…und weiter…

von lottmann

Peter Unfried war aus dem Urlaub zurück und fragte mich am Telefon, ob ich nun endlich wisse, warum “Herr Goetz” so häßlich über mich schreibe. Ich konnte es gar nicht mehr hören und sagte, das Thema sei inzwischen durch.
“Wirklich? Aber er hat doch wieder nachgelegt. Wenn auch, das kann man mit einigem Wohlwollen sagen, er seine Position ein kleines bißchen relativiert hat, also vielleicht.”
“Nein, also, keine Ahnung… Herr Unfried, Sie waren im Urlaub, seitdem hat sich da nichts mehr getan, glaube ich.”
“Kann es nicht mit einem Artikel zusammenhängen, den Sie unlängst in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über ihn geschrieben haben?”
“Ich? Niemals!”
“Doch, mit der Überschrift ‘Der Anti-Feminist’, im Literaturteil, in einer Rezension über Maxim Billers Buch ‘Liebe heute’.”
“Ach, mein Biller-Artikel! Der war nicht in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, sondern in der Welt am Sonntag.”
“Ja, ja, in der WamS, richtig. Aber da ging es doch phasenweise auch um Goetz?”
“Was! Nein, das glaube ich nicht.”
“Doch, Maxim Biller hat da so ein paar Sätze über ihn gesagt.”
“So? Aber SEHR versteckt, wenn überhaupt.”
“Finde ich nicht. Lesen Sie es doch noch einmal selbst.”
“Ich kann meine eigenen Sachen nicht lesen. Außerdem… selbst wenn es Maxim gesagt hat, also: er kann mir doch nicht etwas vorwerfen, das MAXIM gesagt hat. Wenn er es gesagt hat.”
“Der kann das.”
“Aber das wäre doch… kleinlich.”
“Weiß ich nicht. Lesen Sie es doch noch einmal!”
“Herr Unfried, ich will nicht mehr, dass dieses Thema in der Welt ist.”
“In der Welt am Sonntag.”
“Nein, ich meine, das nervt einfach, das ist ein peinliches Thema geworden. Die Leute langweilt das.”
“Wir könnten doch ein kleines Interview dazu machen. War das nicht Ihre Idee? Einfach, um alles aufzuklären. Und danach ist dann Ruhe.”
Ich hatte das selbst einmal angeregt. Wenn er aus dem Urlaub zurück sei, hatte ich unmittelbar vor seiner Abreise gesagt, könnten wir uns doch zu einem Interview treffen. Ich wich dem nun lieber aus:
“Ja… ich, hm, werde das Interview, äh, den Artikel über Biller, dann doch noch einmal lesen. In der Welt am Sonntag sagten Sie?”
“Ganz recht.”
“Ich melde mich dann wieder bei Ihnen. Wie war der Urlaub?”
Er sagte es mir. Ich war froh, noch über etwas anderes mit ihm zu sprechen. Es war wohl wirklich sehr lustig gewesen in Havanna.
Ich ging dann ins Internet und fischte mir den Artikel raus. Er war überschrieben mit der schönen Schlagzeile ‘Der Anti-Feminist’, die allerdings nicht von mir war. Ich las:
“DER ANTI-FEMINIST
über Maxim Billers Prosa in ‘Liebe heute’
von Joachim Lottmann
Maxim Biller, den immer noch so viele mit seiner legendären Kolumne “Hundert Zeilen Hass” verbinden, also mit Hass, hat ein Buch über die Liebe geschrieben. Es macht ihm übrigens nichts aus, das alte, über 20 Jahre alte Hass-Image: “Man kann von den Menschen nicht verlangen, sich von einem Autor mehr zu merken als ein einziges Buch. Das ist schon sehr viel. Bei mir ist es halt das Destruktive geworden. Nichts ist dümmer, als ein Schauspieler, der sagt ‘Ich will mein Image ändern’. Soll er doch froh sein, dass er eins hat!”
Wir stehen unten vor seiner Tür in Berlin Mitte, ich, er, dazu ein Mädchen mit einem Kinderhandy vorm Gesicht, mit dem sie uns filmt. Er bohrt mit dem nackten Zeigefinger in ihre Richtung:
“Was soll das? Was macht die Frau da? Das ist gegen die Absprache!”
“Ach, das ist nichts. Sie macht was für meinen Blog in der Netzeitung.”
Er geht kurz in die Wohnung zurück, kommt gleich wieder, wütend:
“Du hast keinen Blog in der Netzeitung!”
Er muß blitzschnell beim Computer gewesen sein. Richtig, der Blog wird erst eingerichtet. Aber warum bringt er mich in Verlegenheit? Das Mädchen ist ein Traum. Jeder, der Frauen nicht gerade hasst, wäre froh, von ihr gefilmt zu werden. Ist er also doch der alte Hassbolzen geblieben? Was ist denn nun mit dem Buch über die Liebe? Schon wieder vergessen? Übrigens hatte ich sie spontan mitgenommen. Minuten vorher, in der Bar 103, hatte sie mich angesprochen. Sie hatte mich interviewen wollen. Das Leben konnte ja so spontan sein. Ich sagte also:
“Sei doch mal spontan, Maxim.”
“Spontan?! Das geht nicht. Das muß genehmigt werden. Und zwar vorher. Schriftlich!”
“Ganz professionell.”
“Genau! Dafür gibt es zuständige Stellen.”
“Lange im voraus. In dreifacher Ausfertigung.”
“Was?”
“Alles muß seine Ordnung haben!”
“Ja, natürlich!”
“Mein Gott, bist du deutsch, Maxim!”
Er hielt kurz inne, besann sich, und liess sie weiterfilmen. Man konnte ihn zu ALLEM bringen, wenn man sagte, das Gegenteil sei deutsch. Wir stiegen in das Auto, ein wenig gefahrener Wartburg Tourist, praktisch neuwertig. Biller sah endlich die Frau an. Sein Gesicht riß auf. Die Sonne brach durch die Wolkendecke. Der Wagen schoß nach vorn, Richtung Westen. Wir wollten in einem alten jüdischen Spezialgeschäft in Charlottenburg Handschuhe für ihn kaufen. Der linke Handschuh wurde vom Ladenbesitzer, der rechte von seiner Frau genäht – so machten sie das seit 1927 und in der dritten Generation. Sie hatten nur sieben Kunden, aber aus fünf Kontinenten.
Als typischer Mitte-Bewohner kam man praktisch nie ins alte, muffige Westberlin. Da gingen die Uhren anders, die Leute hingen noch an Diepgen, trauerten dem Kalten Krieg nach, waren hoffnungslos veraltet – es war nicht schön. Biller war sicher froh, geschützt im schicken Ostauto durch dieses Elend schlüpfen zu dürfen, unbehelligt und geräuschlos. Am Savignyplatz entdeckte er die “Autorenbuchhandlung” und befahl zu halten:
“Das ist die berühmteste Buchhandlung Deutschlands… das ist Shakespeare and Company in Berlin!”
Zwei etwas ältere Mädchen öffneten uns und verstanden sich sofort ganz gut mit dem etwas jüngeren Mädchen aus unserer Mitte. Fräulein von Kieseritzky und ihre liebenswerte Nichte leiteten den Laden seit der ersten Ligislaturperiode Willy Brandts. Für sie war er immer noch Regierender Bürgermeister. Wir bekamen Tee und köstliche selbstgebackene Kekse, setzten uns und begannen zu diskutieren. Über diverse notwendige Umwege – Philipp Roth, Rainald Goetz, Henryk M. Broder – kamen wir auf Maxims neues Buch.
“Philipp Roth hat mich nie berührt. Rainald Goetz gilt ja als neuer Hölderlin und wird oft mit mir verglichen. Da sagen die Leute, wir schrieben beide so hart. Ich finde das gar nicht. Goetz schreibt, man solle der Familienministerin ins Gesicht kotzen. So einen scheußlichen Satz würde ich nie schreiben. Er macht das seit Urzeiten so. Man solle Reagan ins Gesicht schießen…”
“…man solle Joachim Lottmanns Schriften verbrennen…”
“…ja, burn, Berlin, burn…”
“Stimmt, er ist der deutscheste aller Schriftsteller, deutscher als Nietzsche und Hölderlin zusammen.”
Sein neuer Blog in ‘Vanity Fair’ war tatsächlich nicht von Pappe. Auf jeden Fall völlig humorfrei. Biller rollte die Augen:
“Und immer mit dieser militärischen Sprache, mit Granaten, Offizieren und so weiter. Die Leute, die das nicht selbst trifft, finden das toll. Ich nenne das linksnational. Henryk M. Broder dagegen, der Spaß versteht, der nie so gewalttriefend-dumpf und deutschromantisch daherkommt wie Goetz, gilt den Linksnationalen als ‘Reaktionär’…”
“A propos, wir wollten doch über die Liebe sprechen!”
Sein Blick huschte flackernd über die 22jährige Kamerafrau. Dann sah er mich an:
“Ja?”
“Ein kluger Kopf hat kürzlich geschrieben – ich glaube, es war in dem Roman ‘Zombie Nation’ – der Kampf zwischen Mann und Frau sei der wahre Irakkrieg unserer Epoche. Siehst Du das auch so in ‘Liebe heute’?”
“Das genaue Zitat mit dem Irakkrieg lautet übrigens anders, nämlich ‘Was Frauen den Männern antun, ist der eigentliche Irakkrieg’ und so weiter. Und natürlich ist das so. 95 Prozent der Männer in meinem Freundeskreis sagen, dass sie von ihrer Frau kontrolliert werden.”
“Furchtbar.”
“Ich erlebe es doch selbst, dass ein Mann abends von seiner Frau fünfmal angerufen wird, wo er gerade sei und was er mache.”
“Sowas kann ja auch liebevoll sein.”
“Unsinn. Unterdrücken tun die Frauen sowieso. Das wäre aber nichts Neues. Schon das Patriarchat war doch nichts anderes als die permanente und aussichtslose Revolution gegen das Matriarchat, das immer schon da war und auch dann noch da sein wird, wenn der letzte Tag gekommen ist.”
“Frauen sind omnipotent?”
“Ich hasse das ganze Mann-Frau-Thema. Natürlich haben Frauen auch Angst, nämlich Verlustangst. Ihre Angst, den Partner zu verlieren, ist geradezu allesbestimmend.”
“Warum dann das promiske Verhalten, das…”
“Bitte! Das Thema ist unter meinem Niveau.
“Entschuldige. Das verstehe ich. Manchmal träume ich selbst davon, eines morgens aufzuwachen, und das leidige Mann-Frau-Thema sei nicht mehr da. Der Herrgott selbst hätte ein Einsehen gehabt und es aus der Welt genommen.”
Biller atmete auf. Es sei viel besser, sich mit der Liebe zu beschäftigen. Über die könne man bekanntlich nicht reden. Aber man könne sie poetisch ausdrücken, in einem Buch wie ‘Liebe heute’.
Wir liessen uns unsere eigenen Romane kommen und signierten sie. Von ihm gab es fünf, von mir einen. Die ältlichen Mädchen waren gerührt, das junge filmte und filmte, immer mit dem Kinderhandy. Zwölf Millionen Pixel, das ergab später einen Film in Cinemascope und Superbreitwand. Wir schmökerten durch die Bücherwände.
“Was ist Dein Lieblingsroman?”
“‘Mein Leben als Sohn’ von Philipp Roth”, sagte Maxim Biller, der vorhin gesagt hatte, Philipp Roth berühre ihn nicht.
Ich votierte für ‘Senilità’ von Italo Svevo. Das Mädchen kaufte ‘Die Gärten der Finzi-Contini’ von Giorgio Bassani, schrieb etwas hinein und schenkte es mir. Ihr Vater hatte das Buch ins Deutsche übersetzt. Sie war in Bergamo aufgewachsen. Das ist eine Stadt 50 Kilometer nordöstlich von Mailand, die früher sehr schön gewesen war, bis sie 452 von Attila eingenommen und geplündert wurde. Ich sah nach dem Namen des Übersetzers. Diese junge Frau war also ein Vatertöchterchen, was eine Entsprechung für die Milliarden von Muttersöhnchen war, die die westliche Welt neuerdings überschwemmten. Überall wurde alleinerzogen, aber nicht alle Erzieher waren Frauen. Billers Buch reagierte auf diese neue Welt(un)ordnung, aber auf recht eigene Weise.
Vielleicht kann man es so ausdrücken: Die quasifeministische Sicht der Dinge war Gemeingut geworden, und zwar in einer natürlichen, authentischen, nicht mehr bewußten Weise. Männliche und weibliche Autoren schrieben feministisch, ohne zu ahnen, dass sie es taten. Für sie war das, was sie schrieben, ganz einfach Realismus. Frauen, die noch bewußt feministisch schrieben, und ebenso die paar Männer, die sich bewußt dagegen wehrten, waren verkrampft und somit unbeliebt. Ganz zu recht! Denn wahre Posie muß ganz und gar aus dem Unbewußten kommen. Doch nun zu Biller: Er ist der einzige Mann, der unbewußt antifeministisch schreibt. Also wunderschön.
Bei ihm ist der Mann noch ganz selbstverständlich der Herr der Schöpfung. In epischer Ruhe liegt die Welt vor ihm, und die Frau dazu. Frauen sind Teil dieser Natur, die er sich Untertan zu machen hat, Gottes Auftrag gemäß. Elegische, fremde, schöne Dinge sind das, ein wenig versaut, aber so hat er es gern. Nichts verbindet ihn wirklich mit ihnen, nichts Persönliches jedenfalls. Undenkbar, dass ihm einmal ein nettes Wort entschlüpfte. Aber umgekehrt kommt ja auch keines. Der Sex ist immer stumm, wie der von anderen Säugetieren. Und zwischen den Orgasmen hat man sich auch bestenfalls Lakonisches zu sagen. So habe ich mir früher die Liebesspiele zwischen Humphrey Bogart und Lauren Bacall vorgestellt.
Das soll bitte nicht ironisch klingen. Ich meine es ernst, wenn ich seine Prosa schön nenne. Es ist ein Wunder, dass heute jemand so schreiben kann. Billers Sprache ist eine Melodie, die einen anweht, als lebte Albert Camus noch, als schriebe Gottfried Benn plötzlich short stories, als klopfte der Existentialismus aus seinem Grab zu uns herüber. Ich sehe Marcello Mastroianni in Algerien, wie er sich bei Dreharbeiten zu ‘Der Fremde’ eine schwarze französische Zigarette anzündet. Zudem, das muß auch noch gesagt werden (soviel Germanistik muß sein): Biller ist ein großer Erzähler. In Sachen Erzähltechnik spielt er alle an die Wand. Oft beginnen seine Geschichten klein, bleiben klein, kommen nicht vom Fleck, ganze Jahre vergehen, halbe Leben, bis plötzlich etwas explodiert und die Story ausbricht wie ein Weltkrieg. Wie im wirklichen Leben. Oder wie in einem Champions League Spiel des FC Bayern München. Deswegen kommen einem auch nie Zweifel an dem Autor. Seine Wirkung auf den Leser ist beträchtlich.
Er denkt, er schriebe ganz simpel und realistisch von der Wahrheit. Er denkt, die Frauen seien eben so, wie er sie erlebt und beschreibt. Und sie seien immer schon so gewesen. Und das wisse ja auch jeder, und dagegen habe doch niemand etwas. Eherne Gesetze! Der Apfel fällt von oben nach unten. Im Winter ist es draußen kälter als drinnen. Frauen sind durchtrieben und bösartig. Männer sind die besseren Menschen. Frauen sind mehr oder weniger triebgesteuerte Teufel. Pardon, das sagt der Autor natürlich nicht direkt, noch weniger DENKT er es. Er fühlt es nur. Genau so, wie das Heer unserer quasifeministischen Mainstream AutorInnen das Gegenteil fühlt. Man schlage auf, wo man wolle, von mir aus sogar bei den großen Meistern, bei Judith Hermann etwa: alle männlichen Figuren erscheinen (oder versumpfen) im Kontext der Niedertracht, des Negativen, des Charakterlosen, während alle Frauenspersonen bis hin zur letzten Nebenfigur eingesponnen sind in Adjektiva des Schönen, Geheimnisvollen, Lichthaften, Kernig-Solidarischen und Humanen. Die Frauen sind ganz Mensch, die Männer nur Ochsen. Bei Biller sind wir Männer von unfaßbarer Humanität und Humorkraft, die Frau ist DIE BITCH.
Das könnte ich nun verurteilen, aber mir gefällt es, das nicht zu tun. Solange es die Monströsität des quasifeministischen Mainstreams gibt, finde ich es klasse, dass diese Schweinerei einmal von der anderen Seite gespiegelt wird, und zwar genauso naiv und unschuldig. Ja, und ich denke dabei an unsere armen männlichen Mitbürger im Kindesalter, die bereits heute um ein Drittel schlechter in der Schule sind als ihre Mitschülerinnen. Die auf allen Feldern hinterher hinken, selbst in Mathe und Physik, Sport und Lesen. Die sich schlechter konzentrieren können und öfter bettnässen. Die ausschliesslich in Frauenwelten und mit Frauenweltbildern aufwachsen. Die, mit einem Wort, benachteiligt sind.
Nicht für sie, aber für ihre ausgesperrten Väter, ist ‘Liebe heute’ ein gutes Buch. Wenn es nur leichter wäre, mit Maxim darüber zu sprechen! Wir verlassen die Buchhandlung und suchen das Auto. An der Winschutzscheibe klebt ein Strafmandat. Aus Billers schönem Larry David Gesicht weicht jede Farbe. Ich spüre, wie er einige Sekunden bebt, ehe er Worte findet:
“Warum hast du nicht die ordnungsgemäße Parkgebühr entrichtet?! Nun sind wir straffällig geworden! Ich finde das unmöglich!”
“Aber ich HABE doch ein Ticket gezogen, da beim Ticketautomaten.”
“Aber Du hast die Zeit überschritten!”
“Um ZWEI Minuten.”
“Na und?! Da gehts ums Prinzip!”
Er war außer sich. Der verdrängte Deutsche brach wieder durch. Ich hielt lieber den Mund und trat aufs Gaspedal. Ich überlegte. ‘Liebe heute’ begann schon auf der ersten Seite, die ich aufschlug, praktisch mit dem ersten Satz, mit einer Fünfjährigen, die einen Vierjährigen bei der Lehrerin verpetzt und grausam bestrafen läßt. Für einen Marmeladenklau, den nicht er, sondern sie begangen hat. Einen Absatz später zwingt die inzwischen Neunjährige den Achtjährigen gewaltsam zum Voyeurismus in der Umkleidekabine der Badeanstalt. Mit zwölf und dreizehn kommt es dann knüppeldick… das Stichwort Pornogaphie fällt mir reflexhaft ein.
“Maxim, wie steht Dein Buch eigentlich zur allgemeinen Pornographisierung aller Lebensbereiche, wie sie in Ariadne von Schirachs Schocker ‘Tanz um die Lust’ geschildert wird?”
“Mich interessiert das alles nicht.”
Das alles. Nicht. Überhaupt nicht. Niemals. Maxims Frauenbild kommt aus einer anderen Welt. Wir fahren zum KaDeWe, und diesmal zwingt uns Maxim Biller mit harter Hand, ein offizielles öffentliches Parkhaus anzusteuern. Damit das Kraftfahrzeug ordnungsgerecht verbracht werden kann. Ich löse eine komplizierte Chipkarte, gebe ein Passwort ein und eine sechsstellige PIN-Zahl, lasse Kfz-Schein und Personalausweis scannen. Wir fahren in den siebenten Stock des KaDeWe und setzen uns ins gemütliche ‘le buffet’ im Wintergarten. Nun reden wir über deutsch-jüdische Themen, also vor allem über seine Emigration nach Israel. In ‘Tempo’ hatte er diese bekannt gegeben und begründet. Er erträgt es nicht länger, dieses unser Land, wo Grönemeyers ‘Zwölf’ aus alles Ritzen knödelt wie deutsche Gemüts-Ursuppe, und wo selbst der früher so talentierte Kracht sein neues Buch mit germanischen Runen bedrucken läßt. Und Götz eben. Wir nicken betroffen. Die Beispiele nehmen kein Ende. Wir sprechen über den neuen Blog von Matthias Matussek auf Spiegel Online, sogar positiv. Dabei kriegt er endlich die Kurve:
“Trotz alledem, meine Freunde: Die Bilder sind das eine, die Welt das andere. Das war immer so. In der Vorstellung der Menschen ist Israel ein Land, in dem man alle drei Stunden eine Bombenexplosion erlebt. Wenn man dann aber WIRKLICH da ist, ist es das schönste Urlaubsland der Welt. Oder damals die Sache im August 1914: Alle Menschen hatten großartige Kriegsbilder im Kopf und jubelten. Drei Monate später, im Schützengraben, war sie dann ganz anders, die Wirklichkeit. Und so ist es auch mit der Pornographie und der Liebe. ALLE haben diese Sexbilder im Kopf und reden darüber, schreiben diese unsäglichen Bücher über Pornographie und so weiter. Wenn sie dann aber mit einer Frau im Bett liegen, ist es vollkommen anders. Dann ist es plötzlich Liebe.”
Liebe heute sozusagen.

(Soweit der Artikel. Ich klappte den Laptop zu und stöhnte. DESWEGEN war der Gute so ausgerastet. Konnte man verstehen.)


-123 Kommentare zu "…und weiter…"

  1. (Entschuldigung Herr Lottmann dass ich abschweife)

    Liebe taz-Werbeabteilung,

    Blog kommt von Weblog und Weblog kommt von Logbuch – also heißt es das Blog (und nicht der Blog), auch wenn es der Duden anders sehen sollte. Mir grimmt es jedesmal im Magen, wenn ich in der Druckausgabe “Der neue Anti-Goetz-Blog” lese.

    Martin

  2. Pingback: “Wandern heißt: Erleben, schauen,durchstreifen Täler, Berg und Auen.” (Reinhold Neth) - Lotrees - - Leben & Schreiben & Lesen -

  3. Na also. Geht doch. Und wenn Sie jetzt noch zu Ihren bekannten schreibtechnischen Stereotypen auch noch Ihre ebenfalls bekannten politischen Stereotypen gedanklich erfassen und so entspannt und unterhaltsam wie für diesen Text in vergleichbar griffige Anekdoten umsetzen und beides auch noch dramaturgisch geschickt verknüpft thematisieren, dann führt Sie Ihre work in progress genannte Schreiberei womöglich auch irgendwann zur Einsicht, dass einem Joachim Lottmann nicht nur fiktive Anekdoten, sondern sogar eine wirkliche Fiktion gelingen könnte, – und das wäre dann mal ausnahmsweise was, was sogar ich mir als Buch kaufen würde, denn für gute Literatur habe ich eigentlich immer was übrig, wohingegen mich die Verlags-PR-Textsammlungen, die wie Sie ja selbst am Besten wissen, bestenfalls grottenschlechte Literatur, will sagen in der Regel nicht mal das, sondern nur bedrucktes Altpapier sind, und mich dehalb auch nicht wirklich interessieren.
    Sie scheinen sich die Mühe zu machen, diesem elenden Schwachsinn ein sogar wohlwollendes Interesse entgegenbringen zu wollen. Und da fände ich es schon schade, wenn das am Ende völlig umsonst gewesen sein soll und im August dann aus dem neuen Lottmann-Roman schon wieder keiner geworden ist. Danke, keine Ursache, war mir die drei Viertel Stunde Lesen und dann Schreiben wert.

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