Sonderkapitel, Nachlese

von lottmann

Wenn ich in wilder Assoziation sagen soll, was mir in den 72 Stunden alles passiert ist (10.000 Zeichen kommen bestimmt locker zusammen), so klingt das so: Greta und Laura waren erkennbar Persönlichkeiten, die in fünf bis zehn Jahren (oder geht heute alles noch viel schneller?) so bedeutend sein werden, daß sie mich, wenn ich sie auf dem Handy anrufe, einfach wegdrücken. Ich habe das in meinem Leben immer wieder erlebt. Ich lerne die großen Persönlichkeiten stets vor ihrer Berühmtwerdung kennen. Ich sehe sofort, wenn ein Mensch berühmt wird. Seltsam, daß das nicht auch anderen so geht. Andere merken es erst, wenn ihnen die Person aus den Medien entgegenplatzt: „Oh, hoppla, das ist doch die kleine Maus, die mich auf dieser Party angequatscht hat, wo war es doch gleich?“ Ich dagegen erkenne eine kommende Berühmtheit sofort. Immer. Unfehlbar. Ich habe mich da noch nie geirrt. Diesmal, bei 9to5, waren es Laura und Greta.
Aber auch sonst viele gute Gesichter. Eigentlich war es die Regel. Etwa drei von vier Leuten waren klasse, also richtig helle Köpfe, selbstsicher, leise, freundlich. Nur in den Seminaren und Diskussionsforen sah man dann ab und zu auch den Bodensatz, ewige Studenten, unauthentische Unentschlossene, die genauso gut bei Bhagwan, im Shiatzu Tempel, im Viertstudium Umweltphysik & Medienbiologie, in der Initiative Behindertensport oder bei Scientologie hätten landen können. Diese gruppensuchenden Außenseiter, die selbst der Große Veranstalter Holm Friebe nicht verhindern kann.
Mit Judith kam es tatsächlich noch zum happy end. Sie begeisterte sich sogar für das Buch von Kerstin Grether „Zuckerbabies“. Etwas Klügeres kann man in sein Gehirn nicht reintun. Nun wird sie den Kult der Oberflächlichkeit („wahr ist lediglich, was man sieht“) bald hinter sich lassen. Man soll eben die Hoffnung bei den jungen Leuten nie aufgeben: „Sie hat ja so große AUGEN!“ (Jutta Winkelmann).
Ja, die ´Augen`… ein weites Feld. In der Halle im Erdgeschoß kam es zu Tischtennisbegegnungen. Herrndorf forderte alle, auch mich, und gewann immer. Er schlug sogar betrunken und mit der linken Hand (rechts das Whiskyglas) einen perfekten Ball nach dem anderen. Er wollte gar nicht gewinnen, war aber zu voll, um noch absichtlich daneben schlagen zu können. Nur noch die Instinkte funktionierten, und die kannten nur den richtigen Schlag. Am Ende lag die gesamte Z.I.A. Mannschaft gedemütigt am Boden. Auch ich, und ich schämte mich. Noch nie hatte ich im Tischtennis so eindeutig verloren.
Die Rede von Frietjof Bergmann galt als gefühlter Höhepunkt der vier Tage. Mitreißend! Was man da alles erfuhr! Der Professor und ehemalige leidenschaftliche Marxist – er lehrte selbst den Kindern an den Schulen den Marxismus – hielt einen Vortrag über nichtentfremdete Arbeit, den niemand mehr vergißt. Sein Vortragsstil war sehr persönlich, mit eingebauten Fehlern, mal zu leise, mal zu laut, alttestamentarisch wuchtig, filigran digital. Da stand Moses und trug die Steinplatten auf die Bühne, auf denen die neuen Gebote für das ausgewählte Volk der W-LAN-Besitzer standen.
Später, Stunden danach, bei der intimen Diskussion im kleineren Kreis (noch etwa 50 Leute konnten einfach nicht genug kriegen), verlor sich die Wirkung etwas. Popstar Bergmann fehlte nun das Mikro. Plötzlich merkte man, daß sein Vortrag auch schon vor zehn Jahren hätte geschrieben werden können. Was war mit den neuen Entwicklungen der letzten zwei, drei Jahre? Kanzler Schröder hatte die Arbeitsämter konsequent zu Job-Agenturen umgebaut. Jeder Arbeitslose wurde heute nach seinen Talenten, Wünschen, kleinen und großen Vorlieben abgeklopft. Ein Job-Agent kümmerte sich rührend um ihn. Immer wieder wurde er gefragt: „Was macht Ihnen wirklich SPASS?“ In zahllosen persönlichen Einzelgesprächen versuchte der Trainer und Job-Therapeut, verborgene und verschüttete Visionen und Ziele herauszukitzeln. Arbeitslose Ärzte entdeckten nach 25 verlorenen Berufsjahren, daß sie lieber Oberkellner in einem Fast Food Restaurants geworden wären. Arbeitslose Oberkellner träumten in Wirklichkeit davon, bei der Mafia wirtschaftlich tätig zu werden, und so weiter. Alles Forderungen von Frietjof Bergmann, die längst erfüllt waren.
Ein weiterer (bereits überholter) Punkt war die Forderung nach mehr Praktika, mehr Berufswechsel, nach mehr „Ausprobieren“. Inzwischen leiden die Studenten darunter, ein Praktikum an das nächste zu hängen, später pausenlos die Städte und die EU-Länder zu wechseln. Ununterbrochen fließt Lebenserfahrung und neue Berufspraxis in die armen Biographien hinein, ohne daß dadurch echte Werte entstünden, wie Glück, Bindung, Freundschaft, Treue, Heimatliebe, Muße, erotische und körperliche Höhepunkte. Stattdessen fühlten sich die jungen Leute wie hyperaktive Hamster in immer neuen Rädern. Hier an diesem Punkt stand Laura Kroths Freundin Greta auf und rückte die Dinge wieder zurecht. Dem Professor stand der Mund offen.
Dessen immer wieder wiederholte These war, daß 80 Prozent der Menschen ihre Arbeit hassen und wie eine Krankheit erleben würden. Das sahen wir natürlich alle so. Also daß DIE ANDEREN, die „da draußen“, die außerhalb der digitalen Bohème Lebenden, ihre Arbeit hassen würden. Aber wissen wir es so genau? Natürlich würden WIR jeden Angestelltenjob hassen. Aber die Nachbarin vom zweiten Stock, die Frau Janssen, die LIEBT womöglich ihr schönes Leben – im Betrieb, in der Freizeit, in der Familie, in den unfaßbar vielen Urlaubsreisen. Sie arbeitet acht Wochenstunden weniger als zu Beginn ihrer Laufbahn. Professor Bergmann dagegen behauptet, der Arbeitsdruck auf sie würde unerträglich zugenommen haben, würde sie zerstören. Man stellt sich bei dem Wort Indio-Kinder in den spanischen Kupferminen im 16. Jahrhundert vor. Aber Frau Janssen arbeitet 36 Stunden in der Woche, und wenn das Kleine kommt, halbiert sie ihre Stelle auf 18 Stunden. Das kann man dann wirklich nicht mehr Arbeit nennen.
Und weil das so ist, nennen die 9to5 Initiatoren ihr Bloggen & Surfen „Arbeit“. Auch ich bin in diesen vier Tagen davon überzeugt worden und nenne mein Geschreibsel auf der Borderline nachts um halb eins nun ebenfalls „Arbeit“. Hört Ihr, ich arbeite! Ich bin mehr wert als Frau Janssen! Während die auf der faulen Haut liegt und mit ihrem dritten Mann aus zweiter Ehe bescheuerte DVDs guckt (gerade das Epos „300“), blogge ich gegen viel Bares über Gott und die Welt. Was viel besser ist.
Max Hiller von SAT1 klopfte mir nett auf die Schulter. Jutta Winkelmann beteuerte, sie empfinde mütterliche Gefühle für Judith. Sie möge einfach die jungen Frauen von heute, und Judith habe so große „Augen“. Bernhard von Guretzky mied die meisten Veranstaltungen, während Rainer Langhans immer wieder in der Menge badete, mit Wonne. Ihm gefiel es wohl ganz besonders. JUTTA-WINKELMANN-Schwester Gisela G. war angeblich auch da. Es war natürlich schwer für sie, dasselbe Interesse zu erregen wie die gutaussehende Schwester und geniale Autorin aus München Schwabing. Sie tat mir irgendwann leid, die kleine Schwester, aber suchen wäre ein unmögliches Unterfangen gewesen bei dem ungeheuren Auftrieb. So rief ich sie auf dem Handy an. Ich hörte es direkt neben mir klingeln. Sie hatte seit Stunden in meiner unmittelbaren Nähe gestanden. So war das, beim 9to5 festival, so ging es allen.
„Da bist du ja, Jutta!“
„Nein, ich bin es, Gisela.“
„Ja, meine ich ja!“
„Wenn du Jutta Winkelmann suchst, die ist gerade in den Raum ´Bremen´gegangen.“
„Nein, ich suche nicht deine Zwillingsschwester, ich suche gar nicht Jutta Winelmann.“
„Wen denn dann?“
„Dich, Gisela.“
Sie sah mich an. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. So etwas hatte sie lange nicht mehr gehört. Ich nahm sie später in den Arm und meinte, auch im Märchen sei doch Aschenputtel die Heldin und nicht die tolle Frau im Rampenlicht. Wir gingen zu Jens Friebe, der ein weiteres Kapitel aus seinem beliebten Roman „52 Wochenenden“ las (ich berichtete). Der Mann schrieb richtig toll. Er ist ein ganz großer, kluger Autor, der jeden seiner stets sprudelnden Gedanken exakt zu Papier bringt, ohne Reibungsverluste, und diese Gedanken sind stets ANDERS, also um genau jenen Grad anders, den wir selbst, die Freunde Jens Friebes, die Elite der Digitalen Bohème, anders sind. Wir müssen nicht extra denken, um anders zu denken, sondern denken von vornherein so, während normale deutsche Autoren erst einen gewissen Aufwand betreiben müssen, um ihre normalen Gedanken aufzupimpen. Er brachte mich also dazu, das Buch am nächsten Tag bei Dussmann zu kaufen.
Das war ein Montag, und das normale Leben ging wieder los. Ich las den Jens Friebe sofort durch, da ich ihn an Babette weiterverschenken wollte, die Geburtstag hatte und 18 Jahre alt wurde. Der SPIEGEL war inzwischen draußen, mit einer sexy Chinesin auf dem Titel, die Computerspionage betrieb. Das Wetter schlug um, der Sommer war mit dem Festival zuende gegangen. Rainer Langhans und seine vier Frauen blieben nun auch nicht länger. Sie konnten zufrieden zurück fahren – hatte ihnen doch die letzte Abschluß-Podiumsdiskussion eine beispiellose Genugtuung verschafft: Im Publikum forderten mehrere Debattenredner, die neue digitale Bohème (er nannte sie „Netz-Communities“) solle nicht nur im Netz, sondern auch im realen Leben zusammenkommen, solle gemeinsam leben, lieben, Häuser bauen, Güter herstellen – woraufhin ein anderer entgegnete:
„Genau! So wie damals die Kommune I!“
Viele nickten, manche klatschten. Der Kreis hatte sich geschlossen.


2 Kommentare zu "Sonderkapitel, Nachlese"

  1. Dass Du immer wieder weggedrückt wirst, wundert mich nicht. Äußerst amüsiert. Stefan

  2. das copyright auf die entdeckung gretas liegt aber eindeutig bei mir. ich weiss schon seit sechs jahren, dass sie mal eine ganz ganz grosse wird. klug, spontan und charmant ist sie ja bereits.

  3. das copyright auf die entdeckung von greta liegt aber eindeutig bei mir. seit sechs jahren weiß ich, dass sie etwas ganz besonderes ist und eines tages ganz gross sein wird. klug, attraktiv und unendlich charmant ist ja jetzt schon.

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