9. Kapitel: Reise ohne ´ich´

von lottmann

Stundenlang fuhr er mit der S-Bahn übers Land, Richtung Flughafen Schöneberg. Er, der Reporter aus der Großstadt. Er suchte seine Freundin. Der Blockwart hatte ihm das Wörtchen ´ich´ verboten. Eisern machte er weiter. 

Schon bald gab es nur noch üppiges Grün zu sehen. Er holte seine Freundin vom Flughafen ab. Ein ganzer Tag ging dabei drauf, aber er tat es gern. Gleichmäßig rollte der alte Zug Richtung Osten, wie früher, wie immer schon, immer weiter, immer ins Nichts, ins Verderben, nach Sibirien. Es war die Marotte der Nachkriegspolitiker, die Flughäfen in unerreichbarer Ferne zu errichten. Der neue Münchener Flughafen lag irgendwo zwischen Ingolstadt und Regensburg, hätte also auch „Flughafen Nürnberg“ heißen können. 

Es gab immer noch Leute in den Abteils. Es fuhren also wirklich Menschen in diesen unwirtlichen Gegenden, die doch längst entvölkert waren, hin und her. „Reisen“, dachte er, „ist doch ein Gottesgeschenk, wie die alten Griechen so richtig sagten!“ Sein Vorgesetzter bei der kleinen, überregionalen Zeitung hatte ihm den richtigen Ratschlag gegeben. Er genoß es, den fremden Mitfahrenden zuzuschauen. Ein Mädchen fiel ihm auf, das in einem dreiteiligen, selbstgeschneidertem Kleid mit den Farben Schwarz, Rot und Gelb steckte. Beide Eltern rahmten es ein, zwei sehr häßliche, aus den Fugen geratene Leute. 

Wann erreichte man wohl endlich das Ziel, diesen legendären Flughafen Schöneberg? Die Stunden vergingen. Es war die Jahreszeit, in der die Vegetation gerade erst im vollen Ausmaß erwacht war und in Saft und Kraft erblühte, zumal das erste Sommergewitter des Jahres gerade über die jungen Bäume und Gräser gefegt war; so grün wurde es später nie wieder. Die alten, viereckigen S-Bahn-Waggons aus den 30er Jahren bahnten sich mühsam ihren Weg durch den Urwald. 

Ein Passagier besaß sogar eine Zeitung. Es war der unförmige Vater des hübschen 14jährigen Mädchens mit dem deutschfarbenen Wickelkleid und den Rauschgoldengelhaaren, das sich wahrscheinlich auf die erste Fernreise in ein befreundetes sozialistisches Bruderland freute. Die Zeitung hieß „B.Z.“, und auf der ersten Seite stand die Schlagzeile: 

´100 Köpfe für Tempelhof´ 

Der Artikel handelte davon, dass hundert Prominente sich für den Erhalt von Speers Flughafen Tempelhof aussprachen. Auch über 70 % der wahlberechtigten Berliner waren für den weiteren Betrieb dieses von der UNESCO geschützten Weltkulturerbes. Man konnte dann nämlich innerhalb von Minuten sein Flugzeug erreichen und mußte nicht erst eine Tagesreise in die Pampa antreten. Selbst nahe Städte wie Paris, Madrid oder Istanbul, die man normalerweise mit dem ICE schneller erreichte, konnte man von Tempelhof aus sofort anfliegen. Es lag also auf der Hand, dass den Berlinern vor dem geplanten neuen Großflughafen weitab von der Zivilisation, eben in der Nähe des Flughafens Schönefeld, ja noch weiter weg als der, mehr als graute. 

Niemand wollte ihn. Warum wurde er trotzdem gebaut? 

Warum zerschlug Wowereit brutal alle lukrativen Angebote für den Weiterbetrieb von Tempelhof? Weil der neue Flughafen das einzige Milliardenprojekt Berlins war. Hunderte und Tausende von Firmen, Lobbyisten, Beratern, Beamten, PR-Menschen, Politikern, Hehlern, Schmierern, großen und kleinen Kriminellen verdienten daran. Hier und nur hier floß das ganz große Geld. Da war es doch vollkommen egal, dass die Bevölkerung davon einen Riesennachteil hatte. Man nahm der Bevölkerung einer Drei-Millionenstadt die Möglichkeit, normal zu fliegen… 

Die Zeit verging. Die Stimmung wurde unerträglich. War man schon in Polen? Nein, dann kam der Flughafen doch noch. Alle stiegen aus. Er auch. Er, der Reporter aus der Großstadt. Er suchte seine Freundin. Der Blockwart hatte ihm das Wörtchen ´ich´ verboten. Eisern machte er weiter. 

Er war pünktlich. Das Flugzeug wurde bereits erwartet, kam aber nicht. Er stand eine Stunde lang in der Wartehalle. Er kaufte eine Coca Cola. Das Fräulein im ´Snack Bistro´ herrschte ihn an, er möge beim nächstenmal die Cola selbst aus dem Regal ziehen. Das sei nicht ihre Aufgabe. Dann flötete sie dieses unnatürliche „Einen schönen Tag noch“ hinterher. Er dachte: Der Osten. Das Grauen. Die wahre Apokalypse. 

Er kaufte vor lauter Langeweile eine kitschige, plastikverschweißte Rose. Dann einen hello Kitty Reisewecker. Dann eine Bild Zeitung. Dann den SPIEGEL. 

DER SPIEGEL. Wenn gar nichts mehr hilft. Hier findet die Seele Halt. Wieder fünf tolle Artikel von Matthias. Eine Schreibexplosion, wie es sie seit zwei Jahren nicht mehr gegeben hatte. Der Höhepunkt: ein Interview mit Hochhuth, das denselben als hirnlosen, dillettierenden Papsthasser entlarvte. Nein, so konnte man mit dem heiligen Vater nicht umgehen, das begriff jetzt der Leser, und Pius IV wurde selig gesprochen, während Hochhuth direkt in die Hölle kam, bald. 

Eine wartende Frau fiel ihm auf. Weil sie so sehr wartete. Sie ging nervös hin und her. Sie hatte schöne Beine und wenig an. Es war so heiß und schwül, über 30 Grad und karibisch feucht und auch wieder drückend sauerstofflos in dieser alten DDR-Halle. Ihr Rücken war vollständig frei, und sie war wirklich schön. Die Schulterblätter, die Haut, die langen Beine, die schwarzen glatten Haare, und dabei wirkte sie so ungewöhnlich seriös. Eine ernste, sicher sehr verliebte Frau. Sie sah sogar wie seine verstorbene Frau aus, wenn er ehrlich war, und er mußte sie einfach ansprechen. 

„Wissen Sie, wie teuer ein Taxi von hier aus bis zum Prenzlauer Berg ist?“ 

„60 bis 65 Euro.“ 

„Sie müssen doch auch nach Mitte?“ 

„Ja.“ 

„Dann können wir uns das Taxi doch teilen.“ 

„Nein, ich fahre mit der S-Bahn.“ 

„Wenn wir uns das Taxi nicht teilen, ist es mir auch zu teuer.“ 

„Dann fahren wir zusammen S-Bahn…“ 

Die Freundin tauchte auf. Judith Bröhl. Kein schöner Name, aber auch nur ausgedacht. Die nächste Freundin wird schöner heißen, denkt er, vielleicht Mrs. Vandergast. Oder Frau von Thorberg. Nathalie Bergengrün. Emmanuela Fürstin Krupp-Bromiza. Ihm würde schon etwas einfallen. Ihm, Graf Lottmann, in der elterlichen Linie Hamburger aus der vierten Generation, mit rotem Blut in den Adern… kühler Blick… und leidenschaftliche Hände… der Gang gebückt, das Ego unerschütterlich. Sie küßten sich. Er nahm ihr den Rolli ab. Sie packte die Geschenke aus. 

Nun ging es die ganze Strecke zurück. Die schöne Italienerin hatte er vergessen. Judith Bröhl legte ihre Beine auf die gegenüberliegende Bank. Dann erzählte sie von Cannes. Über die Filmfestspiele sagte sie leider nichts. Sie hatte keinen einzigen Film gesehen. Stattdessen hatte sie wohl fünfundsechzig Parties in sieben Tagen besucht. Sie war das hot chick von Cannes gewesen, und sie hatte davon einen Dachschaden zurückbehalten, natürlich. Alle hatten mit ihr schlafen wollen, gähn. Ihre Geschichten waren unerträglich. 

Sie plapperte von betrunkenen Lovern, die randalierten, irgendwelchen Produzenten, Frauen, die ihre Silikonbrüste auspackten, red-carpet-Nutten, Frauen mit aufgespritzten Lippen, gebotaxten Ärschen, gelifteten Gesichtern, Transvestiten, blah blah… und immer wieder sagte sie, wie unerträglich, wie absolut unerträglich es gewesen sei und dass sie einen Nervenzusammenbruch dadurch erlitten habe. Trotzdem hatte sie ihren Rückflug mehrmals verschoben, und nächstes Jahr würde sie wieder hinfliegen. 

Er hätte sich ärgern können, aber er ärgerte sich nicht. So war die Jugend heute, es gab nichts anderes. Das war halt der Medienfaschismus, in seiner Spätphase. Er gab ihr den Cannes-Artikel im neuen SPIEGEL zu lesen, und so erfuhr sie zum erstenmal etwas über das Event, dem sie zehn Tage lang beigewohnt hatte. Sie las aber lieber den Romy Schneider Essay. Sie lachte bei dem Satz, Hanna Schygulla habe über den Filmen Fassbinders gehangen wie ein nasses Tuch. Die Rückfahrt war insgesamt viel schöner als die Hinfahrt. 

Man darf nicht alleine reisen, dachte er. Das mußte er dem Herrn Unfried noch sagen, bei der nächsten Reise. Aber als hochbezahlter Blogger einer angesehenen Zeitung konnte man nicht die eigene Freundin mitnehmen – das sah ja aus wie diese Sache mit Wolvowitz, dem Weltbankpräsidenten. Der hatte auch seine eigene Geliebte in seine Geschäfte mitreingezogen. Und nun mußte er deswegen zurücktreten. Die Merkel hatte es so gewollt. Das sei nicht moralisch koscher gewesen, hatte sie gesagt. Und hatte sie nicht sogar recht? 

Auch die nächste Reise, dachte er, mußte er also wieder ohne Begleitung antreten. Aber nicht von Schönefeld aus. Es würde nur ein kleiner Sprung werden: von Tempelhof nach Venedig. Zur Biennale. Oder, etwas später vielleicht, von Tegel nach Havanna. Das war zu schaffen, das ging flott. 

 

 

 

 

 

 


Ein Kommentar zu "9. Kapitel: Reise ohne ´ich´"

  1. sauber, herr lottmann. wie immer das beste, was in deutscher sprache geschrieben wird. hehehe.

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