Wen die Peruaner lieben, den nennen sie bei Vornamen oder geben ihm oder ihr einen Spitznamen. Damit ist man sozusagen in die Familie aufgenommen, im Guten wie im Schlechten. Oft verweisen die Spitznamen auf kulturelle Stereotypen, die im multikulturellen Peru äusserst vielschichtig und dynamisch sind. Die vier aussichtsreichsten Kandidaten für die morgigen Wahlen sind von den Peruanern deswegen längst “getaggt” worden: Comandate, Cholo, China, Gringo.
Schauen wir uns an, wie die Kandidaten diese Stereotypen bewusst einsetzen oder aber sich dagegen wehren.
El “Comandante” Ollanta Humala:
Der Übername “Comandante” rührt von der militärischen Vergangenheit Humalas und erinnert positiv an seinen Putschversuch gegen den in den letzten politischen Zügen liegenden Alberto Fujimori. Vor allem die Wähler in den ländlichen Gegenden wählen Humala eben deswegen: weil sie sich von ihm die Regierung der festen Hand erhoffen, die gegen Schlendrian, Korruption und sonstige Übel vorgeht. Im negativen jedoch erinnert “Comandante” an… weiter lesen
Eine junge Leserin stellte mir die Frage, warum die Peruaner eine so grosse Abneigung gegenueber Hugo Chávez haben, wenn er doch sonst als Held präsentiert wird ?
Eine gute Frage. Nun ist mit Hugo Chávez heute kein grosser Staat mehr zu machen. Sein Status als Revolutionsheld a la Che Guevara verfällt immer mehr. Seit George W. Bush als hemdsärmliger Gegenspieler von der politischen Weltbühne abgetreten ist, steht Chávez heute ziemlich isoliert da als Haudegen mit diktatorischen Allüren in der politischen Landschaft Südamerikas. Seine Verbündeten sind zunehmend Diktatoren oder demokratisch gewählte Autokraten: Fidel Castro, Daniel Ortega, Gaddafi. Vor allem aber: Seinem Land, Venezuela, geht es trotz seines Ölreichtums, wirtschaftlich immer schlechter – nicht gerade ein Leistungsausweis für den bolivarianischen Sozialismus.
Dennoch ist die Frage der Leserin berechtigt, denn in Peru mochte man Hugo Chávez noch nie. Auch nicht zu den Zeiten, als der Bolivarianismus a la Chávez noch als hoffnungsvoller Gegenentwurf… weiter lesen
“Ich wähle natürlich Keiko”, teilte mir Antonio im Brustton der Überzeugung mit. Antonio repariert seit einem halben Jahrhundert alte Fahrräder am Markt von Pueblo Libre in Lima, und ich dachte, er sei die Ausnahme im Heer von Alejandro Toledo-Sympatisanten. Der galt vor ein paar Wochen schon fast als nächster Präsident Peru . Spätestens als Miguel, mein langjähriger Vermieter, ein ernstes Gesicht aufsetzte, um mir zu erklären, wem Peru seiner Meinung nach den sozialen Frieden und die wirtschaftliche Stabilität zu verdanken habe – nämlich Alberto Fujimori – , wurde mir klar, dass man bei den bevorstehenden Präsidentschaftswahlen mit ihr zu rechnen hat. Keiko Fujimori, die Tochter des wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilten Alberto Fujimori. Der war von 1990 – 2000 Präsident von Peru, setzte sich vor dem grössten (dokumentierten) Korruptionsskandal der jüngsten peruanischen Geschichte nach Japan ab, verrechnete sich fünf Jahre später beim Versuch, von Chile aus in… weiter lesen
Er bevölkert seit Wochen meine Facebook-Seite. Und ruft mich per Telefon an, ich solle ihm meine Stimme geben. Heute steht mein ungebetener Freund nun vor mir, und ich kann mir kaum jemanden vorstellen, auf den Facebook- und Telefonmarketing weniger passt denn auf Pedro Pablo Kuczynski, auch PPK genannt. Steif kommt er daher und heute zumindest sieht man ihm jedes seiner 72 Jahre an. Vielleicht liegt es an der Grippe, die ihn gestern im Bett hielt, wie er betont. Oder aber auch an den mickrigen 6% der Wählerstimmen, die ihm die jüngste Umfrage bescheinigt.
Pedro Pablo Kuczynski ist der älteste Kandidat, der um die peruanische Präsidentschaft ins Rennen geht. Auch der politik-erfahrenste. Ende der 60-er Jahre war er Perus jüngster Zentralbankpräsident, in den 80-er Jahren war er Energieminister unter Belaunde Terry, von 2000-2005 unter Alejandro Toledo sowohl Finanz- wie auch Premierminister. Wenn er nicht gerade ein politisches Amt in… weiter lesen
Alle kehren zurück, beginnt ein bekanntes peruanisches Lied. Der Titel könnte auch für die Wahlkampagne 2011 stehen. Auf der politischen Bühne machen sich die Kandidaten für die Präsidentschaftswahlen am 10. April bereit, und, siehe da, es sind alles alte Bekannte: Alejandro Toledo, peruanischer Präsident 2001-2006; Ollanta Humala, der 2006 die Wahlen knapp gegen Alan García verloren hat; Luis Castañeda, bis vor kurzem Bürgermeister von Lima; Keiko Fujimori, die Tochter des verhafteten ExPräsidenten Alberto Fujimori, sowie Pedro Pablo Kuczynski, Wirtschafts- und Premierminister in der Toledo-Regierung: sie alle wollen am 10. April von den Peruanerinnen und Peruanern gewählt werden.
Die besten Chancen hat gemäß den Umfragen Alejandro Toledo. Er hatte sich vor 10 Jahren um die Rückkehr Perus zur Demokratie verdient gemacht, hat Fujimoris liberales Wirtschaftsprogramm weitergeführt und die Grundlagen für das anhaltende Wirtschaftswachstum gelegt. Trotz dieser unbestrittenen Erfolge wurde Alejandro Toledo während seiner Präsidentschaft viel gescholten und wenig geliebt.… weiter lesen
Alejandro Goic, Regisseur und Schauspieler sowie seit den Siebzigerjahren bekennender Sozialist, unterstützt im Wahlkampf Jorge Arrate. Vorher hatte er sich für die Kandidatur von Alejandro Navarro ins Zeug gelegt, bis der Senator aufgab und Marco Enríquez-Ominami zur neuen linken Hoffnung kürte. Das hält Goic für einen schlechten Scherz: “MEO instrumentalisiert das Erbe derer, die sich unter der Diktatur aufgeopfert haben, solidarisch waren, sich für die Armen und die Würde der Arbeiter eingesetzt haben. Dieses Erbe, diese Tradition verunglimpft er. Er ist der Prototyp des Yuppie, des rechten Liberalen. Als Unternehmer gehorcht er diesem kulturellen Paradigma.”
Dass “MEO” von vielen Chilenen als De-facto-Rechter betrachtet wird, liegt auch an manch undurchsichtiger Figur in dessen Wahlkampfkommando: etwa Max Marambio, einst Mitglied der politischen Leibwache Allendes (der GAP), der später auf und mit Kuba äußerst lukrative Geschäfte machte und Carlos Cardoen dort einführte, einen Mann, der sich unter Pinochet mit… weiter lesen
Nun hat er es doch getan: Sebastián Piñera, der Präsidentschaftskandidat der rechten Opposition in Chile, zeigt für ein paar Sekunden in einem seiner TV-Spots ein schwules Paar. Einer der beiden Händchen haltenden jungen Männer flüstert Piñera etwas ins Ohr, so wie es im selben Clip weitere Repräsentanten gesellschaftlicher Randgruppen tun – eine Mapuche, ein Kind mit Down-Syndrom, ein alter Mann, eine Sehbehinderte usw. usf. Woraufhin sich der Kandidat (Achtung, Metapher!) zur deren Stimme macht. Im Fall der beiden gays sagt er sinngemäß: “Unsere Mitmenschen akzeptieren uns schon – jetzt wollen wir, dass uns auch der Staat respektiert.” (Um den Clip zu sehen, auf das Bild klicken.)
Wie soll man diese Geste einschätzen? Einerseits ist es gerade für einen rechten Politiker in Chile ein Wagnis, Schwule als das zu zeigen, was sie sind: ganz normale Menschen. So richtig akzeptiert werden sie nämlich noch lange nicht, und schon… weiter lesen
Einen Monat vor den chilenischen Präsidenten- und Parlamentswahlen am 13. Dezember darf im Wahlkampf endlich geworben werden. Nachdem verfrühte Plakate diesmal recht konsequent abgehängt wurden, tapezieren die Teams der Kandidaten und Parteien seit Freitagmorgen Straßen und Plätze. Mit echter Spannung dagegen haben die Chilenen die franja electoral erwartet, die epischen TV-Spots, die ab jetzt Tag für Tag ausgestrahlt werden, und in die die jeweiligen Teams viel Kreativität und noch mehr Geld investieren. Die Popularität der franja geht auf das Jahr 1988 zurück, als das Plebiszit über die Verlängerung der Pinochet-Herrschaft den Chilenen zum ersten Mal in ihrer Geschichte politische Fernsehwerbung bescherte – die im Fall des “No” so gut gemacht war, dass der Erfolg der Anti-Pinochet-Kampagne zum Teil auch auf ihr Konto ging.
Hier die ersten vier je fünfminütigen “Streifen” zur anstehenden Wahl: Oppositionskandidat Sebastián Piñera, der in den Umfragen mit knapp vierzig Prozent führt, hat sich kurzerhand… weiter lesen
Der chilenische Wahlkampf läuft inzwischen auf Hochtouren und bringt manche Überraschung mit sich. Etwa die, dass nach einhelliger Meinung der meisten Beobachter Jorge Arrate, der Kandidat der außerparlamentarischen Linken, die erste Fernsehdebatte der verbliebenen vier Kandidaten eindeutig für sich entschieden hat. Das wird dem silberhaarigen Ex-Sozialisten zwar nicht in den Präsidentenpalast verhelfen – die besten Umfragewerte für ihn liegen bei vier Prozent der Stimmen -, aber der linken Sache schadet es gewiss nicht. Arrate, der von den Kommunisten und den “allendistischen” Sozialisten unterstützt wird, punktete mit sicherem, entspanntem und humorvollem Auftreten, aber auch mit glasklaren Aussagen zum größten Skandalon im Chile von heute: der abgrundtiefen sozialen Ungleichheit, die allen löblichen Gesundheits- und Rentenreformen zum Trotz das Land spaltet.
Im Mittelfeld bewegten sich Marco Enríquez-Ominami, der Querschläger aus den Reihen der Sozialistischen Partei, dessen jugendlich-rebellisches Image unter dem stark reglementierten TV-Format litt, und Ex-Präsident … weiter lesen
Als Vizepräsidenten-Kandidat hat sich Manfred einen ehemaligen Kollegen auserkoren, den Ex-Präfekten des Departaments Pando im Norden des Boliviens, Leopoldo Fernández. Dieser wird den Wahlkampf aus der Gefängniszelle führen: er sitzt seit letztem Jahr in Haft, da er von der Regierung beschuldigt wird, für das Massaker von Porvenir verantwortlich zu sein: In dem kleinen Ort starben am 11. September letzten Jahres 30 Menschen bei den bislang schwersten Auseinandersetzungen zwischen Anhängern der Regierung und der Opposition seit der Amtsübernahme von Evo Morales. Auch… weiter lesen