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vonlottmann 15.12.2007

Auf der Borderline nachts um halb eins

„Sein Borderline-Blog ist der Schlüssel für das Gesamtwerk des wohl besten Autors unserer Tage“ – Rainald Goetz

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Marco W. ist frei! Und die WamS hat meinen Text gedruckt! Und der Himmel ist strahlend blau, ideal für einen ausgedehnten Bummel durch den Türkenmarkt in Kreuzberg! Was für ein toller Tagesbeginn – ich mußte es gleich Judith sagen.
„Marco W. ist befreit worden!“
Sie wußte sofort, wer Marco W. war. Hätte ich gesagt ´Frank Walter Steinmeier ist erschossen worden´, hätte sie nicht gewußt, wer das war. Nämlich unser Außenminister, Vizekanzler, stellvertretender SPD-Vorsitzender, Bundestagsabgeordneter, Schroeder-Intimus und ehemaliger Kanzleramtschef. Dafür gibt es Leute – sogar Freunde von mir – die Marco W. nicht mal dem Namen nach kennen! Natürlich ist mir Judith da lieber. Sie ist aktueller.
„Nein!“ rief sie.
„Doch, echt! Sie haben ihn rausgeholt! Der Anwalt der alleinerziehenden Mutter des Mädchens hat sofort Einspruch eingelegt, aber es war zu spät! Er saß schon im Rumpelbus zur schlecht gesicherten Grenze in den Bergen.“
„Ich fasse es nicht!“
„Die Kurden haben ihn wahrscheinlich rübergeschmuggelt, ich weiß es nicht. Du mußt gleich mal bei Wikipedia nachgucken.“
„Du meinst, bei Google.“
„Ja, im Internet, sag ich doch. Am besten beides, Gougel und Wikipedia.“
Der Laptop lag unter der Bettdecke, war noch an. Judith schlief immer mit ihrem Laptop, wie Barbi selig mit dem Lizzy, dem Schäferhund. Das riesige Tier war im Bett ein in jeder Hinsicht grösseres Hindernis als der gut erzogene, zurückhaltende, stets dienstbare Laptop. Auch im Liebesspiel hielt er sich zurück, machte nur ab und zu dieses Quaarg!-Schafsblökgeräusch, wenn eine Chat-Nachricht kam. Der Lizzy hatte bei Handgreiflichkeiten immer das Frauchen schützen wollen. Ich glaubte ja sehr an den Fortschritt.
Während sie googelte, sagte ich, die Welt am Sonntag hätte den Matussek-Artikel gedruckt.
„Du lügst! Es ist doch erst Samstag.“
„Der Kulturteil wird immer schon in der Nacht von Freitag auf Samstag gedruckt.“
„Ist es genau der Artikel, den du schon im BLOG stehen hattest?“
„Im Prinzip schon. Ein paarmal mußte ich noch redigieren. Das gehört sich so. Man muß so tun, als ´arbeite´ man noch an dem Text. Als könne man ihn noch ´verbessern´.“ Ich lachte leise. So waren sie, die Journalisten, dachte ich.
„Und was hast du dabei verändert?“
„Na, vor allem habe ich Volker Hage noch eins reingewürgt! Der hat mich damals so gelinkt, mit Jana Hensel.“
„Was hast du geschrieben?“
„Eine lange Geschichte, kann ich dir nicht erklären. Ach so, ja, also Volker Hage sei sein falsches Giftmischerlächeln vergangen, als Matussek den Laden auf Trab brachte, habe ich geschrieben. Das war ja wirklich so. Die Leute sind für Matussek durchs Feuer gegangen. Die haben den GELIEBT!“
„Versteh ich gut. Der ist ja auch toll.“
„Richtig, du kennst ihn ja.“
„Ist Matthias dir nicht böse, wenn du so über seine Leute schreibst?“
„Möglich. Aber… verdammt nochmal, sie hätten Aust nicht rausschmeissen dürfen. Damit begann doch alles.“
„Vielleicht schadest du ihm, wenn du schreibst, seine Mitarbeiter seien Giftmischer gewesen. Das ist doch eine Beleidigung.“
„Aber MEINE Beleidigung. Da schade ich mir höchstens selber. Guck mal, ich erkläre dir mal alles, von Anfang an: Der SPIEGEL hat so viele phantastische Verwaltungsleute, integre Beamte, gewissenhafte anständige Ressortleiter, politisch korrekte Vorgesetzte, da wollte der Aust wenigstens in der Kultur einmal ein GENIE haben. Er war bereit, das zu verantworten. Den Preis kannte er genau, denn er kannte den Matthias ja auch, seit 20 Jahren beim SPIEGEL. Und er wußte natürlich auch: Kleinere als er, Aust, würden das nicht verantworten können. Weil sie die Kraft nicht hatten. Die würden sofort auf den Nachteilen herumtrampeln, die ein Genie nun mal hat. Nach dem Motto: ´Der hat ja den Schlips falsch umgebunden!´ oder ´Der hat im Lift der Frau Soundso auf die Brüste geguckt!´, und so weiter.“
„Komm, wie war es denn wirklich?“
„Ehrlich, solche Sachen gab es! Also so ähnlich. Die eine hat sich beschwert, schriftlich in dreifacher Ausführung, bei der Chefredaktion, dass er ihr nicht die Zigarettenpackung aufgehoben hat, die IHR gehört haben soll und die ER aus Versehen fallengelassen hatte, obwohl es IHR Geld gewesen war, mit der die Packung soeben gekauft worden war, und SIE, als FRAU!, mußte sich bücken, und dabei habe er IHR theoretisch in den Ausschnitt gucken können, oder so ähnlich.“
„Glaub ich nicht. Du spinnst wieder.“
„Wahrscheinlich.“
„Warum erzählst du es dann?“
„Du kennst mich doch.“
Sie sah mich dankbar an. Sie kannte mich wirklich. Irgendwas stimmt immer, von dem was ich sage. Und sie ahnte inzwischen immer ziemlich genau, was. Sie hatte aber jetzt Marco W. gefunden, bei SPIEGEL online.
„Die Kanzlerin hat sich erleichtert gezeigt… Christian Wulf auch… Marco will nun nur noch schlafen… türkischer Anwalt des Mädchens belastet Marco erneut schwer… Übersetzung der Aussage liegt noch nicht vor…“
„Noch nicht übersetzt? Dann kann es der türkische Anwalt ja gar nicht lesen!“
„Marco will sich eine Woche von seiner Mutter verwöhnen lassen… Marco kehrt nicht nach Uelzen zurück… Marco sucht Schutz vor dem Presserummel… Marco W. möchte eine Woche lang schlafen…“
„Schlafen? Nicht schlecht.“
Ich zog Judith weg vom Laptop und drückte sie erstmal in die Kissen…

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https://blogs.taz.de/lottmann/2007/12/15/marco-w-befreit/

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kommentare

  • Es ist beschämend, welch bräsige Kommentare diese funkelnde Schreiberei evoziert. Der Beweis für die völlige Überflüssigkeit von Community-Features im Tageszeitungsumfeld.

  • Es geht nicht um den Jungen.

    Es geht um die Beziehung zweier Staaten.

    Warum wollen wir den Türken vorschreiben, wie sie ihre Justiz zu führen haben?

    Wenn ein Türke nach Deutschland kommt, und über unsere Justiz schimpft, lachen wir ihn doch auch aus.

    Naja, wenigstens haben’se in der Türkei ein Kopftuchverbot, da hampeln wir heute noch mit rum.

  • müssen wir deutschen die rückkehr eines jungen mannes feiern der im ausland wegen einer vergewaltigung angeklagt wird?

  • Ich bin glücklich diesen Text gefunden zu haben und würde künftig gern mehr von dem Autoren lesen. Große Satire und trotzdem irgendwie ganz und gar echt.

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