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vonlottmann 10.03.2008

Auf der Borderline nachts um halb eins

„Sein Borderline-Blog ist der Schlüssel für das Gesamtwerk des wohl besten Autors unserer Tage“ – Rainald Goetz

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„Bist Du eigentlich für die Seeheimer, oder für die Netzwerker, in der SPD?“ fragte ich gedankenverloren Judith, als wir heute morgen im ‚Hallmackenreuther‘ frühstückten. Ich war noch etwas verquollen, gerade erst aufgestanden, und von der gestrigen Gala der Lit.Cologne samt anschließender Party arg zerzaust. Ich überdachte nicht, daß Judith die Unterschiede zwischen Seeheimern und Netzwerkern gar nicht kannte. Ihre Antwort war entsprechend:
„Ich weiß nicht, was du meinst. Ob in Wirklichkeit die Betzi SELBST in dich verliebt ist?“
Ich hatte ihr von Betzis Ausraster erzählt. Nun war ich es, der sagte:
„Ich weiß nicht. Keine Ahnung. Nie drüber nachgedacht. Ist sie nicht viel zu alt dafür?“
„Verliebtsein hat doch nichts mit dem Alter zu tun.“
„Du meinst wirklich..? Die gute alte Betzi… in MICH?“
Sie setzte sich zurecht. Ihre Augen riß sie auf. Nun kam etwas Programmatisches:
„Also! Ich hab da ja so meine Theorie. Du kennst doch vielleicht die Serie ‚Sex and the city’…“
„Klar.“
„… und da gibt es eine Figur, die heißt ‚Mister Big‘. Dieser Mister Big ist seit Ewigkeiten die heimliche große Liebe von der einen Frau, die immer die Artikel in der Zeitung schreibt…“
„Ich weiß.“
„… und diesen Mann hat diese Frau nie bekommen, und hat das alles vor Jahren überwunden, ABER: immer, wenn sie GERADE dabei ist, sich endlich mit einem netten Kerl zu verbinden und das Single-Dasein zu beenden, wer taucht DANN immer auf? Dieser Mister Big!“
„Aaaah, ja! Daaas… könnte… sogar stimmen, bei Betzi und mir…“
Judith grinste glücklich. Hatte sie einmal echte Klugheit bewiesen und mich überrascht.
Ich vertiefte mich wieder in die Zeitung. Bettina Rheins kam vorbei, mit ihrem Bebi, das war inzwischen schon drei Jahre alt. Ich hatte vergessen, wie das Bebi geheißen hatte. Sie lud mich ein, später in die Galerie Christian Nagel zu kommen, ich sagte zu. Im Moment konnte ich nicht viel tun, ich mußte erst frühstücken und zu mir kommen. Trotzdem hatte ich ausgerechnet jetzt einen großen, neuen, zukunftsmächtigen Gedanken in meinem veritablen Quellkopf: Ich dachte plötzlich, dass es doch verrückt wäre, nach Berlin zurückzufahren. Ich dachte an die letzten beiden Nächte in Köln. Ich war zwar in eine Schlägerei zwischen jugendlichen Türken geraten, aber paradoxerweise lieferte mir GERADE DAS den entscheidenden Funken zu meiner Idee. Ich war noch nie zuvor in meinem Leben in eine Schlägerei geraten, und dieses Erlebnis elektrisierte mich nun, und zwar seltsamerweise positiv. Es zeigte mir nämlich, oder SCHIEN mir zu zeigen, daß die Welt vollkommen anders geworden war. Anders als sie vor 20 Jahren gewesen war. In Köln zumindest. Hier konnte ich die Veränderung genauestens spüren, da ich so lange nicht da gewesen war. Ich fand, sie sei besser geworden, die Welt, wußte aber nicht, wieso. Wenn ich hier blieb, konnte ich es herauskriegen. Ich konnte zum Beispiel…
Judith unterbrach meine after-hour-Gedanken:
„Für was hat Hilka Sinning eigentlich den Blindenpreis gekriegt gestern?“
„Das heißt nicht Blindenpreis. Das war der große deutsche Hörspielpreis der Kriegsblinden, ein sehr traditionsreicher Preis.“
„Ach, du lügst doch schon wieder!“
„Nee, echt! Du kannst andere fragen. Heinrich Böll hat ihn auch schon gekriegt, und Martin Walser, und…“
„Den KRIEGSBLINDEN-Preis?“
„…ja ja, das war einmal ganz wichtig. Es gab doch Millionen Verwundete und Blinde nach dem Krieg, das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen.“
„Doch, schon. Die Frau von Paul McCartney macht ja auch sowas, für Minenopfer und so.“
„Siehst du, sowas ändert sich nicht. Unsere Hilka Sinning ist eben eine Heather Mills von heute. Die hält das hoch, also dieses Engagement.“
„Und WOMIT hat sie den Blindenpreis gekriegt?“
Ich hatte solch einen Brummschädel und sagte nur auf gut kölsch:
„F r a c h m i c h n i t!“
Sie rüttelte mich. Frauen mußte man immer antworten. Ich strengte mich an und sagte wahrheitsgemäß, es hätte mit Littell zu tun, oder wie der hieß, der Autor von ‚Die Wohlgesinnten‘. Über den hätte sie etwas gemacht, die Hilka. Judith gab sich damit zufrieden, da sie nicht wußte, wer das war, Littell oder so, und was das sein konnte, sein Gebiet oder Thema oder was. Glück gehabt. Ich las weiter im Express. So hieß die Bild Zeitung in Köln. Die Headline des Tages lautete: ‚Dies ist die anständigste Politikerin Deutschlands‘, und ein Pfeil zeigte auf eine abgehärmte böse alte Tante mit Dutt-Frisur. Ich erschrak fast bei dem Bild. Aber es war tatsächlich eine Politikerin, und sie war ‚erst‘ 49 Jahre alt, angeblich eine neue Parlamentarierin, erst vor Wochen gewählt, eine junge Wilde, eine Rebellin der Hessen-SPD. SIE war es, die die Ypsilanti gestürzt hatte. Und den Kurt Beck dazu. Meine Fresse!
„Ein Kölsch!“ rief ich, wie in Not, und es kam sofort. Man war in Köln. Kein Schreck war zu groß, als daß man ihn nicht schnell mit einem dieser schmalen Gläschen vertreiben konnte…
(wird fortgesetzt)
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kommentare

  • Eigentlich wollte ich mich nur für die Weihnachtsgrüße vom 20. Dez. bedanken. Ich habe sie erst jetzt gelesen … keine Ahnung, war wohl so viel Anderes los. Wie geht es Dir sonst? Siehst gut aus, naja, bis ich Dein Bild von heute (gestern) gesehen habe. Du musst dringend schlafen. Aber danach siehst Du ja kaum verändert aus!

    Ich dachte, ich google mich selbst mal, habe aber Dich gefunden.

    Viele Grüße,
    Sophie

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