…und weiter…

von lottmann

 

  • Nach diesem fulminanten Schriftsatz mußte ich nun auch etwas zur causa Meese in die Zeitung geben. Irgendwann muß jeder Mann in seinem Leben seinen Meese-Artikel schreiben (nach dem gepflanzten Baum, dem gezeugten Kind und dem geschriebenen Buch), und ich schrieb ihn gleich am nächsten Tag. Er erschien wenig später in voller Länge in der Welt am Sonntag. Maxims Volte hatte in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung gestanden. Die beiden Sonntagszeitungen lieferten sich einen interessanten Zweikampf um den deutschen Markt. Die F.A.S. hatte in nur zwei Jahren so viele Leser gezogen – ohne dass die WamS welche verlor – dass nun auch alle anderen Großkonzerne Sonntagszeitungen planten. Gespannt wartete die Branche zum Beispiel auf den Ableger der SZ. Was konnte die SZ noch bieten, was die anderen beiden nicht schon hatten? Meiner Meinung nach nichts; aber sicher würde Alexander Gorkow mich wieder überraschen. Der große Gorkow! Der Heinrich George des Journalismus im Dritten Jahrtausend! In dem KiWi-Buch “Auf der Borderline nachts um halb eins” hatte ich ihm ein ganzes Kapitel gewidmet.
  •  A propos: Das Buch mußte lektoriert werden. Mein Lektor war in der Stadt, um mit mir zu arbeiten. So mußten alle anderen journalistischen Projekte ruhen, nicht zuletzt das Portrait Sven Lagers. Ich hatte ja zu Sven Lager nach Südafrika fahren wollen, mit meiner Nichte Hase. Sven Lager war der Autor von “Phosphor”, dem Pflichtbuch im Schrank eines jedes kultbewußten Twenty Something. Nun erschien “Mein Leben als Wal”, aber das erwähnte ich ja bereits. Der Lektor war schon sauer, daß ich noch den Jonathan Meese verfaßt hatte, anstatt den ganzen Tag zu lektorieren.
  • Man hätte den Meese-Text theoretisch noch in das KiWi-Buch mitreinnehmen können, aber ich sagte dem Lektor, ich sei es den Bloggern schuldig, ihnen den Meese noch nachzureichen.
  • “Was, Du willst den frischen Zeitungsbeitrag in den Blog tun?!”
  • “Ja, warum denn nicht? Die Blogger haben ein Anrecht darauf. Ich habe ihnen schon soviel über den Fall erzählt. Einige haben sogar Leserbriefe dazu geschrieben.”
  • “Das nennt man «Kommentare«, beim Blog. Und «Blogger« sind die, die den Blog machen, nicht die Leser des Blogs.”
  • “Ach, Feinheiten.”
  • “Wenn Du’s in den Blog tust, können wir im Buch nichts mehr damit machen. Es darf ja keine gemeinsame Schnittmenge geben.”
  • “Nicht einmal EIN einziger Text?”
  • “Auf keinen!”
  • Er sagte immer “auf keinen”, obwohl es doch eigentlich “auf keinen Fall” hieß. Das machte der immer stärker werdende Einfluss von Severin Winzenburg, den Marco ebenfalls lektorierte.
  • “Warum so fanatisch?”
  • “Weil die Leute schon jetzt denken, Dein Blog sei bereits das Buch, nicht bloß der Appetizer.”
  • “Oh… aber es steht doch ausdrücklich drin, im Blog, dass es keinerlei gemeinsame Schnittmenge gibt!”
  • “Ich weiß. Aber so sind die Leute.”
  • “De Leit« red«n immer…”
  • “Und die Moral geht den Bach hinunter.”
  •  Marco van der Hülsendonck biß mißmutig in ein Frühstücksbrötchen. Es war elf Uhr vormittags und wir saßen draußen vor der “Bar 103″ in der vollen Mai-Sonne und lektorierten. Marco war in Japan gewesen, um dort eine blutjunge Japanerin zu heiraten. Er bestand aber darauf, dass sie nur so aussah, in Wirklichkeit sein Alter hatte. So war der Marco: immer anständig. Er machte keine krummen Sachen. An Japan interessierte ihn vor allem die Kultur. Davon erzählte er nun viel, während ich von dem Abend mit dem Verleger erzählte, an dem auch Philipp Rühmann, Hilka Sinning und Gabriele Uhrlau teilgenommen hatte, und übrigens auch die Ari. Über den Verleger mute ich Marco immer alles erzählen, weil er ja der Verleger des Jahres war, und auch noch sein oberster Chef. Ich erzählte auch, wie ich die Uhrlau geküßt hatte. Unter Männern muß man mit sowas angeben:
  • “Ich bin ja eigentlich ein bißchen in Hilka Sinning verliebt, aber die hätte ich nicht küssen können, wegen der Kinder. Die hat ja schon zwei Kinder, weißt Du. Ein Mädchen, fünf, und ein Junge, zehn Jahre alt. Und nun saß ich mit der Uhrlau im Taxi und dachte: Wie das wohl ist, wenn ich die Uhrlau küsse und mir dabei vorstelle, es sei Hilka Sinning? Ob das geht? Kommt das gut, ich meine, bei mir? Und dann habe ich mich zu ihr gebeugt und im richtigen Moment die Augen zugemacht und an etwas anderes gedacht.”
  • “Dann mach die Augen zu und denk« an Deutschland, sagte man früher.”
  • “Nein, denk an Hilka Sinning. Und es hat total geklappt.”
  • “Wahrscheinlich hat die Uhrlau solange an Fritz Pleitgen gedacht.”
  • “Du Ekel! Laß uns lieber lektorieren.”
  •  Hilka Sinning trug immer schicke Designer-Anzüge, und im Flugzeug hätte man sie nicht für die Stewardess, sondern für den Captain gehalten, während die Uhrlau noch den Nicaragua-Poncho von 1983 auftrug. Dem schrieb sie geradezu magische Kräfte zu, nachdem Karl-Heinz Köpcke sich einst in sie und ihn, den sandinistischen Überwurf, verliebt hatte. Aber das sind Details, die den Blogger von heute nicht mehr interessieren (seufz)… Wir lektorierten die 450 Seiten «Borderline«, also die sogenannte Lutherfassung, und im Laufe der Stunden kamen alle möglichen Freunde zufällig des Wegs – das “103″ liegt direkt an der Kastanienallee – und setzten sich für ein Viertelstündchen dazu, zum Beispiel Judith Bröhl und Maxim Biller.
  • Judith kam aus Hamburg, hatte noch Taschen und Koffer dabei. Sie erzählte ihre neueste Pornograhisierungs-Anekdote. Diese Anekdoten liefen immer nach einem bestimmten Muster ab, das Judith selbst nicht bewußt war. Wagen wir dazu einen Vergleich:
  • Judith war wie ein Mensch, der sich eine Zugfahrkarte für den Zug von Berlin nach Köln kaufte, damit zum neuen Berliner Hauptbahnhof ging, sich dort in den entsprechenden Zug setzte, den Schaffner begrüßte, sich auf den reservierten Sitzplatz setzte, den Koffer verstaute und die neueste Ausgabe der “InTouch” aufblätterte. Und sich dann beim ICE-Teamchef alias Zugführer lauthals darüber beschwerte, daß er, der Zugchef, ohne sie vorher zu fragen, einfach losgefahren war! So war es auch jetzt wieder gewesen. Sie hatte sich aufgebrezelt, geschminkt und hochgedonnert bei einem fremden Mann in dessen Hamburger Wohnung einquartiert. Die Wohnung lag im übelsten Nuttenviertel, also nicht St. Pauli, sondern der berüchtigte Straßenstrich im aufgegebenen Industrieviertel an der Süderstraße. Hier halten nicht einmal mehr illegale Brummifahrer, wie jeder weiß, der nicht gerade vom anderen Ende der Welt kommt. Sie stakste also über diesen Strich, und selbst die Nutten werden gedacht haben “Mein Gott, hoffentlich sehe ich selbst niemals soo nuttig aus wie dieser Tingeltangeldampfer dort!” Was die Nutten nicht wußten, war, dass Judith Bröhl gar nicht als Faschings-Nutte ging, sondern als sogenanntes “trash girl”, was etwas komplett Anderes ist. ICH weiß das natürlich, aber der fremde Hamburger, in dessen Wohnung sie eindrang, ein gutaussehender Modefotograf, wußte es nicht. Sie zog sich aus, stieg in die Badewanne, stieg zu ihm nackt ins Bett. Soweit, so unfaßbar. Doch nun zum Skandal: Der Mann griff beherzt mit beiden Händen in ihre überdimensionalen Kugelbrüste und stammelte glücklich:
  • “Geil…”
  • Judith feuerte ihm eine. Mit aller Kraft holte sie aus und schlug laut klatschend ihre  fünf Finger in sein verdutztes Gesicht. Dann krabbelte sie aus dem Bett und schrie ihn zwanzig Minuten lang an. Dieses Schwein, dieser Sexist, wie konnte er nur, das war ja die Höhe, ich fasse es nicht, einsperren sowas, Rübe ab, wie kann er es wagen, Zuchthaus, soche wie er müsse man windelweich schlagen, keinen respect mehr vor Frauen, am besten kastrieren diesen Strolch, oder was immer frau in so einer Situation wohl sagt.
  • Das alles gab sie nun getreulich wieder, uns, dem anständigen Marco, der in seiner großen Reisetasche kramte, und mir. Ihre Empörung war noch genauso groß wie am Abend, als es passiert war. Wir mußten natürlich zustimmen, um nicht selbst in den Sexismusverdacht zu geraten. Sie erzählte sehr lebhaft, und sie lachte auch viel dabei. Wahrscheinlich erlebte sie diese immer gleichen Geschichten – eine pro vierzehn Tage – nur, um sie dann in bester Erzählerlaune zum besten zu geben. Sie war Kölnerin und immer gern gesellig. 
  • “Was kramst Du denn da so schreckhaft in Deiner großen Reisetasche?” fragte ich meinen Lektor, und er flüsterte in mein Ohr, er habe nur sichergehen wollen, dass er seine kleine japanische Frau nicht dabei habe. Ich wußte, was er meinte. Das wäre jetzt nicht gut angekommen bei Judith, so wie die geladen war, jetzt, bei ihrer Anti-Sexismus-Kanonade!
  • “Und?”
  • “Nicht drinnen.”
  • “Wohl zu Hause.”
  • “Ja.”
  • Wir entspannten uns. Judith polterte weiter. Das klingt jetzt negativer als es war. Die 26jährige beinahe-femme-fatale war in erster Linie ein Unterhaltungsgenie, und ich kannte in ganz Berlin Mitte niemanden, der sie nicht von Herzen lieb hatte. Alle meine Freunde hatten Feuer gefangen. Es verging kein Tag, an dem mir nicht jemand sagte, diese Judith sei das Beste, was mir je passiert war. Und das stimmte auch. Frauen OHNE sexuellen Defekt gab es sowieso nicht mehr, warum dann also nicht, als Defekt, die gute alte weibliche Hysterie, wie Sigmund Freud sie meinte und ausführlich beschrieben hatte?
  • Auch Maxim, der nun kam, hätte es so gesehen, hätte man offen darüber reden können.  Maxim hatte meinen Blog gelesen und sehr über den letzten Eintrag gelacht. Wie Marco, aber auch wie der Verleger, las er jeden Morgen erst den Blog von Rainald und dann meinen. Das war wohl inzwischen Mode. Der Lektor berichtete nun, er sei bei Vanity Fair in der Redaktion gewesen, und dabei habe er Rainald direkt selbst gesehen, ja, dieser Rainald Goetz würde direkt dort sitzen, wirklich und in echt! Maxim und ich reagierten nicht, Judith guckte halb verwundert, und so wiederholte der Lektor seine ihn so aufwühlende Beobachtung. Es klang so, als würde er sagen: “Also Leute, ich war ja am Sonntag in der Kirche, und ich hab mir nichts besonderes gedacht, und ich glaube ja auch nicht an das Zeug, aber da saß in der dritten Reihe unter den Besuchern tatsächlich dieser Jesus Christus. Also wie gesagt, mir bedeutet das ja nichts, ich glaube nicht an Jesus, aber er saß da WIRKLICH rum, der Typ! Ist das nicht der Wahnsinn, Leute?” Und wir würden gelangweilt antworten: “Ja, Kruzifix nochamal, wo soll er denn am Sonntag sonst abhängen, der Jesus Christus, wenn nicht in der Kirche? Da gehört er schließlich hin.” (Und Marco würde sagen, abhängen schon, aber nicht auf der Bank sitzen). Und so kam es dann wieder zu einem Gespräch über Goetz. Ich sagte, der Mann erlebe nun sein zweites “Rave”, womit ich die überaus glückliche Phase meinte, in der Rainald die Gesellschaft neu entdeckte, das heißt, eine neue Generation entdeckte. Nun, zehn Jahre später, gelänge ihm das ein weiteres Mal.  Meine Gesprächspartner wußten nicht, was ich meinte, und so redeten wir einige Minuten aneinander vorbei. Ich sagte, wenn man die Welt schon kenne und von ihr angeödet und angewidert sei, müsse man entweder Selbstmord machen oder zehn Jahre durchhalten, bis die nächste Generationn da sei. Eine neue Generation sei immer eine völlig neue Welt. Ich meinte das inhaltlich, die anderen mißverstanden es als biologisch. Und Marco begann nun auch noch, Vanity Fair unter journalistischen Gesichtspunkten auseinanderzunehmen. Es tat richtig weh. Er sprach höchst kundig über gute und schlechte “stories”, die sie “im Blatt gehabt” hätten, und solche, die gut im Thema, aber schlecht und unprofessionell in der Machart gewesen seien und so weiter. Da hatte jemand wohl viele HintergrundgesprŠche geführt gehabt.
  • “Darum geht es nicht!” herrschte ich den Armen an.
  • “Äh, nein?”
  • “Du kannst doch mit mir nicht Ÿber Journalismus reden!”
  • “Nicht?”
  • Ich sah mich hilfesuchend um. Mein Blick fiel auf Maxim, der gerade ein HandygesprŠch führte und das Gesicht vor Freude weit aufgerissen hatte. Sicher eine Frau. Ich sagte: “Entschuldige, Marco. Natürlich können wir über Journalismus reden. Zum Beispiel über meinen Jonathan Meese Artikel!”
  • Ich griff blitzschnell zum Zeitungsstapel, der auf der Balustrade lag, und zog die Welt am Sonntag hervor. Der Sport-Teil fehlte schon, aber das Feuilleton war noch da, zerblättert. Als Aufmacher auf der ersten Seite stand mein neuester Text, den ich “Wo Joanthan Meese auf den Tischen tanzt” genannt hatte, und den die Redaktion in “Wo die Künstler auf den Tischen tanzen” umgetitelt hatte. Dafür prangte ein gigantisches Meese-Foto mit totalem Wiedererkennungswert über dem Lauftext. Marco griff in die zerknüllt-zerlesene Zeitung wie Judiths fremder Hamburger in ihre Kugelbrüste: besessen. Ich erkannte darin den geborenen Lektor – immer süchtig nach den neuesten Texten seines Autors. Aber ich wollte, dass auch Judith und vor allem Maxim den Artikel mitbekamen, und bat Marco, auf Maxim zu warten und dann für alle zu lesen. So wurde es gemacht.  Marco, der eigentlich ein wenig schüchtern ist und sich niemals «gut verkaufen« kann, wie bekanntlich jeder gute Lektor, unterhielt nun die wieder ruhig und aufmerksam gewordene Judith mit Geschichten aus Japan. Das war auch für mich alles neu. Am liebsten hätte ich stundenlang zugehört. Aber wir mussten ja weiter arbeiten, was uns zum Glück auch noch perfekt und abschliessend gelang. Vorher kam Maxim zurück, und Marco las ihm und uns vor:
  •  ”Wo die Künstler auf den Tischen tanzen
  •  von JOACHIM LOTTMANN
  •  Der deutsche Mensch hat sein letztes groß§es, alleiniges Thema gefunden: das Klima. Und der Schutz desselben. Es dröhnt einem um die Ohren, es hört nicht mehr auf, man kann ihm nie mehr entrinnen? Doch, im Paralleluniversum der Kunst wird noch mehr verhandelt als der Auspuff meines Autos. Es ist eine Welt, in die man flüchten könnte. Man müsste nur in die Auguststra§e in Berlin Mitte ziehen. Und eine der dortigen 63 Galerien übernehmen (Wohnraum dürfte kaum noch zu finden sein). “So sehen Künstler aus”, denkt man kopfschüttelnd und zwingt sich an den Gartenstühlen vorbei, die auf dem schmalen Bürgersteig neben der ebenso schmalen Fahrrinne mit dem Kopfsteinpflaster von 1820 stehen. †überall Galerien, überall Cafés, überall US-amerikanische Alltagssprache, überall Gartenstühle. Nur das Kopfsteinplaster hört nach der Joachimstrasse auf und weicht einer frischen, fast noch dampfenden Asphaltdecke, wahrscheinlich auf Wunsch der Anwohner angelegt, die ihre Smarts, Auris und Jeeps nicht mehr achsbruchmässig gefährden wollten. Im ersten Teil der Augustrastrasse gibt es sogar noch Plattenbauten, in denen dann theoretisch sogar noch “Ossis” wohnen kšnnten, aber eine Kollegin vom Tagesspiegel, die das vor vier Jahren recherchiert hat, winkt ab: Schon damals hŠtte sie nur einen einzigen Vorzeige-Ossi gefunden, eine 90jŠhrige Frau. Den Anteil der im Scheunenviertel verbliebenen Überbevölkerung taxiert sie auf ein Prozent. Ein Drittel des Völkchens im Galerienviertel bestehe aus den berühmten jungen Familien mit Kindern, Ÿber die ja schon so viel berichtet wurde. “Kinder kriegen” war ja das Vorläufer-Mediending, bevor “Klima” kam. Zwei Drittel haben immer noch keine Kinder, aber dafür die Kunst. Ganz viel Kunst, ja am meisten davon, gibt es während der Galerientage, die gerade stattgefunden haben (27. bis 30. April). Unbemerkt von der großen Öffentlichkeit hat sich hier eine Messe entwickelt, die längst bedeutender ist als die Messen in Köln, Düsseldorf und Frankfurt. Dieses Jahr war es besonders heftig, was an dem “Sahara-Sommer im April” (Bild Zeitung) lag. Es war heiß, die Nächte waren toll, die Menschen ausser Rand und Band, und was anderso postwendend als Klimakatastrophe denunziert wurde, genossen die Kreativen & ihre Vermarkter in Mitte als Jahrhundertfrühling. Begonnen hatte alles mit Dash Snow. Seine furchteinflössenden Plakate waren an jede freie Fläche an jedem Bauzaun – und Bauzäune gibt es immer viele dort – geklebt, Plakate, die einen schlimmen Yankee aus dem amerikanischen Sezessionskrieg zeigten, der offenbar wegen Mordes gesucht wurde. Ein Mann mit langen Haaren, manischen, bohrenden Augen, extrem willensstark wahrscheinlich, fähig, die Leadguitarre bei “Motörhead” zu halten, oder einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg durchzuziehen, gnadenlos. Dieser Mann war Dash Snow. In der Galerie Contemporary Fine Arts stellte er mehrere hundert Arbeiten aus, die er allesamt im letzten Halbjahr angefertigt hatte. Er war befreundet mit Jonathan Meese, ja, er war sogar noch viel mehr als nur befreundet mit ihm. Was er genau war, wollte sich niemand, der seine Arbeiten gesehen hatte, vorstellen. Abends feierten sie gemeinsam im Berliner Nachtleben, tanzten auf den Tischen, aßen im “Bonfini”, provozierten die Leute, machten sich über die Angst der Deutschen vor Symbolen der Nazi-Diktatur lustig, machten aus Restaurants russische Polka-Stuben und aus dem ehrwürdigen “Grünen Salon” in der Volksbühne eine durchgeknallte Bauernhochzeit. Jonathan Meese! Dash Snow! Die Augen der Kunstfreunde glänzten. Daniel Richter! Da glänzten sie noch mehr. Es gab für alles Steigerungen. Daniel Richter trat spätabends im “nbi” auf, in der nahen Schönhauser Allee. Holm Friebes Zentrale Intelligenz Agentur hatte ihn dorthin eingeladen, und vor kreischendem Intellektuellen-Publikum wurde der junge Richter zum Löwenbändiger, der die Fragen von gleich einem halben Dutzend fittester, bestens vorbereiteter Power-Emanzen zurückschlug und den Abend brachial an sich riß. Martin Kippenberger hätte es nicht besser hingekriegt; eher wäre er da untergegangen. Ach ja, und das Wichtigste zuletzt: auch Richter zeigte Arbeiten in der C.F.A., die ihren Sitz in der Sophienstrasse 21 hat, quasi ein Seitenarm der Auguststra§e. Richter, Aushängeschild und Nummer Eins der international angesagten Leipziger Schule, erzielt zur Zeit jeden Preis, den er will. Man muß schon ein sehr konservativer und langweiliger Galerist sein, wenn man heute Gerhard Richter kauft und nicht Daniel. Solche Galeristen gibt es natürlich trotzdem, und zwar zu Hauf. Sie kommen aus New York, Amsterdam, Tel Aviv, und sie entdecken Berlin. Noch immer geblendet von den hohen Preisen, die die Vorgänger-Generation erzielt, Baselitz, Lüppertz, Polke, Immendorff, betrachten sie die neuen Deutschen, Tim Eitel, Neo Rauch, Andreas Gurski, Thomas Demand, vor allem aber Meese, Meese, und immer wieder Meese. Der malt so schön deutsch! Während Kippenberger noch titelte “Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz erkennen”, fällt es bei Meeses Arbeiten verteufelt schwer, an etwas anderes zu denken als an den braunen Abgrund. Den der Künstler deswegen ja nicht gutheißt, im Gegenteil. Galerien sind weißgestrichene Räume, in denen keine Möbel stehen und auch sonst keinerlei Gegenstände, die ein Interesse wecken könnten, und in denen Bilder an den Wänden hängen. Manchmal stehen auch Skulpturen auf dem teppichlosen, neutral in Grau lackierten Boden. Die Wand zur (August-)Straße hin ist meist durchsichtig, also ein großes Schaufenster. Galerien verkörpern das Prinzip der Höflichkeit: “Après vouz, madam”. Sie fühlen sich ganz im Dienste der Kunstwerke, wollen selbst ganz in den Hintergrund treten. Das macht alle dennoch im Raum befindlichen Galerie-eigenen Details so sympathisch, etwa den weiß gestrichenen Stromzähler, den weiß abgedeckten Kinderschreibtisch der diensttuenden Angestellten, oder die Angestellte selber, im weißen Hosenanzug, ohne Schmuck. Wieder draußen, ein paar Meter weiter im Auto zur nächsten Galerie, “Eigen + Art”, Auguststraße 26. Fünf mitgenommene Kunstfreunde steigen lärmend aus, der Motor läuft noch, was nicht nötig wäre, also noch ein paar Sekunden länger, obwohl der Wagen schon eingeparkt ist, sauber auf dem Behindertenparkplatz. Ein Anwohner humpelt schmerzverzerrt heran, einer von diesem letzten Prozent wohl, ein Ureinwohner oder Ur-Anwohner? Ein Behinderter, der seinen Parkplatz verteidigt? Ein Wiedergänger Herbert Werners? Er brüllt, der Motor solle gefälligst sofort abgestellt werden, man wolle wohl mit dem Scheiß§-CO2 das ganze Viertel verpesten. Er meinte: das ganze Welt-Klima. Man gehorcht. Aber lange wohnt der nicht mehr da. Räumungsklage läuft. Der neue Besitzer, eine Kult-Galerie aus München, hat Eigenbedarf angemeldet. “Eigen + Art” vertritt Tim Eitel, Neo Rauch, Martin Eder, Birgit Brenner, Ricarda Roggan und zehn weitere Stars der Leipziger Schule. Sie haben sogar eine Verkaufsstelle in Leipzig. Die ganze Kunstwelt blickt auf diese Galerie, die aus dem Nichts heraus entstand. Lebenswerte Welten sind immer auch solche, in denen voraussetzungslose Aufstiege mšglich, ja üblich sind. Johanna Neuschäffer diskutiert geduldig die Motive ihrer Künstlerin, mit leiser Stimme, eher still als beredt, damit die Arbeiten nicht bevormundet werden. Die junge Frau hat das naturrote Haar zurückgebunden. Das schöne Gesicht ist unbehandelt wie das auf einem altflämischen Gemälde. Ein weites, unscheinbares Kleid verhüllt den grazilen Körper. So entsteht der Wunsch, jemanden zu malen; nicht der, einen Drink auszugeben. Und so ist es wohl immer schon gewesen. Und abends wieder Party. Das machen nicht alle Galeristen mit. Auch nicht alle, die beruflich in Sachen Kunst in Berlin sind. Es ist ein Beruf, zuweilen hart, wenn die Messetermine sich häufen, wie gerade in diesen Monaten. Basel, Kassel, Venedig – alles drängt sich jetzt. Da muß man seine fünf Sinne zusammenhalten, an Frau und Kind denken. Aber die Künstler selbst M†SSEN natürlich ausgehen. Und sie feiern härter als die sonstige Berliner Club-Szene, was auch sofort honoriert wird. Man hängt sich dran. Man unterstützt das. An den Galerientagen ist Ausgehen die erste Bürgerspflicht, wie Wilhelm Zwo es wohl formuliert hätte. Aber Galeristen und Sammler gehen gern essen. Am liebsten mit Künstlern, doch ohne sie gehts auch. Am liebsten in der Friedrichstraße im “Grill Royal”, am Flußufer, oder in einem der vielen Lokale daneben, etwa dem “San Ricci”. Es sind Lokale für das große Geld. Aber wie alles in Neu-Berlin bleibt es so erstaunlich menschlich. Keine Routine bisher, keine versnobten Kellner, elitären Gesten, ausschließende dress codes. Eine tolle, hochgewachsene Blondine im schwarzen Abendkleid weist einen ein, führt einen zum Tisch, kann aber dabei kaum gehen: das Kleid zwickt, die Schuhe sind zu groß, und eigentlich studiert sie Bühnenbild, Medienwissenschaften und Umweltästhetik an der Humboldt Uni. Dazu als Hobby wissenschaftlichen Buddhismus an der Fernuniversität von Lhasa. So eine würde an der Düsseldorfer Edelmeile “Kö” nicht Empfangsdame eines Fünf-Sterne-Restaurants werden können. In Berlin Mitte gerade. Wer würde sie hier nicht lieben? An den langen, mit doppelten Tischtüchern aus Damast bedeckten Tischen, sitzen wirklich attraktive und gebildete Frauen. Die Männer sehen teilweise häßlich aus, teilweise wie Models, aber die Frauen – ausnahmslos schön. Eine neue Kategorie von Mensch, international, selbstbewußt, natürlich. Die Top Partien dieser herrlichen Bel Etage müssen eben ALLES haben: Geschmack, Kapital, alten familiären Hintergrund – und gutes Aussehen. Die Männer müssen dazu noch erfolgreich sein. Die Mittdreißiger Erfolgsmänner tragen Britpopfrisuren und Maßanzüge, die eher spärlich eingestreuten Künstler erkennt man an den schulterlangen Haaren und dem Bemühen, wie der schon geschilderte abgehalfterte Südstaaten-General Dash Snow auszusehen: verroht und dem Wahnsinn nahe. Das gelingt leider nicht jedem. Ist auch nicht leicht in diesem blitzsauberen 60er Jahre-Retro-Lokal, in dem der spirit aus Leichtigkeit, Freiheit und absolut perfektem Stil einen anweht. Alle Frauen rauchen, was ihnen gut steht, und nichts ist verraucht, da Klimaanlage. Durch Panoramafenster sieht man draußen die Spree fließen. Rote 60er Jahre Lampen neben den Tischen machen das Licht gemütlich. Das ungekünstelte Lachen der Frauen, die sonoren Stimmen der mächtigen Männer, natürlich keinerlei Musik, und manchmal Satzfetzen, in denen Worte vorkommen wie Barbara Gladstone… Larry Googosian… David Zwirner… Anton Kern… et cetera… a nice place to be! Will man mit den Bildern und der Kunst allein sein, muß man mittags kommen. Erst um elf Uhr öffnen die Galerien, vorher erholen sich ja die Nachtschwärmer noch vom Ausgehen. Es ist wichtig, mit der Kunst allein zu sein, denn sie gibt einem unendlich viel. Und es ist anregend, mehrere Galerien hintereinander zu sehen. Zum Beispiel C.F.A., Hetzler, Arndt und Partner. Drei Galerien in drei Stunden. Bei C.F.A. wird man nur Snow schaffen, weil er so erschlagend ist. Eng gehängt, wunderbar gerahmt, hunderte und aberhunderte von Arbeiten, jede anders und dennoch als von ihm gemacht erkennbar. Dazu hat der Typ seine Jugendbibliothek ausgestellt: tausende von crime-, sex- und blutrünstigen Esoteriktiteln, wie sie für US-Provinzkiffer typisch sind, und zwar zu allen Zeiten. Return of the body snatchers, Why the Germans are doing it again, Life of Charles Manson, Tarot and Future. Hier sehen wir ihn, den Bodensatz der amerikanischen Kultur, und unser langhaariger Großkünstler gibt ihm genialen Ausdruck. Das überzeugt, und er sieht ja auch aus wie das, worüber er arbeitet. Hier bietet sich der Vergleich zu Thomas Hirschhorn an, der dieselben Intentionen hat, der ebenfalls seine Jugendbibliothek ausstellt, nämlich bei Arndt & Partner, und der mit einer Unmenge von Leichenbildern aus der Gerichtsmedizin aufwartet, zerfetzte, blutüberströmte Körper allesamt. Aber bei Hirschhorn ist es nicht Satanismus- und Billignazi-Junk, den er in sein drogenzerfressenes Trashkultur-Hirn gepre§t hat, sondern Derrida, Alexander Kluge, Diedrich Diederichsen und Nietzsche. Und prompt wirken seine Leichenbilder nicht. Die ganze Installation wirkt entsetzlich ausgedacht, kalkuliert, und somit peinlich. Auch fehlt der Sex, den Dash Snow so im Übermaße ausschüttet, dass einem graust. Ein Grausen ohne Sex aber kann es nicht geben; das zumindest lehrt das Projekt Hirschhorns. Dieser Künstler bleibt daher ein Geheimtipp unter den deutschen Kunstbetrieblern. Die Amerikaner interessieren sich nicht dafür. Sie machen ihre Geschäfte, und sie verlieben sich in Berlin. Eben weil ihre Geschäfte hier so gut laufen. “Ich habe zwei Jonathan Meese gekauft!” strahlt Doron Sabbag aus Tel Aviv, seit 22 Jahren einer der gro§en Sammler weltweit. Er hatte schon fast alle Deutschen, die jemals die Millionengrenze durchbrachen: Gerhard Richter, Anselm Kiefer, Georg Baselitz, Andreas Gurski, Polke vor allem. Er geht mit seiner neuen Frau beschwingt nach Hause. Er braucht heute kein clubbing mehr. Die gelben, kleinen, harmlosen Straßenlaternen der Auguststra§e leuchten ihm, kein Retro-Look, sondern einfach übriggeblieben aus der Honecker-Zeit. Die niedrigen, fast mittelalterlich kleinen Häuser stehen ihm links und rechts Spalier, kaum beleuchtet, wie die alte Sophienkirche, die Familienkirche des letzten deutschen Kaisers. Dort ging er, vom nahen Stadtschloß aus (richtig, das nun wiedererrichtet wird), mit seiner Familie zu Fuß zum Gottesdienst, am Sonntag Morgen, also, wenn Kaiserwetter war. So ähnlich fühlt sich jetzt wahrscheinlich auch Doron Sabbag, denn: Er hat zwei Jonathan Meese gekauft.”


4 Kommentare zu "…und weiter…"

  1. Ok, Blogs kommentieren ist nur peinlich.
    Aber nett geschrieben, vielleicht interessierts sogar jemanden, wer weiss… ;)

  2. ja,ja der tolle “verrückte”meese und das nbi.

    crazy shit. echt irre dieses mitte.

  3. berlinmittemedienbunkerdreck

  4. daniel richter nicht aushängeschild der leipziger schule… er kommt aus hamburg und hat mit leipzig nichts zu tun, außer dass er neo rauch (aushängeschild der leipziger schule) kennt. wahrscheinlich passiert dieser fehler allen, die deutsche malerei gerne auf ein einziges plakat reduzieren wollen.

    grüße ed

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