Spätestens seit dem Art Forum ist in der Hauptstadt die Saison eröffnet. Pre-drinking bei Judith schon am frühen Abend, so um 21 Uhr. Thomas Lindemann macht sich mit einer Flasche feinstem Billigmartini beliebt. 1,5 Liter No-Name-Fusel, dafür läßt man gern die langweiligen Klischeedrogen (Grass, Shit, Koks, Crack) stehen. Judiths Schwester sieht Stoibers Abschiedsrede auf dem CSU Parteitag, immer wieder auf Phoenix in der Heavy Rotation all night long. Das würde ich auch tun, zu Hause in der Geheimwohnung, aber tatsächlich ist der Fernseher kaputt. Seit Tagen schon. Also der Super-GAU, mit dem man nie rechnet. Man stellt sich schon vor, dass man krank werden könnte, eine Erkältung vielleicht, oder arbeitslos, oder dass die Freundin einen verläßt, oder die Eltern wegsterben. Aber Stoibers definitiv LETZTE Rede und der Fernseher bleibt tot – das kann sich keiner vorstellen. Überhaupt kann sich keiner, der seine fünf Sinne noch beisammen hat, eine Welt ohne… weiter lesen
Archive for September, 2007
Die Dokumenta zu sehen war schon schön mal wieder endlich irgendwie. Also doch, wirklich. Viel, viel schöner als früher. Dieses phantastische Wetter, die saftigen Wiesen und Hügel und Wellungen, Bächlein, Parkbänke, verliebte Paare, ruhige Einwohner, und: die totale Lärmfreiheit. Stille, wohin das Auge blickt. Keine Straßen, keine Industrie, keine Arbeit. Kein Maurer, der hämmert, kein Kind, das schreit. Kassel ist der ruhige Ort. Die in sich schwebende Mitte Deutschlands. Alles ist anständig und ohne Einflüsse. Keine südlichen Anrainerstaaten färben das Idiom, kein Osteuropa drängt sich in schlechten Jeans und kahlrasierten Schädeln heran. Hier ist alles noch wie 1951, und so sieht es auch aus. Wie gesagt, eine schöne Documenta diesmal, und mit dem Mastermind bin ich wohl acht Stunden am Stück spazieren gegangen – wann und wo hätte es das jemals gegeben?
Anschliessend waren wir beide auf dem neuesten Stand. Gut zwölf Monate Informationsdefizit hatten wir aufgeholt. Ich weiss… weiter lesen
“Wo ist Joachim Lottmann?” fragten viele in den letzten vier, fünf Tagen, auch enge Freunde, Wohlgesinnte, Verwandte, sogar Judith Broehl. Thomas Lindemann meinte, ich hätte wohl schon wieder eine Krise, und es wäre ganz schrecklich. Ich war aber in Kassel bei der ‘documenta’, und dafür braucht man Zeit. Auch habe ich das ‘Jahr der Arbeit’ ausgerufen, am 3. September, für mich. Für eine große Geschichte in Volker Weidermann’s F.A.S. recherchiere ich undercover. Und Thomas Brussig traf ich beim Spiel Hertha BSC Berlin gegen Dortmund, wo übrigens auch Wolfgang Herrndorf, Philip Albers, die Herausgeber des ‘Merkur’ und die gesamte ZIA anwesend waren. Und Holm Friebe sowieso.
“Und – hälst du’s noch aus?” fragte Herrndorf den ostdeutschen Schriftsteller, den ich für die WamS zu portraitieren hatte. Mit Holm Friebe fuhr ich direkt nach dem Spiel weiter nach Kassel. Dort trafen wir Frank Hornung und seine beeindruckende Frau Pia, die mit uns… weiter lesen
Netter Abend gestern im neuen ‘Bonfini’ in der Münzstraße mit Armin Boehm und seiner reizenden Freundin Gesine Borcherdt. Später kam noch eine berühmte Malerin hinzu. An meiner Seite Judith, die aus Los Angeles vorzeitig zurückgekommen war. Es hat sich wohl herumgesprochen, dass es nun wieder losgeht in Mitte.
Der heutige Beitrag, den ich in der immer populärer werdenden Rubrik „Wiederholung beliebter Texte“ ins Netz stelle, quasi als letztes Betthupferl im zuende gehenden Sommerloch, stammt noch deutlich sichtbar aus meiner SPIEGEL-Zeit. Als er endlich erschien, war ich zwar gar nicht mehr bei dem Hamburger Nachrichtenmagazin (sondern einer der zehn erfolgreichsten Blogger Deutschlands), aber die für den SPIEGEL ungewöhnlich klare Handschrift, die den gesamten Langtext durchzieht, deutet auf eine persönliche Vorgeschichte hin. Um genau diese Handschrift ging es mir nämlich, auch wenn ich als Autor nicht gezeichnet habe. Es drehte sich schliesslich um das wichtigste Thema der aktuellen Publizistik: den angeblichen… weiter lesen
Ein Auslandskorrespondent, mit dem ich zur Zeit viel Kontakt habe, weil ich ihn im November für längere Zeit in Rom besuchen werde, beschwerte sich heute bei mir, ich würde im neuen Buch unsere geliebte Zeitung angreifen. Entsetzt fragte ich, wie er darauf käme. Ja, er lese meinen Blog, und ich würde schon wieder den SPIEGEL totloben.
„Totloben? In meinem Blog?“
„Ich habe auch die Fahnen bekommen. Da geht es sogar noch ärger zu. Wenn eine Steigerung noch möglich ist.“
Ich war fassungslos. Was meinten die Leute bloß immer mit diesem furchtbaren Wort vom ´totloben´ in meinem Zusammenhang? Sogar in Wikipedia stand das über mich drin. Ich hatte doch nur geschrieben, dass der Spiegel mehr Wahrheit enthalte als die Bild Zeitung. Ich seufzte schwer, ehe ich meinte:
„Warum soll ich nicht sagen, dass mir der Spiegel gefällt?“
„Du sagst es zu oft.“
„Glaube ich nicht.“
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Gestern ein wunderschöner Impressionisten-Sonntag, wie auf den entsprechenden Bildern (Paris, Berlin). Sascha Lobo, dessen bemerkenswerte Erfolge der letzten 18 Monate (‘Wir nennen es Arbeit’, 11. Auflage, Heyne Verlag, Euro 17,95) inzwischen auch finanziell durchschlagen, lud mich auf seine Yacht, und wir kreuzten durch die ausgedehnten Berliner Seen. Später besuchten wir Herrndorf in der Novalisstraße. Es war Lobo’s Idee, doch auch ich wollte mich von der Existenz Herrndorfs überzeugen. Ich war nie zuvor bei ihm gewesen und begann bereits mit der These zu liebäugeln, den Mann gebe es gar nicht. In ‘Klage’ wurde das zuletzt geradezu nachgewiesen. Das ist ein berühmter Blog bei Vanity Fair. Sein Autor schließt mit den Worten: “…womit für mich zwingend nahezuliegen scheint, daß niemand anderes als Joachim Lottmann hinter dem offensichtlichen Pseudonym ‘Wolfgang Herrndorf’ steckt.” In dessen Wohnung kamen wir aber schnell zu einem anderen Schluß. Ich würde niemals Flaggen amerikanischer Colleges oder gar Football Teams… weiter lesen
Überall höre ich jetzt das Gerücht (wobei Enttäuschung mitschwingt), das neue Buch sei ein reines Jubelbuch, völlig unkritisch, meinen journalistischen Freunden um den Bart fahrend. Man habe eine Art “Wallraff” erwartet und bekomme nun das übliche Bussi-Bussi-Gesülze, das man von Talkshow-Gästen kennt, wenn diese über ihre lieben Kollegen etwas sagen sollen. Es ist aber auch ein Dilemma: Meine Zeit als Deutschlandreporter hat mir gefallen. Ich schreibe gern. Ich mag grundsätzlich Leute, die auch gut darin sind. Günter Wallraff hat die Menschen bei BILD gehaßt, ich habe die Leute in der Brandstwiete geliebt. Wie soll ich schreiben, daß es anders wäre? Der einzige Konflikt, den ich hatte, war ein Prinzipienstreit, bei dem die andere Seite sogar die besseren Karten hatte, wie ich sofort erkannte. Nämlich bei der Frage des Redigierens. Ich war ein Vertreter der Arbeitsteilung: der Autor schrieb, der Redakteur redigierte. Beim SPIEGEL legte man dagegen (wie ich fand: zu… weiter lesen
Beim nächtlichen Spaziergang entdeckte ich gestern beim Weg vom Borchardt zum Auto in der Friedrichstraße im Schaufenster von Wempe die Uhr, die ich Katrin Kruse geschenkt hatte. Ihr könnt Euch vorstellen, wie ich die Augen aufriß. Konnte ich mich täuschen? Hatte sie die Uhr abgegeben? Freunde auf Diedrichs Party hatten mir ebenfalls gesagt, Katrin würde die auffällige Uhr nicht mehr tragen. Sogar der Gastgeber; er hatte vielsagend geschwiegen, so wie nur er, Diederichsen eben, so vielsagend schweigen kann, mit diesem Schmunzeln im Gesicht, den Kopf leicht nach hinten geschoben, das Kinn gereckt, dabei an einer schwarzen Zigarette ziehend, lang und intensiv. So war er, so ist er immer gewesen, so kennen wir ihn. Ich hatte nur gefragt, warum als einzige von 450 Freunden ausgerechnet Katrin Kruse nicht eingeladen oder zumindest nicht erschienen war, und er hatte diese Bemerkung gemacht, die ich nicht wiedergeben will. Es tut jetzt auch nichts zur… weiter lesen
Für das Schreiben, erst recht das mündliche Berichten, gibt es in manchen, seltenen Fällen ein ZUVIEL an Erlebten. Ich merkte es, als mich Elke (Naters, d.Red.) unmittelbar nach meiner Begegnung mit Houle (Michel Houellebecq, d.Red.) scharf zur Rede stellte:
“Na, und? Wie war’s?”
Ich konnte nur ausweichen. Ich faselte irgendwas, ich weiss es gar nicht mehr. “Und wo hast du ihn getroffen?”
Ich sagte, es sei wohl im Sky Train gewesen, das sei so ein Zug weit über den dächern Bangkoks, der in ziemlicher Höhe verkehre, viel höher als unsere S-Bahnen, 30 Meter über der Erde, sehr bemerkenswert, wie in Fritz Langs Metropolis, und er sei recht teuer, dafür führen nur sauber gekleidete junge Thailänderinnen darin, die einem genau gegenübersitzen würden und den Blick unterwürfig zu Boden… Elke unterbrach mich recht ungehalten.
“Genau wie bei Christian (Kracht), dieses Rumgelabere, ich kann es nicht mehr hören! Sprich… weiter lesen