ER, der Reporter, dem Blockwart Broeckers die Verwendung des Wörtchens ‘ich’ verboten hatte, ärgerte sich an diesem Tag erheblich. Erst rief sein Bruder an, das sah ER auf dem Display, und der berichtete ihm von einem neuen Haßartikel Gerrit Bartels im ‘Tagesspiegel’. Es war bereits der dritte Haßtext dieses Kollegen, aber dieser war der infamste. Sein Bruder sagte, er habe Lust, es diesem Gerrit Bartels heimzuzahlen, aber ER winkte ab. “Die Antwort geben wir auf dem Platz”, meinte ER, “und das heißt, die Leser müssen das Buch kaufen und lieben, dann kann die Presse gar nichts machen.” ER rief den Verlag an und ließ das Cover vom Buch kommen, um es gleich publik zu machen. “Wo bestellt man denn das neue Buch?” fragte sein Bruder, und ER war um eine prompte Antwort nicht verlegen:
“Am besten schickt man eine Mail an verlag@kiwi-koeln.de oder ruft Reinhold Joppich unter 0221 3768536… weiter lesen
Archive for Mai, 2007
Stundenlang fuhr er mit der S-Bahn übers Land, Richtung Flughafen Schöneberg. Er, der Reporter aus der Großstadt. Er suchte seine Freundin. Der Blockwart hatte ihm das Wörtchen ´ich´ verboten. Eisern machte er weiter.
Schon bald gab es nur noch üppiges Grün zu sehen. Er holte seine Freundin vom Flughafen ab. Ein ganzer Tag ging dabei drauf, aber er tat es gern. Gleichmäßig rollte der alte Zug Richtung Osten, wie früher, wie immer schon, immer weiter, immer ins Nichts, ins Verderben, nach Sibirien. Es war die Marotte der Nachkriegspolitiker, die Flughäfen in unerreichbarer Ferne zu errichten. Der neue Münchener Flughafen lag irgendwo zwischen Ingolstadt und Regensburg, hätte also auch „Flughafen Nürnberg“ heißen können.
Es gab immer noch Leute in den Abteils. Es fuhren also wirklich Menschen in diesen unwirtlichen Gegenden, die doch längst entvölkert waren, hin und her. „Reisen“, dachte er, „ist doch ein Gottesgeschenk, wie die alten Griechen so richtig… weiter lesen
Hinten bei der taz, also im Hinterhof dieses Gebäudes in der (noch) Kochstraße (bald Rudi-Dutschke-Straße), das der taz gehört, sieht es erstaunlich heruntergekommen aus. Man würde nicht denken, wenn man vor der prächtigen Gründerzeit-Fassade steht, die teure Friedrichstraße in Sichtweite, dass im Hinterhof die Atmosphäre und der Geruch von Klein-Neapel herrscht. Ich war da nur hingelaufen, um eine Zigarette zu rauchen – und wurde prompt vom Blogwart erwischt. Aber bevor er mich zusammenscheißen konnte, ertappte ich IHN bei einer kleinen Sauerei, und die war womöglich schlimmer als mein unterstellter Vorsatz, gleich das Rauchverbot zu umgehen und die Fliegen und anderen Insekten über den stinkenden, überfüllten Mülltonnen zum Passivrauchen zu zwingen. Der Blogwart hatte nämlich einen Karton mit ungefähr fünfzig Briefen an mich gerade entsorgen wollen. Der Karton war offen, und ich sah den Adressaten der Briefe: Joachim Lottmann. Es waren alles Kommentare zu meinem Blog, denn nachdem Norma mir geschrieben… weiter lesen
Theatertreffen Berlin, Presseabschlußkonferenz. Nette Leute, angenehme Stimmung. Kultur pur. Die Sommersonne bricht durch die zur Gänze verglaste Südwand. Etwa hundert Journalisten, alle gespannt, aber alle ohne Spiralblock, wie ich feststelle, nur ich habe einen. Er liegt deutlich sichtbar auf meiner linken Hand, während ich mit der rechten schreibe. Barbara von der Agentur Drama macht ständig Fotos von mir und dem Spiralblock. Auf der Bühne die Jury. Andreas Willig sitzt mir am nächsten. Ich berechne, dass er mir in nur drei bis vier Schritten, in nur wenigen Sekunden also, den Spiralblock entreissen könnte. Damit wären meine Notizen dahin, und ich könnte nicht mehr objektiv und den journalistischen Standards entsprechend berichten. Seit Stadelmaier ist daraus ja ein regelrechter Sport geworden, ohne Beachtung der erheblichen Verletzungsgefahr. Eine Kinderei im Grunde, vergleichbar dem Straßenbahn-Sliding jugendlicher Inline-Skater. Da müssen erst die ersten Toten in der Zeitung stehen, bis da jemand zur Besinnung kommt. Ich presse… weiter lesen
„Broeckers, waren Sie denn niemals selber jung? Sie können doch nicht immer den Kindern das Bloggen im Treppenhaus verbieten.“
„Das isses doch gar nicht, weswegen ich mich wieder an Sie wende, Herr Lottmann.“
„Ach, verzeihen Sie. Was ist es denn diesmal, Broeckers?“
Der Blogwart stand leicht gebeugt vor mir. Verlegen drehte er seinen alten Hut in der Hand.
„Es is nur, Herr Lottmann, wo doch Ihr Blog so heißt, dass Sie mehr übern… also übern Götzn bringn täten solln, Herr Lottmann.“
„Wie?!“
Er meinte, wie er mir nun erklärte, dass mein tazblog ganz offiziell in der Kurzbeschreibung ´Der Anti-Goetz´ hieß, wie ich ganz vergessen hatte. Und nun sollte ich („wegen der Leser, wissen Sie“) mehr auf dessen Blog in der Vanity Fair eingehen.
„Gut, Broeckers, ich kümmere mich drum. Ich werde diesen Herrn Götz einmal anrufen.“
Das tat ich dann, denn ich wußte… weiter lesen
- Nach diesem fulminanten Schriftsatz mußte ich nun auch etwas zur causa Meese in die Zeitung geben. Irgendwann muß jeder Mann in seinem Leben seinen Meese-Artikel schreiben (nach dem gepflanzten Baum, dem gezeugten Kind und dem geschriebenen Buch), und ich schrieb ihn gleich am nächsten Tag. Er erschien wenig später in voller Länge in der Welt am Sonntag. Maxims Volte hatte in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung gestanden. Die beiden Sonntagszeitungen lieferten sich einen interessanten Zweikampf um den deutschen Markt. Die F.A.S. hatte in nur zwei Jahren so viele Leser gezogen – ohne dass die WamS welche verlor – dass nun auch alle anderen Großkonzerne Sonntagszeitungen planten. Gespannt wartete die Branche zum Beispiel auf den Ableger der SZ. Was konnte die SZ noch bieten, was die anderen beiden nicht schon hatten? Meiner Meinung nach nichts; aber sicher würde Alexander Gorkow mich wieder überraschen. Der große Gorkow! Der Heinrich George
Zur Zeit entdecke ich den Alkohol. Das bringt meine sonst so präzise Unterscheidung von Realität und Einbildung ein bißchen durcheinander. Heute morgen beim Aufwachen wußte ich sekundenlang nicht mehr, ob ich wirklich mit Deutschlands einzigem nennenswerten Schriftsteller abends in der Maxim-Biller-Bar getrunken hatte, oder eben genau das nur geträumt, oder mir im Halbschlaf vorgestellt hatte. Erst als mir Détails einfielen, wußte ich wieder, dass es stimmte. Mein Verleger war auch dabei. Und war ich wirklich davor in der Redaktion der taz gewesen? Und dazwischen auf einer Lesung von der Ari? Und hatte ich tatsächlich Gabriele Uhrlau geküßt? Ja ja, so war es wirklich gewesen, unfaßbar!
Fangen wir mit dem Besuch bei der taz an. Ich bin da ja immer gern, schon wegen der vielen Erinnerungen. Diesmal war ich eher zufällig da. Ich hatte nämlich in Kreuzberg ein Interview mit einer mir nahestehenden Persönlichkeit gemacht, und suchte nun einen Raum,… weiter lesen
Peter Unfried war aus dem Urlaub zurück und fragte mich am Telefon, ob ich nun endlich wisse, warum “Herr Goetz” so häßlich über mich schreibe. Ich konnte es gar nicht mehr hören und sagte, das Thema sei inzwischen durch.
“Wirklich? Aber er hat doch wieder nachgelegt. Wenn auch, das kann man mit einigem Wohlwollen sagen, er seine Position ein kleines bißchen relativiert hat, also vielleicht.”
“Nein, also, keine Ahnung… Herr Unfried, Sie waren im Urlaub, seitdem hat sich da nichts mehr getan, glaube ich.”
“Kann es nicht mit einem Artikel zusammenhängen, den Sie unlängst in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über ihn geschrieben haben?”
“Ich? Niemals!”
“Doch, mit der Überschrift ‘Der Anti-Feminist’, im Literaturteil, in einer Rezension über Maxim Billers Buch ‘Liebe heute’.”
“Ach, mein Biller-Artikel! Der war nicht in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, sondern in der Welt am Sonntag.”
“Ja, ja, in der… weiter lesen
Es war schon etwas spät, weil ich um 19 Uhr Jonathan Safran Foer treffen sollte. Philipp Rühmann hatte das arrangiert. Foer wohnte seit einem Vierteljahr bei ihm am Wannsee, wobei man wissen muß, dass Foer sein Buch “Alles ist erleuchtet” schon vorher geschrieben hatte, noch in Amerika, das er nun, da er Berlin Mitte entdeckt hatte, nicht mehr leiden konnte. Also Amerika, das Buch schon. Ich war also etwas kurz angebunden, als das Festnetz-Telefon klingelte und Benedikt Erenz mich anrief.
“Herr Erenz, das ist aber schön, dass Sie mich anrufen!”
“Ja, ich dachte, das sollte ich jetzt einmal tun.”
“Stellen Sie sich vor, ich bin gleich mit Jonathan Safran Foer verabredet.”
“Nun, das wird die Freundschaft zwischen Deutschland und Amerika sicherlich befördern. Man spricht ihn übrigens ´fohr´ aus.”
“Haben Sie ´Alles ist erleuchtet gelesen´?”
Was für eine dumme Frage. Erenz ließ sich nichts anmerken.
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