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vonlottmann 20.05.2007

Auf der Borderline nachts um halb eins

„Sein Borderline-Blog ist der Schlüssel für das Gesamtwerk des wohl besten Autors unserer Tage“ – Rainald Goetz

Mehr über diesen Blog

„Broeckers, waren Sie denn niemals selber jung? Sie können doch nicht immer den Kindern das Bloggen im Treppenhaus verbieten.“
„Das isses doch gar nicht, weswegen ich mich wieder an Sie wende, Herr Lottmann.“
„Ach, verzeihen Sie. Was ist es denn diesmal, Broeckers?“
Der Blogwart stand leicht gebeugt vor mir. Verlegen drehte er seinen alten Hut in der Hand.
„Es is nur, Herr Lottmann, wo doch Ihr Blog so heißt, dass Sie mehr übern… also übern Götzn bringn täten solln, Herr Lottmann.“
„Wie?!“
 Er meinte, wie er mir nun erklärte, dass mein tazblog ganz offiziell in der Kurzbeschreibung ´Der Anti-Goetz´ hieß, wie ich ganz vergessen hatte. Und nun sollte ich („wegen der Leser, wissen Sie“) mehr auf dessen Blog in der Vanity Fair eingehen.
„Gut, Broeckers, ich kümmere mich drum. Ich werde diesen Herrn Götz einmal anrufen.“
Das tat ich dann, denn ich wußte kaum noch, was er eigentlich so geschrieben hatte. Mir fiel der leicht bayerische Akzent auf, den ich schon ganz vergessen hatte, da man den ja beim Lesen seiner Bücher nicht hört. Früher lebte ich ja selbst in München und beachtete Münchener Akzente gar nicht. Richtig schlimm wurde es bei Rainald auch nur, wenn er sich ärgerte. Dann wurde es echt hart. Er ärgerte sich ja oft, und wenn er das tat, war der cholerische Anfall nicht weit, ja die Regel. Und dann krachten die Worte zu Tal, mit biblischer Wucht, und in einem Dialekt, den selbst Franz Josef Strauß selig nicht mehr verstanden hätte. Das alles hatte ich vergessen, da wir uns so lange nicht mehr unterhalten hatten, seitdem er mich nicht mehr mochte, und nun war sie wieder da, diese Stimme.
Das Gespräch war aber kurz. Er hatte keine Lust, über seine Beiträge im Blog zu referieren und meinte nur, es sei im Grunde reine Kulturberichterstattung. Er gebe mir den freundlichen Rat, mich ebenfalls darauf zu beschränken und alles Persönliche wegzulassen.
Kulturberichterstattung. Ich dachte über das Wort nach. Der Mann hatte eigentlich recht. Warum schreiben, welche Freundin / Frau / Unbekannte man im Taxi geküßt hatte, wer wollte das wissen? Niemand. Aber ein Kinoerlebnis, ein neues Buch, eine revolutionäre Werbekampagne, ein gutes Modelabel: davon hatte der Leser etwas. Und so stellte ich meinen Blog auf reine Kulturberichterstattung um. Nur einmal wurde ich schwankend, als mir eine junge Frau namens „Norma“ einen Kommentar schrieb. Er bezog sich noch auf meine alte, eher persönliche Schreibweise und lautete wie folgt:

Lottmann konstruiert einen Sehnsuchtsraum, er schreibt etwas Verlorenes
wieder herbei. Manchmal muss man etwas beschwören, um es wirklich werden zu
lassen. Denn sie scheinen sich wieder zu kennen, die Künstler und
Schreiber und Schwätzer, sie treffen aufeinander im nächtlichen Berlin. Er ist ein Sucher nach der verlorenen Zeit, der sie nicht verloren geben will, der die
Sehnsucht und ihre Erfüllung genau hier und jetzt verortet.  Und so lüftet
sich der Vorhang, und der Verleger trifft den Schriftsteller trifft den
Neffen trifft den Mastermind. Und alles wird gefiltert durch den
lottmannschen Realitätsverzerrer und taucht wieder auf als kulturelle
Wirklichkeit.

 Ich war natürlich stolz, endlich einen Kommentar bekommen zu haben.
Neidisch blickte ich auf die anderen tazblogs, die ja von ihren tausenden von Kommentaren lebten. Aber verstanden hatte ich den Kommentar doch nicht so ganz. Deswegen mailte ich der Verfasserin. Ich wollte wissen, was sie mit dem „Sehnsuchtsraum“ meinte (ich las erst „Sehnsuchtstraum“) und erfuhr, dass damit so etwas wie das intellektuelle Milieu der 20er Jahre gemeint war, in Berlin, oder das der 50er Jahre in Paris. Und „verloren“ war es angeblich deshalb, weil der Krieg es ausgelöscht hatte, oder die beiden Diktaturen, oder das Fernsehen. Ich sagte, dass auch Maxim Biller ein jüdisch-intellektuelles Milieu herbeischreibe, dass es nicht mehr gebe, aber inzwischen wieder doch, irgendwie, vielleicht allein durch ihn und seine paar Freunde. Ja ja, schrieb die Kommentar-Frau, so was meine sie. Sicher dachte sie an meine vielen Schilderungen aus dem „Bonfini“ und ähnliches. Ich ließ sie in dem Glauben, es ginge so weiter. Dabei schaltete ich doch gerade um („ich habe arte umgelegt“).
Aber vielleicht gefiel der jungen Dame ja auch, was ich demnächst über die etablierte Hochkultur ehrfürchtig zu Papier brachte. Ich wollte übrigens auch versuchen, den lakonischen, abgehackten, unvermittelten Gottfried-Benn-Stil von Rainald zu übernehmen.
Womit beginnen? Am besten mit dem Papstkonzert, das ich auf Video aufgenommen hatte und nun endlich sah, das war nun genau richtig als Einstieg. Es gefiel mir nämlich gut. Kein Genörgel gerade am Anfang! Ich gab mich ganz dem Kunsterlebnis hin. Bald stellten sich die ersten Gedanken ein. Es war herrlich, endlich als Person zurückzutreten hinter den streng sachbezogen, unbestechlichen Text…
Wenn Gott Musik ist, dann ist unser Gott besser, im Vergleich zu den armseligen Minarettgesängen oder was das ist, was der Muezin da morgens von sich gibt.
Papst braungebrannt, ganz in Weiß.
Toll der große Stuhl, auf dem er sitzt, viermal größer als die Stühle der anderen Konzertbesucher. Solistin Hilary Hahn, spielt Violine, sieht absolut super aus, eine Sinnlichkeitsexplosion, alles ist Haut, Fleisch, Sünde, rotes Haar, der Pontifex ist sichtlich beeindruckt, fast könnte man sagen: hingerissen. Die inspirierende Kraft der Musik. Keine 24 Jahre alt, die Wundergeigerin, der ganze Rücken ist frei. Als Muslima würde sie dafür gesteinigt. Mindestens. Also in Mekka und Medina.
Aber wir wollen keinen Streit anfangen. Toleranz gegen andere Weltreligionen meine Haltung. Katholische Kirche trotzdem besser.
Die silberweiße Soutane paßt millimetergenau. Der feine, goldene Saum. Der heilige Vater nennt die Musik „meine von Gott mitgegebene Weggefährtin“. Eine Gefährtin, um eine Welt der Liebe zu schaffen.
Tolle Choreographie der Besucherstühle in der Aula Paola II. Langer Gang zum Papst hin, alle Besucher schwarz angezogen, die Kardinäle Schwarz und Rot, der Papst in Weiß. Kein Lächeln, keine Anbiederung, keine Konzessionen an die Mediengesellschaft. Nur bei Hilary Hahn, wie gesagt, geht sein Herz auf. So sexy kann eine Mariengestalt sein, Wahnsinn.
Soweit das. Mit der Uhrlau im Kino, gestern. ´Black Book´ von Paul Verhoeven. Antideutsche Hetze über dreieinhalb Stunden. Wann immer ein Deutscher ins Bild kommt, kann man sicher sein, dass er wenige Sekunden später eine unfaßbar plumpe Bestialität begehen wird. An sich nichts Neues, im Gegenteil, so ist die Konvention, jede Abweichung davon wäre befremdlich. Es spielt schließlich 1940. Aber die Länge des Films, die Häufung der Brutalo-Szenen, ihre Wiederholung und Ausschließlichkeit, die immer wieder vorgebrachte rassistische Botschaft, wonach Deutsche Bestien seien, Untermenschen wäre der passende Fachausdruck in diesem Fall, hat mich nicht gerade froh gestimmt. Trotzdem hätte es mich nicht gestört, wenn ich nicht heimlich die Uhrlau beobachtet hätte, wie ihr dieses rassistische Machwerk gefiel. Nach dem Film stellte ich sie deswegen zur Rede. Ich wußte natürlich, dass das nichts bringen würde. Ich tat es, weil sie doch so eine intelligente, dem Humanismus verpflichtete Person ist. Sie verstand erstmal nicht, was ich wollte. Es seien doch Deutsche während der Nazizeit gewesen, die seien doch nun einmal so gewesen.
„Alle waren Tiere damals, brutale Ochsen? Keine Menschen? Also auch Deine Vorfahren?“
Sie zuckte mit den Achseln.
„Was würdest Du zu einem Film sagen, der alle Türken als viehische Schlächter, feiste Schweine, permanente Mörder und Vergewaltiger zeigte? Die den lieben langen Tag nie etwas anderes tun als Morden, Saufen und böse sein? Müssen sie nicht auch einmal frühstücken, sich die Zähne putzen, Radio hören?“
Sie zuckte mit den Achseln. Ich zog meinen letzten Trumpf:
„Was würdest Du von Deinem Freund halten, wenn er Dich in ein ganz besonders übles Pornokino mitnehmen würde, und Ihr würdet einen dreieinhalb Stunden langen extrem frauenfeindlichen, männlich-chauvinistischen Pornofilm sehen, in dem Frauen ausschließlich als dreckige, nymphomanische Schlampen gezeigt werden, die es nicht anders verdient haben als gedemütigt und über den Haufen gefickt zu werden, während alle Männer total menschliche, humanistische Züge tragen?“
„Solche Filme gibt es nicht.“
„Aber WENN es sie gäbe, und Dein Freund würde Dich überreden, sowas mit ihm anzusehen, und dann beobachtest Du ihn und siehst, dass ihm der Film GEFÄLLT, was würdest Du dann mit dem Freund machen?“
„Ich weiß nicht, worauf Du hinaus willst. Jeder hat ein Recht auf seine eigenen sexuellen Phantasien.“
Ich gab es auf. Die Frau hatte ganz offensichtlich kein Verhältnis zu dem, was man Erbe, Wurzeln, Ahnen, Stolz nennen konnte. Da, wo andere Völker ihre Würde hatten, ihren Boden, auf dem sie standen, ihre Liebe zu ihren Eltern und ihren Angehörigen, hatte Gabriele Uhrlau: nichts. Konnte das eigentlich gut gehen? Kinder hatte sie keine. Aber wollte ich jetzt wirklich diese Büchse der Pandora aufmachen und über mein Haupt ausschütten, indem ich anfing, das Wort „Stolz“ in den Mund zu nehmen? Ich dachte nicht daran. Außerdem war ich auch gar nicht stolz. Und persönlich wollte ich auch nicht mehr werden. Zurück zur neuen Kulturberichterstattung, verdammt nochmal!

Chistopher Wool bei Hetzler gesehen. Große Einheitsbilder für 225.000 Dollar, die kleinen Einheitsbilder 50.000 Dollar, und alle Bilder bereits verkauft. Hetzler ist wieder ganz oben. Von 100 auf Null und wieder auf 100, einfach unfaßbar. In dem alten Patrizierbau in der Zimmerstraße helle hohe schlanke Säulen. Hochvergrößertes, genialästhetisches Gekritzel von diesem Chistopher Wool, immerhin der Mann von Charline von Heyl zu Herleshausen. Respect, der Junge hatte es in jeder Hinsicht geschafft.

Bohlen bei Kerner gesehen. Wie nett er doch ist, dieser Bohlen. Haben ja seit Dirk Scheuring 1988 immer mal wieder welche gesagt, aber begriffen habe ich es erst jetzt. Der hat seine Estefania echt geliebt. Und sie hat natürlich… also der Reihe nach: Mit 16 war sie in ihn verknallt. Mit 18 ging ihr der alte Laberkopf schon auf die Nerven, und sie wollte wenigstens die Heirat. Hat er ihr verweigert. Dann hat sie ihm ein Kind geschenkt, und er hat sie immer noch nicht geheiratet. Das war ihr letzter Versuch. Danach war der Ofen bei ihr aber sowas von endgültig aus, dass ihm gruseln würde, noch nachträglich, wenn er es begreifen würde. Jetzt läuft er herum mit Liebeskummer, den er nicht versteht. Wie gesagt, ein ans Herz gehender netter Mann, Typ tragischer Fall.

Bundeswehrsoldaten im Afghanistankrieg gefallen. Ach, pardon, ist ja kein Kulturthema.

Stuttgart Meister geworden. Reines Glück. Hitzelsbergers Glücksschuß hat alles verzerrt. Eigentlich wurde Schalke 04 Meister.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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https://blogs.taz.de/lottmann/2007/05/20/8-kapitel-kulturberichterstattung/

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kommentare

  • Lieber Herr Lottmann,

    Sie sind ein wahrhaft profunder Fussballkenner ;-)) Naja, Ihre Beiträge lese ich nicht wegen Ihrer Fuballkenntnisfreiheit, sondern weil es UNTERHALTUNSLITERATUR im unterhaltenden Sinne ist.

    Aber diese Kabbeleien mit Dr. Goetz müssen aufhören.

    Oder anders:

    „Ich werde Euch auf dem Laufenden halten und widme mich weiterhin der Reflexion des Duells Lottmann-Goetz in den Blogs. […] werde Euch einfach á jour halten, was Lotte und Goetzi angeht…. die führen sich auf wie Schulkinder, und so sollte das Feuilleton sie eigentlich auch behandeln: „So, Ihr setzt Euch jetzt auseinander, Joachim, Rainald! Jawohl, das Handy könnt ihr euch nach der Stunde abholen! Nein, so geht das nicht, Joachim. Du gehst jetzt nach draußen und wirst den Rest der Stunde die Türklinke von außen nach unten drücken, Sappalot!“)“ Quelle: http://www.suevia-strassburg.de/Ausgabe-168.390.0.html

    Jetzt hammse‘ nochen‘ Kommentar.

    Beste Grüsse und eine erfolgreiche Woche, Schomberg.

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