula”, haben die Demonstranten in La Paz Evo Morales in den Mund gelegt, “solange ich an der Regierung bin, gewinnt Brasilien”.
Und hier eine Analyse des Democracy Center aus Cochabamba.
08.08.2011 von Gerhard Dilger
Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich’s gänzlich ungeniert – nach diesem Motto handeln die meisten brasilianischen Parlamentarier seit jeher. Als Oppositionspolitiker sah Luiz Inácio Lula da Silva 1993 im Kongress von Brasília eine Mehrheit, die “nur ihre eigenen Interessen verteidigt”. Daran hat sich wenig geändert. So pflegt man sich nach Wahlen saftige Gehaltserhöhungen zu genehmigen. Im Dezember 2010 stockten die Kongressmitglieder ihre Diäten um 62 Prozent auf, Regionalabgeordnete und Stadträte im ganzen Land zogen nach.
Das Landesparlament in Porto Alegre beschloss mit 36 zu 11 Stimmen gleich eine Erhöhung um 73 Prozent auf gut 20.000 Reais, das sind um die 8.750 Euro und ein Vielfaches dessen, was beispielsweise Lehrer verdienen. Der gesetzliche Mindestlohn liegt sogar bei nur 265 Euro.
Flugs komponierte Tonho Crocco, ehedem Frontmann der Politrocker Ultramen, einen flotten Protest-Rap mit dem Titel “Gangue da Matriz”. Die Liste der namentlich genannten 36 Ja-Stimmer, “Kapitalisten und… weiter lesen
30.07.2011 von Gerhard Dilger
Brasiliens Fußballfans proben den Aufstand, denn allzu schamlos geht es im Vorfeld der WM 2014 zu. Der geballte Unmut über soziale Verwerfungen, die Milliardengeschäfte von Baufirmen, die Bevormundung durch den Mediengiganten Globo und die Willfährigkeit der Politik konzentriert sich dabei auf einen Mann: Ricardo Teixeira, den skandalumwitterten Chef des nationalen WM-Organisationskomitees; den brasilianischen Fußballverband CBF leitet er seit 1989.
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Während der heutigen Auslosung der Gruppen für die WM-Qualifikation in Rio finden gleich mehrere Proteste statt. 20 Basisorganisationen prangern die Zwangsumsiedlungen tausender Familien allein in Rio an. Das Umfeld der Stadien, Stadtzentren und Zufahrtswege soll aber auch in den anderen elf Austragungsorten von armen Brasilianern “gesäubert” werden. Gegen Teixeira wird freilich gesondert demonstriert.
Seit letzter Woche läuft die Internetkampagne Raus mit Ricardo Teixeira auf Hochtouren. Auf Twitter gehört das Thema zu den brasilianischen Topthemen. Als die Macher des sozialen Netzwerks das entsprechende… weiter lesen
09.02.2011 von Gerhard Dilger
“Eine andere Welt ist möglich? – Kampf um Amazonien” – so heißt der Dokumentarfilm, den Regisseur Martin Keßler nun auch in Brasilien vorgestellt hat.
Es handelt sich um den besten Film über den geplanten Bau des Megastaudamms Belo Monte am Rio Xingu, einem Nebenfluss des Amazonas. Keßler lässt vor allem jene zu Wort kommen, die von dem höchst umstrittenen Megaprojekt bedroht sind und sich seit Jahrzehnten dagegen wehren, etwa den austrobrasilianischen Bischof Erwin Kräutler. Zudem hat er das Weltsozialforum in Belém 2009 genutzt, um den Kontext von Belo Monte auszuleuchten. Die von den brasilianischen Steuerzahlern hoch subventionierte Wasserkraft kommt vor allem multinationalen Aluminiumkonzernen zugute.*
Antonia Melo von der lokalen Protestbewegung beklagt sich in diesem Ausschnitt (ab 1:19), dass Regierung und der Staatsbetrieb Eletronorte den Dialog verweigern. “Viele reden über Amazonien, ohne es zu kennen”, sagt der damalige Präsident… weiter lesen
10.12.2010 von Gerhard Dilger
Anastácio Peralta ist Sprecher der Guarani-Kaiowá in Brasilien. Derzeit ist er in Europa auf Rundreise, um über die Verteidigung indigener Landrechte gegen mächtige Interessen der Agrarindustrie zu informieren. Mit ihm sprach für Neues Deutschland Martin Ling.
Brasiliens Präsident Lula wird von fast allen Beobachtern ein exzellentes Zeugnis für seine achtjährige Regierungszeit ausgestellt, die im Januar endet. Wie stellt sich seine Bilanz aus indigener Sicht dar?

Unser Leiden begann nicht mit Lula. Unsere Unterdrückung begann vor mehr als 500 Jahren. Eroberung und Gründung Brasiliens zielten nicht darauf, denen zu nützen, die schon dort waren – weder den Ureinwohnern noch den Tieren oder der Natur. Brasilien hat von Beginn an eine Politik ohne Rücksicht auf die Völker betrieben, die schon dort lebten. Die Idee war, dass es irgendwann keine Indianer mehr geben sollte. Sie haben uns die Zweige abgeschnitten, sie haben die Stämme verbrannt, aber es ist ihnen
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27.08.2010 von Gerhard Dilger
“Wir kämpfen seit 30 Jahren gegen dieses Monstrum”, sagt Erwin Kräutler, Bischof von Altamira und Vorsitzender des Indígenamissionsrates CIMI, “Lulas Arroganz übertrifft die der Militärs” . Die Generäle hatten in den 70er Jahren als erste das Projekt riesiger Staudämme am Amazonas-Nebenfluss Xingu ins Auge gefasst. Der Exgewerkschafter setzte sich nun mit der Dampfwalze über alle gut begründeten Einwände hinweg und brach damit auch das Versprechen, das er Kräutler vor einem Jahr gegeben hatte.

Gestern unterzeichnete er allen Protesten zum Trotz den Konzessionsvertrag für das Wasserkraftwerk Belo Monte. Die Maßnahme sei ein “Sieg für den Energiesektor”, sagte Lula. Wohl wahr: Das Konsortium Norte Energía bekommt für 35 Jahre die Nutzungsrechte an dem Staudamm, der 2015 in Betrieb gehen soll. Nach einer skandalösen Ausschreibung werden alle großen und viele kleine Bau- und Stromfirmen beim Milliardenprojekt dabeisein – der Staat wird ihnen mit… weiter lesen
24.08.2010 von Gerhard Dilger
Daniel Cohn-Bendit möchte Brasiliens grüner Präsidentschaftskandidatin Marina Silva unter die Arme greifen. Das erzählte er gestern in einer Pressekonferenz in Porto Alegre. Abends hielt er in der Reihe “Grenzen des Denkens” eine Rede über alte und neue Utopien.
Die Wahlsiege linker Präsidenten in Lateinamerika erklärte er mit Wunsch der Bevölkerung nach einer “starken Regulierung der Globalisierung”, wenig Verständnis zeigte er für die Wachstumseuphorie Lulas oder auch die “antiamerikanische Fixierung” der venezolanischen Regierung.
In seine tour d’horizon durch die Weltpolitik streute er einen Hinweis auf das “zwei Millionen Mal aufgerufene” You-Tube-Video seiner Griechenland-Rede im Europäischen Parlament ein.
Wie Cohn-Bendit streben Marina Silva und sein brasilianisches Pendant Fernando Gabeira, der Gouverneur des Bundesstaates Rio werden will, nicht mehr an als einen grünen Umbau des Kapitalismus. Für viele Linke macht sie das im Oktober unwählbar, vor allem in Rio, wo sich Gabeira auf ein Bündnis mit… weiter lesen
25.06.2010 von Gerhard Dilger
Oft reicht der Platz in der Zeitung nur für das Allernötigste. Ganze 80 Zeilen hatte ich vorgestern, um den Besuch von Präsident Luiz Inácio Lula da Silva in Altamira zu würdigen, bei dem er den Bau des Megastaudamms Belo Monte vehement verteidigte. Ein paar wichtige Details möchte ich hier nachtragen.
Es war eine Wahlkampfveranstaltung für seine Parteifreundin Ana Júlia Carepa (r.), die im Oktober als Gouverneurin des Amazonas-
Bundesstaats Pará wiedergewählt werden will. Ohne ein Bündnis mit der Zentrumspartei PMDB, deren Seilschaften wiederum den staatlichen Stromsektor dominieren, ist das allerdings undenkbar. Die Staudammgegner, die Lula in seiner kurzen Rede spöttisch attackierte, hatten am Vortag die Transamazônica-Landstraße blockiert. Ins Stadion, das mit Regierungsanhängern besetzt war, wurden die meisten erst gar nicht hineingelassen. Besonders empörte sie, dass ein “kooptierter” Xikrin-Indígena auf der Bühne so präsentiert wurde, als wären die Urvölker der Region für das Wasserkraftwerk.
Stunden später… weiter lesen
12.01.2010 von Gerhard Dilger
Höher geht´s nimmer: Le Monde und El País ernannten ihn im Dezember zum Mann des Jahres 2009, die Financial Times immerhin zur elfwichtigsten Persönlichkeit der Nullerjahre: Sieben Jahre nach seinem umjubelten Amtsantritt wird Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva umschwärmt wie noch nie.

Lula mit Wunschnachfolgerin Dilma Rousseff
Auch in seiner Heimat ist Lula – der Name ist eine Koseform von Luiz und hat anderslautenden Gerüchten zum Trotz nichts mit mit dem gleichnamigen Tintenfisch zu tun – populärer denn je: Für die BrasilianerInnen ist er Vertrauenswürdigste im ganzen Land, will das Umfrageinstitut Datafolha anhand einer Liste von 22 Männern und fünf Frauen herausgefunden haben, die zudem fast alle weiß sind.
Auf den vorderen Rängen folgen Nachrichtensprecher William Bonner, der einmal verriet, als idealen Gesamtzuschauer stelle er sich einen brasilianischen Homer Simpson vor, dann der katholische Charismatiker Marcelo Rossi und Schnulzenkönig… weiter lesen
23.12.2009 von Gerhard Dilger
Glenn Switkes, einer der engagiertesten Aktivisten für den Amazonas-Regenwald und seine Bewohner, ist tot. Sein Wirken gegen Wasserstraßen und Staudämme in Amazonien, dem Pantanal oder Patagonien,
aber auch seine Persönlichkeit hat Glenns Freund und Kollege Patrick McCully von International Rivers sehr schön eingefangen.
Wie der New Yorker Filmemacher und Journalist in den frühen Achtzigerjahren Amazonien kennenlernte, ist hier nachzulesen. Zu diesem Zeitpunkt stellte Glenn gerade seinen ersten preisgekrönten Dokumentarfilm Four Corners fertig, ein Pionierwerk über die Rohstoffausbeutung auf US-amerikanischem Indianerland.
Seit 1996 lebte er als Südamerika-Koordinator von International Rivers in Brasilien, zunächst im Bundesstaat Mato Grosso, wo er sich erfolgreich gegen den Bau einer gut 3000 Kilometer langen Wasserstaße im Einzugsgebiet der Ströme Paraguay und Paraná einsetzte, die u. a. den Bestand des Pantanal-Feuchtgebiets gefährdet hätte.
1999 zog er mit seiner Frau Selma nach São Paulo,… weiter lesen