Ein paar Schlussfolgerungen, 12 Tage nach dem Erdbeben in Chile.
1. Auch 8,8 Grad Richter können eine Michelle Bachelet nicht erschüttern. Bei der letzten Adimark-Umfrage nach dem Beben kommt die heute scheidende Präsidentin auf sagenhafte 84 Prozent Zustimmung zu ihrer Regierungsführung. Das war nach den Ereignissen post terremoto nicht unbedingt zu erwarten. Offensichtlich honorieren die Chilenen, dass Bachelet von der Naturkatstrophe und ihren Auswirkungen sichtlich bewegt war – und nach bestem Wissen und Gewissen versucht hat, die Lage in den Griff zu bekommen. Auch wenn das nicht so recht funktioniert hat. Der Politikwissenschaftler Patricio Navia meint deshalb: In ein paar Wochen ist der Schutt weggeräumt, erst dann wird man sehen, ob auch die ehemalige Präsidentin strukturelle Schäden erlitten hat.
2. Chile war auf ein Erdbeben nicht vorbereitet – jedenfalls nicht auf so eines. Obwohl Geologen längst mit einem größeren Beben… weiter lesen
Auf dem Weg zum Supermarkt spricht der intendente im Radio. Der regionale Regierungschef lädt die Bürger von Puerto Montt dazu ein, sich solidarisch mit dem Rest des Landes zu zeigen, der vor exakt 50 Jahren mit der verwüsteten Hafenstadt ebenso solidarisch war. Der intendente hat sich eine griffige Formel ausgedacht: ALP. Das heißt agua, leche, pañales – Wasser, Milch und Windeln. Warum nicht Mehl, Öl oder Zucker gesammelt werden, weiß ich nicht, vielleicht sammeln das andere Städte. Bei “Jumbo” kaufe ich drei Kilo Milchpulver, fahre auf dem Rückweg bei der Abgabestelle vorbei und bin einer der ersten Spender. Man filmt mich.
Überhaupt: Wer sollte eigentlich spenden, wieviel und warum? Natürlich helfe ich gern, Solidarität ist wichtig. Aber haben die betroffenen Regionen, hat die Zentralregierung keine Lebensmittellager für den Katastrophenfall? Chile ist ja nicht Haiti, in normalen Zeiten ist hier nicht Unterernährung ein verbreitetes Problem,… weiter lesen
44,0 Prozent der Stimmen hat der Kandidat der rechten Opposition, Sebastián Piñera, im ersten Wahlgang eingefahren (mehr hier und hier). Das ist zwar weniger als das Ergebnis, das er bei der letzten Stichwahl gegen die Sozialistin Michelle Bachelet im Januar 2006 erzielte, übertrifft aber trotzdem die Erwartungen nach den letzten Umfragen.
Gut 14 Prozent Vorsprung hat Piñera damit vor dem Christdemokraten Eduardo Frei, der gerade einmal 29,6 Prozent für die regierende Concertación holte. Weil sich der aus dem Mitte-Links-Bündnis ausgescherte Marco Enríquez-Ominami (“MEO”) am Ende doch nur 20,1 Prozent sichern konnte, tritt Frei am 17. Januar in einer Stichwahl gegen Piñera an. Der Kandidat der außerparlamentarischen Linken, Jorge Arrate, kam auf 6,2 Prozent.
So ganz außerparlamentarisch ist diese Linke seit dem Wahlsonntag allerdings nicht mehr: Im kommenden Abgeordnetenhaus sitzen drei Vertreter der Kommunistischen Partei, die seit 1973 in keinem Parlament mehr vetreten war (bis 1990 gab… weiter lesen
taz-Argentinienkorrespondent Jürgen Vogt hat kurz vor den Präsidentschaftswahlen in Chile den Überraschungskandidaten Marco Enríquez-Ominami (36) interviewt. Das latin@rama-Blog veröffentlicht die vollständige Fassung des auf taz.de erschienenen Gesprächs.
Herr Enríquez-Ominami, sind Sie ein Linker?
MEO: Ein fortschrittlicher Linker.
Als sie sich als Kandidat aufgestellt haben, sind Sie abgegangen wie eine Rakete. Fast aus dem Stand heraus kamen sie auf 13 Prozent. Wie erklären sie sich diesen Erfolg?
MEO: Mein erster Wahlslogan war: Chile hat sich verändert. Also nicht nur, dass sich Chile verändern muss, sondern sich bereits verändert hat. Dagegen irrt sich die Concertación, wenn sie vorgibt, Chile hätte sich zwar verändert, aber man könne noch immer Politik machen wie in der Zeit um 1988. Über vieles wurde und wird nicht gesprochen. Wir bieten eine neue Form des Politikmachens: Mutig, ehrlich, glaubwürdig. Das ist nichts Neues in der Welt, aber neu für die politische Klasse in… weiter lesen
Wer so schöne Spitzenkleidchen und rote Schuhe trägt, bekommt natürlich nur ungern Konkurrenz von weiblichen Besuchern. Deswegen hatten sich Cristina Fernández und Michelle Bachelet für ihre Papstvisite am Samstag in protokollarisch-züchtiges Schwarz gehüllt, Bachelet als bekennende Agnostikerin verzichtete aber im Gegensatz zu Fernández auf eine Verschleierung. Der Besuch im Vatikan diente der Erinnerung an den vor 25 Jahren hier unterzeichneten “Freundschafts- und Friedensvertrag” zwischen Argentinien und Chile, der die endgültige Beilegung des Beagle-Konflikts bedeutete. Benedikts Vorgänger Johannes Paul und der italienische Kardinal Antonio Samorè hatten seit 1979 zwischen den verfeindeten Militärjuntas vermittelt.
Nachdem Bachelet und Fernández jeweils eine Viertelstündchen mit dem Papst geplaudert und in den einstigen Verhandlungsräumen eine Gedenktafel enthüllt hatten, auf denen sie – offenbar latinisiert – als “Michaela” und “Christina” verewigt worden waren, gab die chilenische Präsidentin der Presse zu Protokoll, dass “Chile ein Land ist, welches bei Auseinandersetzungen mit seinen Nachbarn immer… weiter lesen
Miguel Littin soll sehr bedauert haben, dass der heutige 11. September, Jahrestag des Putsches von 1973, auf einen Freitag fällt. So konnte sein jüngster Film Dawson – Isla 10 nicht an diesem hochsymbolischen Datum anlaufen, denn auch in Chile wird das Kinoprogramm immer donnerstags erneuert. Bereits am Mittwoch freilich trat sich Chiles Politprominenz bei der Vorpremiere auf die Füße – inklusive Präsidentin Michelle Bachelet und ihrem Minister Sergio Bitar, der sich an diesem Abend selbst auf der Leinwand bewundern durfte. Verkörpert wird er in Littíns Film über das Gefangenenlager, das die Militärs für hochrangige Politiker der Unidad Popular auf der patagonischen Dawson-Insel eingerichtet hatten, von Benjamín Vicuña. Eine schlaue Besetzung, denn Vicuña ist der Shooting-Star des chilenischen Films, und so wird “Dawson – Isla 10″ trotz des sperrigen historischen Themas vermutlich auch viele junge Menschen in die Säle locken.
Begräbnis des Mapuche-Aktivisten Jaime Mendoza (Bild: dpa)
Wie leicht man in diverse Fallen tappt, wenn man versucht, den Mapuche-Konflikt in Chile in ein paar Absätzen zu beschreiben, zeigt ein jüngst im “Freitag” erschienener Bericht – an dem manches stimmt und manches leider gar nicht. Richtig ist, dass die Landbesetzungen in der Araucanía, dem historischen Haupt-Siedlungsgebiet der Mapuche, in diesem Jahr deutlich zugenommen haben. Allerdings schwelt der Konflikt schon seit Jahren, und seit Jahren kommt es auch immer wieder zu Brandanschlägen oder Baumfällungen auf Ländereien von Forstunternehmen oder privatem Großgrundbesitz. Nicht erst die Regierung von Michelle Bachelet hat damit begonnen, in der betroffenen Region polizeilich (das heißt in Chile: quasi-militärisch) aufzurüsten. Der am 12. August durch einen Schuss in den Rücken getötete Jaime Mendoza ist bereits das dritte Opfer von Polizeigewalt seit dem Jahr 2002. (Hier und hier ein anschaulicher Abriss der Auseinandersetzungen.)
Wer dieser Tage beim Zappen im Programm des chilenischen Abgeordnetenhauses landet, wähnt sich in einem Seminar der Reproduktionsmedizin. Der Gesundheitsausschuss hat Experten zur Anhörung geladen – durch die Bank Männer -, die in länglichen Powerpoints den Menstruationszyklus zerpflücken und Kurven hormoneller Ausschüttungen interpretieren. Dabei geht es nur um eine Frage: Ist die “Pille danach” eine “Abtreibungspille” oder nicht?
Hintergrund dieses Tuns ist der erbitterter Kampf der katholischen Ultrarechten gegen das Hormon Levonorgestrel, das etwa unter dem Markennamen “Postinor 2″ Schwangerschaften auch noch nach ungeschütztem Geschlechtsverkehr verhindern kann. Der Wirkstoff bzw. die entsprechenden Präparate sind fast in jedem Land der Welt erhältlich, die WHO empfiehlt ihre Rezeptfreiheit als probates Mittel zur Vorbeugung ungewollter Schwangerschaften.
In Chile, wo Abtreibung selbst dann unter Strafe steht, wenn die Frau vergewaltigt wurde oder durch die Schwangerschaft gesundheitlich gefährdet ist, hat eine Gruppe rechter Parlamentarier im vergangenen Jahr eine Beschwerde eingereicht, der das… weiter lesen
Chilenen im Ausland sind drollig. Ständig schießen sie Beweisfotos, die den Daheimgebliebenen zeigen, was sie von der großen weiten Welt gesehen haben. Vor allem aber müssen sie selbst mit drauf sein, gerne in der Gruppe, in allerlei komischen Posen oder mit der zum Victory-V geformten Hand – so ist es in Chile Brauch.
Immerhin die Hände unten gelassen haben die Pressevertreter in der Delegation von Präsidentin Michelle Bachelet, die am Dienstag eine halbstündige Audienz bei ihrem Amtskollegen Barack Obama bekam. Im Anschluss outeten sich die Berichterstatter als hoffnungslose Obama-Fans und überredeten ihn mit Schmeicheleien (“You must come to Chile. Everybody loves you there”) und rationalen Argumenten (“We travelled such a long way”) zu einem Gruppenfoto im Rosengarten des Weißen Hauses. Wie eine aufgekratzte Schulklasse drängelten sie sich um den Präsidenten, die eigene Würdenträgerin vergaßen sie dabei fast.
Zuhause waren natürlich alle neidisch auf die tollen Bilder und schrieben Böses… weiter lesen
Estoy pato heißt auf Chilenisch so viel wie “ich bin blank”. Was ein akuter Mangel an Liquidität mit einer Ente (pato) zu tun hat, kann niemand genau erklären, aber die BancoEstado, eine staatliche Bank mit Sparkassencharakter, warb vor ein paar Jahren im klammen Monat März mit einem Fernsehspot für Konsumkredite, in dem tausende niedliche Entchen durch das Zentrum von Santiago wackelten. Damit konnten sich die chronisch unterfinanzierten Chilenen nur zu gut identifizieren – die Kampagne war ein voller Erfolg.
Seitdem hat sich die Ente zum zentralen Werbe- und Sympathieträger für die BancoEstado gemausert – das heißt, gemausert hat sie sich eben nicht, sie ist immer noch klein und gelb, wie frisch geschlüpft. In einer langen Reihe populärer TV-Spots tritt sie in den verschiedensten Zusammenhängen computeranimiert auf, meistens in einem bekannten historischen Kontext, dem sie eine absurde Wendung gibt.
Erstaunlicherweise hat sich die katholische Kirche noch… weiter lesen