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Beiträge von Mai 2007

29.05.2007

…und weiter…

von lottmann

ER, der Reporter, dem Blockwart Broeckers die Verwendung des Wörtchens ‘ich’ verboten hatte, ärgerte sich an diesem Tag erheblich. Erst rief sein Bruder an, das sah ER auf dem Display, und der berichtete ihm von einem neuen Haßartikel Gerrit Bartels im ‘Tagesspiegel’. Es war bereits der dritte Haßtext dieses Kollegen, aber dieser war der infamste. Sein Bruder sagte, er habe Lust, es diesem Gerrit Bartels heimzuzahlen, aber ER winkte ab. “Die Antwort geben wir auf dem Platz”, meinte ER, “und das heißt, die Leser müssen das Buch kaufen und lieben, dann kann die Presse gar nichts machen.” ER rief den Verlag an und ließ das Cover vom Buch kommen, um es gleich publik zu machen. “Wo bestellt man denn das neue Buch?” fragte sein Bruder, und ER war um eine prompte Antwort nicht verlegen:
“Am besten schickt man eine Mail an verlag@kiwi-koeln.de oder ruft Reinhold Joppich unter 0221 3768536 an, das ist die Leiter des Vertriebs dort, der schickt das Ding dann sofort los. Da kann der Gerrit Bartels noch so toben, der macht das.”
“Dann ist ja gut.” Sagte sein Bruder. ER hörte, wie er sich die Nummern notierte. Nachdem sie gesprochen hatten, setzte ER das Cover in den Blog. Es sah so aus:

Photo Sharing and Video Hosting at Photobucket

29.05.2007

von lottmann

Photo Sharing and Video Hosting at Photobucket

28.05.2007

9. Kapitel: Reise ohne ´ich´

von lottmann

Stundenlang fuhr er mit der S-Bahn übers Land, Richtung Flughafen Schöneberg. Er, der Reporter aus der Großstadt. Er suchte seine Freundin. Der Blockwart hatte ihm das Wörtchen ´ich´ verboten. Eisern machte er weiter. 

Schon bald gab es nur noch üppiges Grün zu sehen. Er holte seine Freundin vom Flughafen ab. Ein ganzer Tag ging dabei drauf, aber er tat es gern. Gleichmäßig rollte der alte Zug Richtung Osten, wie früher, wie immer schon, immer weiter, immer ins Nichts, ins Verderben, nach Sibirien. Es war die Marotte der Nachkriegspolitiker, die Flughäfen in unerreichbarer Ferne zu errichten. Der neue Münchener Flughafen lag irgendwo zwischen Ingolstadt und Regensburg, hätte also auch „Flughafen Nürnberg“ heißen können. 

Es gab immer noch Leute in den Abteils. Es fuhren also wirklich Menschen in diesen unwirtlichen Gegenden, die doch längst entvölkert waren, hin und her. „Reisen“, dachte er, „ist doch ein Gottesgeschenk, wie die alten Griechen so richtig sagten!“ Sein Vorgesetzter bei der kleinen, überregionalen Zeitung hatte ihm den richtigen Ratschlag gegeben. Er genoß es, den fremden Mitfahrenden zuzuschauen. Ein Mädchen fiel ihm auf, das in einem dreiteiligen, selbstgeschneidertem Kleid mit den Farben Schwarz, Rot und Gelb steckte. Beide Eltern rahmten es ein, zwei sehr häßliche, aus den Fugen geratene Leute. 

Wann erreichte man wohl endlich das Ziel, diesen legendären Flughafen Schöneberg? Die Stunden vergingen. Es war die Jahreszeit, in der die Vegetation gerade erst im vollen Ausmaß erwacht war und in Saft und Kraft erblühte, zumal das erste Sommergewitter des Jahres gerade über die jungen Bäume und Gräser gefegt war; so grün wurde es später nie wieder. Die alten, viereckigen S-Bahn-Waggons aus den 30er Jahren bahnten sich mühsam ihren Weg durch den Urwald. 

Ein Passagier besaß sogar eine Zeitung. Es war der unförmige Vater des hübschen 14jährigen Mädchens mit dem deutschfarbenen Wickelkleid und den Rauschgoldengelhaaren, das sich wahrscheinlich auf die erste Fernreise in ein befreundetes sozialistisches Bruderland freute. Die Zeitung hieß „B.Z.“, und auf der ersten Seite stand die Schlagzeile: 

´100 Köpfe für Tempelhof´ 

Der Artikel handelte davon, dass hundert Prominente sich für den Erhalt von Speers Flughafen Tempelhof aussprachen. Auch über 70 % der wahlberechtigten Berliner waren für den weiteren Betrieb dieses von der UNESCO geschützten Weltkulturerbes. Man konnte dann nämlich innerhalb von Minuten sein Flugzeug erreichen und mußte nicht erst eine Tagesreise in die Pampa antreten. Selbst nahe Städte wie Paris, Madrid oder Istanbul, die man normalerweise mit dem ICE schneller erreichte, konnte man von Tempelhof aus sofort anfliegen. Es lag also auf der Hand, dass den Berlinern vor dem geplanten neuen Großflughafen weitab von der Zivilisation, eben in der Nähe des Flughafens Schönefeld, ja noch weiter weg als der, mehr als graute. 

Niemand wollte ihn. Warum wurde er trotzdem gebaut? 

Warum zerschlug Wowereit brutal alle lukrativen Angebote für den Weiterbetrieb von Tempelhof? Weil der neue Flughafen das einzige Milliardenprojekt Berlins war. Hunderte und Tausende von Firmen, Lobbyisten, Beratern, Beamten, PR-Menschen, Politikern, Hehlern, Schmierern, großen und kleinen Kriminellen verdienten daran. Hier und nur hier floß das ganz große Geld. Da war es doch vollkommen egal, dass die Bevölkerung davon einen Riesennachteil hatte. Man nahm der Bevölkerung einer Drei-Millionenstadt die Möglichkeit, normal zu fliegen… 

Die Zeit verging. Die Stimmung wurde unerträglich. War man schon in Polen? Nein, dann kam der Flughafen doch noch. Alle stiegen aus. Er auch. Er, der Reporter aus der Großstadt. Er suchte seine Freundin. Der Blockwart hatte ihm das Wörtchen ´ich´ verboten. Eisern machte er weiter. 

Er war pünktlich. Das Flugzeug wurde bereits erwartet, kam aber nicht. Er stand eine Stunde lang in der Wartehalle. Er kaufte eine Coca Cola. Das Fräulein im ´Snack Bistro´ herrschte ihn an, er möge beim nächstenmal die Cola selbst aus dem Regal ziehen. Das sei nicht ihre Aufgabe. Dann flötete sie dieses unnatürliche „Einen schönen Tag noch“ hinterher. Er dachte: Der Osten. Das Grauen. Die wahre Apokalypse. 

Er kaufte vor lauter Langeweile eine kitschige, plastikverschweißte Rose. Dann einen hello Kitty Reisewecker. Dann eine Bild Zeitung. Dann den SPIEGEL. 

DER SPIEGEL. Wenn gar nichts mehr hilft. Hier findet die Seele Halt. Wieder fünf tolle Artikel von Matthias. Eine Schreibexplosion, wie es sie seit zwei Jahren nicht mehr gegeben hatte. Der Höhepunkt: ein Interview mit Hochhuth, das denselben als hirnlosen, dillettierenden Papsthasser entlarvte. Nein, so konnte man mit dem heiligen Vater nicht umgehen, das begriff jetzt der Leser, und Pius IV wurde selig gesprochen, während Hochhuth direkt in die Hölle kam, bald. 

Eine wartende Frau fiel ihm auf. Weil sie so sehr wartete. Sie ging nervös hin und her. Sie hatte schöne Beine und wenig an. Es war so heiß und schwül, über 30 Grad und karibisch feucht und auch wieder drückend sauerstofflos in dieser alten DDR-Halle. Ihr Rücken war vollständig frei, und sie war wirklich schön. Die Schulterblätter, die Haut, die langen Beine, die schwarzen glatten Haare, und dabei wirkte sie so ungewöhnlich seriös. Eine ernste, sicher sehr verliebte Frau. Sie sah sogar wie seine verstorbene Frau aus, wenn er ehrlich war, und er mußte sie einfach ansprechen. 

„Wissen Sie, wie teuer ein Taxi von hier aus bis zum Prenzlauer Berg ist?“ 

„60 bis 65 Euro.“ 

„Sie müssen doch auch nach Mitte?“ 

„Ja.“ 

„Dann können wir uns das Taxi doch teilen.“ 

„Nein, ich fahre mit der S-Bahn.“ 

„Wenn wir uns das Taxi nicht teilen, ist es mir auch zu teuer.“ 

„Dann fahren wir zusammen S-Bahn…“ 

Die Freundin tauchte auf. Judith Bröhl. Kein schöner Name, aber auch nur ausgedacht. Die nächste Freundin wird schöner heißen, denkt er, vielleicht Mrs. Vandergast. Oder Frau von Thorberg. Nathalie Bergengrün. Emmanuela Fürstin Krupp-Bromiza. Ihm würde schon etwas einfallen. Ihm, Graf Lottmann, in der elterlichen Linie Hamburger aus der vierten Generation, mit rotem Blut in den Adern… kühler Blick… und leidenschaftliche Hände… der Gang gebückt, das Ego unerschütterlich. Sie küßten sich. Er nahm ihr den Rolli ab. Sie packte die Geschenke aus. 

Nun ging es die ganze Strecke zurück. Die schöne Italienerin hatte er vergessen. Judith Bröhl legte ihre Beine auf die gegenüberliegende Bank. Dann erzählte sie von Cannes. Über die Filmfestspiele sagte sie leider nichts. Sie hatte keinen einzigen Film gesehen. Stattdessen hatte sie wohl fünfundsechzig Parties in sieben Tagen besucht. Sie war das hot chick von Cannes gewesen, und sie hatte davon einen Dachschaden zurückbehalten, natürlich. Alle hatten mit ihr schlafen wollen, gähn. Ihre Geschichten waren unerträglich. 

Sie plapperte von betrunkenen Lovern, die randalierten, irgendwelchen Produzenten, Frauen, die ihre Silikonbrüste auspackten, red-carpet-Nutten, Frauen mit aufgespritzten Lippen, gebotaxten Ärschen, gelifteten Gesichtern, Transvestiten, blah blah… und immer wieder sagte sie, wie unerträglich, wie absolut unerträglich es gewesen sei und dass sie einen Nervenzusammenbruch dadurch erlitten habe. Trotzdem hatte sie ihren Rückflug mehrmals verschoben, und nächstes Jahr würde sie wieder hinfliegen. 

Er hätte sich ärgern können, aber er ärgerte sich nicht. So war die Jugend heute, es gab nichts anderes. Das war halt der Medienfaschismus, in seiner Spätphase. Er gab ihr den Cannes-Artikel im neuen SPIEGEL zu lesen, und so erfuhr sie zum erstenmal etwas über das Event, dem sie zehn Tage lang beigewohnt hatte. Sie las aber lieber den Romy Schneider Essay. Sie lachte bei dem Satz, Hanna Schygulla habe über den Filmen Fassbinders gehangen wie ein nasses Tuch. Die Rückfahrt war insgesamt viel schöner als die Hinfahrt. 

Man darf nicht alleine reisen, dachte er. Das mußte er dem Herrn Unfried noch sagen, bei der nächsten Reise. Aber als hochbezahlter Blogger einer angesehenen Zeitung konnte man nicht die eigene Freundin mitnehmen – das sah ja aus wie diese Sache mit Wolvowitz, dem Weltbankpräsidenten. Der hatte auch seine eigene Geliebte in seine Geschäfte mitreingezogen. Und nun mußte er deswegen zurücktreten. Die Merkel hatte es so gewollt. Das sei nicht moralisch koscher gewesen, hatte sie gesagt. Und hatte sie nicht sogar recht? 

Auch die nächste Reise, dachte er, mußte er also wieder ohne Begleitung antreten. Aber nicht von Schönefeld aus. Es würde nur ein kleiner Sprung werden: von Tempelhof nach Venedig. Zur Biennale. Oder, etwas später vielleicht, von Tegel nach Havanna. Das war zu schaffen, das ging flott. 

 

 

 

 

 

 

25.05.2007

…und weiter…

von lottmann

Hinten bei der taz, also im Hinterhof dieses Gebäudes in der (noch) Kochstraße (bald Rudi-Dutschke-Straße), das der taz gehört, sieht es erstaunlich heruntergekommen aus. Man würde nicht denken, wenn man vor der prächtigen Gründerzeit-Fassade steht, die teure Friedrichstraße in Sichtweite, dass im Hinterhof die Atmosphäre und der Geruch von Klein-Neapel herrscht. Ich war da nur hingelaufen, um eine Zigarette zu rauchen – und wurde prompt vom Blogwart erwischt. Aber bevor er mich zusammenscheißen konnte, ertappte ich IHN bei einer kleinen Sauerei, und die war womöglich schlimmer als mein unterstellter Vorsatz, gleich das Rauchverbot zu umgehen und die Fliegen und anderen Insekten über den stinkenden, überfüllten Mülltonnen zum Passivrauchen zu zwingen. Der Blogwart hatte nämlich einen Karton mit ungefähr fünfzig Briefen an mich gerade entsorgen wollen. Der Karton war offen, und ich sah den Adressaten der Briefe: Joachim Lottmann. Es waren alles Kommentare zu meinem Blog, denn nachdem Norma mir geschrieben hatte, trauten sich auch andere. Ich stellte den Blogwart zur Rede.
Aber das haben sie nicht gerne, dass man den Spieß so umdreht. Er hatte sich also bald gefaßt und polterte, die Kommentare seien sowieso alle unanständig, und solchen Schweinkram dulde er nunmal nicht. Ich sagte:
„Unanständig? Wer beurteilt das? Bin ich Putin? Wenn es Kommentare sind, müssen sie abgedruckt werden.“
„Das werden Sie sich nicht wünschen, Herräh, Herräh…“
„Was?“
„Herräh Lottmann! Die wollen Sie doch nur feddisch machen!“
„Wie bitte?“
„Alles Schmutz! Ich sag es Ihnen! Unrat! Latrinensprache!“
„Ich verstehe kein Wort. Broeckers, Sie drucken das jetzt. Haben Sie mich verstanden?!“
„Auch noch frech werden, was? Ich fürchte, das muß ich melden.“
„Was wollen Sie denn jetzt schon wieder melden, Sie verdammte Petze?“
„Das werden wir ja noch sehen, wer den größeren Einfluß hat beim Herrn Stellvertretenden Chefredaktöhr Peter Unfried! Das WERDEN wir noch sehen!“
„Nee, Broeckers, das wissen wir schon heute. Ich nämlich.“
„So?“
„Alter Studienkamerad, wissen Se. Immer um die Häuser gezogen, ha ha ha. Kinder, haben wir den Mädels die Ohren langgezogen! Kein Kind von Traurigkeit, der Herr Stellvertrender Chefredakteur, kann ick Ihnen sagen, Broeckers.“
„ja, wenn das so ist, Herr Lottmann…“
„So isset! Mensch Broeckers, in Warschau, da hatten wir mal ne Bekannte, Junge Junge, die hatte OHREN… ho ho ho…“
„Herr Doktor mögen vielmals entschuldigen…“
„Lassen Se mal den Doktor ruhig wech, Broeckers. Und drucken Sie jetzt die Kommentare?“
Er sah mich unendlich argwöhnisch an. Das war wohl jetzt richtig schwierig für ihn. Endlich raffte er sich auf:
„Lottmann, ich drucke die Kommentare. Aber EINES will ich Ihnen bei der Gelegenheit einmal sagen: Ihre Kulturberichterstattung ist scheiße. Sie haben überhaupt nichts dazugelernt. Sie schreiben noch immer diesen persönlichen Scheiß wie vorher. Und das reicht mir jetzt. Wenn Sie damit nicht auf der Stelle aufhören, werde ich DAS melden. Und darauf können Sie dann Gift nehmen! So wahr ich hier vor Ihnen stehe: Wenn ich noch EINMAL das Wörtchen ´ich´ in Ihrem Blog finde, gehe ich zur Chefredaktion!“
Damit drehte er sich abrupt um und stapfte weg. Ich steckte mir eine Marlboro an.
Tja, dumm gelaufen. Nun war es vorbei mit dem Subjektivismus. Immerhin wurden endlich Kommentare gedruckt. Ich seufzte, ging an meinen Arbeitsplatz – eigentlich war es der von Corinna Stegemann – und führte den Blog weiter. Ohne ´ich´ nun, ganz wie ein normaler, seriöser Blog. Ohne persönliche Erlebnisse, schöpfend nur aus Zeitungen, anderen Medien, Kantinentratsch und dem Fernsehen. Wie ´Klage´.
Siemens wird von Österreicher geleitet. Kurssprünge an der Börse deswegen.
Thema im nächsten ´Presseclub´: Der Kombi-Lohn. Zukunft oder Auslaufmodell?
Sarkozy immer noch Präsident von Frankreich.
Wie gefährdet ist die Pressefreiheit durch den G-8-Gipfel am Heiligendamm? Ein großes Ereignis. Viele junge und auch ältere Leute fahren hin, aber gewaltlos.
Seehofer wieder bei seiner Frau. In drei Wochen kommt das Baby. Aber auch Markus Söder hat zwei Familien. Bunte hat die ersten Bilder. Harald Schmidt ist dran. Prima.
Im Fernsehen wieder ´Tatort´. Alleinerziehender Kommissar, der von seiner pubertierenden Tochter pausenlos angebrüllt und beleidigt wird. Das alte Pubertätsklischee aus den 70er Jahren. Wie alt sind wohl die Drehbuchschreiber? Mindestens so alt wie Wolfgang Menge, hieß der so?
Armin Holz inszeniert „Der einsame Weg“ von Arthur Schnitzler im Schauspielhaus Bochum. Markus Boysen und August Zirner in den Hauptrollen. Wer wohl das Bühnenbild und die Kostüme gemacht hat? Bettina Helmi?
Toller SPIEGEL Titel über Romy Schneider. Um Dimensionen besser als das Buch von Michael Jürgs, das ja auch schon bahnbrechend war. Gutes, glückliches Deutschland, das solch einen manischen, auf alles Professionelle pfeifenden Schreiber in der Chefetage sitzen hat, einen Heine, wo sonst nur ein Markwort Platz hat.
Vanity Fair wird immer besser. Hut ab vor Poschardt, der offenbar den langen strategischen Atem Bismarcks besitzt.
ZDF Nachtstudio: Sollen alle Deutsche ein Lebensgrundeinkommen beziehen? Gute Frage. Wen fragt man da am besten? Warum nicht Peter Unfried? Gesagt, getan.
„Warum wollen Sie das denn wissen?“
„Für die Kulturberichterstattung in meinem Block.“
„Über SOWAS schreiben Sie? Zeigen Sie mal her.“
Gesagt, getan.
„Um Gottes Willen, Herr Lottmann, so dürfen Sie das nicht machen…“
„Nein?“
„Doch, wenn es Ihnen Spaß macht…“
„Tut es nicht.“
„Junger Mann, Sie müssen REISEN, glaube ich. Also wenn Ihnen nichts mehr einfällt, dann müssen Sie reisen. Diesen Kulturquatsch können andere schreiben, dafür sind Sie uns zu schade.“
„Oder zu teuer.“
„Oder zu teuer. Lassen Sie uns ruhig ehrlich sein. Die taz zahlt Ihnen diese Mordssummen für den Blog ja nicht, damit Sie über das Lebensgrundeinkommen und den Kombilohn schreiben.“
„Die persönlichen Dinge stoßen aber auch auf Kritik.“
„Gut. Wenn das so ist, dann müssen Sie reisen. Da kommen Sie auf neue Gedanken, das verspreche ich Ihnen! Und das ist dann auch nicht subjektivistisch – jedenfalls, wenn das Reiseziel stimmt. Das muß natürlich was hermachen.“
„Wie meinen?“
„Na, nicht Malediven oder so, sondern… Venedig? Ist da nicht die Biennale nächste Woche? Wenn das keine Kulturberichterstattung ist..! Fahren Sie doch mit Angelika Taschen hin, dann haben Sie Spaß pur.“
Gesagt, getan.

21.05.2007

…und weiter…

von lottmann

Theatertreffen Berlin, Presseabschlußkonferenz. Nette Leute, angenehme Stimmung. Kultur pur. Die Sommersonne bricht durch die zur Gänze verglaste Südwand. Etwa hundert Journalisten, alle gespannt, aber alle ohne Spiralblock, wie ich feststelle, nur ich habe einen. Er liegt deutlich sichtbar auf meiner linken Hand, während ich mit der rechten schreibe. Barbara von der Agentur Drama macht ständig Fotos von mir und dem Spiralblock. Auf der Bühne die Jury. Andreas Willig sitzt mir am nächsten. Ich berechne, dass er mir in nur drei bis vier Schritten, in nur wenigen Sekunden also, den Spiralblock entreissen könnte. Damit wären meine Notizen dahin, und ich könnte nicht mehr objektiv und den journalistischen Standards entsprechend berichten. Seit Stadelmaier ist daraus ja ein regelrechter Sport geworden, ohne Beachtung der erheblichen Verletzungsgefahr. Eine Kinderei im Grunde, vergleichbar dem Straßenbahn-Sliding jugendlicher Inline-Skater. Da müssen erst die ersten Toten in der Zeitung stehen, bis da jemand zur Besinnung kommt. Ich presse den Spiralblock zwischen Daumen und Innenhand, mit aller Kraft, fast schon ein bißchen hysterisch. Muß man verstehen. Ich bin jetzt Kulturberichterstatter. Ich nehme meinen neuen Beruf ernst. Ich fühle mich meinen Lesern verantwortlich. Eigentlich ist es schön, nicht mehr an sich selbst zu denken.
Joachim Sartorius sieht mich sofort, ich sitze ja auch als einziger in der ersten Reihe. Freudig kommt er auf mich zu, wie Sarkozy auf die Merkel, die Hände entgegengestreckt, der Mund weit geöffnet und lachend, der Gang vor Freude schwankend wie beim Tänzchen. So eine Seele von Mensch! Ich bin ebenfalls beglückt.
„Wieder zurück! Wie ist es nun bloß möglich! Herr Lottmann, ich freue mich so!“ ruft er aus. Ich rede Ähnliches.
Er und seine liebe Frau, Karin Graf, waren meine Gastgeber gewesen, als ich vor genau zwölf Jahren einen meiner 32 Schubladenromane schrieb, im damals noch geteilten Berlin. Er hieß „Alles Lüge“ und fand natürlich keinen Verleger. Rein formal waren die Sektorengrenzen bereits außer Kraft gesetzt, aber die Menschen aus Ost und West standen sich noch feindlich gegenüber, teilweise in derselben Straße, im selben Haus, Türschild an Türschild. Das muß man sich einmal vorstellen. Erst in späteren Jahren kam es zu der heutigen Vereinheitlichung, indem Westdeutsche die östlichen Regionen Berlins übernahmen und die Ostdeutschen nach Brandenburg und andere Reservate auswichen. Nun also Sartorius. Der gute Hirte! Mein Gott, seit Jahren hatten wir uns nicht mehr gesehen. Zuletzt hatten wir den Sylvesterabend des Jahres 2005 gemeinsam verbracht und uns beim Abschied schier stundenlang die Hand geschüttelt. Ich fragte bewegt nach seiner Frau, den lieben Kinderchen. Er sagte es mir. Es ging allen gut, und Karin war offensichtlich in einer Art Literaturagentur beschäftigt. Ich hörte es mit Interesse. Wenn ich eines Tages einmal wieder keinen Verlag finden sollte, konnte sie mir bestimmt helfen.
Dann begann die Chose. Der Moderator der Jury las eine dpa-Meldung vor, und die war niederschmetternd. Sie war gerade hereingekommen. Sinngemäß besagte sie, daß das sogenannte Ekeltheater auch beim diesjährigen Theatertreffen dominiert hätte. Ich guckte kurz in Barbaras Programmheft, als sie gerade abgelenkt war und die Jury fotografierte. Gleich die ersten Sätze drehten sich wieder um die Debatte um das sogenannte Ekeltheater, und diese Debatte wurde dann aber nicht geführt, sondern verurteilt. Auch die Mitglieder der Jury sprachen sich nun einer nach dem anderen gegen das Führen der Ekeldebatte aus. Sechs der sieben Juroren erklärten sogar, gar nicht zu wissen, was mit einer Ekeldebatte gemeint sein könne. Sie erklärten den dpa-Text für ein unenträtselbares Hirngespinst. Daraufhin wandte man sich internen Themen zu. Stundenlang wurde über einzene Details des modernen Regietheaters debattiert.
Ich meldete mich zu Wort und sagte folgendes:
„Ich möchte noch einmal auf die dpa-Meldung zurückkommen. Die Jury hat gesagt, dass sie gar nicht versteht, was da drinsteht. Sie erweckt den Eindruck, diese Meldung hätte irgendein Verrückter geschrieben. Ich möchte zu Bedenken geben, dass gerade die Institution ´dpa´ weniger verrückt ist als jede andere Zeitung, jedes andere Medium. Journalisten von dpa sind normaler als normal, ja schon die Normalität per se. Sie stehen weder für irgendeine Kritikermeinung, noch für die Meinung der Jury, noch nicht einmal für das Theaterpublikum. Sie stehen für die ganze Gesellschaft! Lassen Sie es mich so sagen: Die Jury hier oben erinnert mich an das Politbüro der SED am 40. Jahrestag der DDR. Wenn damals jemand aufgestanden wäre und gesagt hätte, die DDR sei vielleicht gar nicht so toll, hätte keiner im Politbüro gewußt, was damit gemeint sei. Sie hätten diesen Satz buchstäblich nicht begriffen, ja nicht begreifen können. Es war eine Systemfrage, wie jetzt. Es gab keine Vermittlung zwischen dem System und der realen Gesellschaft. Und es gibt offenbar heute keinerlei Vermittlung zwischen der subventionierten Theaterszene und der übrigen Gesellschaft.“
Alle sahen mich freundlich an. Ein Verrückter hatte wohl gesprochen. Verrückte und Behinderte wurden in der Theaterszene wohlwollend behandelt, ebenso Hartz-Vier-Empfänger, bekennende Tierschützer, militante Lesben und Kinder mit Down-Syndrom. Das war ja so nett hier. Die Theaterszene war die Kirchentagsszene von heute. Wir erinnern uns: Kirchentage waren in den 80er Jahren die großen Sammelbecken für alle, die durch die harten Raster des Kapitalismus gefallen waren. Nach dem Fall der Mauer und dem Ende der Gläubigkeit im Osten zerstreute sich das alles. Das Gerücht, es gäbe immer noch die Veranstaltung „Rock am Ring“ halte ich für eine Falschmeldung.
Einer nach dem anderen antwortete mir freundlich. Der dpa-Kollege hätte eben nicht gewußt, was er schreiben wolle, und so habe er in die Klischeekiste gegriffen. Das sei menschlich, das müsse man verstehen, so sei das Leben, jeder habe einmal einen schlechten Tag. Dann ging es weiter über das Regietheater. Theater ohne Kulissen, Männer als Frauen, Frauen als Osterhasen, Tschechovs „Drei Schwstern“ mit Micky-Maus-Köpfen, Kondomregen, Luftballons, bunte Luftschlangen, Schauspieler die von Tonnen von Walnüssen erschlagen werden, Jelinek, Ulrike Maria Stuart, William Andreas Baader Shakespeare, Christian Goethe Klar, Schlingensieff und Möllemann, Castorp und Buback, derb und spaßig, nackig und sudelig, sinnlos und sinnlich: hurra, hurra, die Schule brennt! Ekeltheater @ it´s best, hätte man denken können. Aber so ist es natürlich gar nicht. Das Berliner Theatertreffen hat ein anderes, höheres Niveau als der vor allem in der Provinz durchgesetzte Mainstream der Castorf-Imitatoren. Es geht ruhiger zu, noch unverständlicher, noch erbärmlicher. Die Schauspieler beeindrucken durch Extreme: entweder flüstern sie wie Geister, sind blockiert wie Autisten, oder schreien und berserkern wie Wahnsinnige. Wer die Originale nicht kennt, versteht nur Bahnhof. Wer sie doch kennt, könnte schwören, im falschen Stück zu sein.
Das alles ist ja sehr schön für die Schauspieler, aber nicht für die Gesellschaft. Nun ist auch moderne Kunst für die Gesellschaft in der Regel unverständlich. Nur wird moderne Kunst von Privatleuten finanziert. Das ist der Unterschied. Das sagte ich aber nicht mehr, sondern machte gute Miene zum schlechten Spiel. Ich wollte es mir ja mit keinem verderben. Schon gar nicht mit dem guten Sartorius, dem Leiter des Ganzen. Ich zwinkerte ihm zu, um zu signalisieren: ´alles nicht so ernst gemeint!´ Spaß muß sein, das verstand er gut, Provokation gehörte halt dazu, gell, wie bei der Jelinek. Er nickte mir gutmütig zu.

Wie gesagt, ich habe nichts gegen contemporary art, und nicht einmal etwas gegen das moderne Regietheater. Es sind eigene Welten, die mich beglücken. Mich. Wenn es mir wieder zu eng und furchtbar wird in der wirklichen Welt. Wenn das konsensuale, abgesprochene Bewußtsein mir wie eine Vakuumflasche vorkommt, in der ich atmen soll. Deswegen hätte ich auch bis zum Ende aushalten können, in dieser Abschluß-Pressekonferenz. Aber ich bin nicht die Gesellschaft. Außerdem wollte ich noch zum Jüdischen Krankenhaus, und die haben dort feste Besuchszeiten.
Es war Sonntag, und ich hatte den SPIEGEL gekauft, mit diesem wunderbaren Artikel über Zadek.


20.05.2007

8. Kapitel: Kulturberichterstattung

von lottmann

„Broeckers, waren Sie denn niemals selber jung? Sie können doch nicht immer den Kindern das Bloggen im Treppenhaus verbieten.“
„Das isses doch gar nicht, weswegen ich mich wieder an Sie wende, Herr Lottmann.“
„Ach, verzeihen Sie. Was ist es denn diesmal, Broeckers?“
Der Blogwart stand leicht gebeugt vor mir. Verlegen drehte er seinen alten Hut in der Hand.
„Es is nur, Herr Lottmann, wo doch Ihr Blog so heißt, dass Sie mehr übern… also übern Götzn bringn täten solln, Herr Lottmann.“
„Wie?!“
 Er meinte, wie er mir nun erklärte, dass mein tazblog ganz offiziell in der Kurzbeschreibung ´Der Anti-Goetz´ hieß, wie ich ganz vergessen hatte. Und nun sollte ich („wegen der Leser, wissen Sie“) mehr auf dessen Blog in der Vanity Fair eingehen.
„Gut, Broeckers, ich kümmere mich drum. Ich werde diesen Herrn Götz einmal anrufen.“
Das tat ich dann, denn ich wußte kaum noch, was er eigentlich so geschrieben hatte. Mir fiel der leicht bayerische Akzent auf, den ich schon ganz vergessen hatte, da man den ja beim Lesen seiner Bücher nicht hört. Früher lebte ich ja selbst in München und beachtete Münchener Akzente gar nicht. Richtig schlimm wurde es bei Rainald auch nur, wenn er sich ärgerte. Dann wurde es echt hart. Er ärgerte sich ja oft, und wenn er das tat, war der cholerische Anfall nicht weit, ja die Regel. Und dann krachten die Worte zu Tal, mit biblischer Wucht, und in einem Dialekt, den selbst Franz Josef Strauß selig nicht mehr verstanden hätte. Das alles hatte ich vergessen, da wir uns so lange nicht mehr unterhalten hatten, seitdem er mich nicht mehr mochte, und nun war sie wieder da, diese Stimme.
Das Gespräch war aber kurz. Er hatte keine Lust, über seine Beiträge im Blog zu referieren und meinte nur, es sei im Grunde reine Kulturberichterstattung. Er gebe mir den freundlichen Rat, mich ebenfalls darauf zu beschränken und alles Persönliche wegzulassen.
Kulturberichterstattung. Ich dachte über das Wort nach. Der Mann hatte eigentlich recht. Warum schreiben, welche Freundin / Frau / Unbekannte man im Taxi geküßt hatte, wer wollte das wissen? Niemand. Aber ein Kinoerlebnis, ein neues Buch, eine revolutionäre Werbekampagne, ein gutes Modelabel: davon hatte der Leser etwas. Und so stellte ich meinen Blog auf reine Kulturberichterstattung um. Nur einmal wurde ich schwankend, als mir eine junge Frau namens „Norma“ einen Kommentar schrieb. Er bezog sich noch auf meine alte, eher persönliche Schreibweise und lautete wie folgt:

Lottmann konstruiert einen Sehnsuchtsraum, er schreibt etwas Verlorenes
wieder herbei. Manchmal muss man etwas beschwören, um es wirklich werden zu
lassen. Denn sie scheinen sich wieder zu kennen, die Künstler und
Schreiber und Schwätzer, sie treffen aufeinander im nächtlichen Berlin. Er ist ein Sucher nach der verlorenen Zeit, der sie nicht verloren geben will, der die
Sehnsucht und ihre Erfüllung genau hier und jetzt verortet.  Und so lüftet
sich der Vorhang, und der Verleger trifft den Schriftsteller trifft den
Neffen trifft den Mastermind. Und alles wird gefiltert durch den
lottmannschen Realitätsverzerrer und taucht wieder auf als kulturelle
Wirklichkeit.

 Ich war natürlich stolz, endlich einen Kommentar bekommen zu haben.
Neidisch blickte ich auf die anderen tazblogs, die ja von ihren tausenden von Kommentaren lebten. Aber verstanden hatte ich den Kommentar doch nicht so ganz. Deswegen mailte ich der Verfasserin. Ich wollte wissen, was sie mit dem „Sehnsuchtsraum“ meinte (ich las erst „Sehnsuchtstraum“) und erfuhr, dass damit so etwas wie das intellektuelle Milieu der 20er Jahre gemeint war, in Berlin, oder das der 50er Jahre in Paris. Und „verloren“ war es angeblich deshalb, weil der Krieg es ausgelöscht hatte, oder die beiden Diktaturen, oder das Fernsehen. Ich sagte, dass auch Maxim Biller ein jüdisch-intellektuelles Milieu herbeischreibe, dass es nicht mehr gebe, aber inzwischen wieder doch, irgendwie, vielleicht allein durch ihn und seine paar Freunde. Ja ja, schrieb die Kommentar-Frau, so was meine sie. Sicher dachte sie an meine vielen Schilderungen aus dem „Bonfini“ und ähnliches. Ich ließ sie in dem Glauben, es ginge so weiter. Dabei schaltete ich doch gerade um („ich habe arte umgelegt“).
Aber vielleicht gefiel der jungen Dame ja auch, was ich demnächst über die etablierte Hochkultur ehrfürchtig zu Papier brachte. Ich wollte übrigens auch versuchen, den lakonischen, abgehackten, unvermittelten Gottfried-Benn-Stil von Rainald zu übernehmen.
Womit beginnen? Am besten mit dem Papstkonzert, das ich auf Video aufgenommen hatte und nun endlich sah, das war nun genau richtig als Einstieg. Es gefiel mir nämlich gut. Kein Genörgel gerade am Anfang! Ich gab mich ganz dem Kunsterlebnis hin. Bald stellten sich die ersten Gedanken ein. Es war herrlich, endlich als Person zurückzutreten hinter den streng sachbezogen, unbestechlichen Text…
Wenn Gott Musik ist, dann ist unser Gott besser, im Vergleich zu den armseligen Minarettgesängen oder was das ist, was der Muezin da morgens von sich gibt.
Papst braungebrannt, ganz in Weiß.
Toll der große Stuhl, auf dem er sitzt, viermal größer als die Stühle der anderen Konzertbesucher. Solistin Hilary Hahn, spielt Violine, sieht absolut super aus, eine Sinnlichkeitsexplosion, alles ist Haut, Fleisch, Sünde, rotes Haar, der Pontifex ist sichtlich beeindruckt, fast könnte man sagen: hingerissen. Die inspirierende Kraft der Musik. Keine 24 Jahre alt, die Wundergeigerin, der ganze Rücken ist frei. Als Muslima würde sie dafür gesteinigt. Mindestens. Also in Mekka und Medina.
Aber wir wollen keinen Streit anfangen. Toleranz gegen andere Weltreligionen meine Haltung. Katholische Kirche trotzdem besser.
Die silberweiße Soutane paßt millimetergenau. Der feine, goldene Saum. Der heilige Vater nennt die Musik „meine von Gott mitgegebene Weggefährtin“. Eine Gefährtin, um eine Welt der Liebe zu schaffen.
Tolle Choreographie der Besucherstühle in der Aula Paola II. Langer Gang zum Papst hin, alle Besucher schwarz angezogen, die Kardinäle Schwarz und Rot, der Papst in Weiß. Kein Lächeln, keine Anbiederung, keine Konzessionen an die Mediengesellschaft. Nur bei Hilary Hahn, wie gesagt, geht sein Herz auf. So sexy kann eine Mariengestalt sein, Wahnsinn.
Soweit das. Mit der Uhrlau im Kino, gestern. ´Black Book´ von Paul Verhoeven. Antideutsche Hetze über dreieinhalb Stunden. Wann immer ein Deutscher ins Bild kommt, kann man sicher sein, dass er wenige Sekunden später eine unfaßbar plumpe Bestialität begehen wird. An sich nichts Neues, im Gegenteil, so ist die Konvention, jede Abweichung davon wäre befremdlich. Es spielt schließlich 1940. Aber die Länge des Films, die Häufung der Brutalo-Szenen, ihre Wiederholung und Ausschließlichkeit, die immer wieder vorgebrachte rassistische Botschaft, wonach Deutsche Bestien seien, Untermenschen wäre der passende Fachausdruck in diesem Fall, hat mich nicht gerade froh gestimmt. Trotzdem hätte es mich nicht gestört, wenn ich nicht heimlich die Uhrlau beobachtet hätte, wie ihr dieses rassistische Machwerk gefiel. Nach dem Film stellte ich sie deswegen zur Rede. Ich wußte natürlich, dass das nichts bringen würde. Ich tat es, weil sie doch so eine intelligente, dem Humanismus verpflichtete Person ist. Sie verstand erstmal nicht, was ich wollte. Es seien doch Deutsche während der Nazizeit gewesen, die seien doch nun einmal so gewesen.
„Alle waren Tiere damals, brutale Ochsen? Keine Menschen? Also auch Deine Vorfahren?“
Sie zuckte mit den Achseln.
„Was würdest Du zu einem Film sagen, der alle Türken als viehische Schlächter, feiste Schweine, permanente Mörder und Vergewaltiger zeigte? Die den lieben langen Tag nie etwas anderes tun als Morden, Saufen und böse sein? Müssen sie nicht auch einmal frühstücken, sich die Zähne putzen, Radio hören?“
Sie zuckte mit den Achseln. Ich zog meinen letzten Trumpf:
„Was würdest Du von Deinem Freund halten, wenn er Dich in ein ganz besonders übles Pornokino mitnehmen würde, und Ihr würdet einen dreieinhalb Stunden langen extrem frauenfeindlichen, männlich-chauvinistischen Pornofilm sehen, in dem Frauen ausschließlich als dreckige, nymphomanische Schlampen gezeigt werden, die es nicht anders verdient haben als gedemütigt und über den Haufen gefickt zu werden, während alle Männer total menschliche, humanistische Züge tragen?“
„Solche Filme gibt es nicht.“
„Aber WENN es sie gäbe, und Dein Freund würde Dich überreden, sowas mit ihm anzusehen, und dann beobachtest Du ihn und siehst, dass ihm der Film GEFÄLLT, was würdest Du dann mit dem Freund machen?“
„Ich weiß nicht, worauf Du hinaus willst. Jeder hat ein Recht auf seine eigenen sexuellen Phantasien.“
Ich gab es auf. Die Frau hatte ganz offensichtlich kein Verhältnis zu dem, was man Erbe, Wurzeln, Ahnen, Stolz nennen konnte. Da, wo andere Völker ihre Würde hatten, ihren Boden, auf dem sie standen, ihre Liebe zu ihren Eltern und ihren Angehörigen, hatte Gabriele Uhrlau: nichts. Konnte das eigentlich gut gehen? Kinder hatte sie keine. Aber wollte ich jetzt wirklich diese Büchse der Pandora aufmachen und über mein Haupt ausschütten, indem ich anfing, das Wort “Stolz” in den Mund zu nehmen? Ich dachte nicht daran. Außerdem war ich auch gar nicht stolz. Und persönlich wollte ich auch nicht mehr werden. Zurück zur neuen Kulturberichterstattung, verdammt nochmal!

Chistopher Wool bei Hetzler gesehen. Große Einheitsbilder für 225.000 Dollar, die kleinen Einheitsbilder 50.000 Dollar, und alle Bilder bereits verkauft. Hetzler ist wieder ganz oben. Von 100 auf Null und wieder auf 100, einfach unfaßbar. In dem alten Patrizierbau in der Zimmerstraße helle hohe schlanke Säulen. Hochvergrößertes, genialästhetisches Gekritzel von diesem Chistopher Wool, immerhin der Mann von Charline von Heyl zu Herleshausen. Respect, der Junge hatte es in jeder Hinsicht geschafft.

Bohlen bei Kerner gesehen. Wie nett er doch ist, dieser Bohlen. Haben ja seit Dirk Scheuring 1988 immer mal wieder welche gesagt, aber begriffen habe ich es erst jetzt. Der hat seine Estefania echt geliebt. Und sie hat natürlich… also der Reihe nach: Mit 16 war sie in ihn verknallt. Mit 18 ging ihr der alte Laberkopf schon auf die Nerven, und sie wollte wenigstens die Heirat. Hat er ihr verweigert. Dann hat sie ihm ein Kind geschenkt, und er hat sie immer noch nicht geheiratet. Das war ihr letzter Versuch. Danach war der Ofen bei ihr aber sowas von endgültig aus, dass ihm gruseln würde, noch nachträglich, wenn er es begreifen würde. Jetzt läuft er herum mit Liebeskummer, den er nicht versteht. Wie gesagt, ein ans Herz gehender netter Mann, Typ tragischer Fall.

Bundeswehrsoldaten im Afghanistankrieg gefallen. Ach, pardon, ist ja kein Kulturthema.

Stuttgart Meister geworden. Reines Glück. Hitzelsbergers Glücksschuß hat alles verzerrt. Eigentlich wurde Schalke 04 Meister.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

15.05.2007

…und weiter…

von lottmann

 

  • Nach diesem fulminanten Schriftsatz mußte ich nun auch etwas zur causa Meese in die Zeitung geben. Irgendwann muß jeder Mann in seinem Leben seinen Meese-Artikel schreiben (nach dem gepflanzten Baum, dem gezeugten Kind und dem geschriebenen Buch), und ich schrieb ihn gleich am nächsten Tag. Er erschien wenig später in voller Länge in der Welt am Sonntag. Maxims Volte hatte in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung gestanden. Die beiden Sonntagszeitungen lieferten sich einen interessanten Zweikampf um den deutschen Markt. Die F.A.S. hatte in nur zwei Jahren so viele Leser gezogen – ohne dass die WamS welche verlor – dass nun auch alle anderen Großkonzerne Sonntagszeitungen planten. Gespannt wartete die Branche zum Beispiel auf den Ableger der SZ. Was konnte die SZ noch bieten, was die anderen beiden nicht schon hatten? Meiner Meinung nach nichts; aber sicher würde Alexander Gorkow mich wieder überraschen. Der große Gorkow! Der Heinrich George des Journalismus im Dritten Jahrtausend! In dem KiWi-Buch “Auf der Borderline nachts um halb eins” hatte ich ihm ein ganzes Kapitel gewidmet.
  •  A propos: Das Buch mußte lektoriert werden. Mein Lektor war in der Stadt, um mit mir zu arbeiten. So mußten alle anderen journalistischen Projekte ruhen, nicht zuletzt das Portrait Sven Lagers. Ich hatte ja zu Sven Lager nach Südafrika fahren wollen, mit meiner Nichte Hase. Sven Lager war der Autor von “Phosphor”, dem Pflichtbuch im Schrank eines jedes kultbewußten Twenty Something. Nun erschien “Mein Leben als Wal”, aber das erwähnte ich ja bereits. Der Lektor war schon sauer, daß ich noch den Jonathan Meese verfaßt hatte, anstatt den ganzen Tag zu lektorieren.
  • Man hätte den Meese-Text theoretisch noch in das KiWi-Buch mitreinnehmen können, aber ich sagte dem Lektor, ich sei es den Bloggern schuldig, ihnen den Meese noch nachzureichen.
  • “Was, Du willst den frischen Zeitungsbeitrag in den Blog tun?!”
  • “Ja, warum denn nicht? Die Blogger haben ein Anrecht darauf. Ich habe ihnen schon soviel über den Fall erzählt. Einige haben sogar Leserbriefe dazu geschrieben.”
  • “Das nennt man «Kommentare«, beim Blog. Und «Blogger« sind die, die den Blog machen, nicht die Leser des Blogs.”
  • “Ach, Feinheiten.”
  • “Wenn Du’s in den Blog tust, können wir im Buch nichts mehr damit machen. Es darf ja keine gemeinsame Schnittmenge geben.”
  • “Nicht einmal EIN einziger Text?”
  • “Auf keinen!”
  • Er sagte immer “auf keinen”, obwohl es doch eigentlich “auf keinen Fall” hieß. Das machte der immer stärker werdende Einfluss von Severin Winzenburg, den Marco ebenfalls lektorierte.
  • “Warum so fanatisch?”
  • “Weil die Leute schon jetzt denken, Dein Blog sei bereits das Buch, nicht bloß der Appetizer.”
  • “Oh… aber es steht doch ausdrücklich drin, im Blog, dass es keinerlei gemeinsame Schnittmenge gibt!”
  • “Ich weiß. Aber so sind die Leute.”
  • “De Leit« red«n immer…”
  • “Und die Moral geht den Bach hinunter.”
  •  Marco van der Hülsendonck biß mißmutig in ein Frühstücksbrötchen. Es war elf Uhr vormittags und wir saßen draußen vor der “Bar 103″ in der vollen Mai-Sonne und lektorierten. Marco war in Japan gewesen, um dort eine blutjunge Japanerin zu heiraten. Er bestand aber darauf, dass sie nur so aussah, in Wirklichkeit sein Alter hatte. So war der Marco: immer anständig. Er machte keine krummen Sachen. An Japan interessierte ihn vor allem die Kultur. Davon erzählte er nun viel, während ich von dem Abend mit dem Verleger erzählte, an dem auch Philipp Rühmann, Hilka Sinning und Gabriele Uhrlau teilgenommen hatte, und übrigens auch die Ari. Über den Verleger mute ich Marco immer alles erzählen, weil er ja der Verleger des Jahres war, und auch noch sein oberster Chef. Ich erzählte auch, wie ich die Uhrlau geküßt hatte. Unter Männern muß man mit sowas angeben:
  • “Ich bin ja eigentlich ein bißchen in Hilka Sinning verliebt, aber die hätte ich nicht küssen können, wegen der Kinder. Die hat ja schon zwei Kinder, weißt Du. Ein Mädchen, fünf, und ein Junge, zehn Jahre alt. Und nun saß ich mit der Uhrlau im Taxi und dachte: Wie das wohl ist, wenn ich die Uhrlau küsse und mir dabei vorstelle, es sei Hilka Sinning? Ob das geht? Kommt das gut, ich meine, bei mir? Und dann habe ich mich zu ihr gebeugt und im richtigen Moment die Augen zugemacht und an etwas anderes gedacht.”
  • “Dann mach die Augen zu und denk« an Deutschland, sagte man früher.”
  • “Nein, denk an Hilka Sinning. Und es hat total geklappt.”
  • “Wahrscheinlich hat die Uhrlau solange an Fritz Pleitgen gedacht.”
  • “Du Ekel! Laß uns lieber lektorieren.”
  •  Hilka Sinning trug immer schicke Designer-Anzüge, und im Flugzeug hätte man sie nicht für die Stewardess, sondern für den Captain gehalten, während die Uhrlau noch den Nicaragua-Poncho von 1983 auftrug. Dem schrieb sie geradezu magische Kräfte zu, nachdem Karl-Heinz Köpcke sich einst in sie und ihn, den sandinistischen Überwurf, verliebt hatte. Aber das sind Details, die den Blogger von heute nicht mehr interessieren (seufz)… Wir lektorierten die 450 Seiten «Borderline«, also die sogenannte Lutherfassung, und im Laufe der Stunden kamen alle möglichen Freunde zufällig des Wegs – das “103″ liegt direkt an der Kastanienallee – und setzten sich für ein Viertelstündchen dazu, zum Beispiel Judith Bröhl und Maxim Biller.
  • Judith kam aus Hamburg, hatte noch Taschen und Koffer dabei. Sie erzählte ihre neueste Pornograhisierungs-Anekdote. Diese Anekdoten liefen immer nach einem bestimmten Muster ab, das Judith selbst nicht bewußt war. Wagen wir dazu einen Vergleich:
  • Judith war wie ein Mensch, der sich eine Zugfahrkarte für den Zug von Berlin nach Köln kaufte, damit zum neuen Berliner Hauptbahnhof ging, sich dort in den entsprechenden Zug setzte, den Schaffner begrüßte, sich auf den reservierten Sitzplatz setzte, den Koffer verstaute und die neueste Ausgabe der “InTouch” aufblätterte. Und sich dann beim ICE-Teamchef alias Zugführer lauthals darüber beschwerte, daß er, der Zugchef, ohne sie vorher zu fragen, einfach losgefahren war! So war es auch jetzt wieder gewesen. Sie hatte sich aufgebrezelt, geschminkt und hochgedonnert bei einem fremden Mann in dessen Hamburger Wohnung einquartiert. Die Wohnung lag im übelsten Nuttenviertel, also nicht St. Pauli, sondern der berüchtigte Straßenstrich im aufgegebenen Industrieviertel an der Süderstraße. Hier halten nicht einmal mehr illegale Brummifahrer, wie jeder weiß, der nicht gerade vom anderen Ende der Welt kommt. Sie stakste also über diesen Strich, und selbst die Nutten werden gedacht haben “Mein Gott, hoffentlich sehe ich selbst niemals soo nuttig aus wie dieser Tingeltangeldampfer dort!” Was die Nutten nicht wußten, war, dass Judith Bröhl gar nicht als Faschings-Nutte ging, sondern als sogenanntes “trash girl”, was etwas komplett Anderes ist. ICH weiß das natürlich, aber der fremde Hamburger, in dessen Wohnung sie eindrang, ein gutaussehender Modefotograf, wußte es nicht. Sie zog sich aus, stieg in die Badewanne, stieg zu ihm nackt ins Bett. Soweit, so unfaßbar. Doch nun zum Skandal: Der Mann griff beherzt mit beiden Händen in ihre überdimensionalen Kugelbrüste und stammelte glücklich:
  • “Geil…”
  • Judith feuerte ihm eine. Mit aller Kraft holte sie aus und schlug laut klatschend ihre  fünf Finger in sein verdutztes Gesicht. Dann krabbelte sie aus dem Bett und schrie ihn zwanzig Minuten lang an. Dieses Schwein, dieser Sexist, wie konnte er nur, das war ja die Höhe, ich fasse es nicht, einsperren sowas, Rübe ab, wie kann er es wagen, Zuchthaus, soche wie er müsse man windelweich schlagen, keinen respect mehr vor Frauen, am besten kastrieren diesen Strolch, oder was immer frau in so einer Situation wohl sagt.
  • Das alles gab sie nun getreulich wieder, uns, dem anständigen Marco, der in seiner großen Reisetasche kramte, und mir. Ihre Empörung war noch genauso groß wie am Abend, als es passiert war. Wir mußten natürlich zustimmen, um nicht selbst in den Sexismusverdacht zu geraten. Sie erzählte sehr lebhaft, und sie lachte auch viel dabei. Wahrscheinlich erlebte sie diese immer gleichen Geschichten – eine pro vierzehn Tage – nur, um sie dann in bester Erzählerlaune zum besten zu geben. Sie war Kölnerin und immer gern gesellig. 
  • “Was kramst Du denn da so schreckhaft in Deiner großen Reisetasche?” fragte ich meinen Lektor, und er flüsterte in mein Ohr, er habe nur sichergehen wollen, dass er seine kleine japanische Frau nicht dabei habe. Ich wußte, was er meinte. Das wäre jetzt nicht gut angekommen bei Judith, so wie die geladen war, jetzt, bei ihrer Anti-Sexismus-Kanonade!
  • “Und?”
  • “Nicht drinnen.”
  • “Wohl zu Hause.”
  • “Ja.”
  • Wir entspannten uns. Judith polterte weiter. Das klingt jetzt negativer als es war. Die 26jährige beinahe-femme-fatale war in erster Linie ein Unterhaltungsgenie, und ich kannte in ganz Berlin Mitte niemanden, der sie nicht von Herzen lieb hatte. Alle meine Freunde hatten Feuer gefangen. Es verging kein Tag, an dem mir nicht jemand sagte, diese Judith sei das Beste, was mir je passiert war. Und das stimmte auch. Frauen OHNE sexuellen Defekt gab es sowieso nicht mehr, warum dann also nicht, als Defekt, die gute alte weibliche Hysterie, wie Sigmund Freud sie meinte und ausführlich beschrieben hatte?
  • Auch Maxim, der nun kam, hätte es so gesehen, hätte man offen darüber reden können.  Maxim hatte meinen Blog gelesen und sehr über den letzten Eintrag gelacht. Wie Marco, aber auch wie der Verleger, las er jeden Morgen erst den Blog von Rainald und dann meinen. Das war wohl inzwischen Mode. Der Lektor berichtete nun, er sei bei Vanity Fair in der Redaktion gewesen, und dabei habe er Rainald direkt selbst gesehen, ja, dieser Rainald Goetz würde direkt dort sitzen, wirklich und in echt! Maxim und ich reagierten nicht, Judith guckte halb verwundert, und so wiederholte der Lektor seine ihn so aufwühlende Beobachtung. Es klang so, als würde er sagen: “Also Leute, ich war ja am Sonntag in der Kirche, und ich hab mir nichts besonderes gedacht, und ich glaube ja auch nicht an das Zeug, aber da saß in der dritten Reihe unter den Besuchern tatsächlich dieser Jesus Christus. Also wie gesagt, mir bedeutet das ja nichts, ich glaube nicht an Jesus, aber er saß da WIRKLICH rum, der Typ! Ist das nicht der Wahnsinn, Leute?” Und wir würden gelangweilt antworten: “Ja, Kruzifix nochamal, wo soll er denn am Sonntag sonst abhängen, der Jesus Christus, wenn nicht in der Kirche? Da gehört er schließlich hin.” (Und Marco würde sagen, abhängen schon, aber nicht auf der Bank sitzen). Und so kam es dann wieder zu einem Gespräch über Goetz. Ich sagte, der Mann erlebe nun sein zweites “Rave”, womit ich die überaus glückliche Phase meinte, in der Rainald die Gesellschaft neu entdeckte, das heißt, eine neue Generation entdeckte. Nun, zehn Jahre später, gelänge ihm das ein weiteres Mal.  Meine Gesprächspartner wußten nicht, was ich meinte, und so redeten wir einige Minuten aneinander vorbei. Ich sagte, wenn man die Welt schon kenne und von ihr angeödet und angewidert sei, müsse man entweder Selbstmord machen oder zehn Jahre durchhalten, bis die nächste Generationn da sei. Eine neue Generation sei immer eine völlig neue Welt. Ich meinte das inhaltlich, die anderen mißverstanden es als biologisch. Und Marco begann nun auch noch, Vanity Fair unter journalistischen Gesichtspunkten auseinanderzunehmen. Es tat richtig weh. Er sprach höchst kundig über gute und schlechte “stories”, die sie “im Blatt gehabt” hätten, und solche, die gut im Thema, aber schlecht und unprofessionell in der Machart gewesen seien und so weiter. Da hatte jemand wohl viele HintergrundgesprŠche geführt gehabt.
  • “Darum geht es nicht!” herrschte ich den Armen an.
  • “Äh, nein?”
  • “Du kannst doch mit mir nicht Ÿber Journalismus reden!”
  • “Nicht?”
  • Ich sah mich hilfesuchend um. Mein Blick fiel auf Maxim, der gerade ein HandygesprŠch führte und das Gesicht vor Freude weit aufgerissen hatte. Sicher eine Frau. Ich sagte: “Entschuldige, Marco. Natürlich können wir über Journalismus reden. Zum Beispiel über meinen Jonathan Meese Artikel!”
  • Ich griff blitzschnell zum Zeitungsstapel, der auf der Balustrade lag, und zog die Welt am Sonntag hervor. Der Sport-Teil fehlte schon, aber das Feuilleton war noch da, zerblättert. Als Aufmacher auf der ersten Seite stand mein neuester Text, den ich “Wo Joanthan Meese auf den Tischen tanzt” genannt hatte, und den die Redaktion in “Wo die Künstler auf den Tischen tanzen” umgetitelt hatte. Dafür prangte ein gigantisches Meese-Foto mit totalem Wiedererkennungswert über dem Lauftext. Marco griff in die zerknüllt-zerlesene Zeitung wie Judiths fremder Hamburger in ihre Kugelbrüste: besessen. Ich erkannte darin den geborenen Lektor – immer süchtig nach den neuesten Texten seines Autors. Aber ich wollte, dass auch Judith und vor allem Maxim den Artikel mitbekamen, und bat Marco, auf Maxim zu warten und dann für alle zu lesen. So wurde es gemacht.  Marco, der eigentlich ein wenig schüchtern ist und sich niemals «gut verkaufen« kann, wie bekanntlich jeder gute Lektor, unterhielt nun die wieder ruhig und aufmerksam gewordene Judith mit Geschichten aus Japan. Das war auch für mich alles neu. Am liebsten hätte ich stundenlang zugehört. Aber wir mussten ja weiter arbeiten, was uns zum Glück auch noch perfekt und abschliessend gelang. Vorher kam Maxim zurück, und Marco las ihm und uns vor:
  •  ”Wo die Künstler auf den Tischen tanzen
  •  von JOACHIM LOTTMANN
  •  Der deutsche Mensch hat sein letztes groß§es, alleiniges Thema gefunden: das Klima. Und der Schutz desselben. Es dröhnt einem um die Ohren, es hört nicht mehr auf, man kann ihm nie mehr entrinnen? Doch, im Paralleluniversum der Kunst wird noch mehr verhandelt als der Auspuff meines Autos. Es ist eine Welt, in die man flüchten könnte. Man müsste nur in die Auguststra§e in Berlin Mitte ziehen. Und eine der dortigen 63 Galerien übernehmen (Wohnraum dürfte kaum noch zu finden sein). “So sehen Künstler aus”, denkt man kopfschüttelnd und zwingt sich an den Gartenstühlen vorbei, die auf dem schmalen Bürgersteig neben der ebenso schmalen Fahrrinne mit dem Kopfsteinpflaster von 1820 stehen. †überall Galerien, überall Cafés, überall US-amerikanische Alltagssprache, überall Gartenstühle. Nur das Kopfsteinplaster hört nach der Joachimstrasse auf und weicht einer frischen, fast noch dampfenden Asphaltdecke, wahrscheinlich auf Wunsch der Anwohner angelegt, die ihre Smarts, Auris und Jeeps nicht mehr achsbruchmässig gefährden wollten. Im ersten Teil der Augustrastrasse gibt es sogar noch Plattenbauten, in denen dann theoretisch sogar noch “Ossis” wohnen kšnnten, aber eine Kollegin vom Tagesspiegel, die das vor vier Jahren recherchiert hat, winkt ab: Schon damals hŠtte sie nur einen einzigen Vorzeige-Ossi gefunden, eine 90jŠhrige Frau. Den Anteil der im Scheunenviertel verbliebenen Überbevölkerung taxiert sie auf ein Prozent. Ein Drittel des Völkchens im Galerienviertel bestehe aus den berühmten jungen Familien mit Kindern, Ÿber die ja schon so viel berichtet wurde. “Kinder kriegen” war ja das Vorläufer-Mediending, bevor “Klima” kam. Zwei Drittel haben immer noch keine Kinder, aber dafür die Kunst. Ganz viel Kunst, ja am meisten davon, gibt es während der Galerientage, die gerade stattgefunden haben (27. bis 30. April). Unbemerkt von der großen Öffentlichkeit hat sich hier eine Messe entwickelt, die längst bedeutender ist als die Messen in Köln, Düsseldorf und Frankfurt. Dieses Jahr war es besonders heftig, was an dem “Sahara-Sommer im April” (Bild Zeitung) lag. Es war heiß, die Nächte waren toll, die Menschen ausser Rand und Band, und was anderso postwendend als Klimakatastrophe denunziert wurde, genossen die Kreativen & ihre Vermarkter in Mitte als Jahrhundertfrühling. Begonnen hatte alles mit Dash Snow. Seine furchteinflössenden Plakate waren an jede freie Fläche an jedem Bauzaun – und Bauzäune gibt es immer viele dort – geklebt, Plakate, die einen schlimmen Yankee aus dem amerikanischen Sezessionskrieg zeigten, der offenbar wegen Mordes gesucht wurde. Ein Mann mit langen Haaren, manischen, bohrenden Augen, extrem willensstark wahrscheinlich, fähig, die Leadguitarre bei “Motörhead” zu halten, oder einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg durchzuziehen, gnadenlos. Dieser Mann war Dash Snow. In der Galerie Contemporary Fine Arts stellte er mehrere hundert Arbeiten aus, die er allesamt im letzten Halbjahr angefertigt hatte. Er war befreundet mit Jonathan Meese, ja, er war sogar noch viel mehr als nur befreundet mit ihm. Was er genau war, wollte sich niemand, der seine Arbeiten gesehen hatte, vorstellen. Abends feierten sie gemeinsam im Berliner Nachtleben, tanzten auf den Tischen, aßen im “Bonfini”, provozierten die Leute, machten sich über die Angst der Deutschen vor Symbolen der Nazi-Diktatur lustig, machten aus Restaurants russische Polka-Stuben und aus dem ehrwürdigen “Grünen Salon” in der Volksbühne eine durchgeknallte Bauernhochzeit. Jonathan Meese! Dash Snow! Die Augen der Kunstfreunde glänzten. Daniel Richter! Da glänzten sie noch mehr. Es gab für alles Steigerungen. Daniel Richter trat spätabends im “nbi” auf, in der nahen Schönhauser Allee. Holm Friebes Zentrale Intelligenz Agentur hatte ihn dorthin eingeladen, und vor kreischendem Intellektuellen-Publikum wurde der junge Richter zum Löwenbändiger, der die Fragen von gleich einem halben Dutzend fittester, bestens vorbereiteter Power-Emanzen zurückschlug und den Abend brachial an sich riß. Martin Kippenberger hätte es nicht besser hingekriegt; eher wäre er da untergegangen. Ach ja, und das Wichtigste zuletzt: auch Richter zeigte Arbeiten in der C.F.A., die ihren Sitz in der Sophienstrasse 21 hat, quasi ein Seitenarm der Auguststra§e. Richter, Aushängeschild und Nummer Eins der international angesagten Leipziger Schule, erzielt zur Zeit jeden Preis, den er will. Man muß schon ein sehr konservativer und langweiliger Galerist sein, wenn man heute Gerhard Richter kauft und nicht Daniel. Solche Galeristen gibt es natürlich trotzdem, und zwar zu Hauf. Sie kommen aus New York, Amsterdam, Tel Aviv, und sie entdecken Berlin. Noch immer geblendet von den hohen Preisen, die die Vorgänger-Generation erzielt, Baselitz, Lüppertz, Polke, Immendorff, betrachten sie die neuen Deutschen, Tim Eitel, Neo Rauch, Andreas Gurski, Thomas Demand, vor allem aber Meese, Meese, und immer wieder Meese. Der malt so schön deutsch! Während Kippenberger noch titelte “Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz erkennen”, fällt es bei Meeses Arbeiten verteufelt schwer, an etwas anderes zu denken als an den braunen Abgrund. Den der Künstler deswegen ja nicht gutheißt, im Gegenteil. Galerien sind weißgestrichene Räume, in denen keine Möbel stehen und auch sonst keinerlei Gegenstände, die ein Interesse wecken könnten, und in denen Bilder an den Wänden hängen. Manchmal stehen auch Skulpturen auf dem teppichlosen, neutral in Grau lackierten Boden. Die Wand zur (August-)Straße hin ist meist durchsichtig, also ein großes Schaufenster. Galerien verkörpern das Prinzip der Höflichkeit: “Après vouz, madam”. Sie fühlen sich ganz im Dienste der Kunstwerke, wollen selbst ganz in den Hintergrund treten. Das macht alle dennoch im Raum befindlichen Galerie-eigenen Details so sympathisch, etwa den weiß gestrichenen Stromzähler, den weiß abgedeckten Kinderschreibtisch der diensttuenden Angestellten, oder die Angestellte selber, im weißen Hosenanzug, ohne Schmuck. Wieder draußen, ein paar Meter weiter im Auto zur nächsten Galerie, “Eigen + Art”, Auguststraße 26. Fünf mitgenommene Kunstfreunde steigen lärmend aus, der Motor läuft noch, was nicht nötig wäre, also noch ein paar Sekunden länger, obwohl der Wagen schon eingeparkt ist, sauber auf dem Behindertenparkplatz. Ein Anwohner humpelt schmerzverzerrt heran, einer von diesem letzten Prozent wohl, ein Ureinwohner oder Ur-Anwohner? Ein Behinderter, der seinen Parkplatz verteidigt? Ein Wiedergänger Herbert Werners? Er brüllt, der Motor solle gefälligst sofort abgestellt werden, man wolle wohl mit dem Scheiß§-CO2 das ganze Viertel verpesten. Er meinte: das ganze Welt-Klima. Man gehorcht. Aber lange wohnt der nicht mehr da. Räumungsklage läuft. Der neue Besitzer, eine Kult-Galerie aus München, hat Eigenbedarf angemeldet. “Eigen + Art” vertritt Tim Eitel, Neo Rauch, Martin Eder, Birgit Brenner, Ricarda Roggan und zehn weitere Stars der Leipziger Schule. Sie haben sogar eine Verkaufsstelle in Leipzig. Die ganze Kunstwelt blickt auf diese Galerie, die aus dem Nichts heraus entstand. Lebenswerte Welten sind immer auch solche, in denen voraussetzungslose Aufstiege mšglich, ja üblich sind. Johanna Neuschäffer diskutiert geduldig die Motive ihrer Künstlerin, mit leiser Stimme, eher still als beredt, damit die Arbeiten nicht bevormundet werden. Die junge Frau hat das naturrote Haar zurückgebunden. Das schöne Gesicht ist unbehandelt wie das auf einem altflämischen Gemälde. Ein weites, unscheinbares Kleid verhüllt den grazilen Körper. So entsteht der Wunsch, jemanden zu malen; nicht der, einen Drink auszugeben. Und so ist es wohl immer schon gewesen. Und abends wieder Party. Das machen nicht alle Galeristen mit. Auch nicht alle, die beruflich in Sachen Kunst in Berlin sind. Es ist ein Beruf, zuweilen hart, wenn die Messetermine sich häufen, wie gerade in diesen Monaten. Basel, Kassel, Venedig – alles drängt sich jetzt. Da muß man seine fünf Sinne zusammenhalten, an Frau und Kind denken. Aber die Künstler selbst M†SSEN natürlich ausgehen. Und sie feiern härter als die sonstige Berliner Club-Szene, was auch sofort honoriert wird. Man hängt sich dran. Man unterstützt das. An den Galerientagen ist Ausgehen die erste Bürgerspflicht, wie Wilhelm Zwo es wohl formuliert hätte. Aber Galeristen und Sammler gehen gern essen. Am liebsten mit Künstlern, doch ohne sie gehts auch. Am liebsten in der Friedrichstraße im “Grill Royal”, am Flußufer, oder in einem der vielen Lokale daneben, etwa dem “San Ricci”. Es sind Lokale für das große Geld. Aber wie alles in Neu-Berlin bleibt es so erstaunlich menschlich. Keine Routine bisher, keine versnobten Kellner, elitären Gesten, ausschließende dress codes. Eine tolle, hochgewachsene Blondine im schwarzen Abendkleid weist einen ein, führt einen zum Tisch, kann aber dabei kaum gehen: das Kleid zwickt, die Schuhe sind zu groß, und eigentlich studiert sie Bühnenbild, Medienwissenschaften und Umweltästhetik an der Humboldt Uni. Dazu als Hobby wissenschaftlichen Buddhismus an der Fernuniversität von Lhasa. So eine würde an der Düsseldorfer Edelmeile “Kö” nicht Empfangsdame eines Fünf-Sterne-Restaurants werden können. In Berlin Mitte gerade. Wer würde sie hier nicht lieben? An den langen, mit doppelten Tischtüchern aus Damast bedeckten Tischen, sitzen wirklich attraktive und gebildete Frauen. Die Männer sehen teilweise häßlich aus, teilweise wie Models, aber die Frauen – ausnahmslos schön. Eine neue Kategorie von Mensch, international, selbstbewußt, natürlich. Die Top Partien dieser herrlichen Bel Etage müssen eben ALLES haben: Geschmack, Kapital, alten familiären Hintergrund – und gutes Aussehen. Die Männer müssen dazu noch erfolgreich sein. Die Mittdreißiger Erfolgsmänner tragen Britpopfrisuren und Maßanzüge, die eher spärlich eingestreuten Künstler erkennt man an den schulterlangen Haaren und dem Bemühen, wie der schon geschilderte abgehalfterte Südstaaten-General Dash Snow auszusehen: verroht und dem Wahnsinn nahe. Das gelingt leider nicht jedem. Ist auch nicht leicht in diesem blitzsauberen 60er Jahre-Retro-Lokal, in dem der spirit aus Leichtigkeit, Freiheit und absolut perfektem Stil einen anweht. Alle Frauen rauchen, was ihnen gut steht, und nichts ist verraucht, da Klimaanlage. Durch Panoramafenster sieht man draußen die Spree fließen. Rote 60er Jahre Lampen neben den Tischen machen das Licht gemütlich. Das ungekünstelte Lachen der Frauen, die sonoren Stimmen der mächtigen Männer, natürlich keinerlei Musik, und manchmal Satzfetzen, in denen Worte vorkommen wie Barbara Gladstone… Larry Googosian… David Zwirner… Anton Kern… et cetera… a nice place to be! Will man mit den Bildern und der Kunst allein sein, muß man mittags kommen. Erst um elf Uhr öffnen die Galerien, vorher erholen sich ja die Nachtschwärmer noch vom Ausgehen. Es ist wichtig, mit der Kunst allein zu sein, denn sie gibt einem unendlich viel. Und es ist anregend, mehrere Galerien hintereinander zu sehen. Zum Beispiel C.F.A., Hetzler, Arndt und Partner. Drei Galerien in drei Stunden. Bei C.F.A. wird man nur Snow schaffen, weil er so erschlagend ist. Eng gehängt, wunderbar gerahmt, hunderte und aberhunderte von Arbeiten, jede anders und dennoch als von ihm gemacht erkennbar. Dazu hat der Typ seine Jugendbibliothek ausgestellt: tausende von crime-, sex- und blutrünstigen Esoteriktiteln, wie sie für US-Provinzkiffer typisch sind, und zwar zu allen Zeiten. Return of the body snatchers, Why the Germans are doing it again, Life of Charles Manson, Tarot and Future. Hier sehen wir ihn, den Bodensatz der amerikanischen Kultur, und unser langhaariger Großkünstler gibt ihm genialen Ausdruck. Das überzeugt, und er sieht ja auch aus wie das, worüber er arbeitet. Hier bietet sich der Vergleich zu Thomas Hirschhorn an, der dieselben Intentionen hat, der ebenfalls seine Jugendbibliothek ausstellt, nämlich bei Arndt & Partner, und der mit einer Unmenge von Leichenbildern aus der Gerichtsmedizin aufwartet, zerfetzte, blutüberströmte Körper allesamt. Aber bei Hirschhorn ist es nicht Satanismus- und Billignazi-Junk, den er in sein drogenzerfressenes Trashkultur-Hirn gepre§t hat, sondern Derrida, Alexander Kluge, Diedrich Diederichsen und Nietzsche. Und prompt wirken seine Leichenbilder nicht. Die ganze Installation wirkt entsetzlich ausgedacht, kalkuliert, und somit peinlich. Auch fehlt der Sex, den Dash Snow so im Übermaße ausschüttet, dass einem graust. Ein Grausen ohne Sex aber kann es nicht geben; das zumindest lehrt das Projekt Hirschhorns. Dieser Künstler bleibt daher ein Geheimtipp unter den deutschen Kunstbetrieblern. Die Amerikaner interessieren sich nicht dafür. Sie machen ihre Geschäfte, und sie verlieben sich in Berlin. Eben weil ihre Geschäfte hier so gut laufen. “Ich habe zwei Jonathan Meese gekauft!” strahlt Doron Sabbag aus Tel Aviv, seit 22 Jahren einer der gro§en Sammler weltweit. Er hatte schon fast alle Deutschen, die jemals die Millionengrenze durchbrachen: Gerhard Richter, Anselm Kiefer, Georg Baselitz, Andreas Gurski, Polke vor allem. Er geht mit seiner neuen Frau beschwingt nach Hause. Er braucht heute kein clubbing mehr. Die gelben, kleinen, harmlosen Straßenlaternen der Auguststra§e leuchten ihm, kein Retro-Look, sondern einfach übriggeblieben aus der Honecker-Zeit. Die niedrigen, fast mittelalterlich kleinen Häuser stehen ihm links und rechts Spalier, kaum beleuchtet, wie die alte Sophienkirche, die Familienkirche des letzten deutschen Kaisers. Dort ging er, vom nahen Stadtschloß aus (richtig, das nun wiedererrichtet wird), mit seiner Familie zu Fuß zum Gottesdienst, am Sonntag Morgen, also, wenn Kaiserwetter war. So ähnlich fühlt sich jetzt wahrscheinlich auch Doron Sabbag, denn: Er hat zwei Jonathan Meese gekauft.”
12.05.2007

7. Kapitel: Gipfelgespräche

von lottmann

Zur Zeit entdecke ich den Alkohol. Das bringt meine sonst so präzise Unterscheidung von Realität und Einbildung ein bißchen durcheinander. Heute morgen beim Aufwachen wußte ich sekundenlang nicht mehr, ob ich wirklich mit Deutschlands einzigem nennenswerten Schriftsteller abends in der Maxim-Biller-Bar getrunken hatte, oder eben genau das nur geträumt, oder mir im Halbschlaf vorgestellt hatte. Erst als mir Détails einfielen, wußte ich wieder, dass es stimmte. Mein Verleger war auch dabei. Und war ich wirklich davor in der Redaktion der taz gewesen? Und dazwischen auf einer Lesung von der Ari? Und hatte ich tatsächlich Gabriele Uhrlau geküßt? Ja ja, so war es wirklich gewesen, unfaßbar!
Fangen wir mit dem Besuch bei der taz an. Ich bin da ja immer gern, schon wegen der vielen Erinnerungen. Diesmal war ich eher zufällig da. Ich hatte nämlich in Kreuzberg ein Interview mit einer mir nahestehenden Persönlichkeit gemacht, und suchte nun einen Raum, um das Band abzutippen. Da der Wartburg genau in der Kochstraße eine Art Herzattacke inszenierte, schob ich das Auto an den Straßenrand und entschied, einfach zur taz zu gehen.
Ich ging also durch das neue Café, und dann rief ich die Sekretärin von Bascha Miko an, ob sie ein Büro für mich hätte. Das ging hin und her, eigentlich war es für Redaktionsarbeit schon viel zu spät, die Leute verließen bereits das Haus. Bei der taz sind sie ja mit der Zeitung immer schon fertig, bevor die ersten Nachrichten passieren. Das ist aber heute bei allen Zeitungen so, schätze ich. Ich lief durch die offenen Redaktionsräume, grüßte nach allen Seiten. Dann machte ich mir ein kleines Lager neben Peter Unfried und begann zu arbeiten.
Wir sprachen nicht viel, denn wir sind beide nicht die großen Redner. Eher gewissenhafte Arbeiter. Aber Unfried war mit seinem Tagesgeschäft irgendwann fertig, und ich wurde Zeuge, wie er Benedikt Erenz anrief, den großen alten Mann der ZEIT, eine Legende unter uns Jüngeren. Ich machte ihm ein Zeichen, auf laut zu stellen, denn das wollte ich natürlich mitkriegen. Unfried stellte auf laut, und ich hörte fassungslos folgendes Gespräch mit, das in dieser Form tatsächlich so stattgefunden haben mußte, bis vielleicht auf zwei Einschränkungen. Einmal kam mittendrin der taz-Blockwart ins Zimmer und hörte mißtrauisch zu, fragte nach einigen Minuten mit schneidender Stimme, mit wem der Herr Stellvertretender Chefredaktuer denn da zu telefonieren habe. Ich glaube, das hat den Peter Unfried verunsichert, denn ich mußte natürlich sagen, dass er da gerade mit der Konkurrenz sprach. Hätte ich die Unwahrheit gesagt, wäre ich selbst drangewesen. Das war schon ärgerlich. Zum zweiten trübt die folgende Alkoholnacht mit Verleger, Biller, Uhrlau und Philipp Rühmann die Erinnerung doch beträchtlich. Versuchen wir es trotzdem einmal:
“Jaa?”
“Unfried hier, PETER Unfried von der taz!”
“…Nein, sowas!”
“Ja.”
“Also… mein Lieber, wie komme ich denn zu DER Ehre?”
“Herr Erenz, schön, dass Sie selbst drangehen…”
“Jaa, ist ja auch… ja, also das ist ja… eine kleine Überraschung, sozusagen.”
“Wissen Sie, ich rufe – ”
“Ist übrigens auch mein Apparat, deswegen bin ich dran.”
“Schon klar. Herr Erenz, ich – ”
“Bei Ihnen ist natürlich noch eine Sekretärin vorgeschaltet.”
“Bei der kleinen aber feinen taz? Gar nicht. SIE sitzen im Groß- beziehungsweise Leitmedium.”
“Ach, na na.”
“Es, äh, geht um den schönen Narholz, den – ”
“SIE sind die Karriereleiter nach oben gefallen, ICH nach unten, ha ha ha!”
“Stimmt doch gar nicht. Sie sind Benedikt Erenz, und das werden Sie immer sein.”
“Was denn sonst? Auf einmal Benedikt Unfried, oder was?”
“Ich meine, Sie sind jenseits jeder Karriere, Sie sind eine Institution, eine echte…”
“DIE ZEIT ist eine Institution, ich nicht.”
“Aber Sie sind der gute Geist der ZEIT!”
“Ja, das haben schon einige gesagt.”
“Es geht um Christoph Narholz. Der schöne Text, den Sie im Blatt hatten jetzt.”
“Ja!”
“Also, der hat mir sehr gut gefallen.”
“Narholz, ja, ich weiß jetzt den Vornamen gar nicht – ”
“Christoph Narholz.”
“Ja, Christoph Narholz, der hat uns allen viel Freude gemacht, stimmt. Der KANN ja auch gut schreiben, der junge Mann, das ist mir sofort aufgefallen, als ich den Text zum erstenmal gelesen habe, so Ende 2004 muß das gewesen. Nein, da habe ich ihn bekommen; gelesen habe ich ihn erst, als das neue Buch von Joachim Lottmann rauskam, ´Die Jugend von heute´.”
“Das ist doch das Buch, das schon früher rauskam, eben doch schon 2004, ja Ende 2004, oder meinen Sie das davor?”
“Nein, diesen neuen Roman, über die Jugend, wo Lottmann mit seinem Neffen zum erstenmal ausgeht und Auto fährt und so weiter.”
“Die Jugend von heute.”
“Genau. Kennen Sie es schon, Herr Kriegsfried, Herr UNFRIED?”
“Ich kenne sogar schon das GANZ neue.”
“Na, da sind Sie dann weiter als ich. Also Sie mit Ihren besonderen Beziehungen zu Herrn Lottmann…” (lacht)
“Na, ich bitte Sie. So ein Buch kriegt man auch so.”
“Aber wir bei der ZEIT gehen halt seriös vor, oder penibel, ganz wie Sie belieben. Erst kommt der neue Roman, und was der Autor inzwischen für sonstige Ideen im Kopf hat, soll seine Sache sein und bleiben.”
“Aber das neue Buch GIBT es doch bereits, Herr Erenz.”
“Aha, so so! Ich nehme an, dass Sie sich auf irgendeine Weise in den Besitz des Manuskripts gebracht haben, werter Kollege Unfried? Ist das so korrekt ausgedrückt, ja?”
“Hm, also wirklich, es ist schon…”
“Ja oder nein?”
“Ja, Herrgott, selbstverständlich…”
“Aber Sie glauben doch nicht im Ernst, DIE ZEIT würde, nachdem sie gerade den neuen Roman in brillianter Weise besprochen hat…”
“Deswegen rufe ich ja an, wegen Narholz.”
“Wissen Sie denn schon, wie das, ahäm, GANZ neue Buch von Lottmann heißen wird?”
“Zombie Nation.”
“Oh… gab es das nicht schon… Zombie Nation? Ich meine, den Titel gab es doch vorher schon einmal, nicht? Wann ist denn wohl mit den ersten Fahnen zu rechnen? Im Herbst?”
“Schon lange draußen. Wie gesagt, ich interessiere mich für den Autor Christoph Narholz, besser gesagt, wir von der taz interessieren uns für ihn. Können Sie mir sagen – ”
“Würden Sie mir freundlicherweise sagen, ob man noch Fahnen kriegt und wo? Sie wissen ja, dass wir bei der ZEIT sehr, nun ja, gründlich arbeiten, aber wenn ich die Fahnen hätte, könnte ich das Buch vielleicht noch in die Weihnachtsausgabe quetschen.”
“Was?”
“Also nicht DIESES Weihnachten! Da ist es ja noch gar nicht auf dem Markt, ich meine – ”
“Es IST doch längst bei Dussmann!”
“Weihnachten 2008… was, Dussmann hat es schon?!”
“Ja, seit letztem Jahr, wie alle Buchhandlungen.”
“Wie bitte? Sie sprechen von ´Die Jugend von heute´, junger Freund.”
“Nein, von ´Zombie Nation´. Aber FUCK YOU, es ist doch wurscht!”
“Was?!”
“Geben Sie mir die Telefonnummer von Christoph Narholz?”
“Es ist GAR NICHT wurscht, lieber Kollege von der Linkspresse! Eine Zeitung, die täglich erscheint, geht eben hitziger und unbesonnener mit neuen kulturellen Produkten um als ein ruhiges wöchentliches Periodikum wie DIE ZEIT. Der neue Roman von Joachim Lottmann ist da, wir lesen ihn, wir lassen die Dinge reifen…”
“… die Jahreszeiten kommen und gehen…”
“…ja, genau, es wird Winter, es wird Sommer, und dann vielleicht wieder Winter, warum denn nicht, und dann bespricht ihn ein junges Genie wie dieser Narholz. Was soll daran FALSCH sein!”
“Entschuldigen Sie. Ich wollte das doch gar nicht…”
“Es klang aber so!”
“Dann tut es mir leid. Ehrlich! Ich LIEBE Ihre Zeitung, habe sie selbst jahrelang gelesen.”
“Ja? Das wußte ich gar nicht. Jetzt kommt´s raus, Herr Kollege.”
“Als Student war es mir geradezu eine Pflicht, sage ich Ihnen, und ich hatte sogar ein Abonnement von meinen Großeltern geschenkt bekommen.”
“Jetzt rühren Sie mich richtig.”
“Ich würde übrigens verstehen, wenn DIE ZEIT Herrn Narholz ganz für sich behalten wollte.”
“Nein, so ist es nicht.”
“Nein?”
“Nein, gar nicht. Ich habe nur seine Nummer gar nicht mehr, glaube ich. Sowas vergißt man, wissen Sie, also wo man sowas hingelegt hat, damals. Ist ja schon zwei Jahre her.”
“Sie haben seitdem nicht mehr mit ihm gesprochen?”
“Ich glaube, ich habe sogar damals nicht mit ihm gesprochen. Ich bekam den Text ja zugeschickt.”
“Und da war ein Schreiben dabei, mit Briefkopf und Daten?”
“Lassen Sie mich nachdenken.”
“Bitte, ja.”
“Das war… nämlich so: Jetzt weiß ich es wieder. Den Text bekam ich nicht von Narholz zugeschickt, sondern von… ja, von Joachim Lottmann.”
“Lottmann selbst hat den geschickt?”
“Richtig, ja, genau so war es. Ich hoffe nur, er hat ihn nicht auch selbst geschrieben!” (lacht jovial)
“Na, Herr Erenz! Dann war mein Anruf ja umsonst.”
“Ach iwo, im Gegenteil, Herr, äh, lieber Herr Kollege von der, äh, taz, ganz im Gegenteil, ich hab dabei eine gute Idee bekommen. Nicht? Wenn zwei Leute wie wir miteinander reden, dann ist das immer fruchtbar!”
“Ja? Dann ist ja gut. Ich gehe jetzt den Lottmann direkt an und frage nach dem Narholz.”
“Tun Sie das! Tun Sie das. Rufen Sie den Lottmann an.”
“Auf Wiedersehen dann, und alles Gute!”
“Ebenso.” (legt auf)
Peter Unfried drehte sich in seinem Drehsessel gespenstisch langsam zu mir um, hielt dabei ein leeres quadratisches Zettelchen in der Hand, das er mir gab, und er flüsterte:
“Die Nummer.”
Ich blätterte schnell mein Adressbüchlein auf und schrieb die Nummer von Narholz ab. Wir sprachen dann noch länger über den Autor, denn Unfried wußte offenbar noch nicht, dass Narholz inzwischen gut im Geschäft war und von Suhrkamp umworben wurde. Ein solches Ausnahmetalent würde bestimmt nicht mehr lange für journalistische Arbeiten zur Verfügung stehen. Narholz spielte bald in der Champions League, neben Derrida, Enzensberger, Kracht, Toledo – wenn alles gut ging.
Wie gesagt, ich mußte noch arbeiten, und Peter Unfried hatte auch genug, nach diesem Schlag ins Kontor, und so blieb ich allein. Ich holte meine Flasche Eierlikör aus der Berlinale Umhängetasche und machte das Interview fertig. Es mußte ja alles stimmen, da hieß es, sich zu konzentrieren. Dann ging ich nach unten, denn inzwischen hatte sich der Große Wartburg 3=6 wahrscheinlich erholt. Und so war es auch.
Mit der Höllenmaschine ging es zu Hilka Sinning, die mit mir eine Design Weltaustellung namens ‘digital design’, besuchen wollte, gesponsort von der Z.I.A., und wir sahen auch Holm Friebe gleich als erstes. Gutmütig blickte er uns an. Neben ihm standen Geschäftsfreunde. Nachdem er die erste Million voll hatte, backte er inzwischen an der ersten Milliarde, dachte ich. Also das ist MEIN Eindruck. In meinem Beisein, also in den paar Minuten, in denen ich zufällig neben ihm stand, fiel ihm eine neue Idee ein, die er “Vom sozialen Brennpunkt zum sozialen hot spot” nannte und die mit dem Aufstellen eines staatlich finanzierten LAN-Netzes in Problemzonen der Gesellschaft zu tun hatte. Wie bei allen Holm Friebe Ideen wird auch diese bald unser aller Medienrealität sein. Leider wurde dabei seine Art sich auszudrücken immer kaufmännischer, zielführender, ‘erfolgreicher’. In seinen big-business-sprech mischten sich immer seltener menschliche Sätze, was natürlich für seine Freunde schade war. Sicher machte sich auch seine Familie schon Sorgen, wie man in Zukunft mit diesem gewandelten Sohn noch Weihnachten feiern sollte. Donald Trump  unter dem Weihnachtsbaum? Mit Bill Gates Ostereier suchen?
Quatsch, sehr hinkende Vergleiche. Jedenfalls kam er zwar mit, ins Auto, um in die Maxim-Biller-Bar zu fahren, sprang aber nach ein paar Ampeln wie in Panik aus dem qualmenden Wartburg, weil er um ein Uhr nachts dem Fernsehsender Phoenix ein Interview geben mußte. Die hatten da irgendein 24-Stunden-Interview-Konzept am Hauptbahnhof, das ich nicht verstand. Im Auto blieben Hilka, Rühmann und ich.
Im “103″ wartete schon der Verleger, und der rief Maxim mit Hilfe seines Blackberrys an, dass er schnell runterkommen sollte. Der wohnte ja im Haus, wie ich früher im Café Central in Köln. Bald waren wir vollständig, und Maxim zeigte mir einen Artikel, den er für mich mitgebracht hatte. In meinem “Blog” hatte ich ja über Jonathan Meese geschrieben, worüber sich viele aufgeregt hatten, zum Beispiel Jörg Schröder in seinem Nachbarblog “Schröder & Kalender”. Maxim wollte nun, daß ich seinen Meese-Artikel in meinen Blog täte, als Kommentar. Denn Maxim hatte ebenfalls über Jonathan Meese geschrieben. Ich nahm den Artikel an mich und las ihn durch. Ich hätte ihn lieber ein anderes Mal gelesen, aber Maxim konnte ihn mir nicht mitgeben, es war sein einziges Exemplar, und so las ich:
“DER ERZSCHLAUE MOSESDADDY
Das erste Mal habe ich den bärtigen, schwarzhaarigen und sehr femininen Jonathan Meese im Zug von Hamburg nach Berlin gesehen. Er stieg wie ich am Hauptbahnhof ein und trug einen riesigen, schweren Sack auf dem Rücken, der so aussah, als wären in ihm die Knochen von Friedrich Nietzsche. Oder die gesammelten Werke von Richard Wagner. Oder die fünfhunderttausend Dollar, die Jonathan Meese jedes Jahr mit dem Verkauf seiner Bilder verdient.
Ich kenne Meese nicht persönlich, ich weiß nur, wie er aussieht, daß er Diktatoren und deutsche Mythen liebt und angeblich der neue Beuys ist. Als er mich in Hamburg am Hauptbahnhof erkannte, zuckte er erschrocken zusammen. Dann schrie er mich wie ein Verrückter mit seiner hohen Lehrerstimme an: „Sind alle Juden so erzgescheit wie Sie, Mister Mosesdaddy? Ja?! Gestehen Sie! Die Kunstrevolution wird trotzdem siegen!“ Dazu machte er den römischen Gruß, und während er die ausgestreckte Hand senkte, streichelte er meine Wange. Das ist nicht der neue Beuys, dachte ich, das ist irgendwas ganz anderes.
Das zweite Mal habe ich Jonathan Meese im Axel-Springer-Haus in der kahlen, dunklen Ullsteinhalle gesehen. Er bekam vor tausend Leuten etwas verliehen, das B.Z.-„Kulturpreis“ heißt. Geld gab es nicht, nur eine kleine Bronzefigur, die so aussah wie der Berliner Bär, nachdem er vom Fernsehturm auf den Alexanderplatz gekracht ist. Jonathan Meese war sehr glücklich über den Preis. Er lief in seiner schwarzen Adidasjacke auf die Bühne und riß die kleine Schauspielerin Kathrin Angerer auf den Boden, die für ihn im Marylin-Monroe-Kostüm „Happy Birthday, Mr. President!“ gesungen hatte. Sie küßten und wälzten sich herum, als seien sie Darsteller in einem Schlingensief-Stück oder in einer Meese-Performance, und plötzlich sprang Meese hoch, um Guido Westerwelle, den Politiker, zu küssen, der ihn vorher zehn Minuten lang als den neuen Beuys gelobt hatte. Westerwelle machte erschrocken einen Satz zurück, Meese entschuldigte sich sofort bei ihm, und dann sagte er, er wünsche sich, daß der berühmte Udo Jürgens für ihn „Griechischer Wein“ singe.
Eine Stunde später stand Meese hinter Udo Jürgens wieder auf der Bühne und lächelte ironisch. Jürgens spielte „Griechischer Wein“, Meese dirigierte, und die tausend Leute in der Ullsteinhalle klatschten so selbstverständlich mit, als sei das ganze Leben eine deutsche Schlagerparade. Ich überlegte währenddessen, ob ich am nächsten Tag in Meeses Galerie in der Sophienstraße gehen und eines von seinen Bildern kaufen sollte, die bald noch teurer sein würden. Meeses Bilder sind so häßlich wie die häßlichen Deutschen auf den Bildern von George Grosz, und sie heißen so ähnlich wie „Un-Nazi-Nietzsche“ oder „Hitlers Dingbarmachung“ oder „Ich bin die scheißende Walküre“. Ich entschied mich dagegen.
Als Udo Jürgens zu Ende gesungen hatte, gingen alle herüber in die Axel-Springer-Passagen zum Essen. Ich ging natürlich mit. Ich nahm Rinderbraten mit Serviettenknödeln und Rahmwirsing, und später noch eine Crepe mit Topfen und Marillenkonfitüre. Ich fühlte mich eigentlich ganz gut. Ich trank meinen dritten Bellini und stand allein an der Bar, als sich plötzlich ein dicker, einfacher Mann im Anzug zu mir vorbeugte und sagte: „Sie befinden sich im Preisträgerbereich. Darf ich Sie herausbitten?“ Ich drehte mich schnell um, und tatsächlich, an den langen, weißgedeckten Tischen hinter mir saßen sie alle, jeder mit seinem plattgedrückten Berliner Bären vor sich: Die seltsame Iris Berben, der steife Michael Wolffsohn, die vier geschminkten Jungen von Tokio Hotel, der Rockband, Udo Jürgens und Jonathan Meese mit seiner ernsten Hamburger Mutter. Die meisten sahen stumm irgendwohin, nur Jonathan Meese redete aufgeregt mit jemandem, der so aussah wie Dr. Döpfner, der unwirklich großgewachsene Chef von Axel Springer. Ich hoffte, Meese würde mich nicht bemerken, aber da trafen sich auch schon unsere Blicke. „Ach, Gott, nein!“ rief er mit seiner hohen Lehrerstimme über den Tisch. „Das ist ja überirdisch! Der erzschlaue Mosesdaddy auch da? Hoffentlich schreibt er was Gutes über mich! Entfernt ihn!“ Ich ging langsam weg, und der dicke Wachmann ging hinter mir, und es sah leider ein bißchen so aus, als würde man mich abführen.
Das dritte Mal habe ich Jonathan Meese einen Tag später gesehen, in der Volksbühne, bei der Premiere seines ersten Stücks „De Frau“. Wovon das Stück handelte, weiß ich nicht. Jonathan Meese saß auf einer Drehbühne, es lief laut der Germanenrock der ostdeutschen Gruppe Rammstein, und ab und zu kam ein Schauspieler vorbei und kniff Meese in die Brustwarze, worauf er den Namen von Ezra Pound rief, dem Dichter, der die Nazis liebte. Nach zwei Stunden wurde – noch lauter als vorhin Rammstein – „Griechischer Wein“ von Udo Jürgens gespielt. Meese tanzte und sang dazu, und die jungen deutschen Intellektuellen in der ausverkauften Volksbühne klatschten so glücklich mit, als seien sie gern die Kinder ihrer verträumten deutschen Spießereltern. Ich dachte währenddessen an die Worte meines Freundes Bielicky, des Videokünstlers aus Prag, den ich am Morgen angerufen und gefragt hatte, wie er sich den Erfolg von Jonathan Meese erkläre. „Die Deutschen sind unkritische Masochisten und so verklemmt wie eine katholische Nonne“, hatte Bielicky gesagt. „Kaum ist einer von ihnen ein bißchen extrovertiert, machen sie ihn zu ihrem Führer.“
Nach der Vorstellung gab es im Grünen Salon der Volksbühne noch eine Premierenparty, und Meeses Galerist lud mich beim Rausgehen auch ein. Ich bin natürlich nicht hingegangen. Ich mich will doch nicht jeden Tag von dem neuen Beuys als raffinierter Jude loben lassen. MAXIM BILLER”

10.05.2007

…und weiter…

von lottmann

Peter Unfried war aus dem Urlaub zurück und fragte mich am Telefon, ob ich nun endlich wisse, warum “Herr Goetz” so häßlich über mich schreibe. Ich konnte es gar nicht mehr hören und sagte, das Thema sei inzwischen durch.
“Wirklich? Aber er hat doch wieder nachgelegt. Wenn auch, das kann man mit einigem Wohlwollen sagen, er seine Position ein kleines bißchen relativiert hat, also vielleicht.”
“Nein, also, keine Ahnung… Herr Unfried, Sie waren im Urlaub, seitdem hat sich da nichts mehr getan, glaube ich.”
“Kann es nicht mit einem Artikel zusammenhängen, den Sie unlängst in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über ihn geschrieben haben?”
“Ich? Niemals!”
“Doch, mit der Überschrift ‘Der Anti-Feminist’, im Literaturteil, in einer Rezension über Maxim Billers Buch ‘Liebe heute’.”
“Ach, mein Biller-Artikel! Der war nicht in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, sondern in der Welt am Sonntag.”
“Ja, ja, in der WamS, richtig. Aber da ging es doch phasenweise auch um Goetz?”
“Was! Nein, das glaube ich nicht.”
“Doch, Maxim Biller hat da so ein paar Sätze über ihn gesagt.”
“So? Aber SEHR versteckt, wenn überhaupt.”
“Finde ich nicht. Lesen Sie es doch noch einmal selbst.”
“Ich kann meine eigenen Sachen nicht lesen. Außerdem… selbst wenn es Maxim gesagt hat, also: er kann mir doch nicht etwas vorwerfen, das MAXIM gesagt hat. Wenn er es gesagt hat.”
“Der kann das.”
“Aber das wäre doch… kleinlich.”
“Weiß ich nicht. Lesen Sie es doch noch einmal!”
“Herr Unfried, ich will nicht mehr, dass dieses Thema in der Welt ist.”
“In der Welt am Sonntag.”
“Nein, ich meine, das nervt einfach, das ist ein peinliches Thema geworden. Die Leute langweilt das.”
“Wir könnten doch ein kleines Interview dazu machen. War das nicht Ihre Idee? Einfach, um alles aufzuklären. Und danach ist dann Ruhe.”
Ich hatte das selbst einmal angeregt. Wenn er aus dem Urlaub zurück sei, hatte ich unmittelbar vor seiner Abreise gesagt, könnten wir uns doch zu einem Interview treffen. Ich wich dem nun lieber aus:
“Ja… ich, hm, werde das Interview, äh, den Artikel über Biller, dann doch noch einmal lesen. In der Welt am Sonntag sagten Sie?”
“Ganz recht.”
“Ich melde mich dann wieder bei Ihnen. Wie war der Urlaub?”
Er sagte es mir. Ich war froh, noch über etwas anderes mit ihm zu sprechen. Es war wohl wirklich sehr lustig gewesen in Havanna.
Ich ging dann ins Internet und fischte mir den Artikel raus. Er war überschrieben mit der schönen Schlagzeile ‘Der Anti-Feminist’, die allerdings nicht von mir war. Ich las:
“DER ANTI-FEMINIST
über Maxim Billers Prosa in ‘Liebe heute’
von Joachim Lottmann
Maxim Biller, den immer noch so viele mit seiner legendären Kolumne “Hundert Zeilen Hass” verbinden, also mit Hass, hat ein Buch über die Liebe geschrieben. Es macht ihm übrigens nichts aus, das alte, über 20 Jahre alte Hass-Image: “Man kann von den Menschen nicht verlangen, sich von einem Autor mehr zu merken als ein einziges Buch. Das ist schon sehr viel. Bei mir ist es halt das Destruktive geworden. Nichts ist dümmer, als ein Schauspieler, der sagt ‘Ich will mein Image ändern’. Soll er doch froh sein, dass er eins hat!”
Wir stehen unten vor seiner Tür in Berlin Mitte, ich, er, dazu ein Mädchen mit einem Kinderhandy vorm Gesicht, mit dem sie uns filmt. Er bohrt mit dem nackten Zeigefinger in ihre Richtung:
“Was soll das? Was macht die Frau da? Das ist gegen die Absprache!”
“Ach, das ist nichts. Sie macht was für meinen Blog in der Netzeitung.”
Er geht kurz in die Wohnung zurück, kommt gleich wieder, wütend:
“Du hast keinen Blog in der Netzeitung!”
Er muß blitzschnell beim Computer gewesen sein. Richtig, der Blog wird erst eingerichtet. Aber warum bringt er mich in Verlegenheit? Das Mädchen ist ein Traum. Jeder, der Frauen nicht gerade hasst, wäre froh, von ihr gefilmt zu werden. Ist er also doch der alte Hassbolzen geblieben? Was ist denn nun mit dem Buch über die Liebe? Schon wieder vergessen? Übrigens hatte ich sie spontan mitgenommen. Minuten vorher, in der Bar 103, hatte sie mich angesprochen. Sie hatte mich interviewen wollen. Das Leben konnte ja so spontan sein. Ich sagte also:
“Sei doch mal spontan, Maxim.”
“Spontan?! Das geht nicht. Das muß genehmigt werden. Und zwar vorher. Schriftlich!”
“Ganz professionell.”
“Genau! Dafür gibt es zuständige Stellen.”
“Lange im voraus. In dreifacher Ausfertigung.”
“Was?”
“Alles muß seine Ordnung haben!”
“Ja, natürlich!”
“Mein Gott, bist du deutsch, Maxim!”
Er hielt kurz inne, besann sich, und liess sie weiterfilmen. Man konnte ihn zu ALLEM bringen, wenn man sagte, das Gegenteil sei deutsch. Wir stiegen in das Auto, ein wenig gefahrener Wartburg Tourist, praktisch neuwertig. Biller sah endlich die Frau an. Sein Gesicht riß auf. Die Sonne brach durch die Wolkendecke. Der Wagen schoß nach vorn, Richtung Westen. Wir wollten in einem alten jüdischen Spezialgeschäft in Charlottenburg Handschuhe für ihn kaufen. Der linke Handschuh wurde vom Ladenbesitzer, der rechte von seiner Frau genäht – so machten sie das seit 1927 und in der dritten Generation. Sie hatten nur sieben Kunden, aber aus fünf Kontinenten.
Als typischer Mitte-Bewohner kam man praktisch nie ins alte, muffige Westberlin. Da gingen die Uhren anders, die Leute hingen noch an Diepgen, trauerten dem Kalten Krieg nach, waren hoffnungslos veraltet – es war nicht schön. Biller war sicher froh, geschützt im schicken Ostauto durch dieses Elend schlüpfen zu dürfen, unbehelligt und geräuschlos. Am Savignyplatz entdeckte er die “Autorenbuchhandlung” und befahl zu halten:
“Das ist die berühmteste Buchhandlung Deutschlands… das ist Shakespeare and Company in Berlin!”
Zwei etwas ältere Mädchen öffneten uns und verstanden sich sofort ganz gut mit dem etwas jüngeren Mädchen aus unserer Mitte. Fräulein von Kieseritzky und ihre liebenswerte Nichte leiteten den Laden seit der ersten Ligislaturperiode Willy Brandts. Für sie war er immer noch Regierender Bürgermeister. Wir bekamen Tee und köstliche selbstgebackene Kekse, setzten uns und begannen zu diskutieren. Über diverse notwendige Umwege – Philipp Roth, Rainald Goetz, Henryk M. Broder – kamen wir auf Maxims neues Buch.
“Philipp Roth hat mich nie berührt. Rainald Goetz gilt ja als neuer Hölderlin und wird oft mit mir verglichen. Da sagen die Leute, wir schrieben beide so hart. Ich finde das gar nicht. Goetz schreibt, man solle der Familienministerin ins Gesicht kotzen. So einen scheußlichen Satz würde ich nie schreiben. Er macht das seit Urzeiten so. Man solle Reagan ins Gesicht schießen…”
“…man solle Joachim Lottmanns Schriften verbrennen…”
“…ja, burn, Berlin, burn…”
“Stimmt, er ist der deutscheste aller Schriftsteller, deutscher als Nietzsche und Hölderlin zusammen.”
Sein neuer Blog in ‘Vanity Fair’ war tatsächlich nicht von Pappe. Auf jeden Fall völlig humorfrei. Biller rollte die Augen:
“Und immer mit dieser militärischen Sprache, mit Granaten, Offizieren und so weiter. Die Leute, die das nicht selbst trifft, finden das toll. Ich nenne das linksnational. Henryk M. Broder dagegen, der Spaß versteht, der nie so gewalttriefend-dumpf und deutschromantisch daherkommt wie Goetz, gilt den Linksnationalen als ‘Reaktionär’…”
“A propos, wir wollten doch über die Liebe sprechen!”
Sein Blick huschte flackernd über die 22jährige Kamerafrau. Dann sah er mich an:
“Ja?”
“Ein kluger Kopf hat kürzlich geschrieben – ich glaube, es war in dem Roman ‘Zombie Nation’ – der Kampf zwischen Mann und Frau sei der wahre Irakkrieg unserer Epoche. Siehst Du das auch so in ‘Liebe heute’?”
“Das genaue Zitat mit dem Irakkrieg lautet übrigens anders, nämlich ‘Was Frauen den Männern antun, ist der eigentliche Irakkrieg’ und so weiter. Und natürlich ist das so. 95 Prozent der Männer in meinem Freundeskreis sagen, dass sie von ihrer Frau kontrolliert werden.”
“Furchtbar.”
“Ich erlebe es doch selbst, dass ein Mann abends von seiner Frau fünfmal angerufen wird, wo er gerade sei und was er mache.”
“Sowas kann ja auch liebevoll sein.”
“Unsinn. Unterdrücken tun die Frauen sowieso. Das wäre aber nichts Neues. Schon das Patriarchat war doch nichts anderes als die permanente und aussichtslose Revolution gegen das Matriarchat, das immer schon da war und auch dann noch da sein wird, wenn der letzte Tag gekommen ist.”
“Frauen sind omnipotent?”
“Ich hasse das ganze Mann-Frau-Thema. Natürlich haben Frauen auch Angst, nämlich Verlustangst. Ihre Angst, den Partner zu verlieren, ist geradezu allesbestimmend.”
“Warum dann das promiske Verhalten, das…”
“Bitte! Das Thema ist unter meinem Niveau.
“Entschuldige. Das verstehe ich. Manchmal träume ich selbst davon, eines morgens aufzuwachen, und das leidige Mann-Frau-Thema sei nicht mehr da. Der Herrgott selbst hätte ein Einsehen gehabt und es aus der Welt genommen.”
Biller atmete auf. Es sei viel besser, sich mit der Liebe zu beschäftigen. Über die könne man bekanntlich nicht reden. Aber man könne sie poetisch ausdrücken, in einem Buch wie ‘Liebe heute’.
Wir liessen uns unsere eigenen Romane kommen und signierten sie. Von ihm gab es fünf, von mir einen. Die ältlichen Mädchen waren gerührt, das junge filmte und filmte, immer mit dem Kinderhandy. Zwölf Millionen Pixel, das ergab später einen Film in Cinemascope und Superbreitwand. Wir schmökerten durch die Bücherwände.
“Was ist Dein Lieblingsroman?”
“‘Mein Leben als Sohn’ von Philipp Roth”, sagte Maxim Biller, der vorhin gesagt hatte, Philipp Roth berühre ihn nicht.
Ich votierte für ‘Senilità’ von Italo Svevo. Das Mädchen kaufte ‘Die Gärten der Finzi-Contini’ von Giorgio Bassani, schrieb etwas hinein und schenkte es mir. Ihr Vater hatte das Buch ins Deutsche übersetzt. Sie war in Bergamo aufgewachsen. Das ist eine Stadt 50 Kilometer nordöstlich von Mailand, die früher sehr schön gewesen war, bis sie 452 von Attila eingenommen und geplündert wurde. Ich sah nach dem Namen des Übersetzers. Diese junge Frau war also ein Vatertöchterchen, was eine Entsprechung für die Milliarden von Muttersöhnchen war, die die westliche Welt neuerdings überschwemmten. Überall wurde alleinerzogen, aber nicht alle Erzieher waren Frauen. Billers Buch reagierte auf diese neue Welt(un)ordnung, aber auf recht eigene Weise.
Vielleicht kann man es so ausdrücken: Die quasifeministische Sicht der Dinge war Gemeingut geworden, und zwar in einer natürlichen, authentischen, nicht mehr bewußten Weise. Männliche und weibliche Autoren schrieben feministisch, ohne zu ahnen, dass sie es taten. Für sie war das, was sie schrieben, ganz einfach Realismus. Frauen, die noch bewußt feministisch schrieben, und ebenso die paar Männer, die sich bewußt dagegen wehrten, waren verkrampft und somit unbeliebt. Ganz zu recht! Denn wahre Posie muß ganz und gar aus dem Unbewußten kommen. Doch nun zu Biller: Er ist der einzige Mann, der unbewußt antifeministisch schreibt. Also wunderschön.
Bei ihm ist der Mann noch ganz selbstverständlich der Herr der Schöpfung. In epischer Ruhe liegt die Welt vor ihm, und die Frau dazu. Frauen sind Teil dieser Natur, die er sich Untertan zu machen hat, Gottes Auftrag gemäß. Elegische, fremde, schöne Dinge sind das, ein wenig versaut, aber so hat er es gern. Nichts verbindet ihn wirklich mit ihnen, nichts Persönliches jedenfalls. Undenkbar, dass ihm einmal ein nettes Wort entschlüpfte. Aber umgekehrt kommt ja auch keines. Der Sex ist immer stumm, wie der von anderen Säugetieren. Und zwischen den Orgasmen hat man sich auch bestenfalls Lakonisches zu sagen. So habe ich mir früher die Liebesspiele zwischen Humphrey Bogart und Lauren Bacall vorgestellt.
Das soll bitte nicht ironisch klingen. Ich meine es ernst, wenn ich seine Prosa schön nenne. Es ist ein Wunder, dass heute jemand so schreiben kann. Billers Sprache ist eine Melodie, die einen anweht, als lebte Albert Camus noch, als schriebe Gottfried Benn plötzlich short stories, als klopfte der Existentialismus aus seinem Grab zu uns herüber. Ich sehe Marcello Mastroianni in Algerien, wie er sich bei Dreharbeiten zu ‘Der Fremde’ eine schwarze französische Zigarette anzündet. Zudem, das muß auch noch gesagt werden (soviel Germanistik muß sein): Biller ist ein großer Erzähler. In Sachen Erzähltechnik spielt er alle an die Wand. Oft beginnen seine Geschichten klein, bleiben klein, kommen nicht vom Fleck, ganze Jahre vergehen, halbe Leben, bis plötzlich etwas explodiert und die Story ausbricht wie ein Weltkrieg. Wie im wirklichen Leben. Oder wie in einem Champions League Spiel des FC Bayern München. Deswegen kommen einem auch nie Zweifel an dem Autor. Seine Wirkung auf den Leser ist beträchtlich.
Er denkt, er schriebe ganz simpel und realistisch von der Wahrheit. Er denkt, die Frauen seien eben so, wie er sie erlebt und beschreibt. Und sie seien immer schon so gewesen. Und das wisse ja auch jeder, und dagegen habe doch niemand etwas. Eherne Gesetze! Der Apfel fällt von oben nach unten. Im Winter ist es draußen kälter als drinnen. Frauen sind durchtrieben und bösartig. Männer sind die besseren Menschen. Frauen sind mehr oder weniger triebgesteuerte Teufel. Pardon, das sagt der Autor natürlich nicht direkt, noch weniger DENKT er es. Er fühlt es nur. Genau so, wie das Heer unserer quasifeministischen Mainstream AutorInnen das Gegenteil fühlt. Man schlage auf, wo man wolle, von mir aus sogar bei den großen Meistern, bei Judith Hermann etwa: alle männlichen Figuren erscheinen (oder versumpfen) im Kontext der Niedertracht, des Negativen, des Charakterlosen, während alle Frauenspersonen bis hin zur letzten Nebenfigur eingesponnen sind in Adjektiva des Schönen, Geheimnisvollen, Lichthaften, Kernig-Solidarischen und Humanen. Die Frauen sind ganz Mensch, die Männer nur Ochsen. Bei Biller sind wir Männer von unfaßbarer Humanität und Humorkraft, die Frau ist DIE BITCH.
Das könnte ich nun verurteilen, aber mir gefällt es, das nicht zu tun. Solange es die Monströsität des quasifeministischen Mainstreams gibt, finde ich es klasse, dass diese Schweinerei einmal von der anderen Seite gespiegelt wird, und zwar genauso naiv und unschuldig. Ja, und ich denke dabei an unsere armen männlichen Mitbürger im Kindesalter, die bereits heute um ein Drittel schlechter in der Schule sind als ihre Mitschülerinnen. Die auf allen Feldern hinterher hinken, selbst in Mathe und Physik, Sport und Lesen. Die sich schlechter konzentrieren können und öfter bettnässen. Die ausschliesslich in Frauenwelten und mit Frauenweltbildern aufwachsen. Die, mit einem Wort, benachteiligt sind.
Nicht für sie, aber für ihre ausgesperrten Väter, ist ‘Liebe heute’ ein gutes Buch. Wenn es nur leichter wäre, mit Maxim darüber zu sprechen! Wir verlassen die Buchhandlung und suchen das Auto. An der Winschutzscheibe klebt ein Strafmandat. Aus Billers schönem Larry David Gesicht weicht jede Farbe. Ich spüre, wie er einige Sekunden bebt, ehe er Worte findet:
“Warum hast du nicht die ordnungsgemäße Parkgebühr entrichtet?! Nun sind wir straffällig geworden! Ich finde das unmöglich!”
“Aber ich HABE doch ein Ticket gezogen, da beim Ticketautomaten.”
“Aber Du hast die Zeit überschritten!”
“Um ZWEI Minuten.”
“Na und?! Da gehts ums Prinzip!”
Er war außer sich. Der verdrängte Deutsche brach wieder durch. Ich hielt lieber den Mund und trat aufs Gaspedal. Ich überlegte. ‘Liebe heute’ begann schon auf der ersten Seite, die ich aufschlug, praktisch mit dem ersten Satz, mit einer Fünfjährigen, die einen Vierjährigen bei der Lehrerin verpetzt und grausam bestrafen läßt. Für einen Marmeladenklau, den nicht er, sondern sie begangen hat. Einen Absatz später zwingt die inzwischen Neunjährige den Achtjährigen gewaltsam zum Voyeurismus in der Umkleidekabine der Badeanstalt. Mit zwölf und dreizehn kommt es dann knüppeldick… das Stichwort Pornogaphie fällt mir reflexhaft ein.
“Maxim, wie steht Dein Buch eigentlich zur allgemeinen Pornographisierung aller Lebensbereiche, wie sie in Ariadne von Schirachs Schocker ‘Tanz um die Lust’ geschildert wird?”
“Mich interessiert das alles nicht.”
Das alles. Nicht. Überhaupt nicht. Niemals. Maxims Frauenbild kommt aus einer anderen Welt. Wir fahren zum KaDeWe, und diesmal zwingt uns Maxim Biller mit harter Hand, ein offizielles öffentliches Parkhaus anzusteuern. Damit das Kraftfahrzeug ordnungsgerecht verbracht werden kann. Ich löse eine komplizierte Chipkarte, gebe ein Passwort ein und eine sechsstellige PIN-Zahl, lasse Kfz-Schein und Personalausweis scannen. Wir fahren in den siebenten Stock des KaDeWe und setzen uns ins gemütliche ‘le buffet’ im Wintergarten. Nun reden wir über deutsch-jüdische Themen, also vor allem über seine Emigration nach Israel. In ‘Tempo’ hatte er diese bekannt gegeben und begründet. Er erträgt es nicht länger, dieses unser Land, wo Grönemeyers ‘Zwölf’ aus alles Ritzen knödelt wie deutsche Gemüts-Ursuppe, und wo selbst der früher so talentierte Kracht sein neues Buch mit germanischen Runen bedrucken läßt. Und Götz eben. Wir nicken betroffen. Die Beispiele nehmen kein Ende. Wir sprechen über den neuen Blog von Matthias Matussek auf Spiegel Online, sogar positiv. Dabei kriegt er endlich die Kurve:
“Trotz alledem, meine Freunde: Die Bilder sind das eine, die Welt das andere. Das war immer so. In der Vorstellung der Menschen ist Israel ein Land, in dem man alle drei Stunden eine Bombenexplosion erlebt. Wenn man dann aber WIRKLICH da ist, ist es das schönste Urlaubsland der Welt. Oder damals die Sache im August 1914: Alle Menschen hatten großartige Kriegsbilder im Kopf und jubelten. Drei Monate später, im Schützengraben, war sie dann ganz anders, die Wirklichkeit. Und so ist es auch mit der Pornographie und der Liebe. ALLE haben diese Sexbilder im Kopf und reden darüber, schreiben diese unsäglichen Bücher über Pornographie und so weiter. Wenn sie dann aber mit einer Frau im Bett liegen, ist es vollkommen anders. Dann ist es plötzlich Liebe.”
Liebe heute sozusagen.

(Soweit der Artikel. Ich klappte den Laptop zu und stöhnte. DESWEGEN war der Gute so ausgerastet. Konnte man verstehen.)

07.05.2007

…und weiter…

von lottmann

Es war schon etwas spät, weil ich um 19 Uhr Jonathan Safran Foer treffen sollte. Philipp Rühmann hatte das arrangiert. Foer wohnte seit einem Vierteljahr bei ihm am Wannsee, wobei man wissen muß, dass Foer sein Buch “Alles ist erleuchtet” schon vorher geschrieben hatte, noch in Amerika, das er nun, da er Berlin Mitte entdeckt hatte, nicht mehr leiden konnte. Also Amerika, das Buch schon. Ich war also etwas kurz angebunden, als das Festnetz-Telefon klingelte und Benedikt Erenz mich anrief.
“Herr Erenz, das ist aber schön, dass Sie mich anrufen!”
“Ja, ich dachte, das sollte ich jetzt einmal tun.”
“Stellen Sie sich vor, ich bin gleich mit Jonathan Safran Foer verabredet.”
“Nun, das wird die Freundschaft zwischen Deutschland und Amerika sicherlich befördern. Man spricht ihn übrigens ´fohr´ aus.”
“Haben Sie ´Alles ist erleuchtet gelesen´?”
Was für eine dumme Frage. Erenz ließ sich nichts anmerken.
“Herr Lottmann, ich wollte eigentlich nur sagen, dass wir den Narholz im Blatt haben diese Woche, aber das wissen Sie ja sicherlich.”
“Ja, ich habe es gesehen!”
“Ich darf daraus aber nicht schließen, dass Sie inzwischen Abonnent der ZEIT geworden sind?”
Ein flauer Scherz. Ich ließ mir ebenfalls nichts anmerken. Ein kleines Schweigen entstand, und er sagte:
“Ich wollte mich auch noch einmal entschuldigen, dass es so lange gedauert hat mit der Rezension. Das Buch war ja schon draussen, und wir hatten diese Fremdrezension, und normalerweise macht das ja jemand aus dem Haus – und so fing es schon an. Das war eine etwas ungünstige Ausgangsposition, damals. Und dann die Kontroversen in der Redaktion selbst.”
“Iris Radisch und so.”
“Ja, so etwas kostet erstmal Zeit. Die Kollegen wissen ja, dass Sie mit Radisch befreundet sind, und dann will man es erst recht nicht machen.”
“Ah… ich bin mit ihr aber gar nicht befreundet, ehrlich gesagt.”
“Ja, aber eine gute Freundin von Ihnen ist eine gute Freundin von ihr. So etwas kann man nicht immer ganz ausblenden, und dann haben einige Angst, das könne wie ein Freundschaftsdienst aussehen, und…”
“Alle wissen, dass Iris Radisch mich HASST!”
“Nein, Herr Lottmann, nein, wirklich, da haben Sie ein falsches Bild. Das sollten Sie nicht denken, sowas.”
Er klang plötzlich ganz traurig. In seiner schönen, ganz und gar humanistischen Welt wäre so eine eingebildete Feindschaft zwischen zwei an sich edlen Geistern ein häßlicher Fleck gewesen. Und so unterdrückte ich den Satz, den ich als nächstes hatte sagen wollen, nämlich ´selbst wenn sie mich nicht hasst, dann hasse ich sie!´, weil ich gerade noch merkte, wie doof er war. Man sollte in diesen Dingen niemals spekulieren. Solange einem nicht jemand sein Mißfallen mitgeteilt hatte, galt die Unschulds- beziehungsweise Sympathievermutung. Außerdem änderten sich Menschen.
“Herr Erenz, ich freue mich, dass ´Die Jugend von heute´ jetzt von der ZEIT besprochen wurde. Es ist doch viel schöner, wenn so etwas spät kommt, also gerade jetzt, wo es keiner mehr erwartet hat.”
“Der Narholz hat das auch hübsch gemacht, mit lateinischen Zitaten, sehr kenntnisreich, und auf einem Niveau, das…”
“Das Buch ist ja auch ein sogenannter Longseller und verkauft sich weiterhin gut.”
“Ja? Das freut mich.”
“Ja, es ist ganz erstaunlich. Die Verkaufszahlen ziehen wieder an.”
“Und wie geht es der Dame Reidenbach so?”
“Nici Reidenbach? Also…”
Ich fiel in ein kleines Loch. Mit Nici hatte ich seit einem halben Jahr nicht mehr telefoniert. Ich wollte auf keinen Fall, dass er das merkte. Ich mußte erst mit Nici reden, und dann nochmal mit Erenz, der es verdient hatte, dass ich ihm ein bißchen von Nici erzählte. Sie war seine weibliche Entsprechung. Das bedeutete, dass beide zu schüchtern waren, sich gegenseitig anzurufen.
“Herr Erenz, das erzähle ich Ihnen später, weil, das ist ein weites Feld, da hat sich gerade unheimlich viel getan, und ich muß doch jetzt zu Foer.”
“Sie hat einen FREUND?” Es war ihm rausgerutscht.
“Oh nein, im Gegenteil!”
“Bitte entschuldigen Sie, Sie müssen zu unserem erleuchteten Superstar. Ich beneide Sie darum, oder sagen wir, ein wenig.”
“Ich weiß, ich habe Arno Dietz über Foer gelesen.”
“Sehen Sie, Sie sind DOCH Abonnent geworden.”
Dietz hatte in der ZEIT geschrieben, Foer, Franzen und all die anderen neuen US-Literaturstars seien Streber und Spießer.
“Viel Spaß auf jeden Fall, und berichten Sie mir bei Gelegenheit davon.”
Wir verabschiedeten uns. Ein unglaublich netter Mann, dieser Benedikt Erenz. Das exakte Gegenteil eigentlich zu Rainald Goetz (“Der furchtbare Richter”), dachte ich. Erenz hatte mich einmal in den 90er Jahren angerufen, exakt dreizehn Jahre nachdem ich meine letzte Zeile veröffentlicht hatte, und harmlos-heiter gesagt, wir sollten einmal etwas für meine Karriere tun. Damals schlich ich zerlumpt durch München und hatte seit Tagen nichts gegessen. Aus dem Dachfenster seiner Wohnung beobachtete mich Rainald mit einem Hochleistungsfernglas der Firma Leitz Wetzlar und betrieb seine berühmte Gegenobservation. Naja, vielleicht meinte auch der es nur gut. Hauptsache, man wird nicht vergessen.
Ich fuhr also ins Radialsystem, wo ich Foer treffen sollte. Vorher stoppte ich das Knatterauto am Monbijou-Park, wo Gabriele Uhrlau und Judith am Flußufer saßen und sich miteinander befreundeten. Ich wußte nicht genau, warum sie das taten, aber es lagen gleich mehrere Motive vor. Die beiden ungleichen Frauen, die sich wirklich mochten, ja liebten, kletterten in den kommunistischen Stahlkasten, und die kraftvolle Maschine heulte auf, wie ein Hund, dem man auf den Schwanz getreten hatte. Es war der letzte schöne Tag dieses Frühlings, vorläufig, und wir nutzten ihn. In atemberaubender Langsamkeit kroch der Wartburg Tourist aus der Parklücke. In 150,4 Sekunden erreichte er Tempo 30.
Das Radialsystem war ein von Holm Friebe hochgezogenes, rein privat finanziertes, sechsstöckiges Kulturzentrum. Auf allen Etagen wurde gleichzeitig Kultur gemacht, Ballett, Theater, Ausstellungen, Lesungen, und immer befanden sich mehrere tausend Menschen in dem architektonischen Wunderbau. Nur für acts wie Tokio Hotel oder Severin Winzenburg war er ungeeignet, weil nicht mehr als 350 Leute in eine Etage passten. Ich begrüßte Jonathan Safran Foer, und Philipp sagte, ich sei ein guter Freund von ihm. Als der schmächtige, fast zarte jüdische Junge kaum reagierte, also mich nur mit seinen klaren, intelligenten Augen distanziert, fast mißtrauisch anbickte, sagte Philipp, ich sei auch ein guter Freund von Helge. Wieder reagierte er kaum. Ségolène hatte gerade verloren, was Foer noch nicht wußte, und so sagte ich es ihm. Es schien ihn nicht bis ins Mark zu treffen, im Gegenteil, er begann sofort, über Hillary zu reden. Ich sagte, das könne man doch nicht vergleichen und so weiter. Hillary sei das alte politisch-kulturelle Milieu und Ségolène das neue. Nun reagierte er. Er wachte richtig auf, und wir begannen eine einstündige Debatte über neue Milieus, USA nach dem Klimaschock, Al Gore der böse Rattenfänger, Europa, Berlin, Tierschutz, jüdische Traditionen, Schreiben, der Bär Knut, der Verleger Helge, Tischtennis, Wannsee und vieles mehr. Foer war bemerkenswert: Obwohl er sehr schnell sprach, wirkte er ruhig und völlig entspannt, und man merkte, dass er keinen Satz jemals schon vorher einmal gesprochen hatte. Man konnte ihm beim Denken zuhören, und er dachte in digitaler Geschwindigkeit. Und so sauber und unhektisch, wie moderne Rechner arbeiten, zum Beispiel der “MacBook” von Apple, arbeitete auch sein Gehirn, das, wie Arno Dietz herausgefunden zu haben meinte, zum Körper eines totalen Spießers gehörte. Ich wollte das nicht beurteilen, aber immerhin: ich hielt Foer zugute, dass er mit dem Verleger des Jahres, also Helge, fünf Matches Pingpong gespielt und dabei nach eigenen Angaben vier gewonnen hatte (die Angaben differieren geringfügig; die KiWi-Pressestelle spricht von drei Siegen des Schriftstellers, Helge selbst sieht Foer nur in einer der fünf Begegnungen vorne). Am Ende redeten wir natürlich nur noch über Berlin und wie er es anstellen könne, hier eine eigene Wohnung zu beziehen. Ich erzählte ihm, wie preiswert meine repräsentative Stadtwohnung sei, dank der Freundschaft mit einem Makler, und wir tauschten alle möglichen Telefonnummern.
Jonathan ist Ende 20 oder gerade 30 geworden, hat Frau und Kind, natürlich, und wollte wissen, wie es da bei mir stünde. Er liebte das Nachtleben Berlins, wollte aber auf seine Familie Rücksicht nehmen, und fragte, ob es mir ähnlich ginge. Ich erzählte ihm meine Lage. Da ich gerade Frank Schätzings “Die Ducks” im Auto hatte, das ich dem zehnjährigen Sohn einer umwerfend attraktiven Freundin, in die ich mich gerade verliebt hatte, schenken wollte, bat ich ihn, etwas in das Kinderbuch zu schreiben oder zu malen. Schätzing war ja etwas für Kinder und Erwachsene, und ich wußte, dass die Mutter es auch las. Der gute Mann malte die ganze Seite voll. Spießer? Streber? Star? Ich würde eher sagen, ein Freund…