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vonlottmann 20.01.2008

Auf der Borderline nachts um halb eins

„Sein Borderline-Blog ist der Schlüssel für das Gesamtwerk des wohl besten Autors unserer Tage“ – Rainald Goetz

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Abends dann mal wieder Vernissagen bei Bettina Semmer und Zipp. Im Auto diesmal die Reichen und die Ganz Reichen. Kein Wartburg, sondern der tolle Q7 von Armin Boehm, dem erfolgreichen romantischen Maler, und gesteuert von Gesine, der attraktiven Freundin von ihm, ´Monopol´-Edelfeder und Kunstszene-Liebling. Tim Eitel dabei und all die anderen aus der Ecke. Und Cornelius Tittel! Später sollte Florian Illies noch aufgepickt werden. Da hatte ich wenig zu melden. Mein Vorschlag, erstmal bei Semmer in der Großen Hamburger Straße reinzuschauen, blieb ungehört. Oder doch nicht? Plötzlich fuhr der schwere Luxusbolide genau durch die Hamburger Straße, auf Semmers Galerie zu! Super, rief ich, doch noch geschafft, da wird sich die Betzi aber geehrt fühlen, von soviel Prominenz. Aber Gesine fuhr dran vorbei.
„Halt! Hey, hier ist es doch! Bettina Semmers Galerie!“
„Du, weißt du, es ist echt schon spät jetzt…“ murmelte Armin Boehm.
„Ja, aber wo wir doch gerade DA SIND… wir könnten kurz guten Tag sagen und uns für später verabreden.“
„Also, hm, das… wär´ ein Problem jetzt irgendwie, von der Zeit her einfach…“
„Nur eine Minute. Ich geh´mit Illies rein, und Ihr wartet die paar Sekunden.“
„W-warum denn Illies?“
„Oder Cornelius.“
„Wo soll ich hingehen?“ fragte Tittel.
„Zu Bettina Semmer. Große Künstlerin, gutaussehend.“
„Ah gut. Ist das Deine Freundin? Frau?“
„Nee.“
„Was… soll ich dann..?“
„Nur kurz mitkommen.“
„Als Geisel, oder was?“
„Cornelius ist schwul, nimm lieber Armin!“
„Cornelius ist doch nicht schwul!“
„Wir müssen echt weiter jetzt. Es ist halb neun fast…“
Ich las rasch die Einladung vor, schon mit unsicherer Stimme:
„Zur Finissage der Ausstellung
Erdbeben Familie
mit Arbeiten von Ina Bruchlos und BETTINA SEMMER…“
Gesine trat genervt aufs Gas. Der Luxus-Kleinbus (abgeregelt bei 250 km/h) schoß lautlos nach vorn. Sie waren wirklich spät, hatten mich erst weit nach acht abgeholt. Semmers Eröffnung hatte um sieben Uhr 30 begonnen, die von Zipp schon um sieben.
„Das wird mir Bettina nie verzeihen…“ murmelte ich.
„Ach Jolo, gleich kriegst Du noch viel bessere Weiber!“ krähte Armin Boehm, der angesagte Super-Künstler.
Tatsächlich flanierten hunderte von älteren Kunstinteressierten im feinen Tuch durch riesige Hallen. Mehrere Fernsehteams waren da, die halbe Kunst-Journaille des Landes, zumindest von Berlin. Die sonst üblichen Verdächtigen mit fettigen Haaren, Bierflasche in der Hand und Studenten-T-Shirts mit ‚fuck baby‘-Aufschrift, diese 40jährigen Berufsavantgardisten beiderlei Geschlechts, fehlten. Ich atmete auf. Endlich war ich einmal nicht der einzige im Sakko. Sogar Daniel Cohn-Bendit stand im Raum und kaufte einen Zipp (Kinder-Totenkopf, Guache auf Papier, Kohle handschraffiert, 30 x 40 cm, 9.500 Euro). Einen Semmer hätte es sicherlich günstiger gegeben. Aber die war ja nun weit ab vom Schuß gelandet.
Danach dann wieder das furchtbare Rotwein-Gesaufe, in einem gehobenen Künstler-Restaurant namens ´Odessa´. Ich sagte alle zehn Minuten, dass ich nicht bleiben wolle, da ich diese after-opening-drinkings noch nie ertragen konnte. Das wurde natürlich gar nicht gehört. Ich dachte, wenn es mir gelänge, die Semmerin in diesen erlauchten Kreis zu lotsen (wieder waren alle Gurus an unserem Tisch, drängten sich in Richtung Böhm wie die Ferkelchen an die Muttersau), würde sie vielleicht erste Kontakte mit den Mächtigen und Meinungsmachern des Betriebs bekommen. Für eine junge Künstlerin war das ja wichtig. Ich erreichte sie am Handy, und sie sagte, sie würde kommen. Na Gott sei Dank. Ich merkte aber, dass sie sauer war, dass die ganze Promi-Bande nicht in IHRE Vernissage eingefallen war, vorhin. Vielleicht war sie so sauer, dass sie nun extra nicht kam, trotz halbherziger Zusage. So rief ich noch Judith an, und die war natürlich Minuten später im Gewimmel zu sehen. Ich winkte ihr zu. Lange machte ich es nicht mehr.
Immer wieder sagte ich, ich wolle jetzt gehen, wir sollten das Lokal verlassen, wir sollten in Armins Wohnung überwechseln, wo man sich wenigstens unterhalten könne. Es wurde nämlich immer lauter. Eine Zigeunerkapelle spielte auf. In den Pausen trötete eine schlechte Musikanlage nervtötenden 70er Jahre James Brown Soul mit vielen Bläsersätzen über Tisch und Bänke. Man verstand sein eigenes Wort nicht, wie immer bei diesen Künstler-Rotweingesaufe-Abenden. Ich verstand nicht, wie Künstler das aushielten. Sie mußten nicht nur bei ihren eigenen Ausstellungseröffnungen Rotwein saufen, sondern auch noch bei 50 Kollegen, und so mußten sie eigentlich jeden Abend irgendwo sitzen, Pasta bestellen und Rotwein saufen. Ja, Rotwein saufen, ich sage es immer wieder. Abscheulich! Ich sagte zu Gesine Borchard, ich sei klaustrophob und soziophob und würde das bald nicht mehr aushalten. Sie antwortete, das sei ja interessant, der Ex-Mann ihrer Schwester sei ebenfalls klaustrophob und soziophob gewesen, unter anderem sei deswegen die Verbindung gescheitert.
„Du hast eine SCHWESTER?!“ brüllte ich hocherfreut.
„Ja, aber jetzt ist sie ganz allein.“
Neben mir saß eine Person, die mich in ein Brüll-Gespräch über Katalogtexte verwickeln wollte. In Panik wandte ich mich wieder ruckartig an Gesine:
„Nein, nein, Deine Schwester MUSS nicht allein bleiben… wie alt ist sie denn?“
„39, und sie würde wirklich gern jemanden haben, mit dem sie ausgehen kann, anstatt so alleine zu sein!“
„Weißt Du“, brüllte ich, „ich bin nur dann soziophob und so weiter, wenn ich ALLEINE ausgehen muß. Mit einer Freundin ist das etwas anderes. Dann GENIESSE ich es!“
„Aha. Ja, verstehe ich!“ schrie sie heiser zurück, obwohl ich es noch gar nicht erklärt hatte:
„Weil man dann anschliessend sich davon erholen kann, zu zweit, wenn man endlich im Bett ist.“
Ich meinte, dass man dann die ganze Verzweiflung, den ganzen Mist aus sich herausschütteln konnte, gemeinsam fluchen und alles schlechtreden konnte. Aber das sagte ich nicht. Gesine holte auch schon ein Bild hervor, von ihrer Schwester, aus dem Fotohandy. Die Frau sah wirklich genauso nett aus wie Gesine selbst, und es gab weiß Gott keinen Grund mehr, auch nur eine Sekunde länger in diesem Schrei-Lokal zuzubringen, anstatt diese Schwester zu suchen. Sie hieß Antje.
„Let´s go!“ rief ich.
„Was?“ rief Gesine.
„Wir holen jetzt Deine Schwester! Ruf sie an!“
Gesine rief sie an. Aber sie schlief schon, die Gute. Weinend war sie eingeschlafen, vor Stunden, allein.
„Dann will ich auch nicht mehr hier sein!“ brüllte ich.
„Sag das Armin!“ brüllte Gesine.
Ich sagte es Armin, der nickte und bestellte sich seelenruhig den nächsten doppelten Chardonney Spätläse oder was auch immer. Ich war auf seinen Audi Q7 angewiesen. Das Ritual wiederholte sich noch zig-mal. „Ja, ja…“ sagte Böhm und bestellte das nächste rote Gesöff. Währenddessen wurde die Musik immer lauter gedreht. Ich mußte an den Wiener Schriftsteller Thomas Glivicek (`Das bin doch ich´, Rubinowitz Verlag, Schilling 190,–) denken, der einen Hörsturz bei so einem after-opening erlitten hatte und seitdem in solchen Situationen wie ein Opa auftrat, schwerhörig, sich stets verrenkend, sich nach vorne beugend, „Wie bitte?!“ rufend. So wollte ICH nicht enden.
Ich rief nochmal Bettina Semmer an. Sie hatte ihr Handy ausgeschaltet. Da nahm ich meinen Mantel und stürzte nach draußen. Lieber sich erkälten, als weiter diese eingeschränkte Kommunikation betreiben, diese Brüllkommandos, ohne Zwischentöne, ohne Nebensätze: für einen Schriftsteller furchtbar. Judith, gerade erst angekommen (Foto), hatte diese Probleme natürlich weniger…
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