Warum gibst Du der Chica nicht mehr Geld, wenn Du doch bei der taz arbeitest?“ wollte Politicky wissen. Die Einheimischen hatten schon am zweiten Tag einen Spitznamen für die beiden, „Pucci et Picci“, wobei nicht herauszubekommen war, was das hieß. Ricardo traf die Kleine weiterhin, hielt sie aber kurz. Er wollte Politicky gegenüber nicht als geizig dastehen, andererseits kannte sich der in der Presselandschaft soweit aus, dass er die Lage der taz als einziger nichtanzeigenabhängiger großen Zeitung kannte. Alle anderen Zeitungen waren in Deutschland, ja weltweit in die Knie gegangen, als das Internet kam. Weil die Anzeigen zurückgingen. Die Stellenanzeigen, Rückgrat von FAZ und SZ, verschwanden ganz. Die taz dagegen schwamm im Geld. Sie hatte auf kapitalistische Anzeigen von vornherein verzichtet, wie auch Fidel Castro es gefordert hatte: „Coca Cola no pasardan Cuba!“ (Coca Cola kommt mir nicht ins Land). Ein Spezialkader von tausenden eingeschworenen taz-Abonnenten finanzierte stattdessen die Zeitung.… weiter lesen
Archive for Juni, 2007
Zwei abenteuerliche Herren in den besten Jahren, vornehmer gekleidet als die arme Bevölkerung, schlenderten übermütig die Calle José A Saco entlang, Ricardo Rúiz und Matthias Politicky. Die letzte Nacht war natürlich ihr Thema, und nichts freute Ricardo so sehr wie die Tatsache, endlich darüber berichten und vor allem schreiben zu dürfen. Denn die kleine blonde Mulattin war weder seine Frau, noch stand sie ihm nahe, und so galt das Schreibverbot in ihrem Falle nicht. Es handelte sich mitnichten um Verrat, wenn er seinem neuen Freunde die eben zuende gegangene Liebesnacht in allen Einzelheiten schilderte. Selbst Rainald Goetz konnte ihm daraus keinen Strick drehen, denn er hatte für jede Minute, jede Liebkosung, jedes nette Wort, jede weitere Runde bezahlt.
Wirklich? Hatte er bezahlt? Politicky lachte. Anscheinend wußte er über diesen Punkt besser Bescheid.
„Du warst in ziemlichen Schwierigkeiten!“ platzte es aus ihm heraus. Das vertrauliche „Du“, das nun ganz… weiter lesen
Ricardos neuer und alter Freund entwickelte völlig neue gute und schlechte Eigenschaften. Zum einen stellte sich bald heraus, dass er, also Matthias Politicky, keineswegs mehr der kultivierte Mann war, den Ricardo einst gekannt hatte. Und er sah auch nicht mehr gut aus. War er einfach nur alt geworden? Sah vielleicht auch Ricardo so verlebt aus? Nein, das war unwahrscheinlich. Ricardo gefiel sich im Spiegel immer besser, seitdem er Kuba betreten hatte. Eigentlich mochte er sich zum erstenmal seit Jahren wieder leiden, wenn er sich im Spiegel sah. Es konnte natürlich an den kubanischen Spiegeln liegen, die recht stumpf und auch im Badezimmer unbeleuchtet waren. Ein weiterer geschickter Zug von Fidel Castro wahrscheinlich, der sich bekanntlich auch um die kleinsten Details kümmerte. Seine Landsleute konnten sich so leiden, auch wenn sie älter wurden.
Andererseits, auch wenn Kuba den Kollegen aus Hamburg nicht schöner hatte werden lassen, so konnte Ricardo nicht bestreiten,… weiter lesen
In seiner zweiten Woche in Kuba lernte Ricardo Rúiz seinen deutschen Kollegen Matthias Politycki kennen. Eigentlich kannte er ihn bereits, er kannte ihn sogar gut, aber er hätte ihn niemals auf Kuba erwartet, und nun fühlte er sich mit ihm natürlich sehr verbunden. Ricardo hatte gerade den besten Sex seines Lebens, aber genau das machte ihn anfällig für den Reiz der Kubanerinnen. Es war ihm von Anfang an aufgefallen. Schon am Flughafen Habana José Marti Internacional stand in der Warteschlange hinter ihm ein Mädchen, das ihm buchstäblich den Kopf verdrehte. Immer wieder drehte er sich um, bis ihm der Nacken schmerzte. Gleichzeitig achtete er darauf, dass sein Interesse nicht zu deutlich wurde, denn er wollte niemanden verletzen. Diese junge Frau sah ihn mit einer Offenheit an, wie er sie nur von Dreijährigen und von Prostituierten kannten; und sie war beides nicht. Dazu hatte sie die schönste Gesichtsform, die man sich… weiter lesen
Ob es wirklich korrekt gewesen war, diese Festnahme einfach geschehen zu lassen, sich sein gutes „Recht auf Weggucken“ nicht nehmen zu lassen, wie Martin Walser es einst gefordert und durchgesetzt hatte? Das laute Wehklagen des vermeintlich homosexuell veranlagten Mannes verfolgte Ricardo bis in den Schlaf. Wären die Daiquiris, die ihm der schwarze Gartenkellner gemixt hatte, nicht so gut gewesen, hätte er womöglich noch mit dem Nachdenken angefangen. Nein, er sollte sich nicht verrückt machen lassen. Anderen Völkern anderer Kontinente und anderer Kulturen sollte man nicht sein eurozentristisches Weltbild aufdrängen. Dass in Deutschland der Paragraph 175 von bestimmten politischen Parteien mit knapper Mehrheit abgeschafft worden war – so lange war das gar nicht her – mußte nicht bedeuten, dass andere Gesellschaften sich diesem singulären und auch damals umstrittenen Akt gefälligst anzuschliessen hatten. Vielleicht war der Mann ja wirklich ein Homo? Wer war Ricardo, dass er das beurteilen, ja richten konnte? War… weiter lesen
Irgendwann im Leben, das stimmte schon, kam für einen Mann und Schriftsteller der Zeitpunkt, nicht mehr über Menschen zu schreiben, die ihm nahestanden. Für den Leser war das natürlich hart. Nun wurde er bei allen wesentlichen Situationen ausgesperrt. Alles Wichtige wurde ihm vorenthalten. Eine dürre, ausgedachte Figur führte ihn durch Situationen, die so malerisch wie uninteressant waren. Aber so war die Literatur! Ricardo hatte sich die Regeln nicht ausgedacht. Irgendwann wollte auch er Geld verdienen. Also RICHTIG VIEL Geld, nicht so ein paar Lappen, wie der SPIEGEL sie zahlte – und der zahlte bereits verdammt gut – sondern richtig dickes, fettes, sattes Geld, und das kriegte man nur als seriöser, hochtalentierter, fader Autor. Er beschloß, auch die intimen Kapitel, die er über Judith Bröhl in dem KiWi-Buch „Auf der Borderline nachts um halb eins“ geschrieben hatte, wieder rauszuwerfen. Judith würde das wahrscheinlich gar nicht verstehen. Wieso kam sie Blog so… weiter lesen
ER alias Ricardo Rúiz saß im sauber gestalteten Vorgarten des Hotels, genoß die malerischen Aussicht auf das tieferliegende Meer. Das Hotel war auf einer künstlichen Anhöhe errichtet wie eine Festung, 1925 bis 1927, war das erste Hochhaus der Stadt gewesen. Auf Fotos konnte man sehen, dass nichts verändert war seitdem. Der schwarze Kellner brachte ihm einen Daiquiri. Er, also Ricardo Rúiz, dachte an seine Freunde, die er in Deutschland hatte zurücklassen müssen. An seinen Bruder mit seiner Fistelstimme, also die er nur hatte, wenn sie sich begrüßten und lange nicht gesehen hatten. Der sprang dann vor ihm auf und ab und kreischte die ganze Zeit Rap-Kürzel wie „watya doin man, shit, oh nigger shit man you fuckin here brother“ und so weiter, und dazu schlugen sie dutzende von Malen die Finger aneinander. Es ging eben sehr herzlich zu zwischen ihm und seinem Bruder. Mit dem mastermind alias Holm Friebe wäre… weiter lesen
Bald zog es ihn wieder zurück zum Hotel Presidente Fidel Castro und dem tollen TV-Programm dort. Wieviele Tage und Stunden Chavez wohl bleiben würde? Raúl Castro machte übrigens eine ganz gute Figur. Ein gelassener, unpeinlicher Typ, der in Fidels alter Uniform steckte und bestimmt kein Ego-Problem damit hatte. Er war freilich kleiner als Fidel, sodaß er eher an Kim il Sung II als an den commandante el jieve erinnerte. Im Stechschritt marschierten Ehrengarden hin und her, ein Kranz wurde am Grabmal von Frederico Marinas niedergelegt, Militärkapellen spielten Märsche, ein Trompeter blies ein bißchen oder sogar sehr falsch, Hugo Chavez ergriff wieder das Wort, erinnerte an José Marti, Frederico Marinas und Fidel Castro. Wer war bloß Frederico Marinas? Ein Studentenführer? Überall im Straßenbild hingen Plakate von Ché, von Fidel, und eines zeigte sogar den Weltbankpräsidenten mit einer Hakenkreuzbinde. Ein weiteres Plakat zeigte Adolf Hitler, wobei der Text dazu bestimmt hitlerfeindlich war,… weiter lesen
Fernreisen nach Übersee waren für ihn nicht so gefährlich wie die kurzen Shuttles von Easyjet, wo der Käpt´n inzwischen selbst die Karten abriß und die Koffer verstaute. Da passierte es ihm immer wieder, dass er in die falsche Maschine stieg wie in einen falschen Bus. Das waren ja alles Ein-Mann-Betriebe. Aber nach Kuba, zum Kommunismus, da war es anders, da wurde noch der ganze Apparat angeschmissen, wie in der „DDR“ damals. Auf jeden Passagier kamen mehrere Sicherheitsbeamte, offizielle und inoffizielle Mitarbeiter. Dafür flog man auch wesentlich langsamer. Die alten sozialistischen Propellermaschinen brauchten für die Atlantiküberquerung ungefähr die Zeit, die sich auch Kolumbus hatte nehmen müssen. Aber, um immer so präzise wie möglich zu bleiben: als ER dann im Flugzeug sass, hatte er einen Platz direkt an den Flügeln und am Fenster, und dabei konnte er recherchieren, dass der Antrieb der altersschwachen Maschine doch aus vier tonnenschweren Düsen kam, die an… weiter lesen
Die Reise hatte ihn zermürbt, keine Frage, aber das Blatt konnte sich noch wenden. Eine Schlacht war verloren, aber nicht der Krieg. So bereiste ER weiter Italien. Über Ancona kam er nach Grottammare, wo er eine Nacht im teuren Asconi und zwei im freundlichen Sylvia blieb. Es war eine sentimentale Reise, in Venedig endend, wo sie auch begonnen hatte. Er spürte, wie er, wie so viele deutsche Künstlerseelen vor ihm, immer sentimentaler wurde. Und verzweifelt. Nachts war die Stadt ein gluckerndes Etwas, schwer zu beschreiben, die Luft wie schwere Seide, tausend gelbe Lichter auf dem Wasser, und er suchte alle entgegenkommenden Gesichter ab, ob nicht ein bekanntes dabei sei. Dann war er endlich wieder in Berlin, aber nur für eine Nacht. Er durfte nicht rasten, reisen mußte er! Das hatte ihm doch sein großer Mentor eingeschärft. Und so ging es am nächsten Morgen weiter Richtung Kuba. Der große Unterschied diesmal:… weiter lesen