Frühling der Gefühle
von lottmann(9. April 2007) Was ich jetzt sage, ist die Wahrheit. Darauf kommt man nicht. Es war so einfach, dass man darauf auch nicht kommen KANN. Kein Therapeut. Kein Freund. Ich saß in der S-Bahn, ein Vorortzug. Eine Frau stieg ein. Sie hatte genau die Figur meiner verstorbenen Frau. Ich bezeichne das einmal so, verstorbene Frau, aber natürlich sterben heute Frauen nicht mehr, in dem Alter, aber egal. Sagen wir: die von mir gegangene Frau. Sie hatte diese Figur. Ich wusste gar nicht, dass es das gibt. Ich hatte mein Leben lang auf das Gesicht geachtet, auf Körper UND Gesicht, immer die Einheit gesehen, was sonst. Nun stieg sie aus. Sie war häßlich. Sie war alt. Sie raffte eine Ausgabe der Wochenzeitung DIE ZEIT zusammen. Sie trug Gesundheitsschuhe. Eine Strickjacke, sah aus wie selbstgemacht. Aber sie war hochgewachsen, schlank, hatte denselben Gang, vielleicht denselben Knochenbau… leider hörte ich ihre Stimme nicht. Dann war sie schon weg, ich sah ihr nicht nach. Doch von dieser Sekunde an ging es mir gut. Nachts konnte ich zum erstenmal seit neun Monaten wieder gut schlafen. Ich setzte gleich die Medikamente ab!
Nun könnte man sagen, dass es der erste Frühlingstag gewesen war. Aber daran lag es nicht. Es war die Möglichkeit, nicht die Person, aber seine physische Existenz zu retten. Meine verstorbene Frau würde nicht wiederkehren, aber ihr Körper! Und nach all meinen Entbehrungen der letzten Zeit war das schon sehr viel. Ich mußte nur suchen. Und ich durfte nicht so belämmert sitzenbleiben, wenn sich die Chance bot. Ich hätte die neue Frau mit dem vertrauten Körper bereits besitzen können, wenn ich tätig geworden wäre in der S-Bahn. Ich hätte aufstehen und ein Gespräch über DIE ZEIT beginnen können. Ich hätte auf die Situation vorbereitet sein können. Man konnte das Glück nicht erzwingen, aber wenn es da war, mußte man eine Strategie haben. Die wollte ich entwickeln.
Als erstes fiel mir auf, nachträglich, wie sinnlos und falsch mein Leben seit dem Tod meiner Frau gewesen war. Wie konnte man eine Existenz aufrechterhalten, die einem nicht den geringsten Spass machte? Die nur mit Medikamenten zu ertragen war und nicht einmal damit richtig? Bei der es ständig und kontinuierlich bergab ging? Und wie leicht war es, stattdessen das Sinnvolle zu tun – nämlich den Mißstand zu beseitigen und die verlorengegangene Person zu ersetzen, erstmal körperlich. Wie lange konnte die Suche dauern, wenn man sie konsequent betrieb? Selbst bei großem Pech konnte es nur ein paar Wochen dauern. Wenn man sich nicht mehr von blöder Arbeit und eingebildeten Verpflichtungen ablenken liess, war die längste Zeit des Leidens vorbei. Der entscheidende, neue Gedanke, der alles veränderte, war, dass die neue Freundin nicht mehr verdammt SCHÖN sein mußte. Nicht mehr innerhalb der Marktgesetze unerschwinglich weit oben stehen mußte. Sie mußte nicht blond sein, kein abgeschlossenes Hochschulstudium und keine Galerie haben, nicht im Kontext “Germany´s next spielerfrau” bestehen können, nicht im intellektuellen Freundeskreis gut ankommen, vor allem: nicht jung sein. Houellebecq konnte sagen, was er wollte, aber ich würde auch mit einer Teilnehmerin glücklich werden, die im Markt keine Chance hatte. Wenn sie nur dieselben Knochen hatte wie meine liebe, von mir gegangene Frau…
Zurück zur Strategie. Wenn der Frühling ausbrach, was ja gerade der Fall war, obwohl wir ein schlechtes Jahr hatten, nämlich 2007, wurden selbst verblühte und häßliche, sagen wir lieber: nichtmarktaffine Frauen gern angesprochen. Man mußte nach der Uhrzeit fragen und danach weitere unverbindliche Fragen parat haben. Aber das Wichtigste, ja das einzig Wichtige, war die eigene Schmerzfreiheit. Die Ablehnung durfte einen nicht schmerzen. Man durfte sie nicht als Fehlschlag deuten. Natürlich kamen bei zehn Versuchen neun Ablehnungen heraus. Nur wer das sportlich nahm, konnte weitermachen.
Ich merkte bald, dass ich nicht soweit war. Ich mußte mich erst innerlich darauf einstellen, zu Hause, und dann am nächsten Morgen energetisch aufgeladen damit beginnen. Ich kam aber noch an dem Insider-Restaurant “Bonfini” vorbei und beschloß, eine kleine Szene aufzuführen. Ich wollte das Stück “Neu in der Stadt” aufführen. Das “Bonfini” sollte MEIN Restaurant werden. Ich war zwar seit Jahren in der Stadt, aber das wußte dort niemand. Ich ließ mich dem Patron vorstellen, gab meine Karte, nannte meinen Namen. Ich sei Schriftsteller und käme jetzt öfter. Ich nahm mir nämlich vor, alle Verabredungen in dieses Lokal zu legen, und nach einiger Zeit ergab sich daraus vielleicht etwas, eine Gruppendynamik, ein Rätsel um meine Person, ein Mythos. Der Mann mit den vielen Frauen. Der unbekannte große Schriftsteller. Die Tochter des Patron paßte nun zufälligerweise genau in das unglückselige Beutemuster, das ich gerade abgelegt hatte. Sie war dämonisch dunkel, verboten schlank und verführerisch, ein Teufel an sexuellem Reiz, 25 Jahre alt, gemein, promisk, größenwahnsinnig, dumm. Man konnte ihr nur altersgeil hinterherlechzen, zumal sie die höchsten Wangenknochen, die kleinste, feinste Nase, die kajalgeschwärzesten Augen und auch noch eine papierweiße Haut hatte. Mir wurde nun klar, was mir an der Frau in der S-Bahn den Kick gegeben hatte: Die selbstgestrickte Jacke und die Wochenzeitschrift DIE ZEIT standen für Antipornographisierung, ebenso die Gesundheitsschuhe aus unbehandeltem Leder. Die Frau war NICHT SEXY. Sie trug keine Zeichen der gewollten Sexiness am Leib. Sie war anständig. Sie war nicht promisk. Und wenn doch, dann sprach sie nicht darüber. Selbst wenn sie mit mehreren Männern schlief, tat sie es auf eine diskrete, die Würde wahrende, humane Weise. Also, das DACHTE ich nun. Und natürlich war sie, in meiner Phantasie, zu echter Hingabe fähig, während die aufgebrezelten Chicks der neuen Schlampenkultur allesamt komplett frigide waren – in meiner Vorstellung, aber nicht nur in dieser. Einige erbärmliche fragmentarische Erfahrungen hatte ich ja durchaus “gemacht”, sagen wir lieber: widerstrebend mitbekommen. So ungefähr 40. Deswegen war es ja so schön, dieser Kultur ade zu sagen. Wirklich lustig, dass ausgerechnet jetzt die Tochter des Patron in all ihrer hochgerüsteten Reiz-Overkill-Verfassung vor mir stand und mich gleichgültig kalt musterte. Es war das letztemal, schätzte ich, dass eine Person dieser Art mich grundlos verachtete, und ich verengte meine Augen und versuchte, ebenso kalt zurückzuschauen.
Ich wollte nun möglichst täglich ins “Bonfini” kommen. Der neue Gast. Das neue Leben! Der Frühling. Leider kamen nun ein paar trübe Tage, vom Wetter her. Ich wollte mich davon nicht stören lassen.
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Nimm besser weiter deine Medikamente und setz dafür das Schreiben ab…