Archive for Juli, 2007

29.07.2007 von lottmann
blogavatar

9. Kapitel: Immer mehr Ferien

von lottmann

Habe heute nun die wichtigste Sache bezüglich des Großprojekts hinter mich gebracht, nämlich den Lonely Planet Südafrika gekauft. Nun weiß ich mehr über das Gebiet. In Johannesburg soll es gar nicht so kriminell zugehen. Die Chance, in einen echten gewalttätigen Überfall verwickelt zu werden, sei nahe Null. Und dem Lonely Planet kann man vertrauen. Wäre es anders, müßte ja jeder zweite Einwohner Angst vor dem ersten haben. Millionen Weiße müßten zittern – tun sie aber keineswegs. Übrigens zum Wort “Weiße” bzw. “Schwarze”: eine kluge Freundin meinte gestern, nichts sei so rassistisch wie diese angeblich so politisch correcten Bezeichnungen. Und sie hat völlig recht. Ich werde mich selbst daran halten. Werde nie wieder Deutsche, Belgier, Comiczeichner, Saabfahrer, Münzsammler, Computerfachleute und so weiter mit so einem vorzivilisatorischen Totschlagbegriff wie “Weißer”, “Gelber” oder “Schwarzer” bezeichnen. Ich nenne ja auch nicht alle Frauen auf der Stelle, zuallererst und unaufhaltbar “Busenträger” – jedenfalls nicht, wenn… weiter lesen

26.07.2007 von lottmann
blogavatar

7. Kapitel: Der weisse Kontinent

von lottmann

Allmählich hellt sich mein Bild vom schwarzen Kontinent immer mehr auf. Sven Lager schreibt, ich solle keine Angst haben, alle seien lieb, ja: sie liebten dort die Deutschen ganz besonders! Ich war ganz verblüfft. Tatsächlich siedelten im vorvorigen Jahrhundert neben den Niederländern auch viele Deutsche, vor allem Norddeutsche, in den Provinzen Transvaal und Oranje. Tüchtige Leute offenbar. Unbeliebt seien lediglich die Briten und die US-Amerikaner. Nur gegen sie richtet sich der Haß und die Gewalt, die brennenden Autoreifen und so weiter. Ich chattete zurück, ob man das denn so genau unterscheiden könne. Ich selbst könne kaum einen Engländer von einem New Yorker unterscheiden. Doch, meinte Lager, die Buren hätten dafür eine feine Nase entwickelt, im Laufe der Jahrhunderte.
Meine Recherchen ergeben inzwischen ein freundliches Bild. Neben der weißen Ur-Bevölkerung leben in Südafrika auch Zulus, die ab 1816 von Norden her eindrangen, und andere Stämme, die von den Zulus vor… weiter lesen

23.07.2007 von lottmann
blogavatar

…und weiter…

von lottmann

Hegel, auch kein Dummer, war davon überzeugt, daß Afrika keine Geschichte habe und daher zur Entwicklung unfähig sei. Wie gesagt, Hegel. Nicht ich. Ich gebe nur den täglichen Stand meiner Vor-Recherche wieder. Auch das Gleichnis mit dem Haushalt und den vier Wochen abwesenden Eltern ist NICHT von mir. Wo die Eltern von ihrem Südfrankreich-Urlaub zurückkommen und sich nur wundern können. Ihre drei Lieblinge scheinen in der Zwischenzeit vollkommen unvernünftig geworden zu sein! Warum nur, warum? Die Wohnung sieht aus! Sogar die Vorhänge haben sie zerschnitten. Alles ist kaputt, das Bad steht unter Wasser, den Tablettenschrank haben sie für einen Bonbonladen gehalten. Keiner hat den Müll weggetragen, Sarah blutet, der kleine Ben hat die dagelassenen Geldscheine verbrannt, um die Küche zu wärmen. Die Telefonrechnung ist nicht bezahlt, die Steuererklärung nicht bearbeitet. Der Motor des Autos ist abgewürgt, der Zündschlüssel abgebrochen und im Schloß steckengeblieben, die Reifen ohne Luft, weil es beim… weiter lesen

22.07.2007 von lottmann
blogavatar

…und weiter…

von lottmann

Beginnen wir zur Abwechslung mit einer kurzen Notiz für die Rubrik “Fragen Sie Joachim Lottmann”. Die Frage wurde von meiner Nichte Hase aus einem Bastkorb mit über 100 gemailten und ausgedruckten Leserfragen gezogen.
“Kürzlich hörte ich zufällig auf einer Geburtstagsparty im brandenburgischen Umland (Berlins) einen Mann sagen, Sie seien ein Autor, der manchmal homophobe Züge habe. Er drückte es umständlicher aus, meinte aber in etwa dieses. Ist das zutreffend?”
Richard Bücklers, Altonaer Teichweg 8, 20144 Hamburg
“Das ist grober Unfug. Man hat nun wirklich Wichtigeres zu tun, als irgendwelche Gruppen unserer Gesellschaft nicht zu mögen. Ich muß arbeiten, mein Einkommen erwirtschaften, meiner Familie gegenüber Verpflichtungen erfüllen. Ja, ich spreche ganz bewußt von ‘Pflichterfüllung’. Die Leute denken oft, ein Intellektueller oder Schriftsteller lebe nur in seinen Phantasien. Dem ist ganz und gar nicht so. Der Alltag fordert einen stets. Und Katastrophen, meist eher kleine, passieren öfter, als Außenstehende… weiter lesen

20.07.2007 von lottmann
blogavatar

…und weiter…

von lottmann

Es gab ja nicht nur einen Afrika SPIEGEL Titel, sondern es gibt auch ein extra Afrika SPIEGEL SPECIAL Sonderheft zu dem Thema, nämlich: ’50 Jahre nach Ende des Kolonialismus: AFRIKA – DAS UMKÄMPFTE PARADIES / mit einem Beitrag über Bob Geldof’. Das habe ich mir nun gekauft und lese darin wie in einer Bibel. Also doch schon ziemlich wenig amused. Es ist dasselbe Prinzip wie im regulären Heft. Millionen Mißstände werden aneinandergereiht, und am Ende denkt der Leser: shit happens. Nein, er denkt, soviel shit kann doch gar nicht happen. Wo ist bloß der Haken an der ganzen Sache? Was wird mir hier verschwiegen? Mein eigenes Mißvergnügen an dem Terrain wird immer größer. Was mache ich denn, wenn ich den Grund rauskriege, der aber nicht p.c. ist? Soll ich dann den medialen Kamikaze-Tod sterben? Keine Lust dazu! Und wenn ich aber den Grund auch nicht rauskriege, dann bin ich nur… weiter lesen

20.07.2007 von lottmann
blogavatar

…und weiter…

von lottmann

Ich weiß noch, wie ich vor Monaten Judith den SPIEGEL mit der Afrika-Titelgeschichte zu lesen gab, als Lackmus-Test. Ich wollte sehen, wie ein normaler Mensch, also einer, der seine fünf Sinne noch beisammen hat, auf sowas reagiert. Die redliche junge Frau las die ganze Story, ich beobachtete sie dabei, und ihre Sorgenfalten auf der Stirn wurden immer tiefer. Schließlich war sie fertig und rief aus: “Und was ist jetzt der GRUND für das alles?!” Sie meinte: für das ganze Elend, das da in tausend Facetten und mit SPIEGEL-typischen unermüdlichen Eifer ausgebreitet wurde. Alles ging den Bach runter, alles, alles, auf allen Ebenen, und wo immer das Auge auch hinfiel. Die Brunnen vertrockneten, die Post wurde nicht mehr zugestellt, die Herrscher waren korrupt, die Kinder verhungerten, die Ernte wurde nicht zum Markt gebracht, die Eisenbahn verfiel, die Mediziner verließen die Krankenhäuser, die Lehrer bekamen kein Gehalt, das Geld war nichts wert,… weiter lesen

18.07.2007 von lottmann
blogavatar

6. Kapitel: Sommerferien

von lottmann

Nun hat die Ferienzeit begonnen, niemand kann mir etwas anderes erzählen. Seit einer Woche liegen alle nur noch am See. Natürlich plage ich mich weiter mit Afrika ab, und hier paßt die Hitze ja auch. Unten bei den Schwarzen wird die Stimmung nicht anders sein. Alle am See, wenn auch das ganze Jahr über und nicht nur in den Ferien.
Die Stadt ist völlig ausgestorben. Man steht am neuen Hauptbahnhof, ganz hinten am Ende des Gleises, und der Himmel ist immer noch fernab glutrot, obwohl schon 22 Uhr ist, unten fließt lautlos als gestaltlose schwarze Suppe die Spree, und niemand ist da. Stell Dir vor, Du gehst zum neuen Berliner Hauptbahnhof und niemand ist da. Schrecklich. Dann eben doch viel lieber, nicht wahr, Johannesburg. Da wird doch jemand sein, egal wo, ja überall, und ganz viele!
Unfaßbar, was alles organisiert werden muß. Ich lese in alten Büchern darüber.… weiter lesen

13.07.2007 von lottmann
blogavatar

5. Kapitel: Sex in Afrika

von lottmann

Für die vielen Zuschriften zur neuen Rubrik „Fragen Sie Joachim Lottmann“ muß ich mich wirklich und ausdrücklich bedanken. Zwei weitere Antworten sollen auch sogleich folgen.
Frage: „Immer wieder tauchte in der Vergangenheit hier und da das Gerücht auf, Sie hätten den großen Altphilologen und Poptheoretiker Diedrich Diederichsen selbst gekannt. Was stimmt an diesen Gerüchten, oder sind sie allesamt falsch? Und wenn sie stimmen, so möchte ich Sie fragen: wie verlief diese Begegnung und war sie positiv?“
Olaf Moll, Gipsstraße 20, 4500 Kiel
Antwort: „Ja, es stimmt, als Zeitgenosse, wenn auch nicht Generationsgenosse, habe ich Diedrich Diederichsen selbstverständlich noch gekannt, ja sogar kennengelernt. Ich kannte nicht nur seinen Ruf und einige seiner Schriften, sondern auch ihn selbst. Ich will nicht sagen, daß ich ihn persönlich kannte, sozusagen als Mensch, aber ich habe mir immerhin rein äußerlich ein Bild von ihm machen können. Ich war 17 Jahre alt, und… weiter lesen

11.07.2007 von lottmann
blogavatar

4. Kapitel: “Fragen Sie Joachim Lottmann”

von lottmann

Meine Lieblingslektüre ist seit vielen Jahren die Rubrik in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung „Fragen Sie Marcel Reich-Ranicki“. Etwas in dieser Art wollte ich immer schon selbst gern machen. Ich beginne heute mit einer ersten Frage und einer ersten Antwort.
Frage: „Die deutschsprachige Schriftstellerin Elke Naters war Ende des letzten Jahrhunderts in aller Munde. 1998 war sie sogar auf der Titelseite des SPIEGEL. Heute hört man weniger von ihr. Wie erklären Sie sich das und wie stehen Sie selbst zum Werk der Autorin?“
Ernst Falk, Bredowstraße 11, 10553 Berlin
Antwort: „Ich schätze und bewundere Elke Naters sehr. Sie hat großartige Romane geschrieben. Sie gehört zu den besten Schriftstellerinnen der Gegenwart. Sie beschreibt scharfsinnig und mitleidlos ihre Generation. Ja, ich lobe ausdrücklich ihre Sprachkraft und ihr hohes Talent! In den Schulen wird zumeist noch ihr Debutwerk „Königinnen“ gelesen, das als Meilenstein zwischen feministischer und postfeministischer Literatur in Deutschland gilt.… weiter lesen

10.07.2007 von lottmann
blogavatar

3. Kapitel: Buch fertig!

von lottmann

Laßt es mich einmal wie in amerikanischen Serien ausdrücken: Ich darf über alles reden, worüber ich reden will, richtig? Solange ich dabei keinen kränke, richtig? Und es muß mir auch nicht peinlich sein, richtig? Und es muß auch nichts mit dem gleichnamigen Buch, das bei Kiepenheuer & Witsch erscheint, zu tun haben, richtig? Nun – jedenfalls nicht ab dem „Adios, comandante Herrndorfer“-Eintrag, denn das war die Deadline für die Printfassung. Alles, was danach kam, kommt und kommen wird, ist wurscht. Passt nicht mehr zwischen die Buchdeckel. Hat mein Verlag soeben mitgeteilt. Das Buch sei defintiv jetzt fertig, es knallten schon die Sektkorken. Startauflage 50.000, sogenannter KiWi-Spitzentitel…
Aber wie ich meinen nicht ungenialen Lektor kenne, wird er alles wieder umschmeissen, wenn er erst „Lottmann bei den Schwarzen in Afrika“ in Händen hält beziehungsweise auf dem Bildschirm sieht. Das wird er nicht ignorieren, da wird er eigenhändig die Druckerpressen wieder anhalten.… weiter lesen