Antwort an Elfriede Jelinek

von lottmann

Natürlich mag ich Elfriede Jelinek, ich mag sie sogar sehr. Ich finde nicht nur, daß sie ausgesprochen nett aussieht, so wie jemand, mit dem man ganz bestimmt problemlos viel Spaß hat bei irgendeinem Essen, zu dem sonst nur Kulturbetriebler der langweiligsten Sorte erscheinen, etwa Joachim Unseld. Man sitzt dann neben ihr, weil man rasch gehandelt hat, und die Stunden vergehen wie Sekunden. Denn diese hübsche Frau ist sympathisch und hat Humor, den man übrigens, wenn man will und wenn man eine Frau ist, sogar in ihren Büchern findet. Kerstin Grether hat mich einmal darauf hingewiesen. Sie lese diese Bücher nur, weil sie so voller Humor seien.
Gut soweit. In diesem Sinne würde ich weiterschreiben, wenn ich Kerstin Grether wäre und das Thema Elfriede Jelinek. Aber das Thema, das sie selbst in ihrem Blog dieser Tage angeschnitten hat, ist Amstetten. Also Österreich. Ich will dazu nicht viel sagen, aber da ich selbst einen Blog habe und selbst Schriftsteller bin, bietet sich eine kleine Stellungnahme an.
Das Deutschlandradio Kultur behauptet zu recht, Jelinek laufe zu einer Hochform auf wie schon seit zehn Jahren nicht mehr. Voller Inbrunst und Begeisterung stürze sie sich auf diesen Fall. Ich selber sehe im Fernsehen nur diese Nachbarn, diese entsetzlichen, aufgeschwemmten, häßlichen, dummen Dorf-Österreicher, diese Proleten, und ich bin sofort bereit, Frau Jelinek zuzustimmen. Ja, dieser Fall zeigt erneut den Nationalcharakter dieses Alpenlandes. Ja, man muß sich ekeln. Ja, der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem Hitler kroch. Nach außen ehrpusselig und spießig, und im Keller wird weiter gefoltert, vergewaltigt, ein monströser Größenwahn gelebt. Sogar die Kampusch sagt es schon: die unterdrückte Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus hat diese Bevölkerung bis heute geprägt.
Aber, Moment mal. Keine Auseinandersetzung mit der unseligen Vergangenheit? Das stimmt nicht. Solange ich denken kann, tun österreichische Schriftsteller und auch alle sonstigen dort Kulturschaffenden nichts anderes, als die böse, böse Vergangenheit zu beschwören. Die dunklen sieben Jahre. Die braune Scheiße. Den gemeinen, niederträchtigen faschistischen Geist, der immer noch in den Köpfen sitzt, in den Kellern spukt, der sein unheimliches Haupt wieder erhebt. Es ist eine ewige Geisterbeschwörung, und man kann durchaus feststellen, daß dieses Land bis heute kein anderes Thema hat. Also eigentlich gar kein Thema hat. Denn Gespenstergeschichten kann kein ernsthafter Schriftsteller als Thema gelten lassen. Und nun sieht es heute tatsächlich so aus, als habe die jahrzehntelange, sehnsüchtige Geisterbeschwörung ENDLICH Erfolg gehabt. Endlich kommen sie aus den abscheulichen selbstgemörtelten Verliesen gekrochen, die MONSTER. Endlich sind sie da, die man immer nur behauptet, ja herbeigebetet und -gebettelt hatte, und die es bis gestern partout nicht geben wollte: Pritzlowil oder wie er hieß, der Kampusch-Peiniger, Fritzl der Superfreak, der endlich den Monströsitätsgrad von Adolf erreicht, und bald wird noch, Gott sei´s gedankt, der eine oder andere Serienkiller dazukommen, der ´Das Schweigen der Lämmer´ ein paarmal zu oft gesehen hat, oder ein Kannibale, der endlich wieder Lampenschirme herstellt. Daher der Triumph der Jelinek, die vor lauter herausbrechender Freude nicht mehr an sich halten kann. 40 Jahre in der Scheiße wühlen haben sich endlich gelohnt! An die 40 Bücher hat sie wohl auch zusammengebracht, in denen – vergessen Sie kurz, was ich vorhin über den Humor gesagt habe – nur böse, innerlich häßliche Menschen vorkommen, niederträchtige Männer, viehisch, brutal, gefühllos, unbewußte Nazis, Frauenhasser, Spießer, unsäglich dumm, trotzdem in der Grausamkeit gerissen, wie der Fritzl. Es gibt keinerlei Ursächlichkeit zwischen Fritzls Keller und Jelineks Literatur, nein, DAS natürlich ist. Es ist nur derselbe Stoff, aus dem beide Phänomene sind. Wie in Fritzls Welt gibt es auch in Jelineks Büchern nicht den Hauch einer Ahnung von dem, was das Schönste, das Aufregendste, das Zarteste und Zivilisierteste der Geschichte der Menschheit ist: die Liebe zwischen Mann und Frau. Würde man versuchen, dem Fritzl das beizubringen, würde er darauf exakt mit demselben Gesichtsausdruck reagieren, wie es die Jelinek täte. Sie würden einen ungläubig anstarren wie ein Auto. Sie würden nicht wissen, was man meint. Schließlich würde zumindest Frau Jelinek lachen, sogar zu recht, weil man so etwas Geschwollenes natürlich nie sagen darf oder sollte. Erst recht nicht schreiben. Aber wissen sollte man es schon. Oder wenigstens nicht das Gegenteil ‘wissen’: daß alles schlecht sei am Menschen, dumpf, mißgünstig, schleimig, teuflisch, österreichisch und so weiter.
Der Selbsthaß des heutigen Österreichers ist doch wohl kaum besser als früher der Haß auf andere Völker, und das Selbstbild der Jelinek-Österreicher ist wohl alles mögliche, aber bestimmt kein Menschenbild. Sonst wären die ‘Stürmer’-Karikaturen noch humane Charakterstudien zu nennen.
Seltsam, daß so kluge Leute wie Elfriede Jelinek oder auch Thomas Bernhard, mit dem das alles anfing, übrigens auch er ein toller, ispirierter, humorvoller Schriftsteller, nicht merkten, wie vollkommen inhuman ihr Menschen- und Männerbild war und ist, und wie geradezu luftdicht abgeschlossen KONFORM ihre Haltung; konform mit allen anderen Kollegen des dortigen Kulturbetriebs. Sie fühlen sich wie Außenseiter, wie mutige Rufer, couragierte Bürger, wie bedrohte einsame Helden – dabei rufen alle seit 40 Jahren exakt dasselbe. Wehe, es würde einer auch nur einen Millimeter von dieser verabredeten Haltung abweichen. Es hat sich noch keiner getraut.
Dennoch, um zum Ende des Amstetten-Kommentars zu kommen, zum (heutigen) Schlußwort über Fritzl und Jelinek: auch wenn ihre massenpsychologische Wirkung von der Quantität her ungefähr gleich groß sein mag, gibt es einen Unterschied zwischen den beiden: die eine kriegt den Nobelpreis, der andere muß ins Gefängnis.


6 Kommentare zu "Antwort an Elfriede Jelinek"

  1. Sie sind wohl sehr missgünstig. Wollen der Jelinek eine reinhauen. Die beiden zu vergleichen, ist wohl ein Wahn. Immerhin hat die Jelinek etwas bemerkt, was “reizt”. Ihr deshalb Fritzls Persönlichkeitsstruktur zuzuschreiben, ist wohl etwas abwegig. Kennen Sie Frau Jelinek überhaupt?

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  4. Na das Schlußwort ist ja wohl etwas daneben. Trotz allem ist Fritzl Täter, Jelinek Opfer.

    Opfer allerdings einer Frau, soweit ich mich erinnere, ihrer Mutter. Und ja, in ihren Büchern kommen immer nur kaputte Leute vor, kaputtgemmacht von Fritzls und Fritzelinen. Ich habe ein Jelinek-Buch gelesen (die Klavierspielerin), ich brauche nicht mehr davon, ich stehe nicht auf SM und verpfuschte Leben, sondern eben auf echte Liebe. Daß Frau Jelinek die wohl ihr Leben lang nicht mehr empfinden werden kann, ist traurig. Sie sollte aber ihre Verbitterung nicht als allgemeingültige Erkenntnis über Männer verkaufen.

  5. Ich mag Ihren bösartigen Kolumnenstil – gerade aufgrund Ihrer charmanten Verachtung für eine vermeintlich anerkannte Sicht der Wirklichkeit.

    Verwechseln Sie hier aber nicht die einmütige Meinung einer Subkultur des Literaturbetriebes mit der vorherrschenden Meinung und dem repressiven Handeln einer augenscheinlich zumindest einfachen Mehrheit der Bevölkerung?

  6. Bravo! Ihre Verachtung zu lesen ist wohltuend. Es ist allerdings beunruhigend wie rar Ihr Sentiment ist unter Bloggern im Netz.

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