…und weiter…
von lottmannEs war schon etwas spät, weil ich um 19 Uhr Jonathan Safran Foer treffen sollte. Philipp Rühmann hatte das arrangiert. Foer wohnte seit einem Vierteljahr bei ihm am Wannsee, wobei man wissen muß, dass Foer sein Buch “Alles ist erleuchtet” schon vorher geschrieben hatte, noch in Amerika, das er nun, da er Berlin Mitte entdeckt hatte, nicht mehr leiden konnte. Also Amerika, das Buch schon. Ich war also etwas kurz angebunden, als das Festnetz-Telefon klingelte und Benedikt Erenz mich anrief.
“Herr Erenz, das ist aber schön, dass Sie mich anrufen!”
“Ja, ich dachte, das sollte ich jetzt einmal tun.”
“Stellen Sie sich vor, ich bin gleich mit Jonathan Safran Foer verabredet.”
“Nun, das wird die Freundschaft zwischen Deutschland und Amerika sicherlich befördern. Man spricht ihn übrigens ´fohr´ aus.”
“Haben Sie ´Alles ist erleuchtet gelesen´?”
Was für eine dumme Frage. Erenz ließ sich nichts anmerken.
“Herr Lottmann, ich wollte eigentlich nur sagen, dass wir den Narholz im Blatt haben diese Woche, aber das wissen Sie ja sicherlich.”
“Ja, ich habe es gesehen!”
“Ich darf daraus aber nicht schließen, dass Sie inzwischen Abonnent der ZEIT geworden sind?”
Ein flauer Scherz. Ich ließ mir ebenfalls nichts anmerken. Ein kleines Schweigen entstand, und er sagte:
“Ich wollte mich auch noch einmal entschuldigen, dass es so lange gedauert hat mit der Rezension. Das Buch war ja schon draussen, und wir hatten diese Fremdrezension, und normalerweise macht das ja jemand aus dem Haus – und so fing es schon an. Das war eine etwas ungünstige Ausgangsposition, damals. Und dann die Kontroversen in der Redaktion selbst.”
“Iris Radisch und so.”
“Ja, so etwas kostet erstmal Zeit. Die Kollegen wissen ja, dass Sie mit Radisch befreundet sind, und dann will man es erst recht nicht machen.”
“Ah… ich bin mit ihr aber gar nicht befreundet, ehrlich gesagt.”
“Ja, aber eine gute Freundin von Ihnen ist eine gute Freundin von ihr. So etwas kann man nicht immer ganz ausblenden, und dann haben einige Angst, das könne wie ein Freundschaftsdienst aussehen, und…”
“Alle wissen, dass Iris Radisch mich HASST!”
“Nein, Herr Lottmann, nein, wirklich, da haben Sie ein falsches Bild. Das sollten Sie nicht denken, sowas.”
Er klang plötzlich ganz traurig. In seiner schönen, ganz und gar humanistischen Welt wäre so eine eingebildete Feindschaft zwischen zwei an sich edlen Geistern ein häßlicher Fleck gewesen. Und so unterdrückte ich den Satz, den ich als nächstes hatte sagen wollen, nämlich ´selbst wenn sie mich nicht hasst, dann hasse ich sie!´, weil ich gerade noch merkte, wie doof er war. Man sollte in diesen Dingen niemals spekulieren. Solange einem nicht jemand sein Mißfallen mitgeteilt hatte, galt die Unschulds- beziehungsweise Sympathievermutung. Außerdem änderten sich Menschen.
“Herr Erenz, ich freue mich, dass ´Die Jugend von heute´ jetzt von der ZEIT besprochen wurde. Es ist doch viel schöner, wenn so etwas spät kommt, also gerade jetzt, wo es keiner mehr erwartet hat.”
“Der Narholz hat das auch hübsch gemacht, mit lateinischen Zitaten, sehr kenntnisreich, und auf einem Niveau, das…”
“Das Buch ist ja auch ein sogenannter Longseller und verkauft sich weiterhin gut.”
“Ja? Das freut mich.”
“Ja, es ist ganz erstaunlich. Die Verkaufszahlen ziehen wieder an.”
“Und wie geht es der Dame Reidenbach so?”
“Nici Reidenbach? Also…”
Ich fiel in ein kleines Loch. Mit Nici hatte ich seit einem halben Jahr nicht mehr telefoniert. Ich wollte auf keinen Fall, dass er das merkte. Ich mußte erst mit Nici reden, und dann nochmal mit Erenz, der es verdient hatte, dass ich ihm ein bißchen von Nici erzählte. Sie war seine weibliche Entsprechung. Das bedeutete, dass beide zu schüchtern waren, sich gegenseitig anzurufen.
“Herr Erenz, das erzähle ich Ihnen später, weil, das ist ein weites Feld, da hat sich gerade unheimlich viel getan, und ich muß doch jetzt zu Foer.”
“Sie hat einen FREUND?” Es war ihm rausgerutscht.
“Oh nein, im Gegenteil!”
“Bitte entschuldigen Sie, Sie müssen zu unserem erleuchteten Superstar. Ich beneide Sie darum, oder sagen wir, ein wenig.”
“Ich weiß, ich habe Arno Dietz über Foer gelesen.”
“Sehen Sie, Sie sind DOCH Abonnent geworden.”
Dietz hatte in der ZEIT geschrieben, Foer, Franzen und all die anderen neuen US-Literaturstars seien Streber und Spießer.
“Viel Spaß auf jeden Fall, und berichten Sie mir bei Gelegenheit davon.”
Wir verabschiedeten uns. Ein unglaublich netter Mann, dieser Benedikt Erenz. Das exakte Gegenteil eigentlich zu Rainald Goetz (“Der furchtbare Richter”), dachte ich. Erenz hatte mich einmal in den 90er Jahren angerufen, exakt dreizehn Jahre nachdem ich meine letzte Zeile veröffentlicht hatte, und harmlos-heiter gesagt, wir sollten einmal etwas für meine Karriere tun. Damals schlich ich zerlumpt durch München und hatte seit Tagen nichts gegessen. Aus dem Dachfenster seiner Wohnung beobachtete mich Rainald mit einem Hochleistungsfernglas der Firma Leitz Wetzlar und betrieb seine berühmte Gegenobservation. Naja, vielleicht meinte auch der es nur gut. Hauptsache, man wird nicht vergessen.
Ich fuhr also ins Radialsystem, wo ich Foer treffen sollte. Vorher stoppte ich das Knatterauto am Monbijou-Park, wo Gabriele Uhrlau und Judith am Flußufer saßen und sich miteinander befreundeten. Ich wußte nicht genau, warum sie das taten, aber es lagen gleich mehrere Motive vor. Die beiden ungleichen Frauen, die sich wirklich mochten, ja liebten, kletterten in den kommunistischen Stahlkasten, und die kraftvolle Maschine heulte auf, wie ein Hund, dem man auf den Schwanz getreten hatte. Es war der letzte schöne Tag dieses Frühlings, vorläufig, und wir nutzten ihn. In atemberaubender Langsamkeit kroch der Wartburg Tourist aus der Parklücke. In 150,4 Sekunden erreichte er Tempo 30.
Das Radialsystem war ein von Holm Friebe hochgezogenes, rein privat finanziertes, sechsstöckiges Kulturzentrum. Auf allen Etagen wurde gleichzeitig Kultur gemacht, Ballett, Theater, Ausstellungen, Lesungen, und immer befanden sich mehrere tausend Menschen in dem architektonischen Wunderbau. Nur für acts wie Tokio Hotel oder Severin Winzenburg war er ungeeignet, weil nicht mehr als 350 Leute in eine Etage passten. Ich begrüßte Jonathan Safran Foer, und Philipp sagte, ich sei ein guter Freund von ihm. Als der schmächtige, fast zarte jüdische Junge kaum reagierte, also mich nur mit seinen klaren, intelligenten Augen distanziert, fast mißtrauisch anbickte, sagte Philipp, ich sei auch ein guter Freund von Helge. Wieder reagierte er kaum. Ségolène hatte gerade verloren, was Foer noch nicht wußte, und so sagte ich es ihm. Es schien ihn nicht bis ins Mark zu treffen, im Gegenteil, er begann sofort, über Hillary zu reden. Ich sagte, das könne man doch nicht vergleichen und so weiter. Hillary sei das alte politisch-kulturelle Milieu und Ségolène das neue. Nun reagierte er. Er wachte richtig auf, und wir begannen eine einstündige Debatte über neue Milieus, USA nach dem Klimaschock, Al Gore der böse Rattenfänger, Europa, Berlin, Tierschutz, jüdische Traditionen, Schreiben, der Bär Knut, der Verleger Helge, Tischtennis, Wannsee und vieles mehr. Foer war bemerkenswert: Obwohl er sehr schnell sprach, wirkte er ruhig und völlig entspannt, und man merkte, dass er keinen Satz jemals schon vorher einmal gesprochen hatte. Man konnte ihm beim Denken zuhören, und er dachte in digitaler Geschwindigkeit. Und so sauber und unhektisch, wie moderne Rechner arbeiten, zum Beispiel der “MacBook” von Apple, arbeitete auch sein Gehirn, das, wie Arno Dietz herausgefunden zu haben meinte, zum Körper eines totalen Spießers gehörte. Ich wollte das nicht beurteilen, aber immerhin: ich hielt Foer zugute, dass er mit dem Verleger des Jahres, also Helge, fünf Matches Pingpong gespielt und dabei nach eigenen Angaben vier gewonnen hatte (die Angaben differieren geringfügig; die KiWi-Pressestelle spricht von drei Siegen des Schriftstellers, Helge selbst sieht Foer nur in einer der fünf Begegnungen vorne). Am Ende redeten wir natürlich nur noch über Berlin und wie er es anstellen könne, hier eine eigene Wohnung zu beziehen. Ich erzählte ihm, wie preiswert meine repräsentative Stadtwohnung sei, dank der Freundschaft mit einem Makler, und wir tauschten alle möglichen Telefonnummern.
Jonathan ist Ende 20 oder gerade 30 geworden, hat Frau und Kind, natürlich, und wollte wissen, wie es da bei mir stünde. Er liebte das Nachtleben Berlins, wollte aber auf seine Familie Rücksicht nehmen, und fragte, ob es mir ähnlich ginge. Ich erzählte ihm meine Lage. Da ich gerade Frank Schätzings “Die Ducks” im Auto hatte, das ich dem zehnjährigen Sohn einer umwerfend attraktiven Freundin, in die ich mich gerade verliebt hatte, schenken wollte, bat ich ihn, etwas in das Kinderbuch zu schreiben oder zu malen. Schätzing war ja etwas für Kinder und Erwachsene, und ich wußte, dass die Mutter es auch las. Der gute Mann malte die ganze Seite voll. Spießer? Streber? Star? Ich würde eher sagen, ein Freund…
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