Fragen Sie Joachim Lottmann
von lottmann“In Ihren Texten taucht gelegentlich der Papst auf. Wie stehen Sie zu ihm geistig-inhaltlich?” (fragt Martin Eichel, Frankfurt). Antwort: Geistig kann man zum Heiligen Vater gar nicht stehen, sondern nur geistlich. Aber auch das fällt mir zur Zeit schwer, da ich ganz mit meinem Buch ‘August, September, Oktober’ beschäftigt bin. Natürlich verfolge ich im Fernsehen seine Reise in die Vereinigten Staaten von Amerika. Es ist dort bereits herrlicher Frühling, und der Pontifex in seinen wunderbaren weißen Kleidern macht dort eine großartige Figur. Indem er immer wieder die Konfrontation mit dem sexuellen Mißbrauch der Priester sucht, ist ihm die Aufmerksamkeit des ganzen Landes via Medien sicher – und das sieben Tage lang! Doch nun zu Ihrer Frage. Ich nehme an, sie zielt eben auf diese seine Haltung zum massenhaften sexuellen Mißbrauch im Priestergewand. Tausende und Abertausende Opfer seien aktuell zu beklagen, behauptet Benedikt XVI. Nun, ich glaube nicht daran. Die ganze Sache erinnert zu sehr an diese Fälle von Schulen, wo alle 678 Kinder Stein und Bein schwören, von einem bestimmten Lehrer sexuell mißbraucht worden zu sein – was technisch gar nicht möglich ist. Schließlich stellt sich heraus, daß kein einziges Kind betroffen war und es sich um eine milde Form von Massenpsychose handelte. So ist es sicher auch jetzt in Amerika. Irgendeiner hat angefangen, und jetzt haben alle diese Phantasien und rückwärts gerichteten Einbildungen. Aber ich kann Sie beruhigen – da ist nichts dran.”
Frage: “War Ihr mutiger Olympia-Boykott eigentlich erfolgreich? Oder mußten Sie sich am Ende dem Druck der Funktionäre und Politiker beugen und klein beigeben?” (Sascha Pflughaupt, Dortmund)
Antwort: Leider war letzteres der Fall. Man sollte seine eigene Kraft nicht überschätzen. Ich trage aber noch eine schwarze Armbinde mit weißer ‘Tibet’-Schrift, auch wenn Blockwart Broeckers mich jeden Morgen ansieht, als sei ich ein Verbrecher auf Freigang.
Frage: “Die Rechte von Scheinvätern sollen in der Bundesrepublik Deutschland gestärkt werden oder sind es schon. Was sagen Sie dazu?” (Hartmut Kahn, Wien)
Antwort: Bitte stellen Sie mir keine Fragen, die außerhalb meines Berufes liegen. Was habe ich mit Scheinvätern zu tun? Meiner Ansicht nach sollte ein Scheinvater kein Geld mehr an seine Ehefrau, die Kindsmutter, bezahlen, die sich ja durch ihr Verhalten laut Gentest als Schlampe erwiesen hat. Soll doch das Kind die Suppe auslöffeln. Aber ich bin nun wahrlich kein Jurist.
Frage: “Ist es wahr, daß Maxim Biller ein Bartträger geworden ist, und wenn ja, wie muß man sich den Bart vorstellen? Ist es ein Haßbart, also ein langer Bart wie ihn die Fundamentalisten tragen, oder ein kurzer? Ein Hitlerbärtchen ist wohl auszuschließen?” (Thomas Lindemann, Berlin).
Antwort: In der Tat, und darüber sollte man auch keine Scherze machen. Mir ist aber wirklich von vielerlei Seiten die Geschichte von Maxim Billers Bart zugetragen worden, sodaß ich selbst schon bereit war, sie zu glauben. Und auch ich habe Hitler- wie auch Schwulenbärtchen ausgeschlossen und auf einen langen Bart getippt. Als ich den großen Schriftsteller aber gestern in der Bar 103 sah, war der Bart weg – wenn es ihn je gegeben hatte.
Frage: “Sind Sie wirklich der Meinung, daß junge Leute nicht mehr Proust lesen sollten? Sie machten kürzlich solch eine Äußerung im ‘taz-Blog’.” (Sarah Haase, Berlin Charlottenburg)
Antwort: Die Jugend von heute sollte altersgemäße Bücher lesen. Ich erinnere mich noch gut, wie ich in meiner eigenen Jugend meinen älteren Bruder – er hieß Ekkehardt – dabei ertappte, wie er mit 13 Jahren Karl May las. Das war damals ein populärer deutscher Schriftsteller, vor allem bei älteren Deutschen. Auch Adolf Hitler zum Beispiel las ihn. Meinem viel zu jungen Bruder hat diese Lektüre nicht gut getan. Heute dreht er Filme für die öffentlich-rechlichen Fernsehanstalten. Nein, ich bin entschieden der Meinung, daß ich in meiner Wahl der Jugendlektüre besser dastand. Ich las mit elf Jahren Tim und Struppi sowie die Donald Duck Geschichten aus der Feder von Carl Barks und Dr. Erika Fuchs. Für ein pubertierendes Mädchen wäre heute ‘Feuchtgebiete’ von Charlotte Roche und ‘Schlechter Sex’ von dieser blonden Autorin, deren Namen ich vergessen habe, ein guter Einfluß. Wir Älteren sollten immer darauf achten, was die jungen Damen und Herren an Büchern anschleppen. Und solange sie noch ihre Beine unter den Tisch des Hauses stecken, haben sie gefälligst die Finger von Proust, Joyce und Kafka zu lassen.
(wird fortgesetzt)
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