totgelobt
von lottmannEin Auslandskorrespondent, mit dem ich zur Zeit viel Kontakt habe, weil ich ihn im November für längere Zeit in Rom besuchen werde, beschwerte sich heute bei mir, ich würde im neuen Buch unsere geliebte Zeitung angreifen. Entsetzt fragte ich, wie er darauf käme. Ja, er lese meinen Blog, und ich würde schon wieder den SPIEGEL totloben.
„Totloben? In meinem Blog?“
„Ich habe auch die Fahnen bekommen. Da geht es sogar noch ärger zu. Wenn eine Steigerung noch möglich ist.“
Ich war fassungslos. Was meinten die Leute bloß immer mit diesem furchtbaren Wort vom ´totloben´ in meinem Zusammenhang? Sogar in Wikipedia stand das über mich drin. Ich hatte doch nur geschrieben, dass der Spiegel mehr Wahrheit enthalte als die Bild Zeitung. Ich seufzte schwer, ehe ich meinte:
„Warum soll ich nicht sagen, dass mir der Spiegel gefällt?“
„Du sagst es zu oft.“
„Glaube ich nicht.“
„Du hättest nicht schreiben dürfen, dass dein Herz einen Luftsprung tat, als dir die Nase von Lothar Gorris im Aufzug begegnete. Jeder weiß doch, dass ihr seit 20 Jahren verfeindet seid.“
„Aber an DEM Morgen war es so! Das war doch das Seltsame. Deswegen habe ich es doch aufgeschrieben.“
„Naja, also ich weiß nicht. Und du schreibst, schon als Kind hättest Du mit deinem Vater deine Donald Duck Hefte gegen dessen alte SPIEGEL Ausgaben getauscht.“
„So war es. Ist das jetzt verboten?“
„Du schreibst, du seiest damals fünfeinhalb Jahre alt gewesen.“
„Genau. Ich mochte diese großen Schwarzweiß-Portraits auf den Umschlägen.“
„Das mußt du jetzt wirklich mit dir selbst ausmachen. Da kann ich dir nicht mehr helfen.“
„Was heißt helfen? Du greifst mich doch an!“
„Nein, mein Lieber. Ich bleibe dein Freund, das weißt du doch. Darauf kannst du dich auch jetzt noch verlassen. Melli und ich freuen uns auf dich in Rom. Komm sobald du kannst. Komme besser eher als geplant. Ich berichte doch nur, was andere über dich sagen.“
„Und was sagen sie, deine tollen Kollegen? Dass ich ihnen schade, weil ich gut über sie schreibe?“
„Nein. Wirklich nicht. Es ist nur… na, du hättest… du hättest nicht gleich schreiben sollen…“
„Was?!“
„…dass du beim Tod von Rudolf Augstein einen Nervenzusammenbruch hattest.“
„Genau so war es! Du weißt es sogar. Du bist einer der wenigen, die das so ein bißchen mitbekommen haben!“
„Aber du darfst das nicht SCHREIBEN, Alter.“
„Ach so.“
„Oder die Sache mit Verena Araghi. Dass du, nachdem sie dich in deiner ersten Redaktionssitzung angesehen hattest, nie wieder eine andere Frau erotisch wahrnehmen konntest.“
„Das war als Kompliment gemeint.“
„Eben. Das ist doch viel zu dick aufgetragen. Jeder weiss, dass du danach noch viele Frauen erotisch wahrgenommen hast. Muß man doch nur einen Blick in deine Texte werfen.“
„Du hast recht, Schmolli.“
„Ja, auf einmal.“
„Ist ja eigentlich peinlich, wenn ich so überlege…“
„Spät kommt sie, die Erkenntnis.“
„Meinst Du, die Araghi… aber weißt du, früher haben sich Frauen über Komplimente gefreut.“
„Richtig gute Redakteurinnen wollen doch inhaltlich rezipiert werden, nicht als Frau. Kapier das endlich.“
„Gut! Gebongt, hast recht. War blöd von mir. Ich ändere die Stelle noch.“
„Bitte nicht!“
„Warum denn nicht? Ich schreibe einfach, ich hätte noch niemals in meinem Leben einen Text in der Hand gehalten, der derart bahnbrechend fulminant, historisch zwingend…“
„Nein! Nein! Du läßt das jetzt einfach! Komm nach Rom und lasse Gras über alles wachsen.“
„Ich verstehe dich einfach nicht. Die Araghi freut sich doch, wenn ihre Texte – „
„Nein, die will NICHT totgelobt werden.“
„Daher weht der Wind.“
„Und mich hat es übrigens, da wir schon dabei sind, auch nicht gefreut, was du über mich geschrieben hast.“
„Was?! Nicht?“
„Ich habe Rom nicht ´journalistisch ein zweitesmal erbaut´.“
„Red´ nicht! Du bist nur sauer, weil ich dich wesentlich seltener erwähnt habe als die Lichtgestalt.“
„Ja ja, die Lichtgestalt. Die tobt auch ganz schön.“
„Sag, dass das nicht wahr ist. Verarsch mich jetzt nicht, Herrgott. Das geht mir doch alles nahe.“
„Du glaubst wirklich, ein Ressortleiter ist glücklich darüber, mit demselben Wort bedacht zu werden wie Beckenbauer?“
„Kaiser habe ich ihn nicht genannt.“
„Wenn du ihn mit seinem normalen Spitz- und Schimpfnamen aufgeführt hättest, wäre es noch weniger schlimm rübergekommen.“
„Nein! Gerade das habe ich vermeiden wollen. Ich wollte, dass dieser gemeine Spitzname verschwindet. Ich finde ihn so ungerecht.“
„Dann hättest du nicht schreiben dürfen, wie du den Botenjungen geohrfeigt hast, als er achtlos ‚Qualle’ sagte. Glaube ich dir übrigens auch nicht. Du und zuschlagen – lächerlich.“
„Immer das gleiche Problem. Gerade die unwahrscheinlichen, völlig absurden Sachen sind wahr bei mir. Wahrscheinlich nur die… Und Lichtgestalt, nun ja, ist ein Wort, das… also ich wußte nicht, dass es so nah dran ist an Beckenbauer. Mir würde eher so jemand wie David Bowie dazu einfallen…“
„Du solltest nicht loben, Jolo. Glaub mir. Halte dich an diesen klaren Satz: DU SOLLST NICHT LOBEN.“
„Dazu ist es jetzt zu spät.“
„Sag ich ja.“
„Und diese Extacy-Stelle, wo ich diese unglaublichen Glücksgefühle bekomme, weil ich mir einbilde, Stefan Aust würde MICH meinen, bei der Ansage von dem Stammheim-Trailer in SPIEGEL TV?“
„Kommt auch nicht gut. Nehmen dir die Kollegen nicht ab.“
„Vielleicht war ich ja wirklich überspannt? Zu der Zeit, meine ich. Oder nur überarbeitet.“
„Möglich.“
„Dann müßte man das den Kollegen mitteilen.“
„Nein.“
„Was denn dann, Alexander?“
„Reden wir nicht mehr davon.“
„Wie du willst…“
Wir sprachen danach seltsam gekünstelt nur noch über meine Rom-Reise. Ich habe heimlich natürlich weiter darüber nachgedacht, was er gesagt hat. Der Vorwurf ist ja nicht neu.
Aber es ist wohl so, dass man den Leuten nicht vorschreiben kann, wie sie einen Text verstehen sollen.
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Einfach Klasse!! Selten so gelacht.
Ein echter Mutmacher.