…und weiter…
von lottmann…Natürlich sind auch die Ikonen der 80er Jahre anwesend, Svenja Rossa, Dorothee Berghaus, Albert Oehlen, Alexander von Schlieffen. Letzterer war gestern mein Tischnachbar, und wir unterhielten uns über den Deutsch-Französischen Krieg, die deutschen Erfolge im Ersten Weltkrieg und den Anteil seines Urgroßvaters daran. Ich zollte ihm natürlich meinen Respekt. Immer wenn wir uns sehen, parlieren wir als erstes über unsere Urahnen, erst später über die jüngere Vergangenheit. Letztere besteht zum Beispiel darin, daß von Schlieffen mit Ilaria verheiratet war, einer Italienerin, die eine Jugendfreundin meiner dahingegangenen Frau war und die bei uns sogar längere Zeit gewohnt hatte. Von Schlieffen wollte nun die ganze Zeit wissen, was aus meiner Frau geworden sei. Ich wich aus, er wurde immer unruhiger:
„Aber Ihr seht Euch doch noch?“
„Sie ist… nun, es fällt mir so schwer, das zu sagen…“
„Was, um Gottes Willen?!“
Ich blieb im Vagen; sie sei „auch schwer krank gewesen“, im Moment könne man nur hoffen und eigentlich nicht einmal das.
„So.“
Er fragte nicht mehr. Aber bald erreichte das Gespräch wieder die gewohnte Herzlichkeit. Ich konnte nur hoffen, daß die Frau nicht bald vor uns auftauchen würde, auferstanden aus dem Reich der Toten, wie in Hitchcocks „Vertigo“, wahrscheinlich Arm in Arm mit Ilaria. Jeder war da, warum nicht auch die beiden.
Das Schloß der Prinhorns, in dem die Diedrich Diederichsen Weihewochen abgehalten werden, lag im sogenannten „Buckligen Land“, zwei Autostunden von Wien entfernt. Ohne einen geländegängigen Wartburg Tourist 353 Super kam man nur schwer bis zur Burg. Da die meisten mit dem Flugzeug gekommen waren, erreichten viele nur über mühevolle Umwege und verspätet die große Sause; einige stecken jetzt noch fest. Natürlich gibt es auch nicht das, was wir Berliner „Handy-Empfang“ nennen würden. Mit Glück wird man ab und zu eine SMS los. Mein iBook lasse ich über ein analoges Telefonkabel ins Internet vordringen. Das dauert, scheint aber zu funktionieren.
Eine Frau namens Andrea Szussy oder so ähnlich lud mich zu einer Talkshow im Österreichischen Fernsehen am 16. September ein. Ich fragte, was das Thema sei, und sie sagte sinngemäß, man bräuchte keines. Die Person sei schon Thema genug. Ich fühlte mich geschmeichelt und sagte spontan zu.
Der Virus kollektiver Sympathie erfaßte nun alle mit voller Wucht. Leider ging es mir ausgerechnet mit dem Gastgeber nicht so. Die Beziehungen liegen seit 1988 mehr oder weniger auf Eis, so wie die zwischen Argentinien und England seit dem Falkland Krieg. Man gehört demselben Block an, ist höflich zueinander, bekennt sich zu den Werten des Westens, zu Demokratie, Menschenrechten, Pressefreiheit und Klimaschutz. Trotzdem wird man nicht euphorisch miteinander. Und auch diesmal wird es (bisher) nicht besser. Die Konversation beschränkt sich auf das Nötigste:
„Wo ist er denn untergekommen? Im Hotel Sonnenhof, wie irgendjemand mir sagte?“
„Ja, im Hotel Sonnenhof. Nici war so freundlich, meiner Freundin ihr Zimmer zu überlassen. Also meiner neuen Freundin.“
Hier wäre die Schnittstelle für eine persönliche Einlassung gewesen. Der Pop-Papst hätte nach der neuen Freundin fragen können. Aber er hörte das gar nicht. Alles Persönliche filterte sein genialer Intellekt automatisch als „Spam“ weg. Er schnarrte stattdessen eisig:
„Dann wünsche ich ihm eine gute Unterhaltung bei diesem Fest.“
Und drehte sich weg wie eines dieser Männchen aus „Mars attacks“.
Richtig herzlich wird es dagegen mit gemeinsamen Freunden aus der Kampfzeit, zum Beispiel Eschi Fiege und Dorothee Berghaus. Alle haben inzwischen Kinder, und manche sagen rührende Gedichte auf. Eschis Tochter ist erst vier, Dorothees wohl eher acht. Doch die Kleinere trug folgendes Gedicht vor:
„Lie-ba On-kel Di-driff-sinn /
Kanntu ham Ge-butz-tach drinn /
Va-ter Gott im Himmel Du /
Lass ihm gutgehn liebe Kuh!“
Also das war es, was ICH dabei verstanden habe. Wahrscheinlich war es eine freie Interpretation des Originaltextes. Aber die Gedichte der anderen Kinder waren auch nicht viel besser, was einfach daran liegt, daß das Gedichteschreiben zu runden Geburtstagen unserer Senioren seit dem Siegeszug des Internet ein bißchen aus der Mode gekommen ist. Später wurden die Kleinen in einen extra Kinderschlafsaal gebracht und mustergültig von österreichischen Bauernmädchen betreut. Im Herrensaal begann eine (damals bekannte) Neue Deutsche Welle Band zu spielen. Wie heißt der Sänger doch gleich… Götz Alsmann, nein, das wäre ja… oder Frieder Butzmann? Ich weiß es nicht mehr. Ich hätte natürlich lieber Die Zimmermänner gehört, die fabelhaft schlechte Band von Diedrichs Bruder. Das ist eine Art von Radikalität, die man auch mir selbst zugestehen könnte. Immerhin sehe ich Gudrun Gut, unseren high school Schwarm von 1982. Das macht mich sentimental, und ich durchbreche unsere ewige unsichtbare Mauer, indem ich ihn anspreche, Diedrich.
„Das ist aber wirklich nett, dass Du mich überhaupt eingeladen hast, Diedrich.“
Er lächelt dieses typische wohlmeinende grundgute Diederichsenlächeln, dieses nette Grienen, und meint:
„Na ja, so ganz freiwillig war es auch nicht.“
„Wieso denn?“
„Mir hat Nici irgendwann gesagt, es sei charakterlos, Dich nicht einzuladen. Nachdem alle Einladungskarten schon draußen waren.“
„Oh! Und… hättest Du das auch gefunden?“
„Was?“
„Äh, dass es charakterlos gewesen wäre, mich NICHT einzuladen?“
„Ich habe die Äußerungen von Nici grundsätzlich nicht zu interpretieren, glaube ich.“
„Nein, interpretieren nicht, aber… wir können doch darüber diskutieren!“
„Warum soll es ‚charakterlos’ sein, so was… was für ein Wort, also nein.“
„Na, weil man seiner Biographie treu sein muß.“
„Muß man? Warum? Verstehe ich nicht.“
„Doch, das sind ungeschriebene Gesetze der Integrität.“
„So? Offenbar kennst Du Dich in ungeschriebenen Gesetzeswerken besser aus als ich.“
„Wir haben uns noch nicht einmal gestritten.“
„Ich kann einladen, wen ich will.“
„Lüg doch nicht, Diedrich: wäre es NACH DIR gegangen, hättest Du mich immer eingeladen. Du hast Angst vor Deiner Frau. Du denkst, ich würde über sie schreiben, und Du hättest dadurch den Ärger des Jahrhunderts.“
„Und genauso wäre es auch.“
„Klar! Nur dass Rebekka drüber lachen würde. Wie wenig traust Du ihr nur zu…“
„Ich erinnere mich an ‚lustige’ Texte, die Du über Jutta Koether verfasst hast. Ehrlich gesagt reichte mir das.“
„Auch das hast Du schon falsch gesehen. Auch Jutta hat da drübergestanden. Es ist eine fixe Idee von Dir…“
„Warum muß das ÜBERHAUPT sein?! Andere schreiben auch nicht über ihre Freunde! Ich mag es nicht, basta.“
„Gerade über seine Freunde, Feinde und Zeitgenossen zu schreiben und mit ihnen ÖFFENTLICH den Meinungskampf zu führen, ist das Wesen jener demokratischen Kultur, nämlich der Streitkultur, die Hitler ausgelöscht hat und die ich, zusammen mit Maxim Biller und Marcel Reich-Ranicki, hochhalte!“
„Dann tu das. Und tschüß!“
„Aber Du weißt es. Du bist so wahnsinnig klug, dass Du das genau weißt. Vielleicht bist Du sogar der einzige, der es die ganze Zeit gewusst hat. Und trotzdem hast Du mich fallengelassen, geschnitten, ausgesperrt und zum Außenseiter gemacht. DAS ist es, was Nici mit ‚charakterlos’ meinte.“
„Ach, ICH habe Dich zum Außenseiter gemacht? Zurückgehalten habe ich mich, ganz im Gegensatz zu anderen. Ich nenne nur den Namen Rainald Goetz.“
Er sah sich ängstlich um, ob der Erwähnte nicht in der Nähe war. War er nicht. Ich sagte:
„Rainald hat es öffentlich getan, und deswegen war es gut. Ich konnte darauf reagieren, andere auch. Genauso soll es sein.“
„Ach, jetzt wäre es Dir lieber, ich hätte öffentlich gesagt…“
Er sprach nicht zuende. Angelika Maisch, eine berühmte süddeutsche Autorin, kam auf uns zu. Diedrich erkannte sofort die Chance, das uferlose Gespräch zu beenden. Auch ich war von Herzen froh, die angenehme Angelika Maisch zu sehen, deren Persönlichkeit allseits geschätzt wurde. Das Gespräch mit Diedrich war irgendwie entgleist. Es war sein Geburtstag! Ich hätte ihn weiß Gott an einem anderen Tag mit Debatten über Charakter & Integrität überraschen sollen. So grinsten wir beide um die Wette auf Angelika ein, damit sie auch ja mit uns sprach, lange sprach, damit das alte Thema darüber vergessen werde. Doch woher so schnell ein Grundsatzthema hernehmen? Mir fiel naheliegenderweise nur Karl May ein, und ich sagte ein wenig verrückt:
„Hast Du eigentlich jemals etwas von dem alten deutschen Schriftsteller Karl May gehört, Du als Mädchen?“
„Karl May? Ja warum soll ich von dem nichts gehört haben?“
Sie sah mich mit einem misstrauischen Gesichtsausdruck an, als ob sie dachte: ‚hält der mich für blöd, bloß weil ich eine Frau und aus Süddeutschland bin?’
„Ja, da hast Du recht. Du kennst die Bücher?“
„Ich wurde bei den Salesianer Schwestern in einem Kloster bei Regensburg erzogen. Die anderen Mädchen lasen ‚Hanni und Nanni’, aber ich fand in der Klosterbibliothek Karl May. Ich habe alle 73 Bücher verschlungen. Ich mochte Abenteuer!“
„Wußtest Du, dass der Autor sich die Geschichten oftmals regelrecht ausgedacht hatte?“
„Was denn sonst?“
„Tja, er schrieb ja in der Ich-Form. Und dann ließ er Photographien von sich in den Kostümen von Kara Ben Nemsi anfertigen…“
Das Gespräch kam langsam in Gang. Diedrich meinte, Karl May habe islamfreundlich geschrieben, ich widersprach:
„Islamfreundlich? Dann hätte es wohl kaum in der Klosterbibliothek gestanden…“
Bald diskutierten wir lebhaft über den Islam, den Kampf der Kulturen zu Mays Zeiten und heute, und schließlich standen wir inmitten einer Traube von einem Dutzend Zuhörern, wie früher…
(wird fortlaufend ergänzt… LIVE BLOGGING from Askan / Austria)
Kommentar schreiben