(14.4.2007) Ich drückte viel zu heftig den Hörer auf die Gabel und erstarrte; ich hatte mich mit Gabriele Uhrlau verabredet! Einige Sekunden verstrichen, als hätte ich mich geschnitten und sähe nun fassungslos zu, wie die ersten Blutstropfen kamen. Dann stürzte ich quasi zum Verbandskasten und rief Holm Friebe an. Er sollte dazukommen, wenn ich mich mit dem NDR Rundfunkrat traf, also mit der Uhrlau. Er nahm aber nicht ab. Nun, das durfte mich nicht überraschen. Damit war zu rechnen. Holm Friebe war nicht irgendwer. So einer hatte zu tun. Später erfuhr ich, dass er gerade die erste nationale dreitägige Bloggerkonferenz in Berlin leitete und vor 700 handverlesenen Nerds über die Zukunft Deutschlands sprach. Seine Zuhörer nannten ihn ehrfürchtig den “mastermind”, was immer das heißen mochte. Nein, so einen konnte ich nicht einfach ins Nola´s in der Kastanienallee bestellen. Ich mußte von Sinnen gewesen sein, daran überhaupt zu denken. Ich besaß… weiter lesen
Archive for April, 2007
(12. April 2007) Die Lesung war äusserst seltsam, und ich wäre gern dort geblieben. Das Kaffee Burger klang immer nach Wladimir Kaminer, Russendisco, junge Leute, verrücktes neues Berlin – das Gegenteil stimmte, jedenfalls jetzt. Alte Zausel, Tristesse, die Wirtschaftskrise der 20er Jahre, kein Publikum, leere Tanzfläche, am Eingang ein wackeliges Holztischchen mit einer Kasse darauf (es hätte auch ein Hut sein können). Aber da war eine Frau auf einem Barhocker, die meinen ganz bestimmten schon geschilderten Erwartungen entsprach, also ihr Körper, und die ich sofort ansprach.
“Sie sind die Autorin?”
“O neyn, das Autorin seyn nun auf Toilette.”
“Aber Sie sind gut mit ihr bekannt?”
“O ja, sie seyn mein Freundin schon laange Zeyt!”
“Wie alt sind Sie?”
Sie war 47 Jahre alt, Neuseeländerin, geboren in England, 1,78 Meter groß, schlank, trug Brille, lange Haare und einen Faltenrock. Wie gesagt, schlank, SEHR schlank, und… weiter lesen
(11. April 2007) …und wachte topfit auf! Die Laune war prächtig, der Frühling lag fast schon in der Luft, wenn man so wollte, und aus lauter Überschwang setzte ich mich sogar für 90 Minuten an die Arbeit und schrieb Fußnoten für mein neues Buch “Auf der Borderline nachts um halb eins / Mein Jahr als Deutschlandreporter”. Dann rief Harriet Wolff an, die Frau vom Rattelschneck, und wollte mit mir Spazieren gehen. Ja, wirklich, sie wollte sich zum Spaziergang verabreden, wie zu Goethes Zeiten! Da sagte ich nicht nein.
“Stell Dir vor, es blühen schon einige erste Blumen”, sagte sie.
“Ja, das mit dem ausbleibendem Frühling ist Quatsch. Welche Blumen gibts denn schon?”
Sie nannte sie mir.
“Osterglocken, Gänseblümchen…”
“Aber Ostern war doch schon.”
“Wie war denn Dein Ostern?”
“Ach, schon so lange her…”
“Drei Tage!”
“…ich weiß noch, dass ich drei… weiter lesen
(10. April 2007) Beim Aufwachen begriff ich auf einmal, welches unfaßbar große Geschenk mir meine von mir gegangene Frau hinterlassen hatte. Sie hatte mich, in letzter Konsequenz, vom Jugendwahn befreit! Ich erinnerte mich plötzlich, dass ich früher langjährige Freundinnen verlassen hatte, wenn sie dreissig wurden. Dreissig! Angeblich weil sie danach nicht mehr mädchenhaft genug, unschuldig, begeisterungsfähig waren und mich an “meine Mutter” erinnerten. Therapeutenblödsinn. Meine Mutter sah immer schon aus wie 100, wie konnte mich da eine 30jährige an sie erinnern? Egal, inzwischen war mir dreißig nicht zu alt, sondern deutlich zu jung. Unter 40 fing ich nicht mehr an. Nur bei den über 40jährigen gab es überhaupt noch die Chance, auf ungepiercte, tattoofreie, orgasmusfähige Humanoide zu stoßen, statt auf BITCHES. Das Feld wollte ich nun aufrollen.
Ich liess das Auto extra stehen, um mit der Bevölkerung in Kontakt zu kommen. Aber es war ein Schock, was sich in… weiter lesen
(9. April 2007) Was ich jetzt sage, ist die Wahrheit. Darauf kommt man nicht. Es war so einfach, dass man darauf auch nicht kommen KANN. Kein Therapeut. Kein Freund. Ich saß in der S-Bahn, ein Vorortzug. Eine Frau stieg ein. Sie hatte genau die Figur meiner verstorbenen Frau. Ich bezeichne das einmal so, verstorbene Frau, aber natürlich sterben heute Frauen nicht mehr, in dem Alter, aber egal. Sagen wir: die von mir gegangene Frau. Sie hatte diese Figur. Ich wusste gar nicht, dass es das gibt. Ich hatte mein Leben lang auf das Gesicht geachtet, auf Körper UND Gesicht, immer die Einheit gesehen, was sonst. Nun stieg sie aus. Sie war häßlich. Sie war alt. Sie raffte eine Ausgabe der Wochenzeitung DIE ZEIT zusammen. Sie trug Gesundheitsschuhe. Eine Strickjacke, sah aus wie selbstgemacht. Aber sie war hochgewachsen, schlank, hatte denselben Gang, vielleicht denselben Knochenbau… leider hörte ich ihre Stimme nicht.… weiter lesen