…und weiter…

von lottmann

Noch nie bin ich so viel und beherzt Treppen gestiegen wie bei diesem „9to5 festival“. Wenn ich nicht gerade live bloggen mußte. Ein irres Gefühl übrigens. Das live bloggen. Das Treppensteigen auch. Aber das Treppensteigen kannte man ja schon, von früher, als die Häuser noch keine Lifts hatten; wir älteren hatten das noch miterlebt, nach dem Krieg. Lifts gab es auch im Radialsystem, aber sie waren den Massen nicht gewachsen. Dauernd dachte man, jetzt stürzt gleich ein Aufzug mit seiner Überladung von vielen Dutzenden zahlenden Nerds krachend in die tiefe Tiefe.
Aber, wie gesagt, das live bloggen, ein irres Feeling. Normalerweise marschiere ich ja wie Millionen andere Arbeitnehmer auch zu meinem Arbeitsplatz, morgens um neun, in die Kochstraße, versuche nicht zu spät zu kommen, grüße den Pförtner, tue freundlich zu den Kollegen, blogge bis zur Mittagspause, reihe mich ein, erzähle frauenfeindliche Witze, und versuche auch sonst, den Erwartungen an mich gerecht zu werden. Dann wird das Geschriebene überarbeitet, redigiert und so weiter. Schließlich wird es fein säuberlich vom Blogwart ins Netz gestellt. Aber diesmal – alles ganz anders! Ich wurde angestarrt wie ein exotisches Tier. Blitzlichter von Leserreportern knatterten unentwegt, während ich schrieb. Ich hörte Leute ungeniert hinter mir sagen: „Das ist Lottmann. Der bloggt hier.“ Oder sogar: „Guck mal, Joachim Lottmann. Den gibt es wirklich! Ich dachte immer, Unfried schreibt das alles.“
Doch genug von mir. Wo doch so viele andere interessante Leute versammelt waren / sind. Jörg Schröder drückte ich erfreut die Hand und sagte:
„Schön, daß Du endlich bei uns bist, Jörg, in Berlin meine ich!“
„Ja, das haben Sie ja geschrieben.“
„Du hast es gelesen? Das ehrt mich aber…“
„In Ihrem Blog, natürlich.“
„Ja, es war die beste Entscheidung Deines Lebens. Eine gute Zeit beginnt jetzt für Dich, hier, in dieser Stadt, das merkst Du doch auch, oder?“
Ich zeigte in einem Bogen auf die umstehenden Menschen.
“Sie haben recht…” Die Stimmung war noch besser als am ersten Tag, noch mehr ‘Woodstock’ lag in der Luft, die Besucherzahl hatte sich verdoppelt. Auch bei Woodstock hatten die Veranstalter nur mit 50.000 Besuchern gerechnet, und dann kamen 500.000! Im fünften Stock, in den kollektiven Schlafsälen, war in der ersten Nacht bereits freie Liebe praktiziert worden. Wer weiß, was noch alles folgte. Ich unterhielt mich weiter mit Jörg Schröder, der mir die Gruppe „Jeans Team“ nachdrücklich empfahl, die gleich auftrat:
„Sie müssen sich Jeans Team ansehen. Merken Sie sich den Namen: Jeans Team!“
Dafür war ich ihm später äußerst dankbar, denn dieses Konzert war das erste seit meinen Human League Jugendtagen, das mir gefiel. Ich hasse ja jede Art von Rockmusik, und dies hier war keine.
Die meisten Menschen waren an den Veranstaltungen interessiert, wenn auch Tausende ständig in den Decks, Terrassen und Gärten herumstanden und aufgeregt-beglückt redeten. Einmal sah man Jörg Morisse durch all diese Etagen rennen und springen – er verfolgte jemanden. Es war exakt wie diese lange Verfolgungssequenz in dem letzten James Bond Film „Casino Royale“, wo Daniel Craig oder wie der heißt gleich am Anfang einen fremden arabischen Bombenleger verfolgt. Jörg Morisse, der immer noch die härteste Tür der Stadt sein wollte, verfolgte auf genau diese Weise einen glatzköpfigen, bärtigen, krummbuckligen Nerd, der ihm mit einem falschen Bändchen durch den Eingang geschlüpft war (nämlich mit dem Bändchen vom Vortag). Durch alle Etagen, Treppenhäuser, Gerüste… Endlich hatte er ihn, drehte ihm den Arm nach hinten, und er pulte dem völlig erschöpften jungen Mann aus dessen hinterer Gesäßtasche die 45 Euro Eintritt heraus, drei oder vier zerknüllte Scheine und ein paar silberne Münzen. Dann ließ er ihn laufen. DER stieg wahrscheinlich keine Treppen mehr an diesem Abend, benutzte nun gemächlich den Aufzug…
Sicher wäre es auch Judith so ergangen, aber ich zahlte ihr das Ticket. Eigentlich bin ich pathologisch geizig, aber diesmal wollte ich eine Geste der Generiosität hinlegen, da ich wußte, dass es höchst wirkungsvoll sein würde nach der Enttäuschung zuvor. Sie hatte auch meinen Blog gelesen und sprach mich darauf irgendwann an. Normalerweise liest sie meinen Blog nicht. Sie interessiert sich nicht so für meine Meinungskämpfe, findet aber manche Stellen immerhin „lustig“. Sie fragte also, was daran falsch sei, Adenauer einen alten Mann zu nennen.
„Naja, Kind, er war doch der Zimmerer der deutsch-französischen Freundschaft!“
„Und wie alt war er damals?“
„Hm… ungefähr… 91 Jahre.“
„Siehst Du! Und was ist daran falsch zu sagen, Houellebeq sehe aus wie ein Penner?“
„Michel Houellebeq hat wie kein anderer den Warencharakter der Sexualität in der fortgeschrittenen Entfremdung und Entmenschlichung des Medienkapitalismus…“
„Und wie sieht er aus? Wie ein Penner, oder?“
„Er ist kein Penner, sondern der größte lebende Schriftsteller unseres geliebten Nachbarlandes, der Kulturnation Frankreich!“
„UND WIE SIEHT ER AUS?!“
Ich wollte nicht schon wieder Ärger haben (sondern was kriegen für die 45 Euro), und so murmelte ich:
„Wie ein Penner.“
Nun lief es wieder. Judith war einem nie lange böse. Der Rekord lag bei zwei Tagen. Jetzt wollte ich ihr natürlich gern Jörg Schröder vorstellen. Der Mann hatte ja wirklich ein gutes Gesicht, so wach und klar – da konnte Judith einfach nichts gegen haben. Trotzdem machte ich wieder den Fehler, die geistige Größe Schröders anzusprechen, ihn intellektuell einzuordnen, gewissermaßen seinen ideengeschichtlichen Fingerabdruck anzufertigen. Die Bedeutung, die sein Buch „Siegfried“ gehabt hatte, dieser Paukenschlag des respektlosen, arroganten, genialischen Schreibens eines dezidierten Nicht-Schriftstellers, und so weiter – ich kam nicht weit. Bei dem Bandwurmsatz, was Schröder alles vor 30, 40 Jahren vorweggenommen hatte, vom Verzicht auf die Legitimation eines etablierten, halbstaatlichen Literaturbetriebs bis zur Revolutionierung der Vertriebswege, tauchte der Gute plötzlich auf, und ich flüsterte:
„Oh, Judith, da ist er!“
„Wer?“
„Na, Jörg Schröder, dort hinten…“
„Gerd Schröder, echt? Der Bundespräsident?“
„Nein, JÖRG Schröder, von dem ich gerade erzählte…“
„Ich hab grad nicht zugehört. Also nicht DER Schröder?“
„Nein, nicht der ehemalige Bundeskanzler.“
„Ist die Merkel auch da?“
„Nein.“
„DIE würd ich ja gern mal kennenlernen.“
„Jetzt gibt’s nur Jörg Schröder. Das ist der Mann, der neben dem weißen Tisch mit den beiden Computern steht.“
„Der kleine Typ mit den silbernen Haaren, die ihm über den Kragen wuchern?“
„Äh… ja, der.“
„Der sollte mal zum Frisör gehen.“
„Willst Du ihn kennenlernen?“
„Nö.“
„Warum denn nicht!“
„Warum sollte ich denn? Wie sieht der denn aus?“
„Ich… ich habe dir doch gerade erklärt, was an ihm toll ist!“
Sie wurde böse.
„Und wenn du dreimal in den Schnee pißt, der Typ geht mir trotzdem am Arsch vorbei! Guck ihn dir doch nur an, er sieht scheiße aus! Und jetzt nerv mich nicht mehr damit, ich will Spaß haben und keine Leute anlabern, die sich nichtmal nen anständigen Friseur leisten können und offensichtlich keinen STYLE haben!“
„Ist ja gut, Schatz.“
Man durfte ihr nichts krumm nehmen. Manche Leute konnten eben diesen ideengeschichtlichen Fingerabdruck nicht lesen, so wie manche Suchmaschinen nicht „simpletext“ lesen konnten, das Programm, auf dem ich immer schrieb, mit meinem Würfel Apple Macintosh von 1992. Das war oldschool. Judith verstand nur myspace. Das war bewußtloser Datenschrott von 2007, der sich alle 14 Tage verdoppelte. Wer weiß, vielleicht konnte ja ICH den nicht lesen – die Wahrscheinlichkeit lag nahe.
Auf dem Deck sprach mich Laura Kroth an, eine junge Agitatorin von Transparancy, was wiederum eine Organisation gegen Kurruption ist. Hier verstand ich zum erstenmal, was die Macht und die Chance der jungen Generation und der neuen Medien ist, sozusagen ihr Aufklärungsanteil. Ungeheurer Optimismus durchflutete meinen Körper.
Allein dafür lohnte es sich.


5 Kommentare zu "…und weiter…"

  1. Pingback: Abgesurft: Darf man das (auch) kitschig finden? » Paperholic

  2. gähn…..

    einmal bar 2,50 macht noch keinen sommer…

  3. Joachim,

    auch wenn Laura zweifelsohne über aufrührerische Kräfte verfügt, ist sie in erster Linie nicht Agitatorin für Transparency, sondern Projektleiterin des diesjährigen Bruttosozialpreises – http://www.bruttosozialpreis.de – dem deutschlandweit einzigen Nachwuchswettbewerb im Bereich Sozialmarketing.

    Grüße!

    -Fabian, Bruttosozialpreis-Blogger auf wasnuetztdasguteingedanken.de

  4. Pingback: Was nützt das Gute in Gedanken?

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