Zur Zeit entdecke ich den Alkohol. Das bringt meine sonst so präzise Unterscheidung von Realität und Einbildung ein bißchen durcheinander. Heute morgen beim Aufwachen wußte ich sekundenlang nicht mehr, ob ich wirklich mit Deutschlands einzigem nennenswerten Schriftsteller abends in der Maxim-Biller-Bar getrunken hatte, oder eben genau das nur geträumt, oder mir im Halbschlaf vorgestellt hatte. Erst als mir Détails einfielen, wußte ich wieder, dass es stimmte. Mein Verleger war auch dabei. Und war ich wirklich davor in der Redaktion der taz gewesen? Und dazwischen auf einer Lesung von der Ari? Und hatte ich tatsächlich Gabriele Uhrlau geküßt? Ja ja, so war es wirklich gewesen, unfaßbar!
Fangen wir mit dem Besuch bei der taz an. Ich bin da ja immer gern, schon wegen der vielen Erinnerungen. Diesmal war ich eher zufällig da. Ich hatte nämlich in Kreuzberg ein Interview mit einer mir nahestehenden Persönlichkeit gemacht, und suchte nun einen Raum, um das Band abzutippen. Da der Wartburg genau in der Kochstraße eine Art Herzattacke inszenierte, schob ich das Auto an den Straßenrand und entschied, einfach zur taz zu gehen.
Ich ging also durch das neue Café, und dann rief ich die Sekretärin von Bascha Miko an, ob sie ein Büro für mich hätte. Das ging hin und her, eigentlich war es für Redaktionsarbeit schon viel zu spät, die Leute verließen bereits das Haus. Bei der taz sind sie ja mit der Zeitung immer schon fertig, bevor die ersten Nachrichten passieren. Das ist aber heute bei allen Zeitungen so, schätze ich. Ich lief durch die offenen Redaktionsräume, grüßte nach allen Seiten. Dann machte ich mir ein kleines Lager neben Peter Unfried und begann zu arbeiten.
Wir sprachen nicht viel, denn wir sind beide nicht die großen Redner. Eher gewissenhafte Arbeiter. Aber Unfried war mit seinem Tagesgeschäft irgendwann fertig, und ich wurde Zeuge, wie er Benedikt Erenz anrief, den großen alten Mann der ZEIT, eine Legende unter uns Jüngeren. Ich machte ihm ein Zeichen, auf laut zu stellen, denn das wollte ich natürlich mitkriegen. Unfried stellte auf laut, und ich hörte fassungslos folgendes Gespräch mit, das in dieser Form tatsächlich so stattgefunden haben mußte, bis vielleicht auf zwei Einschränkungen. Einmal kam mittendrin der taz-Blockwart ins Zimmer und hörte mißtrauisch zu, fragte nach einigen Minuten mit schneidender Stimme, mit wem der Herr Stellvertretender Chefredaktuer denn da zu telefonieren habe. Ich glaube, das hat den Peter Unfried verunsichert, denn ich mußte natürlich sagen, dass er da gerade mit der Konkurrenz sprach. Hätte ich die Unwahrheit gesagt, wäre ich selbst drangewesen. Das war schon ärgerlich. Zum zweiten trübt die folgende Alkoholnacht mit Verleger, Biller, Uhrlau und Philipp Rühmann die Erinnerung doch beträchtlich. Versuchen wir es trotzdem einmal:
“Jaa?”
“Unfried hier, PETER Unfried von der taz!”
“…Nein, sowas!”
“Ja.”
“Also… mein Lieber, wie komme ich denn zu DER Ehre?”
“Herr Erenz, schön, dass Sie selbst drangehen…”
“Jaa, ist ja auch… ja, also das ist ja… eine kleine Überraschung, sozusagen.”
“Wissen Sie, ich rufe – ”
“Ist übrigens auch mein Apparat, deswegen bin ich dran.”
“Schon klar. Herr Erenz, ich – ”
“Bei Ihnen ist natürlich noch eine Sekretärin vorgeschaltet.”
“Bei der kleinen aber feinen taz? Gar nicht. SIE sitzen im Groß- beziehungsweise Leitmedium.”
“Ach, na na.”
“Es, äh, geht um den schönen Narholz, den – ”
“SIE sind die Karriereleiter nach oben gefallen, ICH nach unten, ha ha ha!”
“Stimmt doch gar nicht. Sie sind Benedikt Erenz, und das werden Sie immer sein.”
“Was denn sonst? Auf einmal Benedikt Unfried, oder was?”
“Ich meine, Sie sind jenseits jeder Karriere, Sie sind eine Institution, eine echte…”
“DIE ZEIT ist eine Institution, ich nicht.”
“Aber Sie sind der gute Geist der ZEIT!”
“Ja, das haben schon einige gesagt.”
“Es geht um Christoph Narholz. Der schöne Text, den Sie im Blatt hatten jetzt.”
“Ja!”
“Also, der hat mir sehr gut gefallen.”
“Narholz, ja, ich weiß jetzt den Vornamen gar nicht – ”
“Christoph Narholz.”
“Ja, Christoph Narholz, der hat uns allen viel Freude gemacht, stimmt. Der KANN ja auch gut schreiben, der junge Mann, das ist mir sofort aufgefallen, als ich den Text zum erstenmal gelesen habe, so Ende 2004 muß das gewesen. Nein, da habe ich ihn bekommen; gelesen habe ich ihn erst, als das neue Buch von Joachim Lottmann rauskam, ´Die Jugend von heute´.”
“Das ist doch das Buch, das schon früher rauskam, eben doch schon 2004, ja Ende 2004, oder meinen Sie das davor?”
“Nein, diesen neuen Roman, über die Jugend, wo Lottmann mit seinem Neffen zum erstenmal ausgeht und Auto fährt und so weiter.”
“Die Jugend von heute.”
“Genau. Kennen Sie es schon, Herr Kriegsfried, Herr UNFRIED?”
“Ich kenne sogar schon das GANZ neue.”
“Na, da sind Sie dann weiter als ich. Also Sie mit Ihren besonderen Beziehungen zu Herrn Lottmann…” (lacht)
“Na, ich bitte Sie. So ein Buch kriegt man auch so.”
“Aber wir bei der ZEIT gehen halt seriös vor, oder penibel, ganz wie Sie belieben. Erst kommt der neue Roman, und was der Autor inzwischen für sonstige Ideen im Kopf hat, soll seine Sache sein und bleiben.”
“Aber das neue Buch GIBT es doch bereits, Herr Erenz.”
“Aha, so so! Ich nehme an, dass Sie sich auf irgendeine Weise in den Besitz des Manuskripts gebracht haben, werter Kollege Unfried? Ist das so korrekt ausgedrückt, ja?”
“Hm, also wirklich, es ist schon…”
“Ja oder nein?”
“Ja, Herrgott, selbstverständlich…”
“Aber Sie glauben doch nicht im Ernst, DIE ZEIT würde, nachdem sie gerade den neuen Roman in brillianter Weise besprochen hat…”
“Deswegen rufe ich ja an, wegen Narholz.”
“Wissen Sie denn schon, wie das, ahäm, GANZ neue Buch von Lottmann heißen wird?”
“Zombie Nation.”
“Oh… gab es das nicht schon… Zombie Nation? Ich meine, den Titel gab es doch vorher schon einmal, nicht? Wann ist denn wohl mit den ersten Fahnen zu rechnen? Im Herbst?”
“Schon lange draußen. Wie gesagt, ich interessiere mich für den Autor Christoph Narholz, besser gesagt, wir von der taz interessieren uns für ihn. Können Sie mir sagen – ”
“Würden Sie mir freundlicherweise sagen, ob man noch Fahnen kriegt und wo? Sie wissen ja, dass wir bei der ZEIT sehr, nun ja, gründlich arbeiten, aber wenn ich die Fahnen hätte, könnte ich das Buch vielleicht noch in die Weihnachtsausgabe quetschen.”
“Was?”
“Also nicht DIESES Weihnachten! Da ist es ja noch gar nicht auf dem Markt, ich meine – ”
“Es IST doch längst bei Dussmann!”
“Weihnachten 2008… was, Dussmann hat es schon?!”
“Ja, seit letztem Jahr, wie alle Buchhandlungen.”
“Wie bitte? Sie sprechen von ´Die Jugend von heute´, junger Freund.”
“Nein, von ´Zombie Nation´. Aber FUCK YOU, es ist doch wurscht!”
“Was?!”
“Geben Sie mir die Telefonnummer von Christoph Narholz?”
“Es ist GAR NICHT wurscht, lieber Kollege von der Linkspresse! Eine Zeitung, die täglich erscheint, geht eben hitziger und unbesonnener mit neuen kulturellen Produkten um als ein ruhiges wöchentliches Periodikum wie DIE ZEIT. Der neue Roman von Joachim Lottmann ist da, wir lesen ihn, wir lassen die Dinge reifen…”
“… die Jahreszeiten kommen und gehen…”
“…ja, genau, es wird Winter, es wird Sommer, und dann vielleicht wieder Winter, warum denn nicht, und dann bespricht ihn ein junges Genie wie dieser Narholz. Was soll daran FALSCH sein!”
“Entschuldigen Sie. Ich wollte das doch gar nicht…”
“Es klang aber so!”
“Dann tut es mir leid. Ehrlich! Ich LIEBE Ihre Zeitung, habe sie selbst jahrelang gelesen.”
“Ja? Das wußte ich gar nicht. Jetzt kommt´s raus, Herr Kollege.”
“Als Student war es mir geradezu eine Pflicht, sage ich Ihnen, und ich hatte sogar ein Abonnement von meinen Großeltern geschenkt bekommen.”
“Jetzt rühren Sie mich richtig.”
“Ich würde übrigens verstehen, wenn DIE ZEIT Herrn Narholz ganz für sich behalten wollte.”
“Nein, so ist es nicht.”
“Nein?”
“Nein, gar nicht. Ich habe nur seine Nummer gar nicht mehr, glaube ich. Sowas vergißt man, wissen Sie, also wo man sowas hingelegt hat, damals. Ist ja schon zwei Jahre her.”
“Sie haben seitdem nicht mehr mit ihm gesprochen?”
“Ich glaube, ich habe sogar damals nicht mit ihm gesprochen. Ich bekam den Text ja zugeschickt.”
“Und da war ein Schreiben dabei, mit Briefkopf und Daten?”
“Lassen Sie mich nachdenken.”
“Bitte, ja.”
“Das war… nämlich so: Jetzt weiß ich es wieder. Den Text bekam ich nicht von Narholz zugeschickt, sondern von… ja, von Joachim Lottmann.”
“Lottmann selbst hat den geschickt?”
“Richtig, ja, genau so war es. Ich hoffe nur, er hat ihn nicht auch selbst geschrieben!” (lacht jovial)
“Na, Herr Erenz! Dann war mein Anruf ja umsonst.”
“Ach iwo, im Gegenteil, Herr, äh, lieber Herr Kollege von der, äh, taz, ganz im Gegenteil, ich hab dabei eine gute Idee bekommen. Nicht? Wenn zwei Leute wie wir miteinander reden, dann ist das immer fruchtbar!”
“Ja? Dann ist ja gut. Ich gehe jetzt den Lottmann direkt an und frage nach dem Narholz.”
“Tun Sie das! Tun Sie das. Rufen Sie den Lottmann an.”
“Auf Wiedersehen dann, und alles Gute!”
“Ebenso.” (legt auf)
Peter Unfried drehte sich in seinem Drehsessel gespenstisch langsam zu mir um, hielt dabei ein leeres quadratisches Zettelchen in der Hand, das er mir gab, und er flüsterte:
“Die Nummer.”
Ich blätterte schnell mein Adressbüchlein auf und schrieb die Nummer von Narholz ab. Wir sprachen dann noch länger über den Autor, denn Unfried wußte offenbar noch nicht, dass Narholz inzwischen gut im Geschäft war und von Suhrkamp umworben wurde. Ein solches Ausnahmetalent würde bestimmt nicht mehr lange für journalistische Arbeiten zur Verfügung stehen. Narholz spielte bald in der Champions League, neben Derrida, Enzensberger, Kracht, Toledo – wenn alles gut ging.
Wie gesagt, ich mußte noch arbeiten, und Peter Unfried hatte auch genug, nach diesem Schlag ins Kontor, und so blieb ich allein. Ich holte meine Flasche Eierlikör aus der Berlinale Umhängetasche und machte das Interview fertig. Es mußte ja alles stimmen, da hieß es, sich zu konzentrieren. Dann ging ich nach unten, denn inzwischen hatte sich der Große Wartburg 3=6 wahrscheinlich erholt. Und so war es auch.
Mit der Höllenmaschine ging es zu Hilka Sinning, die mit mir eine Design Weltaustellung namens ‘digital design’, besuchen wollte, gesponsort von der Z.I.A., und wir sahen auch Holm Friebe gleich als erstes. Gutmütig blickte er uns an. Neben ihm standen Geschäftsfreunde. Nachdem er die erste Million voll hatte, backte er inzwischen an der ersten Milliarde, dachte ich. Also das ist MEIN Eindruck. In meinem Beisein, also in den paar Minuten, in denen ich zufällig neben ihm stand, fiel ihm eine neue Idee ein, die er “Vom sozialen Brennpunkt zum sozialen hot spot” nannte und die mit dem Aufstellen eines staatlich finanzierten LAN-Netzes in Problemzonen der Gesellschaft zu tun hatte. Wie bei allen Holm Friebe Ideen wird auch diese bald unser aller Medienrealität sein. Leider wurde dabei seine Art sich auszudrücken immer kaufmännischer, zielführender, ‘erfolgreicher’. In seinen big-business-sprech mischten sich immer seltener menschliche Sätze, was natürlich für seine Freunde schade war. Sicher machte sich auch seine Familie schon Sorgen, wie man in Zukunft mit diesem gewandelten Sohn noch Weihnachten feiern sollte. Donald Trump unter dem Weihnachtsbaum? Mit Bill Gates Ostereier suchen?
Quatsch, sehr hinkende Vergleiche. Jedenfalls kam er zwar mit, ins Auto, um in die Maxim-Biller-Bar zu fahren, sprang aber nach ein paar Ampeln wie in Panik aus dem qualmenden Wartburg, weil er um ein Uhr nachts dem Fernsehsender Phoenix ein Interview geben mußte. Die hatten da irgendein 24-Stunden-Interview-Konzept am Hauptbahnhof, das ich nicht verstand. Im Auto blieben Hilka, Rühmann und ich.
Im “103″ wartete schon der Verleger, und der rief Maxim mit Hilfe seines Blackberrys an, dass er schnell runterkommen sollte. Der wohnte ja im Haus, wie ich früher im Café Central in Köln. Bald waren wir vollständig, und Maxim zeigte mir einen Artikel, den er für mich mitgebracht hatte. In meinem “Blog” hatte ich ja über Jonathan Meese geschrieben, worüber sich viele aufgeregt hatten, zum Beispiel Jörg Schröder in seinem Nachbarblog “Schröder & Kalender”. Maxim wollte nun, daß ich seinen Meese-Artikel in meinen Blog täte, als Kommentar. Denn Maxim hatte ebenfalls über Jonathan Meese geschrieben. Ich nahm den Artikel an mich und las ihn durch. Ich hätte ihn lieber ein anderes Mal gelesen, aber Maxim konnte ihn mir nicht mitgeben, es war sein einziges Exemplar, und so las ich:
“DER ERZSCHLAUE MOSESDADDY
Das erste Mal habe ich den bärtigen, schwarzhaarigen und sehr femininen Jonathan Meese im Zug von Hamburg nach Berlin gesehen. Er stieg wie ich am Hauptbahnhof ein und trug einen riesigen, schweren Sack auf dem Rücken, der so aussah, als wären in ihm die Knochen von Friedrich Nietzsche. Oder die gesammelten Werke von Richard Wagner. Oder die fünfhunderttausend Dollar, die Jonathan Meese jedes Jahr mit dem Verkauf seiner Bilder verdient.
Ich kenne Meese nicht persönlich, ich weiß nur, wie er aussieht, daß er Diktatoren und deutsche Mythen liebt und angeblich der neue Beuys ist. Als er mich in Hamburg am Hauptbahnhof erkannte, zuckte er erschrocken zusammen. Dann schrie er mich wie ein Verrückter mit seiner hohen Lehrerstimme an: „Sind alle Juden so erzgescheit wie Sie, Mister Mosesdaddy? Ja?! Gestehen Sie! Die Kunstrevolution wird trotzdem siegen!“ Dazu machte er den römischen Gruß, und während er die ausgestreckte Hand senkte, streichelte er meine Wange. Das ist nicht der neue Beuys, dachte ich, das ist irgendwas ganz anderes.
Das zweite Mal habe ich Jonathan Meese im Axel-Springer-Haus in der kahlen, dunklen Ullsteinhalle gesehen. Er bekam vor tausend Leuten etwas verliehen, das B.Z.-„Kulturpreis“ heißt. Geld gab es nicht, nur eine kleine Bronzefigur, die so aussah wie der Berliner Bär, nachdem er vom Fernsehturm auf den Alexanderplatz gekracht ist. Jonathan Meese war sehr glücklich über den Preis. Er lief in seiner schwarzen Adidasjacke auf die Bühne und riß die kleine Schauspielerin Kathrin Angerer auf den Boden, die für ihn im Marylin-Monroe-Kostüm „Happy Birthday, Mr. President!“ gesungen hatte. Sie küßten und wälzten sich herum, als seien sie Darsteller in einem Schlingensief-Stück oder in einer Meese-Performance, und plötzlich sprang Meese hoch, um Guido Westerwelle, den Politiker, zu küssen, der ihn vorher zehn Minuten lang als den neuen Beuys gelobt hatte. Westerwelle machte erschrocken einen Satz zurück, Meese entschuldigte sich sofort bei ihm, und dann sagte er, er wünsche sich, daß der berühmte Udo Jürgens für ihn „Griechischer Wein“ singe.
Eine Stunde später stand Meese hinter Udo Jürgens wieder auf der Bühne und lächelte ironisch. Jürgens spielte „Griechischer Wein“, Meese dirigierte, und die tausend Leute in der Ullsteinhalle klatschten so selbstverständlich mit, als sei das ganze Leben eine deutsche Schlagerparade. Ich überlegte währenddessen, ob ich am nächsten Tag in Meeses Galerie in der Sophienstraße gehen und eines von seinen Bildern kaufen sollte, die bald noch teurer sein würden. Meeses Bilder sind so häßlich wie die häßlichen Deutschen auf den Bildern von George Grosz, und sie heißen so ähnlich wie „Un-Nazi-Nietzsche“ oder „Hitlers Dingbarmachung“ oder „Ich bin die scheißende Walküre“. Ich entschied mich dagegen.
Als Udo Jürgens zu Ende gesungen hatte, gingen alle herüber in die Axel-Springer-Passagen zum Essen. Ich ging natürlich mit. Ich nahm Rinderbraten mit Serviettenknödeln und Rahmwirsing, und später noch eine Crepe mit Topfen und Marillenkonfitüre. Ich fühlte mich eigentlich ganz gut. Ich trank meinen dritten Bellini und stand allein an der Bar, als sich plötzlich ein dicker, einfacher Mann im Anzug zu mir vorbeugte und sagte: „Sie befinden sich im Preisträgerbereich. Darf ich Sie herausbitten?“ Ich drehte mich schnell um, und tatsächlich, an den langen, weißgedeckten Tischen hinter mir saßen sie alle, jeder mit seinem plattgedrückten Berliner Bären vor sich: Die seltsame Iris Berben, der steife Michael Wolffsohn, die vier geschminkten Jungen von Tokio Hotel, der Rockband, Udo Jürgens und Jonathan Meese mit seiner ernsten Hamburger Mutter. Die meisten sahen stumm irgendwohin, nur Jonathan Meese redete aufgeregt mit jemandem, der so aussah wie Dr. Döpfner, der unwirklich großgewachsene Chef von Axel Springer. Ich hoffte, Meese würde mich nicht bemerken, aber da trafen sich auch schon unsere Blicke. „Ach, Gott, nein!“ rief er mit seiner hohen Lehrerstimme über den Tisch. „Das ist ja überirdisch! Der erzschlaue Mosesdaddy auch da? Hoffentlich schreibt er was Gutes über mich! Entfernt ihn!“ Ich ging langsam weg, und der dicke Wachmann ging hinter mir, und es sah leider ein bißchen so aus, als würde man mich abführen.
Das dritte Mal habe ich Jonathan Meese einen Tag später gesehen, in der Volksbühne, bei der Premiere seines ersten Stücks „De Frau“. Wovon das Stück handelte, weiß ich nicht. Jonathan Meese saß auf einer Drehbühne, es lief laut der Germanenrock der ostdeutschen Gruppe Rammstein, und ab und zu kam ein Schauspieler vorbei und kniff Meese in die Brustwarze, worauf er den Namen von Ezra Pound rief, dem Dichter, der die Nazis liebte. Nach zwei Stunden wurde – noch lauter als vorhin Rammstein – „Griechischer Wein“ von Udo Jürgens gespielt. Meese tanzte und sang dazu, und die jungen deutschen Intellektuellen in der ausverkauften Volksbühne klatschten so glücklich mit, als seien sie gern die Kinder ihrer verträumten deutschen Spießereltern. Ich dachte währenddessen an die Worte meines Freundes Bielicky, des Videokünstlers aus Prag, den ich am Morgen angerufen und gefragt hatte, wie er sich den Erfolg von Jonathan Meese erkläre. „Die Deutschen sind unkritische Masochisten und so verklemmt wie eine katholische Nonne“, hatte Bielicky gesagt. „Kaum ist einer von ihnen ein bißchen extrovertiert, machen sie ihn zu ihrem Führer.“
Nach der Vorstellung gab es im Grünen Salon der Volksbühne noch eine Premierenparty, und Meeses Galerist lud mich beim Rausgehen auch ein. Ich bin natürlich nicht hingegangen. Ich mich will doch nicht jeden Tag von dem neuen Beuys als raffinierter Jude loben lassen. MAXIM BILLER”