…und weiter…
von lottmannTheatertreffen Berlin, Presseabschlußkonferenz. Nette Leute, angenehme Stimmung. Kultur pur. Die Sommersonne bricht durch die zur Gänze verglaste Südwand. Etwa hundert Journalisten, alle gespannt, aber alle ohne Spiralblock, wie ich feststelle, nur ich habe einen. Er liegt deutlich sichtbar auf meiner linken Hand, während ich mit der rechten schreibe. Barbara von der Agentur Drama macht ständig Fotos von mir und dem Spiralblock. Auf der Bühne die Jury. Andreas Willig sitzt mir am nächsten. Ich berechne, dass er mir in nur drei bis vier Schritten, in nur wenigen Sekunden also, den Spiralblock entreissen könnte. Damit wären meine Notizen dahin, und ich könnte nicht mehr objektiv und den journalistischen Standards entsprechend berichten. Seit Stadelmaier ist daraus ja ein regelrechter Sport geworden, ohne Beachtung der erheblichen Verletzungsgefahr. Eine Kinderei im Grunde, vergleichbar dem Straßenbahn-Sliding jugendlicher Inline-Skater. Da müssen erst die ersten Toten in der Zeitung stehen, bis da jemand zur Besinnung kommt. Ich presse den Spiralblock zwischen Daumen und Innenhand, mit aller Kraft, fast schon ein bißchen hysterisch. Muß man verstehen. Ich bin jetzt Kulturberichterstatter. Ich nehme meinen neuen Beruf ernst. Ich fühle mich meinen Lesern verantwortlich. Eigentlich ist es schön, nicht mehr an sich selbst zu denken.
Joachim Sartorius sieht mich sofort, ich sitze ja auch als einziger in der ersten Reihe. Freudig kommt er auf mich zu, wie Sarkozy auf die Merkel, die Hände entgegengestreckt, der Mund weit geöffnet und lachend, der Gang vor Freude schwankend wie beim Tänzchen. So eine Seele von Mensch! Ich bin ebenfalls beglückt.
„Wieder zurück! Wie ist es nun bloß möglich! Herr Lottmann, ich freue mich so!“ ruft er aus. Ich rede Ähnliches.
Er und seine liebe Frau, Karin Graf, waren meine Gastgeber gewesen, als ich vor genau zwölf Jahren einen meiner 32 Schubladenromane schrieb, im damals noch geteilten Berlin. Er hieß „Alles Lüge“ und fand natürlich keinen Verleger. Rein formal waren die Sektorengrenzen bereits außer Kraft gesetzt, aber die Menschen aus Ost und West standen sich noch feindlich gegenüber, teilweise in derselben Straße, im selben Haus, Türschild an Türschild. Das muß man sich einmal vorstellen. Erst in späteren Jahren kam es zu der heutigen Vereinheitlichung, indem Westdeutsche die östlichen Regionen Berlins übernahmen und die Ostdeutschen nach Brandenburg und andere Reservate auswichen. Nun also Sartorius. Der gute Hirte! Mein Gott, seit Jahren hatten wir uns nicht mehr gesehen. Zuletzt hatten wir den Sylvesterabend des Jahres 2005 gemeinsam verbracht und uns beim Abschied schier stundenlang die Hand geschüttelt. Ich fragte bewegt nach seiner Frau, den lieben Kinderchen. Er sagte es mir. Es ging allen gut, und Karin war offensichtlich in einer Art Literaturagentur beschäftigt. Ich hörte es mit Interesse. Wenn ich eines Tages einmal wieder keinen Verlag finden sollte, konnte sie mir bestimmt helfen.
Dann begann die Chose. Der Moderator der Jury las eine dpa-Meldung vor, und die war niederschmetternd. Sie war gerade hereingekommen. Sinngemäß besagte sie, daß das sogenannte Ekeltheater auch beim diesjährigen Theatertreffen dominiert hätte. Ich guckte kurz in Barbaras Programmheft, als sie gerade abgelenkt war und die Jury fotografierte. Gleich die ersten Sätze drehten sich wieder um die Debatte um das sogenannte Ekeltheater, und diese Debatte wurde dann aber nicht geführt, sondern verurteilt. Auch die Mitglieder der Jury sprachen sich nun einer nach dem anderen gegen das Führen der Ekeldebatte aus. Sechs der sieben Juroren erklärten sogar, gar nicht zu wissen, was mit einer Ekeldebatte gemeint sein könne. Sie erklärten den dpa-Text für ein unenträtselbares Hirngespinst. Daraufhin wandte man sich internen Themen zu. Stundenlang wurde über einzene Details des modernen Regietheaters debattiert.
Ich meldete mich zu Wort und sagte folgendes:
„Ich möchte noch einmal auf die dpa-Meldung zurückkommen. Die Jury hat gesagt, dass sie gar nicht versteht, was da drinsteht. Sie erweckt den Eindruck, diese Meldung hätte irgendein Verrückter geschrieben. Ich möchte zu Bedenken geben, dass gerade die Institution ´dpa´ weniger verrückt ist als jede andere Zeitung, jedes andere Medium. Journalisten von dpa sind normaler als normal, ja schon die Normalität per se. Sie stehen weder für irgendeine Kritikermeinung, noch für die Meinung der Jury, noch nicht einmal für das Theaterpublikum. Sie stehen für die ganze Gesellschaft! Lassen Sie es mich so sagen: Die Jury hier oben erinnert mich an das Politbüro der SED am 40. Jahrestag der DDR. Wenn damals jemand aufgestanden wäre und gesagt hätte, die DDR sei vielleicht gar nicht so toll, hätte keiner im Politbüro gewußt, was damit gemeint sei. Sie hätten diesen Satz buchstäblich nicht begriffen, ja nicht begreifen können. Es war eine Systemfrage, wie jetzt. Es gab keine Vermittlung zwischen dem System und der realen Gesellschaft. Und es gibt offenbar heute keinerlei Vermittlung zwischen der subventionierten Theaterszene und der übrigen Gesellschaft.“
Alle sahen mich freundlich an. Ein Verrückter hatte wohl gesprochen. Verrückte und Behinderte wurden in der Theaterszene wohlwollend behandelt, ebenso Hartz-Vier-Empfänger, bekennende Tierschützer, militante Lesben und Kinder mit Down-Syndrom. Das war ja so nett hier. Die Theaterszene war die Kirchentagsszene von heute. Wir erinnern uns: Kirchentage waren in den 80er Jahren die großen Sammelbecken für alle, die durch die harten Raster des Kapitalismus gefallen waren. Nach dem Fall der Mauer und dem Ende der Gläubigkeit im Osten zerstreute sich das alles. Das Gerücht, es gäbe immer noch die Veranstaltung „Rock am Ring“ halte ich für eine Falschmeldung.
Einer nach dem anderen antwortete mir freundlich. Der dpa-Kollege hätte eben nicht gewußt, was er schreiben wolle, und so habe er in die Klischeekiste gegriffen. Das sei menschlich, das müsse man verstehen, so sei das Leben, jeder habe einmal einen schlechten Tag. Dann ging es weiter über das Regietheater. Theater ohne Kulissen, Männer als Frauen, Frauen als Osterhasen, Tschechovs „Drei Schwstern“ mit Micky-Maus-Köpfen, Kondomregen, Luftballons, bunte Luftschlangen, Schauspieler die von Tonnen von Walnüssen erschlagen werden, Jelinek, Ulrike Maria Stuart, William Andreas Baader Shakespeare, Christian Goethe Klar, Schlingensieff und Möllemann, Castorp und Buback, derb und spaßig, nackig und sudelig, sinnlos und sinnlich: hurra, hurra, die Schule brennt! Ekeltheater @ it´s best, hätte man denken können. Aber so ist es natürlich gar nicht. Das Berliner Theatertreffen hat ein anderes, höheres Niveau als der vor allem in der Provinz durchgesetzte Mainstream der Castorf-Imitatoren. Es geht ruhiger zu, noch unverständlicher, noch erbärmlicher. Die Schauspieler beeindrucken durch Extreme: entweder flüstern sie wie Geister, sind blockiert wie Autisten, oder schreien und berserkern wie Wahnsinnige. Wer die Originale nicht kennt, versteht nur Bahnhof. Wer sie doch kennt, könnte schwören, im falschen Stück zu sein.
Das alles ist ja sehr schön für die Schauspieler, aber nicht für die Gesellschaft. Nun ist auch moderne Kunst für die Gesellschaft in der Regel unverständlich. Nur wird moderne Kunst von Privatleuten finanziert. Das ist der Unterschied. Das sagte ich aber nicht mehr, sondern machte gute Miene zum schlechten Spiel. Ich wollte es mir ja mit keinem verderben. Schon gar nicht mit dem guten Sartorius, dem Leiter des Ganzen. Ich zwinkerte ihm zu, um zu signalisieren: ´alles nicht so ernst gemeint!´ Spaß muß sein, das verstand er gut, Provokation gehörte halt dazu, gell, wie bei der Jelinek. Er nickte mir gutmütig zu.
Wie gesagt, ich habe nichts gegen contemporary art, und nicht einmal etwas gegen das moderne Regietheater. Es sind eigene Welten, die mich beglücken. Mich. Wenn es mir wieder zu eng und furchtbar wird in der wirklichen Welt. Wenn das konsensuale, abgesprochene Bewußtsein mir wie eine Vakuumflasche vorkommt, in der ich atmen soll. Deswegen hätte ich auch bis zum Ende aushalten können, in dieser Abschluß-Pressekonferenz. Aber ich bin nicht die Gesellschaft. Außerdem wollte ich noch zum Jüdischen Krankenhaus, und die haben dort feste Besuchszeiten.
Es war Sonntag, und ich hatte den SPIEGEL gekauft, mit diesem wunderbaren Artikel über Zadek.
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