…und weiter…
von lottmannHinten bei der taz, also im Hinterhof dieses Gebäudes in der (noch) Kochstraße (bald Rudi-Dutschke-Straße), das der taz gehört, sieht es erstaunlich heruntergekommen aus. Man würde nicht denken, wenn man vor der prächtigen Gründerzeit-Fassade steht, die teure Friedrichstraße in Sichtweite, dass im Hinterhof die Atmosphäre und der Geruch von Klein-Neapel herrscht. Ich war da nur hingelaufen, um eine Zigarette zu rauchen – und wurde prompt vom Blogwart erwischt. Aber bevor er mich zusammenscheißen konnte, ertappte ich IHN bei einer kleinen Sauerei, und die war womöglich schlimmer als mein unterstellter Vorsatz, gleich das Rauchverbot zu umgehen und die Fliegen und anderen Insekten über den stinkenden, überfüllten Mülltonnen zum Passivrauchen zu zwingen. Der Blogwart hatte nämlich einen Karton mit ungefähr fünfzig Briefen an mich gerade entsorgen wollen. Der Karton war offen, und ich sah den Adressaten der Briefe: Joachim Lottmann. Es waren alles Kommentare zu meinem Blog, denn nachdem Norma mir geschrieben hatte, trauten sich auch andere. Ich stellte den Blogwart zur Rede.
Aber das haben sie nicht gerne, dass man den Spieß so umdreht. Er hatte sich also bald gefaßt und polterte, die Kommentare seien sowieso alle unanständig, und solchen Schweinkram dulde er nunmal nicht. Ich sagte:
„Unanständig? Wer beurteilt das? Bin ich Putin? Wenn es Kommentare sind, müssen sie abgedruckt werden.“
„Das werden Sie sich nicht wünschen, Herräh, Herräh…“
„Was?“
„Herräh Lottmann! Die wollen Sie doch nur feddisch machen!“
„Wie bitte?“
„Alles Schmutz! Ich sag es Ihnen! Unrat! Latrinensprache!“
„Ich verstehe kein Wort. Broeckers, Sie drucken das jetzt. Haben Sie mich verstanden?!“
„Auch noch frech werden, was? Ich fürchte, das muß ich melden.“
„Was wollen Sie denn jetzt schon wieder melden, Sie verdammte Petze?“
„Das werden wir ja noch sehen, wer den größeren Einfluß hat beim Herrn Stellvertretenden Chefredaktöhr Peter Unfried! Das WERDEN wir noch sehen!“
„Nee, Broeckers, das wissen wir schon heute. Ich nämlich.“
„So?“
„Alter Studienkamerad, wissen Se. Immer um die Häuser gezogen, ha ha ha. Kinder, haben wir den Mädels die Ohren langgezogen! Kein Kind von Traurigkeit, der Herr Stellvertrender Chefredakteur, kann ick Ihnen sagen, Broeckers.“
„ja, wenn das so ist, Herr Lottmann…“
„So isset! Mensch Broeckers, in Warschau, da hatten wir mal ne Bekannte, Junge Junge, die hatte OHREN… ho ho ho…“
„Herr Doktor mögen vielmals entschuldigen…“
„Lassen Se mal den Doktor ruhig wech, Broeckers. Und drucken Sie jetzt die Kommentare?“
Er sah mich unendlich argwöhnisch an. Das war wohl jetzt richtig schwierig für ihn. Endlich raffte er sich auf:
„Lottmann, ich drucke die Kommentare. Aber EINES will ich Ihnen bei der Gelegenheit einmal sagen: Ihre Kulturberichterstattung ist scheiße. Sie haben überhaupt nichts dazugelernt. Sie schreiben noch immer diesen persönlichen Scheiß wie vorher. Und das reicht mir jetzt. Wenn Sie damit nicht auf der Stelle aufhören, werde ich DAS melden. Und darauf können Sie dann Gift nehmen! So wahr ich hier vor Ihnen stehe: Wenn ich noch EINMAL das Wörtchen ´ich´ in Ihrem Blog finde, gehe ich zur Chefredaktion!“
Damit drehte er sich abrupt um und stapfte weg. Ich steckte mir eine Marlboro an.
Tja, dumm gelaufen. Nun war es vorbei mit dem Subjektivismus. Immerhin wurden endlich Kommentare gedruckt. Ich seufzte, ging an meinen Arbeitsplatz – eigentlich war es der von Corinna Stegemann – und führte den Blog weiter. Ohne ´ich´ nun, ganz wie ein normaler, seriöser Blog. Ohne persönliche Erlebnisse, schöpfend nur aus Zeitungen, anderen Medien, Kantinentratsch und dem Fernsehen. Wie ´Klage´.
Siemens wird von Österreicher geleitet. Kurssprünge an der Börse deswegen.
Thema im nächsten ´Presseclub´: Der Kombi-Lohn. Zukunft oder Auslaufmodell?
Sarkozy immer noch Präsident von Frankreich.
Wie gefährdet ist die Pressefreiheit durch den G-8-Gipfel am Heiligendamm? Ein großes Ereignis. Viele junge und auch ältere Leute fahren hin, aber gewaltlos.
Seehofer wieder bei seiner Frau. In drei Wochen kommt das Baby. Aber auch Markus Söder hat zwei Familien. Bunte hat die ersten Bilder. Harald Schmidt ist dran. Prima.
Im Fernsehen wieder ´Tatort´. Alleinerziehender Kommissar, der von seiner pubertierenden Tochter pausenlos angebrüllt und beleidigt wird. Das alte Pubertätsklischee aus den 70er Jahren. Wie alt sind wohl die Drehbuchschreiber? Mindestens so alt wie Wolfgang Menge, hieß der so?
Armin Holz inszeniert „Der einsame Weg“ von Arthur Schnitzler im Schauspielhaus Bochum. Markus Boysen und August Zirner in den Hauptrollen. Wer wohl das Bühnenbild und die Kostüme gemacht hat? Bettina Helmi?
Toller SPIEGEL Titel über Romy Schneider. Um Dimensionen besser als das Buch von Michael Jürgs, das ja auch schon bahnbrechend war. Gutes, glückliches Deutschland, das solch einen manischen, auf alles Professionelle pfeifenden Schreiber in der Chefetage sitzen hat, einen Heine, wo sonst nur ein Markwort Platz hat.
Vanity Fair wird immer besser. Hut ab vor Poschardt, der offenbar den langen strategischen Atem Bismarcks besitzt.
ZDF Nachtstudio: Sollen alle Deutsche ein Lebensgrundeinkommen beziehen? Gute Frage. Wen fragt man da am besten? Warum nicht Peter Unfried? Gesagt, getan.
„Warum wollen Sie das denn wissen?“
„Für die Kulturberichterstattung in meinem Block.“
„Über SOWAS schreiben Sie? Zeigen Sie mal her.“
Gesagt, getan.
„Um Gottes Willen, Herr Lottmann, so dürfen Sie das nicht machen…“
„Nein?“
„Doch, wenn es Ihnen Spaß macht…“
„Tut es nicht.“
„Junger Mann, Sie müssen REISEN, glaube ich. Also wenn Ihnen nichts mehr einfällt, dann müssen Sie reisen. Diesen Kulturquatsch können andere schreiben, dafür sind Sie uns zu schade.“
„Oder zu teuer.“
„Oder zu teuer. Lassen Sie uns ruhig ehrlich sein. Die taz zahlt Ihnen diese Mordssummen für den Blog ja nicht, damit Sie über das Lebensgrundeinkommen und den Kombilohn schreiben.“
„Die persönlichen Dinge stoßen aber auch auf Kritik.“
„Gut. Wenn das so ist, dann müssen Sie reisen. Da kommen Sie auf neue Gedanken, das verspreche ich Ihnen! Und das ist dann auch nicht subjektivistisch – jedenfalls, wenn das Reiseziel stimmt. Das muß natürlich was hermachen.“
„Wie meinen?“
„Na, nicht Malediven oder so, sondern… Venedig? Ist da nicht die Biennale nächste Woche? Wenn das keine Kulturberichterstattung ist..! Fahren Sie doch mit Angelika Taschen hin, dann haben Sie Spaß pur.“
Gesagt, getan.
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Hat mir gut gefallen der Text, habe ganz fertig gelesen. Normal lese ich nicht so intellektuelles Zeug, da bekommt man nur so einen aufgeblasenen Kopf von. Aber jetzt mit dem Internetz, da kommt man vom eine ins andere. Den Typ da vom Hinterhof kenne ich glaube ich auch. Der hat ja echt ne Scheibe ab.
Euer Café da, wo die ganzen Linken abhängen, gibt’s da wenigstens was Veganes? Ich will Sojamilch zum Kaffee usw., und Eis aus Lupinen. Und nicht immer nur einen kotzigen Salat. Salat, Salat, Salat. Das ist das einzige was den Leichenfressern einfällt wenn sie vegan hören. Zuletzt war ich auch auf einer Feier mit so Linken. Man denkt ja diese Leute sind ethisch nicht so zurückgeblieben, aber auch dort – überall Leichen auf’m Büffet. Ohne geht’s wohl nicht, wa? Junge junge.