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08.02.2010

Heute Geldkomplex Party

von lottmann


So sehen sie also aus, die Leute, die heute zur Geldkomplex Buchpräsentation in den Münzsalon Münzstraße 23 in Berlin Mitte kommen, eben wie diese Jungschauspielerin vom Berliner Ensemble (Foto). Dabei ist der Münzsalon mitten im Einzugsgebiet der feindlichen Volksbühne, die ja nur einen Steinwurf entfernt ist. Peter Glaser mußte leider krankheitsbedingt absagen und wird von Helene Hegemann ersetzt (Foto unten).

04.02.2010

Oberst Klein und der aktuelle SPIEGEL

von lottmann

Der bemerkenswerte Bericht im aktuellen SPIEGEL ist, nach langer, viel zu langer Zeit, endlich einmal wieder ein Glanzstück des Journalismus, ein perfekter Text, eine einzige Freude. Man erfährt alles, und man erfährt es im allerbesten Deutsch, wie von einem Schriftsteller geschrieben und dennoch vollkommen neutral.
Heißt: Anhand dieses Textes müßte die einzig interessante Frage zu beantworten sein, die es zu dem Luftschlag gibt. Nämlich: Warum tat Oberst Klein das? Wir wissen, daß er ein umsichtiger, verantwortungsvoller, ängstlicher und warmherziger Mensch ist, seit einer Ewigkeit im Dienst, immer defensiv, nie in Kampfhandlungen verwickelt. ER kann das Motiv nicht liefern. Wir wissen nun auch, daß noch zwei andere Leute am Schießbefehl beteiligt waren, zwei Militärs, die in den fraglichen Stunden neben Klein im Bunker standen. Von ihnen, oder einem von ihnen, muß die kriminelle Energie ausgegangen sein. Von Klein nicht, und deswegen hat zu Guttenberg auch diesen fast schon hysterischen Satz gesagt „Ich werde Oberst Klein niemals in meinem Leben fallenlassen!“. Dank SPIEGEL kennen wir nun wenigstens den zweiten Soldaten, offenbar ein Riesenarschloch. Ein Saarländer, der sich darin gefällt, immer im breitesten Südstaaten-Amerikanisch Sottisen zu erzählen, und der diese widerlichen Base Caps trägt, mit New York Yankees Schriftzug, die bestenfalls zwölfjährigen Jungen in Oregon gut stehen. Dieser Mensch wird es wohl gewesen sein, der auch noch in den Vernehmungen seinem Vorgesetzten ständig in den Rücken fällt. Der Dritte im Bunde bleibt sogar im SPIEGEL Bericht anonym. Das läßt aufhorchen. Ein Herr also, der selbst über dem SPIEGEL steht, der Vierten Gewalt? Das muß nun wirklich ein dicker Fisch sein. Wohl kein Deutscher. Irgendein Strippenzieher eines supergeheimen Zirkels im militärischen Geheimdienst des Weißen Hauses und/oder des Kanzleramtes, direkt den beiden transatlantischen Verteidigungsministern unterstellt, oder so, oder gerade nicht, keine Ahnung. Diese Suppe ist ja immer äußerst dick, die da angerührt wird, solange der Führer nicht persönlich das Heft in die Hand nimmt… Wie gesagt, hier kann nur noch die Phantasie blühen.
Was lernen wir aus dem Bericht? Erstens war es ein lupenreines Kriegsverbrechen, wider alle Vernunft, geradezu aberwitzig scheußlich. Man sprengt eine harmlose Menschenmenge in die Luft, ohne jeden Grund. Nur so. Für Deutschland. Zweitens gibt den Befehl ein Unbekannter, der anonym bleiben darf und offenbar vom Pentagon geschützt wird – was jeden Untersuchungsausschuß sinnlos macht. Drittens: Bevor es nicht endlich Massendemonstrationen gegen diesen Krieg gibt, wird der Wahnsinn, der Methode hat, aber eine uns nicht einsehbare, weitergehen.

(in der taz vom Mittwoch, Printausgabe)

03.02.2010

Wenn erst der erste Anschlag kommt

von lottmann

Der Fehlalarm am Münchener Flughafen war doch eigentlich eine peinliche Sache, könnte man denken, und die Behörden sollten sie schnell vergessen. Falsch! Gerade hat das Bayerische Landeskabinett umfangreiche Verschärfungen der Sicherheitsmaßnahmen beschlossen, als Konsequenz aus dem „ernsten Vorfall“. Das heißt, daß inzwischen sogar ein kompletter Irrtum der Security Leute dieselbe Wirkung entfacht wie in anderen Ländern ein echter Anschlag. In gewisser Weise ist das auch nötig, denn, auch wenn man es nicht glauben mag: einen echten Anschlag hat es in Deutschland in den jetzigen Grenzen noch nie gegeben.
Man reibt sich die Augen. Regierung auf Regierung hat sich gebärdet, als seinen wir mitten im Bürgerkrieg. Ein Sicherheitspaket jagte das nächste. Die Überwachung und Ausspähung der eigenen Bevölkerung wurde auf das totalitäre Maximum getrieben, umfassender als in George Orwells schmerzlichsten Phantasien. Auch das harmloseste Gute-Nacht-schlafgutmeinSchatz-Gespräch wird heute aufgezeichnet, jedes. Wenn sich im Flugzeug irgendwo in Afrika ein Idiot im Klo einsperrt, ist das Grund genug, für Milliarden Euro neue Durchleuchtungsgeräte bauen zu lassen und die gesamte Bevölkerung weitere Rituale der Gefahrenabwehr abzuverlangen. Es genügt, daß einer ruft „Sicherheit voran!“, und alle folgen, quer durch alle Lager, denn bei diesem Reizwort kennen wir keine Parteien mehr, nur noch Deutsche. Und erleben, wie selbst ein Ex-Terroristenanwalt zum maßlos wütenden Bluthund wurde, die Geheimdienste aufblähte und in harmlos demokratischen Zeitungsredaktionen einbrechen ließ. Dies alles, wie gesagt, ohne einen einzigen Anschlag. Eine Stimmung wie kurz vorm Losschlagen, wobei sogar seit acht Jahren Krieg gegen Afghanistan geführt wird, aus dem einzigen Grund, dort könnten sich Leute befinden, die eines Tages einen Anschlag bei uns machen könnten. Auch hier: keine Oppostion, kein Widerwort, keine Empörung, keine Gegenmacht (Lafontaine war der einzige, und wie wurde er dafür gehaßt!). Und alles ohne einen Anschlag. Was aber passiert, wenn er nun endlich kommt, der erste echte oder auch unechte islamistische Terroranschlag in Deutschland? Wenn das erste deutsche Haus in die Luft fliegt, nach tausenden afghanischen Häusern, die bombardiert wurden, auch in unserem Namen?
Werden wir uns dann vergleichsweise moderat verhalten wie etwa die Israelis, die manchmal fast täglich die zerfetzten Knochen ihrer Landsleute von der Straße sammeln müssen und trotzdem die Nerven behalten? Die nach hunderten von Anschlägen noch eine bessere, direktere Demokratie haben als wir? Nein, bei uns bricht dann endlich los, was seit Jahren gezüchtet wird und nun raus darf: der Faschismus im neuen Gewand. Notstandsgesetze sind das mindeste, was sofort umgesetzt wird. Razzien, Verhaftungen, Sicherheitsverwahrungen, Pressezensur, gelenkte Medien, öffentlich geförderte Denunziationen, Computerzugang, Online-Polizei, stundenlange Zwangsuntersuchungen an Flughäfen, in Zügen, auf der Autobahn: es wird nichts geben, was durch „den Anschlag“, wie er von allen nur noch genannt wird, legitimiert wäre.
Und selbst Oskar Lafontaine wird, den Lauf einer Pistole im Nacken, zum unbarmherzigen Endkampf gegen das Grundübel der Menschheit aufrufen: „Die Terroristen sind unser Unglück!“

(in der taz am Montag, Printausgabe)

31.01.2010

Helene Hegemann

von lottmann

Kann die Abschiedsparty wirklich ohne Helene Hegemann abheben? Natürlich nicht! Nachdem mich immer mehr Menschen bedrängten, den neuen Shooting Star der Popliteratur mit auf die Bühne zu holen, habe ich sie angerufen und mich mit ihr verabredet. Am Samstag gehen wir zusammen aus und klären alle Fragen, die man überhaupt klären kann zwischen Bar 25 und Bar 103.
Alle Infos zur großen GELDKOMPLEX Party stehen ja schon im letzten Blog Eintrag (’Abschiedsparty’, vom 28. Januar). Fest zugesagt haben zudem folgende Ehrengäste:
Philip Albers (Zentrale Intelligenz Agentur)
Alexander Cammann (Die Zeit)
Karin Graf (Graf & Graf)
Uwe Held (Mohrbooks)
Alexander Gorkow (Süddeutsche Zeitung)
André Hercher (Prinz)
Thomas Lindemann (Die Welt)
Marianne Mielke (RBB)
Sassan Niasseri (Tip)
Philip Oehmke (DER SPIEGEL)
Matthias Wulff (Welt am Sonntag)
Bernhard von Guretzky (Blumenbar Verlag)
Volker Weidermann (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung)
Marek Rudi Dutschke (taz)
Bettina Andrae (Galiani Verlag)
Katja Crone (Merkur) und
Hannah Starman (Jüdische Allgemeine)

Und so wird es wieder werden… Stimmungsbilder von der letzten Buchpräsentation (Party für ‘Auf der Borderline Nachts um halb eins’, KiWi Paperback 1002, im Mai 2009):












28.01.2010

Abschiedsparty

von lottmann


Joachim Lottmann Buchpräsentation und Party

Maxim Biller, Sascha Lobo, Thomas Meinecke, Heike Melba Fendel, Peter Glaser, Jutta Winkelmann, Gisela Getty und Helge Malchow lesen aus dem neuen Roman von Joachim Lottmann ‘DER GELDKOMPLEX’.
Art:
Party - Barnacht
Netzwerk:
Weltweit
Beginn:
Montag, 8. Februar 2010 um 20:00
Ende:
Dienstag, 9. Februar 2010 um 01:00
Ort:
Münzsalon, Münzstraße 23, Berlin Mitte
Beschreibung
Der Verlag Kiepenheuer & Witsch lädt literarisch interessierte Bürger des Landes, die sich Laufe der Krise einen realen oder psychischen Geldkomplex zugezogen haben, zu einem kostenlosen Lesevergnügen mit hochprozentigen Freigetränken in den „Münzsalon“, Münzstraße 23 in Berlin-Mitte, ein. Am Montag, den 8. Februar 2010 lesen dort ab 20 Uhr

Peter Glaser
Heike Melba-Fendel
Thomas Meinecke
Maxim Biller
Sascha Lobo
Jutta Winkelmann
Gisela Getty
und
Helge Malchow

aus Joachim Lottmanns neuem Roman ‚Der Geldkomplex‘. Die Lesenden werden ihre Lieblingspassage aus dem Buch vortragen.

Dies ist eine nicht-öffentliche Veranstaltung, bitte nicht in Terminvorschauen aufnehmen. Zutritt hat, wer auf der Gästeliste des Verlages steht. Dorthin gelangt, wer der Pressedame des Hauses Fanny Dörre eine formlose Mail schickt (fdoerre@kiwi-verlag.de) und auf Bestätigung wartet.

16.11.2009

Epilog

von lottmann

Ich schreibe das jetzt hier in einer Stunde runter, keine Minute mehr, es soll ruhig so etwas wie LOSLABERN sein (der Titel des neuen Buches von Rainald Goetz), aber aus anderen Gründen. Nämlich weil inhaltliche Entgegnungen in Deutschland seit geschätzt 1848 das Peinlichste überhaupt sind. Wer denkt nicht sofort an Ralph Giordano oder wie der heißt, diese lebenslange Entrüstungsbacke, oder jetzt Richard David Precht im neuen SPIEGEL. Ich liebe Precht, jedenfalls sein Buch ‚Lenin kam nur bis Lüdenscheid‘, das ich für die beste Biographie seit ‚Anton Reiser‘ halte, und das ist ja wohl das größte Kompliment. Aber seine Beteiligung an irgendeiner Debatte über Sloeterdjik – reiner Schrott. Und eben vor allem deswegen so peinlich, weil der Autor sich so erkennbar viel MÜHE bei seinem intellektuellen Scheitern gegeben hat. Also einmal das Gehirn an die Wand fahren ist schon schlimm, aber dann auch noch soviel Energie dabei verschleudert haben, das ist ärgerlich, nicht nur aus ökologischen Gründen. Mit Prechts Energieaufwand für den verkorksten SPIEGEL-Essay hätte man eine moderne Doppelhaushälfte im Bergischen Land (bei Köln) vierzehn Tage lang heizen können, mit Einspeicherungen für den Hybrid in der wärmegedämmten Garage inklusive. Daher meine Begrenzung auf 60 Minuten Schreibakt. Wie alle inhaltlichen Debattenbeiträge wird auch dieser Mist sein, ein unschöner Wurmfortsatz einer eigentlich schönen Sache, nämlich lebendiger Literatur, aber: lieber Leser, glauben Sie mir, der Aufwand war nur gering. Ich werde gleich danach etwas anderes machen, etwas Sinnvolles, vielleicht mit meinem Bruder einen Herbstspaziergang. Und mit meinem Bruder ist Harmonie pur steter Familienauftrag.
Worum soll es gehen, ach ja, der neue Goetz, mein Epilog zum alten eigenen Blog, der nun überraschenderweise nötig wird, eben durch dieses Buch. Mein Blog hier in der taz hat ja im Untertitel den Namen ‚Der Anti-Goetz‘, und so war es logisch, daß mit dem Ende des von Rainald geführten Blogs ‚Klage‘ auch meiner endete. Was ich nicht ahnen konnte: der Mann hat heimlich einfach weitergeschrieben. Und jetzt ist das Ergebnis draussen, und ich kann mich, denkt der Autor, nicht mehr wehren. Nun hat aber der taz Blogwart Matthias Broeckers, aufgrund des jahrelangen herzlichen bis wechselvollen Verhältnisses, das wir digital hatten, eine Ausnahme zugelassen und den schon toten Blog ‚Auf der Borderline nachts um halb eins‘ noch einmal für einen EPILOG geöffnet. Der Sarg wurde exhumiert, was mich besonders deswegen freut, weil ja Goetzens Blog ‚Klage‘ nicht mehr gegenhalten kann, definitiv nicht: die ihn betreibende Zeitung ist pleite und existiert nicht mehr. Da ist kein Blogwart mehr, den er nachts verzweifelt anrufen könnte, hey buddy, ich hab da noch was in der pipeline, eine letzte Gemeinheit, bitte mach mir nochmal die Vanity Fair…
Ich verzettele mich. Jetzt schnell mein Anliegen und dann Schluß. Das neue Buch ‚Loslabern‘ ist eines der drei guten und großen Bücher, die dieser Tage auf den Markt gekommen sind, neben ‚Der Geldkomplex‘ von mir selbst und Tex Rubinowitzens ‚Ramses Müller‘. Ich habe mein Leben lang ausschließlich aus der Ich-Perspektive geschrieben, bis auf eine Phase während der Borderline Zeit, das war in Kuba, und da schrieb ich plötzlich in der Er-Form. Goetz verfolgte das aufmerksam, fand es ehrenwert, kam dann aber doch zu dem Schluß, daß es im Blog eigentlich nur um das ‚Loslabern‘ gehen dürfe. Ich habe dann bald wieder in der Ich-Form geschrieben, weniger gesetzt und weniger staatstragend also. Soviel zum Titel. Im Buch selbst geht es wieder darum, daß ich so ein böser Mensch sei, und daß er, Goetz, wohl auch so sei. Er trage das gewissermaßen ‚Böse‘ vielleicht ebenso in sich, spiegelverkehrt oder so, unbewußt, den ewigen Lottmann, und er kann das alles nur erkennen, weil er es auch habe, das Virus. Er habe Angst vor mir, und deswegen auch Angst vor sich selbst, und so weiter. What the fuck meint er da immer? Schon vor zehn Jahren hat er dieses Thema angeschlagen. Ich habe darauf nie reagiert, weil es dazu nichts zu sagen gibt, dachte ich. Sowas erledigt sich von selbst, oder? Offenbar nicht. Der Mann quält sich immer noch damit.
Ich hätte damals gern begütigend auf ihn eingesprochen, aber seine Angst vor mir ließ das nicht zu. Wenn ich ihn zufällig auf der Straße traf, rannte er regelrecht in Panik vor mir weg. Ich machte es irgendwann zu einem sportlichen Spiel, ihn doch zu erwischen und verfolgte ihn über mehrere Blocks – umsonst. Seine Angst, die sich nach einigen Minuten erkennbar zu Todesangst steigerte, verlieh ihm scheinbar Flügel, zumindest (noch) schnellere Beine. „Jetzt holt mich der Lottmann!“ stand in seinen verzerrten Gesichtszügen, dabei wollte ich ihm wirklich nur helfen. Nämlich die Wahrheit sagen, die gänzlich banale. Seine Angst vor mir war so verständlich wie erklärbar und mußte keineswegs ins Irrationale verschoben werden.
Ich setze voraus, dass jeder, der bis hierher gelesen hat, ein profundes Vorwissen über den Schriftsteller Rainald Goetz hat, diesen interessantesten und widersprüchlichsten Autor, den wir in Deutschland neben Maxim Biller haben, wobei Biller ebenso unversiegbar anregend ist wie Goetz, ohne dessen latent schizoide Veranlagung mitbringen zu müssen. Wer Goetz nicht seit vielen Jahren liest und liebt, wird hier nur Bahnhof verstehen. Erklären will ich so einem aber auch nichts. Ich mache also einfach weiter im Insider Talk. Her mit der Erklärung! Wovor fürchtet sich der Mann? Ist es einfach schlechtes Gewissen, weil er ein Verbrechen begangen hat, oder viele? So klingt es doch irgendwie, nicht wahr? Bekanntermaßen haben wir alle drei – Goetz, Biller, ich – durch unser Schreiben die Gefühle anderer verletzt. Schriftsteller tun das ja angeblich immer, sagen manche. Bei uns dreien waren die Verletzungen aber besonders massiv. Womöglich gab es in den 20er Jahren noch schärfere Beobachter von Mitmenschen, aber für unsere Zeit ist es sicher beispiellos. Ich muß nicht erwähnen, daß Maxim dieser Tage eine Schadenersatzklage in fünfstelliger Höhe abzuwehren hat; das Urteil wird gerade gesprochen. Was bei ihm offensichtlich ist oder war, geschieht bei Rainald durch die Präzision der Sätze. Sie zerschneiden die läppischen ‚Persönlichkeitsstrukturen‘ der Zeitgenossen zu übelriechendem Hackfleisch. Man verzeihe den schlechten Vergleich. Doch Goetz glaubt, dies allein im Dienste der Wahrheit zu tun. Er ist scheinbar ein Opfer seiner unbedingten Wahrheitsliebe. Wenn es um die Wahrheit geht – und gemeint ist immer die Wahrheit der Ideen – kennt er keine Freunde mehr. Wahrscheinlich würde er dem Satz zustimmen, daß ich ein pathologischer Lügner sei und er ein pathologischer Wahrheitssager. Und so wie ich dabei immer die beschriebenen Menschen verletzt habe (Dirk Scheuring: „Die Menschen wollen nicht, daß Lügen über sie verbreitet werden.“), so Rainald mit seiner unbedingten Wahrheitsliebe. Theoretisch müßten seine Verletzungen sogar mehr schmerzen als meine. Ich kann beweisen, daß ich von meinem fünften Lebensjahr an strikt darauf geachtet habe, die wahren Schwächen der Menschen tunlichst zu verschweigen. Ich könnte gar nicht anders, es wäre mir sterbenspeinlich. Biller war da das Gegenteil und Goetz ist es das noch. Während es bei Biller prompt sanktioniert wurde und seine berufliche Existenz vernichtet wird, konnte Goetz sich immer auf die ‚Ideen‘ herausreden. Er habe gewissermaßen nicht die Leute persönlich angegriffen, sondern nur offengelegt, von welchen (falschen) Ideen sie gesteuert werden. Dieser Vorgang der Offenlegung der Ideen (heute könnte man sagen der ‚Steuerbefehle‘) ist ein wunderbarer Vorgang, und genau dafür muß man Goetz lieben und für immer verteidigen. Nur werden ihn die enttarnten Zeitgenossen dafür hassen. Sie sind die Leichen in seinem Keller, vor denen sich sein Unbewußtes fürchtet. In einer kindlichen Übertragung verschiebt es diese Ängste Richtung ‚der Lottmann‘. Warum aber gerade auf den? Warum nicht auf Spinnen, die böse Luzi, den real existierenden Diedrich Diederichsen oder auf die Juden? Nun, weil ich in einer dummen pubertären Laune einst sein Verfolger geworden war. Prominente haben zu Menschen, die sie kannten, noch bevor sie prominent wurden, ein anderes Verhältnis als zu denjenigen, die sie erst im Status der öffentlichen Person gegenübertraten und –treten. Goetz und ich kennen uns leider schon aus Schul- und Studententagen. Daher hatte ich keine Skrupel, ihn, den Kameraden, zu triezen und zu ärgern, eben zu ängstigen. Ich will diese Streiche nicht erzählen.Täte ich es, hätte ich die Lacher auf meiner Seite und es wäre, als hätte ich das alles nur getan, um später erzählerischen Profit daraus zu schlagen. Mein Handeln war aber unschuldig. Und völlig bescheuert, das schon. Ich will, lediglich um die Gedankenführung nicht zu verwischen, ein Beispiel nennen, das zudem den Vorteil hat, überhaupt nicht lustig zu sein. Einmal besuchte ich Rainald, der sich in seiner Geheimwohnung in der Auenstraße verschanzt hatte und mit der Welt nur per Fernrohr kommunizierte, und sagte, ich müsse mal ins Badezimmer. Er dachte, ich wolle seine Toilette benutzen. Doch ich nahm ein ausgiebiges Bad, mehrere Stunden lang, und als ich frischgewaschen wieder rauskam, war er mit den Nerven vollkommen fertig. Er weinte fast, das Fernrohr baumelte nutzlos um seinen dünnen Hals. Furchtbar, heute schäme ich mich dafür, aber ich war eben blutjung & blöd. Aber ich war nicht Heinrich Himmler. Es war eher dieser Fluxus-Zusammenhang. Zur selben Zeit steckte sich Kippenberger eine Bild Zeitung in den Hintern, zündete sie an, auf dem Tresen stehend. Yoko Ono… nein, ich will nicht ins Detail gehen.
Daniel Kehlmanns Rede in Salzburg gefiel mir, weil sie so persönlich war. Er erzählte, wie ihm sein Vater die Scheinwerfer hinter der Bühne erklärt hatte und das Lichtmachen. Als es später um Karl Krauss und so weiter geht, wird es sofort alles wirkungslos. Deshalb cancele ich jetzt meine Ankündigung der inhaltlichen Debatte. Ich spare mir die Theorie über Goetz, belasse es bei einer schlappen These: Er, der die software der Gehirne lesen kann, ängstigt sich davor, daß das einmal einer bei ihm macht. Aus gutem Grund. Anders als zum Beispiel ich, kennt er seine eigene Prägung nicht. Sie ist ihm ein völliger Blinder Fleck, ja er weiß noch nicht einmal, daß er eine hat, und daß sie so starr und eindimensional ist, daß sie das Wichtigste im Bewußtsein eines Intellektuellen verhindert, nämlich ein Geschichtsbewußtsein.
Das ist ein kompliziertes Thema. Ich habe es einmal mit sehr viel Mühe ausgeführt und werde es nicht nochmal tun. Es war anläßlich seines Vorgängerbuches, das ich für die WELT am Sonntag rezensieren mußte. Der Redakteur, der monatelang sehr engagiert und menschlich darum kämpfte, daß ich das tat, war ein Freund, ja geradezu ein Fan von mir. Ich bin als Journalist ziemlich problematisch, aber dieser Mann, er hieß Matthias Wulff und ich mochte ihn sehr, verzieh mir jeden, also wirklich JEDEN Fehler. Ich hätte mit dem Auto seine Kinder anfahren können, und er hätte mich trotzdem weiterbeschäftigt. Tatsächlich verdankte ich allein seinem beherzten Eingreifen für mich und meine Art des Schreibens inzwischen neunzig Prozent meines Einkommens. Ich sagte ihm, daß ich über Goetz nicht schreiben wolle, da es wie eine kleinliche persönliche Abrechnung aussehen würde, noch dazu eines kleinen Geistes mit einem großen, was natürgemäß immer peinlich sei. Der Redakteur entgegnete, ich solle es mir überlegen, Goetz würde mich lieben, es sei eine Chance der Versöhnung. Ich überlegte es mir mehrere Monate, immer wieder angetrieben von diesem überaus netten Redakteur, der seinen Beruf offenbar sehr ernst nahm. Zwischendurch gab er mir andere Themen und ich staunte, wie gut er mich immer einschätzte und einsetzte. Alle Texte wurden überdurchschnittlich gut, also gemessen an meinen eigenen Möglichkeiten, sodaß ich mir eines Tages sagte: Nun, der Mann weiß wohl, was er tut, und ich werde den Goetztext schreiben. Inzwischen hatte mir eine Passage in ‚Klage‘ die Idee dazu geliefert. Rainald führt dort leidenschaftlich aus, daß ihn Lob furchtbar quält. Es mache ihn fix und fertig, dieses Schleimen, er wisse nicht, woran er sei, er wachse nicht, er werde nicht angeregt, die Gehirnwindungen verkleben und so weiter, nein, er wolle Kritik, erbarmungslose, kristallklare Kritik, eine, die den Freund nicht schone, im Gegenteil, genau daran würde er den wahren Freund erkennen, den Kamerad im Felde, den Lebensmenschen! Für mich war das wie ein Blankoscheck. Ich wollte ihm wirklich etwas Gutes tun, was nichts Geringeres bedeutete, als daß ich, der krankhafte und zwanghafte Lügner, erstmals und ausnahmsweise etwas Wahres, noch dazu in der Form der nichtironischen Theorie, verfassen mußte. Ich, der ich sonst nie länger als ein paar Mittagsstunden für jede Art von Langtext benötigte, beugte mich nun wochenlang und gramgebeugt über den Laptop. Das Ergebnis war kein Lottmanntext, aber trotzdem gut, also immer noch gut genug. Es war immer noch SPIEGEL Niveau. Erst recht hätte er der Welt am Sonntag zur Ehre gereicht. Der Redakteur brauchte einige Zeit, ehe er reagierte. Anscheinend kam es hausintern zu einer Auseinandersetzung, bevor er mit mir sprechen durfte. Er deutete zunächst nur an, daß er gern mein Freund bleiben wolle. Ich dachte grinsend, er meine unsere ‚Freundschaft‘ bei Facebook, aber die Sache war bitterernst. Ich wurde schließlich gefeuert, ausdrücklich und ausschließlich wegen des Götztextes. Darin würde von der ersten bis zur letzten Zeile nur „Haß gegen einen Autor“ stehen. Und überhaupt sei der Text so schlecht, daß man dafür nicht einmal ein Ausfallhonorar bezahlen würde, „nicht einen einzigen Cent“. Da war wirklich reiner Haß, aber nicht in meiner Rezension, sondern in dem Kündigungsschreiben. Mein Text über Prägung und Geschichtsbewußtsein war eigentlich sehr interessant gewesen, und persönlich nur an den Stellen, wo ich über meine eigene Prägung schrieb, über die langen Kriegs- und Zwischenkriegsgeschichten, die meine Oma mir als Kind erzählte, eine begnadete weil euphorische Geschichtenerzählerin. Aber auch da war kein Haß oder gar Selbsthaß. Die Reaktion der Zeitung blieb kryptisch. Es kam auch nie wieder zu einem Gespräch, weder mit dem netten Redakteur, noch mit anderen, im Laufe der Jahre kennengelernten Kollegen. Kein Honorar für einen bestellten Artikel – ich spürte förmlich, wie sich der greise Axel Cäsar Springer, der mich einst per Handschlag im Paternoster zum Volontär gemacht hatte, im Grabe umdrehte. Aber so war das eben, wenn man geächtet war…
So, die Stunde ist um, der Vorhang ist zu, und alle Fragen offen, wie Reich-Ranicki sagen würde. Aber so hat der Blog doch einen schönen Epilog bekommen! Blog und Anti-Blog gibts nun nicht mehr, aber wer von dieser family soap nicht genug kriegen kann, lese einfach in LOSLABERN weiter oder in DER GELDKOMPLEX!

27.09.2009

Wieder im Ashram

von lottmann








Es ist 14.29 Uhr und der 27. September 2009 (indischer Zeit). Deutschland hat sich für Dr. Guido Westerwelle und eine neoliberale Regierung unter seiner Führung entschieden, wie ich seit vielen Monaten wußte beziehungsweise sicher annehmen konnte. Es ist nun Zeit, Adieu zu sagen und den Blog ‚Auf der Borderline nachts um halb eins‘ wie vielfach angekündigt zu beenden (siehe Blogeintrag vom 3. August 2009). Die hysterische, humorlos-messerscharfe Stimme des neuen Außenministers wird das signifikante Geräusch des nächsten Jahrzehnts sein, wird das gemütliche Organ der Kanzlerin allmählich zum Verstummen bringen…
Doch ich werde davon nichts mitbekommen. Indien gefällt mir gut, und ich werde die neuen deutschen Verhältnisse von hier aus weder studieren noch kommentieren (können). Schon die letzten taz-Kommentare zum deutschen Einsatz in Afghanistan, zur kulturellen Kontinentaldrift und so weiter sind mir schwer gefallen, ja mißglückt, und in der Chefredaktion raufte man sich die Haare.
Mir ist es auch nicht mehr möglich, mich zu echauffieren. Morgen beginnt hier in den Bergen, in der Nähe von Jaipur, ein weiterer zehntägiger Meditations- und Schweigemarathon für mich, auf den ich mich seit langer Zeit freue. Der Ashram ist wirklich schön (siehe Fotos), nur das ewige Sitzen belastet den Rücken schon jetzt. Man darf zehn Tage lang mit niemandem sprechen, auch nicht sonstwie kommunizieren, also auch nicht schreiben, schon gar keine E-Mails, die natürlich verpönt sind. Man kommt dann auf Gedanken, von denen man gar nicht wußte, dass man sie hatte (soviel weiß ich schon vom letzten Ashram in Kerbala im August). Später werden sie freilich Eingang finden in mein Buch ‚Ich bin dann mal Indien‘ (Kiepenheuer & Witsch, Herbst 2010, 256 Seiten, Euro 12,95), und damit in eine gesamtgesellschaftliche Kommunikation. Den Ashram Hohepriestern wird das womöglich nicht recht sein, aber ich habe Vertrag und wichtig ist die drei Punkte, um mit Mehmet Özil zu sprechen (das nächste Spiel ist immer das schwerste).
Natürlich wird der Druck auf mich, wenigstens die Frankfurter Buchmesse zu besuchen und dort meinen überraschenden Bestseller ‚Der Geldkomplex‘ zu vertreten, stündlich, also mit jedem weiteren Tausend verkaufter Exemplare, größer. Damit meine ich die Medien, aber auch den Verlag. Es wird nicht einfach sein, sich dem zu widersetzen. Aber zumindest in den zehn Schweigetagen kann kein Ruf der europäischen Massen- und Miediengesellschaft in das abgelegene Kloster zu mir dringen. Und danach ist das Gehirn sowieso so edel, sauber und reingewaschen, dass ich gar nicht mehr begreifen werde, was die hektischen Deutschen da von mir wollen.
Ich verabschiede mich also von meinen lieben Bloglesern, gratuliere MdB Westerwelle zum Sieg, und verbleibe mit einem herzlichen Gruß als

Euer Lottmann

27.09.2009

Ahmedabad

von lottmann





26.09.2009

Späte Bilder, letzte Spuren

von lottmann










26.09.2009

Der Geldkomplex Rezensionen

von lottmann

Erst dachte ich, diesmal ist es umgekehrt wie bei der ‚Jugend von heute‘, nämlich populär beim Volk, wenig beachtet von den Medien. Doch nun sind die ersten Stimmen da. Ich muß zugeben, daß ich, der ich sonst Rezensionen lieber gar nicht erst lese, überwältigt bin. Ich kann es einfach nicht leugnen! Und will es auch gar nicht noch weitertreiben, den Effekt noch verstärken, nur sagen, dass mich Sätze wie die folgenden nicht kalt gelassen haben (kleine Auswahl):
„Ich war von der ersten Seite an einfach begeistert (…). Ein Buch, nicht nur für Männer, sondern auch für Frauen – jeden Alters.“ Dieter Moor, ARD, TTT
„Mehr gewagt hat seit Jahren kein deutscher Autor mehr.“
Andreas Platthaus, FAZ
„Ein Meisterwerk. Wenn in Zukunft einer wissen will, wie es denn wirklich gewesen ist in der Finanzkrise, sollte man ihm rasch und entschlossen den neuen Roman von Joachim Lottmann in die Hand drücken und sagen: Nimm und lies.“
Jens Bisky, Süddeutsche Zeitung
„Kunstvoll verflechten sich die Handlungsstränge in ‚Der Geldkomplex‘ zu einem fesselnden Meisterwerk.“ Mannheimer Morgen
„Erfrischend neu, erschreckend witzig, entsetzlich spannend. Ich habe noch nie etwas Vergleichbares gelesen.“ Passauer Neue Presse…
Und so weiter.
‚Der Geldkomplex‘ wird mir offenbar viel Freude machen!