Rainer Langhans auf der Leipziger Buchmesse

von lottmann

Zu DEM Star des Leipziger Buchspektakels entwickelte sich in den vier Messetagen ‘Der letzte 68er’ Rainer Langhans, der bis heute insgesamt 16 offizielle Medienauftritte hatte und dabei von Auftritt zu Auftritt charismatischer wurde. Vielleicht wäre das auch anderen gelungen, wenn sie so viele öffentliche Bewährungsproben gehabt hätten (anstatt nur eine), aber das ist unwahrscheinlich. Irgendwann am zweiten Tag war der Punkt erreicht, wo man unter zehntausenden von Menschen – vom oben installierten Lift aus – erkennen konnte, wo sich gerade Langhans bewegte: wie ein Magnet die Eisenspäne, so zog er die vielen kleinen Menschen konzentrisch an. Und er bot jedem Moderator / jeder Moderatorin eine neue Show. Manchmal gefiel es ihm, die vor ihm sitzende Medienfrau mit harschen Argumenten und gnadenloser Redeweise geradezu dauerzuohrfeigen. Etwa wenn er über Charlotte Roche und ihre Pipimädchenblödheiten herzog, oder gleich ganz die Idiotie der Pornographisierung geißelte. Dann wieder, nur 30 Minuten später beim nächsten Sender, war er weich und zaghaft, sprach über den Tod, über den nächsten radikalen Paradigmenwechsel / Aufstand einer kommenden Generation. Bewegend, wie er da Menschen ganz direkt und intim ansprach, die 50 Jahre jünger waren als er. Dass der eskalierende Äußerlichkeitswahn des Turbo-Kapitalismus keinerlei Antworten auf die Sinnfragen bietet, wurde plötzlich all den Schülerinnen aus Sachsen klar, die zu Tausenden in Manga-Kostümen aufgelaufen waren, da die Messeleitung in Absprache mit Manga-Comic-Verlagen allen freien Eintritt versprach, die im Manga-Kostüm erschienen. Im Ernst: Vor allen den Leuten, die noch nicht einmal im Manga-Kostüm rumliefen, wurde klar, daß weder der Kosumismus, noch sein scheinbarer Widerpart, die ‘kritische’ Öffentlichkeit mit ihren Anne-Will-Runden über Rentenanpassung, Verlängerung des Arbeitslosengeldes I, Anhebung des Spitzensteuersatzes, Gesundheitsfond-Eigenbeteiligung und so weiter, also diesen ewig technokratischen Fragestellungen, eine Antwort auf die echten Fragen des Lebens geben.
Im Laufe der vier Tage mußte sich herumgesprochen haben, daß ‘dieser letzte 68er’ das aktuelle Event war, das neueste Ding sozusagen, und die Jugendlichen empfingen ihn bei jedem neuen act wie einen oscarnominierten Hollywoodstar, oder besser: Langhans wurde empfangen wie der Ajatollah Khomeini auf dem Teheraner Flughafen 1979 (falls jemand das Bild noch vor Augen hat).
Und der alt-ehrwürdige Edelhippie und Oberguru bedankte sich gleich mit einer faszinierenden Idee: Stets seien große Revolten von den Zeitzeugen nicht vorauszusehen gewesen. Nicht 1968, nicht 1989, selbst die klügsten und ausgebufftesten Politiker und Kulturmenschen seien vollkommen überrascht worden. Die Revolte sei stets von einer winzigen Minderheit ausgelöst worden. Und so werde es wieder kommen. Plötzlich werde es soweit sein. Das Leben, gerade noch Geisel von sexistischer Werbe-Industrie und entmenschter Technokratie, werde auf einmal zu sich selbst kommen und alle Fesseln abstreifen…
War die Außenwirkung schon klasse, so fühlte es sich im Innenbereich des Meisters noch besser an, innen in der schweren ‘Hummer’-Limousine zum Beispiel, oder in der ‘Kommune’ genannten Gemeinschaftswohnung in der Demmeringstraße 21 (Foto), wo auf drei Stockwerken geschlafen, geliebt, diskutiert wurde, zu den Klängen cooler Schallplatten aus den mittleren 60er Jahren (Foto).
Es war wie im ‘Flow’, nein, es WAR der ‘Flow’, wenn man mit der Kommune unterwegs war, mit Rainer, Gisela Getty, Jutta Winkelmann, Severin, Bernhard, Wolfgang Farkas, den süßen Mädchen: Gretel Taubert, Tine, Julia Ott. Konzentrisch bildeten sich Ringe um Rainer, und im innersten Ring war einfach nur Glück, das lupenreine Gruppengefühl. Es konnte einem nichts passieren, alle Türen flogen auf, die Menge kreischte, die Ordner waren überfordert, und trotzdem konnte man nie verloren gehen. Eine Woge von Sicherheit und Gottvertrauen ergriff einen, das war schon toll, und in jedem Moment geschah etwas Neues…

mehr unter http://www.netzeitung.de/feuilleton/935477.html
Fotos: (1) Leipziger ad-hoc-Kommune in der Demmeringstraße morgens. (2) Rainer Langhans’ Plattenspieler. (3) Blumenbar Verlag Oligarch Bernhard von Guretzky (links), Autor Severin von Winzenburg (‘Stille Tage in L.A.’, rechts). (4) Nachtleben Clemens Meyer Lesung, Langhans, v. Winzenburg, Lottmann.
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Ein Kommentar zu "Rainer Langhans auf der Leipziger Buchmesse"

  1. schöner blog, weißt de?

    Nur eine Sache: Das mit den Fotos. Müssen die so groß sein? Sollen die so groß sein? Da sieht man immer nur Ausschnitte. Nie das große Ganze. Passt ja eigentlich, betrachtet man das aus nem dekonstruktivistischen Blogger-Blickwinkel (DBB). Ist aber doch nervig mit der Zeit. Ich will auch mal sehen wie samtene Haut im Gesamtzusammenhang auf mich wirkt und nicht von der einzelne Poore mit Haarwurzel ständig auf das Erscheinungsbild im seiner (überflüssigen) Komplettheit schließen müssen. Ginge das, (auch wenns eklig klingt): die Fotos für die Seite optimiert ein- oder anpassen. Wäre super.

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