Wie sehr wir doch in besseren Zeiten leben als früher (und wie dumm Kulturpessimismus als Haltung immer ist und sein wird), wurde mir gestern gleich mehrmals klar. Zum einen traf ich den romantischen Maler Armin Boehm, der so kräftige, leuchtende, zukunftsschöne Bilder der Unruhen in den Pariser Vorstädten malt, und Trainingscamps der Islamisten, und glitzernde, bewegte Riesenwohnsilos in Marzahn, in denen jede Nacht fünf bis zehn Partys gleichzeitig steigen, und Satellitenbilder der Geheimdienste, emsig, menschlich, über unseren Planeten mit seinen durchgeknallten Humanoiden. Da kriegt man Lust auf mehr. Dagegen sieht das einst so fortschrittliche Plakat von Klaus Steack in der Gemeinschaftsküche fast alt aus.
Zum anderen war ich dann mit einer sehr klugen Künstlerin im Arsenal Kino. Nein, nicht mit Nici Reidenbach. Wir sehen da immer diese Klassiker der Cinéasten, die wir in einem früheren Leben einmal mochten, Sergej Eisenstein und so weiter. Diesmal war es Jean Renoirs „La… weiter lesen
Archive for September, 2007
Zur Zeit lese ich ja die ausführliche erste Biographie über Günter Wallraff, und da fiel mir nun eine Stelle besonders auf, in der es um Wallraffs Verhältnis zu Böll geht. Ihr versteht, HEINRICH Böll, Nobelpreisträger. Wallraff kennt ihn natürlich seit Kriegstagen, verehrt ihn, vergöttert ihn, und auch umgekehrt herrscht bald größte Sympathie und Hochachtung. Da sind einfach zwei, die zusammengehören. Wallraff wird Teil der Familie, heiratet Bölls hübsche Nichte Birgit Böll und so weiter. Bei den gigantischen Schwierigkeiten, die der damalige Polizeistaat dem Kamikaze-Aufklärer Wallraff macht, ist immer wieder Böll in letzter Minute zur Stelle, um ihn rauszuhauen. Und auch umgekehrt steht Wallraff seinem Freund bei, als der die mörderische Hetze der rechten Medien zu verkraften hat. So weit, so wunderbar. Eines Tages aber ist alles aus. Für immer. Unwiderrufbar. Bis ins Grab, ja über Bölls Tod hinaus. Also für die meisten Beteiligten. Was war passiert? Folgendes: Bölls Bruder, in… weiter lesen
Endlich wieder normales Ausgehen. Alle sind aus ihren Ferien zurück, bringen morgens die Kinder in die Schule / Kita / die Großeltern, hocken entspannt vor ihren Laptops und besuchen abends die angesagten Veranstaltungen. Gestern zum Beispiel Justine Electro im Babylon Kino. Davor Geburtstagsparty im Radialsystem. Ein Jahr Jochen Sandig. Danach Justine Henin-Herdenne in Flushing Meadow auf Eurosport. Und als After Party der Papst im Stephansdom auf ORF, Phoenix, ARD und BR. Benedetto natürlich auf allen Kanälen. In Straßenumfragen wurde er zwar immer wieder neckisch mit Robbie Williams verglichen, der am gleichen Abend ein Konzert in der Donaumetropole gab, aber die Wahrheit ist, daß sich kein einziger Sender für eine Übertragung des abgehalfterten Sängers interessiert gezeigt hatte. Nein, Benedikt der Sechzehnte ist der Star und niemand sonst. Stundenlange Live-Übertragungen schon seit Samstag 11 Uhr vormittags. Das hat mich fast lahmgelegt. Man kann dann ja schlecht etwas anderes machen.
Ich besitze… weiter lesen
Die letzten Tage waren erreicht. Die Umfragewerte für den Kanzler waren ganz am Ende, am Ende der letzten Woche vor dem Wahltag, also wirklich in letzter Sekunde, plötzlich und überraschend gefallen. Schwarz-Gelb hatte wieder eine Mehrheit. Für mich, der ich die Aufholjagd der SPD miterlebt hatte, von 18 Prozent Rückstand bis hin zur hauchdünnen Mehrheit, war das einfach bestürzend. Mit allem hatte ich gerechnet, nur damit nicht. Ich wußte nicht, woran es gelegen hatte. Noch am Montag hatte Schröder ein weiteres Mal gegen die Merkelin im Fernsehen gepunktet, diesmal in dergrößeren Runde der Spitzenkandidaten. Er hatte neben seinem Außenminister Joschka Fischer gesessen und einfach phantastisch ausgehen. Die Merkel sah gerupft aus und fertig, leichenblass wie so oft. Neben sich hatte sie den unsympathischen SAtoiber, und neben dem saß dann auch noch das Ekel Westerwelle. Dennoch sanken Schröders Werte danach.
Ich ging durch Mitte und den Prenzlauer Berg, um Abschied… weiter lesen
Beim Weg zum “day et jour”, im kältesten Herbststurm, traf ich abends Thomás Djorkevic, einen befreundeten Journalisten und Nachbarn. Im Bötzowviertel leben ja nur Autoren, Journalisten und Musiker, Leute wie ich. Es gibt sogar einen zweiten Wartburg Tourist Fahrer. Und einen jungen Vater, der seine nagelneue Familie in einem Trabant Kombi Platz nehmen läßt. Der Wagen sieht aus wie gerade vom Band gelaufen und hat eine 1,1 Liter Maschine, respect. Thomás Djorkevic, der irgendwie glänzend aufgelegt war, so überdreht, als hätte er gerade einen Preis gewonnen, fragte mich also, ob in meinem SPIEGEL-Buch auch diese unappetitlichen Sachen mit der Praktikantin aus dem Wissenschaftsressort vorkämen. Ich wußte überhaupt nicht, was er meinte, und fragte mit offenem Mund:
“Was?!”
“Na, halt mich nicht für blöd, ich weiß doch selbst, wie der Laden läuft. NATÜRLICH steht das da drin. Aber wie ist die Gewichtung; das fände ich schon interessant. Also schreibt… weiter lesen
Matthias Matussek ist wieder da! Entgegen allen Gerüchten und Deutungsversuchen (Schuster wollte ihn angeblich haben, Fergusen sei an ihm dran und so weiter) hat er sich mit einem phantastischen Doppelschlag zurückgemeldet! Er ist, wie ich erst gestern nacht beim verspäteten Blättern merkte, der Heft-Winner der Woche. Ein grandioser, genialer, titelgeschichtewürdiger Romantik-Essay plus ein Safranski-Interview vom Feinsten, sagen wir ruhig der ungewöhnlichen Art (“Unser Fichte hieß Sartre”). MM selbst hatte das auch nie anders gesehen. Auf all die Vorhaltungen in der jüngeren Vergangenheit, er leide unter Schlafstörungen und so weiter, hatte er stets tapfer erklärt: “Nun gut, das sind die Medien. Habe Vertrag bei SPIEGEL, für mich wichtig, auch wenn mal nicht so gut läuft. Ich freue mich, aber wir gewinnen wichtiger.” Er meint: der Star ist die Mannschaft. Die letzten beiden SPIEGEL-Jahre haben auch wirklich mehr Anregung und neues Denken gebracht als die zehn Jahre davor – das ist meine… weiter lesen
Heute bekam ich einen handgeschriebenen Brief meines lieben Lektors, der mit den verheißungsvoll klingenden Worten beginnt: “Lieber Joachim, wir freuen uns, Dir mitzuteilen, dass wir für Deine Bücher ‘Die Jugend von heute’ und ‘Auf der Borderline…’ demnächst eine neue Werbefläche im Internet nutzen wollen…” Ich las schnell zuende… Digitalisierung… Dynamik des Buchmarktes… Volltextsuche-Online… VTO-Plattform… mit einem Wort: die ersten 20 Seiten meiner Bücher sind ab sofort umsonst zu haben, online, und zwar als Appetitanreger! Wer sie nämlich liest, will sofort den Rest haben und läuft in die nächste Buchhandlung. Bin ja sehr gespannt, ob das klappt. Logisch wäre es ja. Also beginnen wir das Experiment ohne Umschweife: voilà, DIE JUGEND VON HEUTE:
“Ich wollte nie mehr schreiben. Berlin war für mich – wie für so viele – erledigt. Ich hatte meinen Abschied von der Popliteratur erklärt und wollte nur noch eines: weg! Weg von Berlin. Alles andere war egal. Ich… weiter lesen
Sonntag Nachmittag waren die Festwochen zuende, offiziell, aber viele, auch ich, blieben noch, weil’s halt gar zu schön war im Lande Thomas Bernhards. Mein Flugzeug ging erst kurz vor 22 Uhr, und um 23.30 Uhr war ich wieder in Berlin. 160 Euro hatte fürs Umbuchen zahlen müssen (ich hatte um einen Tag verlängert), aber das war es mir wert. Am Flughafen in Deutschland konnte ich mir endlich die rennomierte Sonntagszeitung kaufen, die in Österreich nicht vertrieben wurde, und meinen fabelhaften Artikel über Karl May lesen. Sie hatten ihn wirklich in voller Länge abgedruckt und mit zahlreichen Kästen, Fotos, Service-Infos und so weiter angereichert. Über die ganze Seite lief ein Vierfarb-Bild von Pierre Brice auf seinem Pferd inmitten seiner reitenden Untertanen. Das sah wirklich äusserst imposant aus, man MUSSTE sofort anfangen diesen Text zu lesen, und selbst ich, der ich meine eigenen Sachen normalerweise nicht lesen kann, begann damit:
“…3.… weiter lesen
…Natürlich sind auch die Ikonen der 80er Jahre anwesend, Svenja Rossa, Dorothee Berghaus, Albert Oehlen, Alexander von Schlieffen. Letzterer war gestern mein Tischnachbar, und wir unterhielten uns über den Deutsch-Französischen Krieg, die deutschen Erfolge im Ersten Weltkrieg und den Anteil seines Urgroßvaters daran. Ich zollte ihm natürlich meinen Respekt. Immer wenn wir uns sehen, parlieren wir als erstes über unsere Urahnen, erst später über die jüngere Vergangenheit. Letztere besteht zum Beispiel darin, daß von Schlieffen mit Ilaria verheiratet war, einer Italienerin, die eine Jugendfreundin meiner dahingegangenen Frau war und die bei uns sogar längere Zeit gewohnt hatte. Von Schlieffen wollte nun die ganze Zeit wissen, was aus meiner Frau geworden sei. Ich wich aus, er wurde immer unruhiger:
„Aber Ihr seht Euch doch noch?“
„Sie ist… nun, es fällt mir so schwer, das zu sagen…“
„Was, um Gottes Willen?!“
Ich blieb im Vagen; sie sei „auch… weiter lesen
Wenn jemand in unserem Gewerbe 40 oder sogar 50 (!) Jahre alt wird, ist das wie bei anderen Geistesgrößen der 75. Geburtstag: Höhepunkt des Lebens, Endpunkt, triumphale Rückschau, Gratulationen, Dankesreden, Bücklinge und Orden und Ehrungen ohne Ende. Ein dreifach Hoch, ein Tusch, ein Jubeln, ein Winken und so weiter. So darf es nicht wundern, daß Diedrich Diederichsen, der Mann, der vor 30 Jahren als „Pop-Papst“ in die Mediengeschichte einging, seinen halbhundertsten Geburtstag eine ganze Woche lang mit 450 ausgesuchten Freunden auf einer alten Burg in Österreich zelebriert. Als einer der ersten Weggefährten des Meisters – oder soll ich sagen Schüler? – ist es mir eine selbstverständliche Pflicht und angenehme Zerstreuung, daran bloggend teilzunehmen. Mein Geschenk: die von „Bild“ gespendete bzw. herausgegebene und von Jörg Immendorf gestaltete „Volks-Bibel“ in weißem Leder und dem goldgedruckten Hauswappen von Benedikt XVI (9,90 Euro zuzügl. Versandkosten). Zwei Diener (oder soll ich sagen Schüler) nahmen uns… weiter lesen