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vonlottmann 14.11.2007

Auf der Borderline nachts um halb eins

„Sein Borderline-Blog ist der Schlüssel für das Gesamtwerk des wohl besten Autors unserer Tage“ – Rainald Goetz

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Ich hörte seltsame Geräusche im Hintergrund, als ich heute nachmittag mit meinem Lektor telefonierte. Er hatte mir gerade mitgeteilt, dass laut Vertriebscomputer das 25.000ste Exemplar von ´Auf der Borderline nachts um halb eins´ über den Ladentisch gegangen sei, an diesem Tag vermutlich. Ich war baff.
„Also doch so viele! Du hattest doch gesagt, im Oktober seien es nur wenig mehr als 10.000 gewesen.“
„Ja, 11.500 am Ende. Was ja auch schon mal nicht schlecht ist…“
„Was sind das… was sind das für GERÄUSCHE bei Dir?“
Irgendeine Sekretärin (Lektorin?) kreischte ganz in seiner Nähe, doch er redete unbeeindruckt weiter.
„…und dann kam die letzte Septemberwoche dazu, als es rauskam, also die ersten Tage nach dem 25. September, das war natürlich viel, und jetzt die erste Novemberhälfte. Der Verkauf hat nochmal ziemlich angezogen, nachdem Matussek es hinter sich in seinem Blog aufgebaut hatte, du weißt ja, im Regal hinter seinem Schreibtisch. Das bringt doch mehr, als man denkt.“
„Echt? Darauf achten die Leute? Dass die das überhaupt erkannt haben…“
„Man erkennt das Cover ja von weitem besser, weißt du, das war schliesslich der Trick…“
Im Hintergrund krachte wieder irgendwas, als würde jemand vom Stuhl fallen. Ich fragte, was das für ein Lärm sei, und Marco meinte euphorisch:
„Deswegen rufe ich doch an – wir feiern!“
Sie feierten das 25.000ste verkaufte Borderline-Buch. Der ganze Verlag angeblich. Nur ich fehlte.
„Ihr feiert mein Buch, OHNE MICH?“
„Ja, du fehlst! Du bist ja auch in Berlin. Die Petra Düker hat versucht, Dich anzurufen, aber du gehst ja nicht ran.“
„Hat sie denn die Geheimhandynummer gewählt?“
„Peeetraa! Hättst du dat Jeheimnumma von de Lottmännsche jewähld?“
Ich hörte etwas Betrunkenes, Rheinländisches, was ich mit `Ich habe die geheime Festnetznummer von Herrn Lottmann angerufen´ übersetzte. Marco sagte:
„Hat se gemacht!“
„Nee, sie hat die Geheimfestnetznummer und nicht die Geheimhandynummer gewählt. Habe ich eben selbst mitangehört.“
„Na, jeder tut, was er kann. Der Helge hat es auch versucht, aber der spielt jetzt Tischtennis.“
„Der feiert NICHT?“
„Doch, auch! Wir alle spielen Tischtennis, das gehört dazu bei richtig guten Parties hier… aber deswegen ist es auch so laut.“
„Ach so! Jetzt verstehe ich das. Aber das Krachen kommt doch noch woanders her?“
„Wie bitte?“
„Das bißchen Ping Pong allein kann doch nicht solch ein GETÖSE verurachen!“
„Ich versteh dich gerade nicht!“
„Habt Ihr da die Weltmeisterschaft im Tischtennis?! Mit zwanzig Tischen und 5.000 Zuschauern? Ist so laut da!!“
„Was… zu laut? Na, is Party, sach ich doch die ganze Zeit…“
„Ja, ja, das Buch wird gefeiert!“
„Du, DAS ist lustig: die Birgit… steht auf dem großen Konferenztisch und, ha ha, also ich werd´ nich mehr, die macht jetzt wirklich… die Marylin… und… und…“
„Striptease?“
„Das müßtest du sehen…“
„Cabaret?“
„Das kann man nicht beschreiben. Sie liest aus deinem Buch vor, es ist so… kennst du den Monty Python Film über – „
„Ich kenne keinen einzigen Monty Python Film, leider!“
„Die Schmitz… WAHN-SINN!“
„Ja?!“
„Ach so. Kein Monty Python… Na, wie auch immer, herzlichen Glückwunsch erstmal. Muß ja auch mal gesagt werden.“
„Danke, mein Guter!“
„Was machste denn jetzt mit dem ganzen Geld?“
„Wieviel werden denn noch verkauft werden? 25.000 ist ja noch kein Vermögen.“
„Naja, im Weihnachtsmonat Dezember müßte es nochmals hochgehen. 90 Prozent aller belletristischen Bücher werden in Deutschland in der Woche vor Weihnachten verkauft. Aber bei deinem Buch läuft der Verkauf ja anders.“
„Wie denn?“
„Na, bei dir sind es diese Internet-User. Die haben deinen Blog gelesen und kaufen jetzt das gleichnamige Buch.“
„Echt jetzt? Das steht nun fest?“
„Ja, der Vertrieb hat errechnet, das jeder vierzehnte Blogleser von ´Auf der Borderline´ auch das Buch kauft.“
„Sauber.“
„Du hast pro Tag 8.300 Blogleser im Schnitt – wenn Du was ins Netz gestellt hast. Das wären nach 100 Einträgen 830.000 Leser, wobei die meisten allerdings Mehrfachleser sein dürften.“
„Kompliziert…“
„Aber nicht alle Deine Käufer kommen von deinem Blog her, nur etwa zwei Drittel. Die anderen kaufen es, weil die, die es schon gekauft haben, begeistert davon erzählen.“
„Also, was schätzt du? Wieviel wird es werden?“
„Genug, damit du ein reicher Mann wirst. Am besten, du überlegst schon jetzt, wie du die ganze Kohle anlegst. Zum Beispiel Afrika: Du fährst doch nach Afrika, da kannst du das Geld gleich sinnvoll in Projekte gegen Hunger und Armut stecken!“
„Und Klimaschutz!“
„Und Klimaschutz. Klar doch. Gehört ja heute alles zusammen.“
„Ich unterstütze Sven Lager und Elke Naters und ihre vielköpfige Familie.“
„Ja, Überbevölkerung in Afrika, immer ein Thema.“
„Also, was meinst du – 50.000?“
„Hm… ich leg´ mich jetzt mal fest: 75.000 Exemplare bis zum Frühjahr.“
„Wird denn NACH Weihnachten noch verkauft?“
„Kaum. Nur noch wenige Tau – “
Eine Pingpongkugel zerschmetterte Marcos Sektglas. Die Heiterkeit brach erneut aus und erschwerte das Telefongespräch. Wir kamen überein, lieber später weiterzureden. Er legte auf.
Ich dachte nach. 75.000 Bücher, die Afrikareise, die so ganz andere Existenz meiner Freunde in Kapstadt. Dort wurde nicht sinnlos gezecht und gefeiert. König Mammon regierte noch nicht am Kap der guten Hoffnung. Sven Lager, der große nordische Schriftsteller, der Knut Hamsun des 21. Jahrhunderts, der Mann, der ‚Phosphor‘ geschrieben hatte, der zudem ‚Mein Sommer als Wal‘ gechrieben hatte, das große Südafrika-Epos, das die Welt noch kaum kannte, saß auf seiner knarzenden Veranda und rauchte ernst seine selbstgeschnitzte Pfeife, sah aufs Meer, auf den Sonnenuntergang, und wartete. Ich sah ihn genau vor mir, ich kannte ihn ja gut aus früheren Begegnungen in der dritten Welt. Ja, er harrte aus und wartete.
Auf mich.

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